Sonntag, 25. März 2012

Religion: Menschen und Tiere als Opfergaben – wozu?

Aus heutiger Sicht muten die Opfergesetze im A.T. (3. Buch Mose) erschreckend und geradezu abstoßend an: Wenn ‘dieser Gott’ nicht nach menschlichem Blut (in Kriegen) verlangte, so mussten es Tiere sein – ganze Herden müssen dabei draufgegangen sein.

Viel zu viel Blut – auf unsere Zeit übertragen sähen die Opferbräuche eventuell so aus, wie Jörg Sieger schildert:

“Sonntagmorgen, 10.15 Uhr: Durch den Mittelgang der Kirche wird ein Stier hereingeführt; dann die Stufen hinaufgetrieben und vor dem Altar geschlachtet. Das Blut wird aufgefangen und an die Ecken des Altares gegossen. Von dort läuft es die Stufen hinab. Die Haut des Tieres wird abgezogen und der Stier dann in Stücke zerteilt, während die Knochen krachen und splittern. Dann wird Holz herbeigeschafft, um den Altar geschichtet und das ganze Tier darauf verbrannt. Und das jeden Sonntagmorgen …”

Bekanntermaßen ist das Opfern von Tieren keine Errungenschaft des Volkes Israel, im Gegenteil: die im A.T. beschriebene soziokulturelle Gemeinschaft distanzierte sich erstmals klar von Menschenopfern (Vgl. 1 Mose 22 –die Gehorsamsprüfung Abrahams, der den Befehl von JHWH erhalten habe, seinen Sohn Isaak zu opfern… doch es sei bei dem Schrecken geblieben, der Herr habe sich gnädig gezeigt und den Jungen verschont).

Eine Opfergabe bezeichnet den religiösen Vorgang der Darbringung von Gütern oder Lebewesen an eine ‘dem Menschen übergeordnete metaphysische Macht’ wie Ahnen, Geister und Gottheiten sein. Ein Opfer war und ist stets mit einem Ritual verbunden.

Im A.T. wird in den Opfergesetze (Leviticus, 3. Mose 1-7) eine Reihe verschiedener Opferrituale mit unterschiedlicher Bedeutung beschrieben. Insbesondere werden genannt

  • Schuld- und Sühneopfer
    eine Sünde wird bestraft, die Strafe aber wurde wurde auf das Tier gelegt. Der Sünder wird mit Gott versöhnt und gereinigt, ihm wird vergeben (3. Mose 4,26).
  • Friedensopfer
    wurden freiwillig erbracht und sollten die Stärkung der Gemeinschaft mit dem Gott des Volkes Israel sowie due Gemeinschaft untereinander  bewirken.
  • Brandopfer
    versprachen eine
    „Sühnung“ dergestalt, dass das göttliche Wohlgefallen an dem Tieres auf die/den Opfernden übertragen wurde

Neben diesen Opferritualen aus bestimmten Anlässen waren auch tägliche Opfergaben vorgeschrieben (tägl. Brandopfer). Zudem existieren noch besondere Bezeichnungen wie Hebopfer und Webopfer; beides scheint sich aber auf die vorgeschriebenen Rituale und den Umgang mit dem Opfergut zu beziehen. Eine sehr ausführliche Darstellung der mosaischen Opfergesetze findet sich hier.

Ich habe zwar noch keine konkreten Zahlenangaben ausfindig gemacht, aber angesichts der Vielzahl ‘sündigender’ Menschen und der großen Anzahl möglicher Vergehen muss es ein Meer von Blut gewesen sein, das täglich im Umfeld der Stiftshütte (des beweglichen Heiligtum der Israeliten) vergossen wurde.

Zwar wird mit dem Anlass der o.a. Opfergaben in den biblischen Vorschriften auch deren beabsichtigter Zweck dargelegt – Vergebung von Schuld, Gefallen vor Gott und schlicht das Befolgen seiner Gebote. Doch der tiefere Sinn dieser zahllosen Schlachtopfer erschließt sich mir noch nicht: (Was sollte JHWH vom Töten und Verbrennen ‘haben’? –Dass er sich nur am ‘lieblichen Brandgeruch’ erfreuen wollte, wie es mehrmals im A.T heißt, scheint mir für solches Blutbad nicht hinreichend zu zu begründen).

 

Spiritualismus als Erklärungsmodell?

Lediglich bei J.Greber (‘Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes’, ab S. 94) und in den sog. Neuoffenbarungen (z.B. bei J. Lorber) finden wir eine Erklärung, die einen konkreten Nutzen der Tieropfer impliziert – allerdings wird dazu ein (bei Greber allgegenwärtiger) Bezug zum Spiritualismus hergestellt:

Nach Greber fand zu biblischen Zeiten ein reger Geisterverkehr statt, d.h. die mediale Kommunikation zwischen den gläubigen Menschen und jenseitigen Wesenheiten, die im Dienste Gottes standen (beispielsweise Engel). Diese Kommunikation sei auf verschiedene Weise (u.a. in Volltrance, durch Visionen und Träume) erfolgt, habe aber stets eine universelle Trägersubstanz (das Od) erfordert. Dieser Träger sei erforderlich, da “Geist und Materie wegen der Verschiedenheit ihres Seins nicht unmittelbar aufeinander wirken können.”

Auch für seine mittelbare Präsenz unter den Angehörigen des Volkes (durch einen seiner Geister) habe Gott jenes Od verwendet:

“Da fuhr der Herr in der Odwolke herab und redete mit ihm.” 4. Mose 11, 25 – von J. Greber zitiert. In zeitgenössischen Bibelübersetzungen ist lediglich von einer ‘Wolke’ die Rede

Greber beschreibt die Wolkensäule, aber auch den brennenden Dornbusch als Odhülle; sie stehe in Verbindung mit einer Präsenz bzw. Betätigung eines Geistes Gottes: "Der Geist bedarf, um sich sichtbar zu machen, einer Odwolke.”

Die Odkraft wird als eine Art Ursubstanz von Allem (oder moderner als Bioenergie)beschrieben, die in unterschiedlicher Verdichtung

Die Thesen von Johann Greber möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen; ihm ist jedoch für mein Empfinden hoch anzurechnen, das er für viele Mysterien und Mysteriöses im Umfeld der jüdischen und christlichen Religion einen in sich plausiblen Erklärungsansatz bietet. Diese Mühe machen sich amtskirchliche Autoritäten eher selten.

Darbringungen von Tieropfern, aber auch die bei Mose beschrieben Räucherungen sollen also durch Verstärkung der Odkraft die Präsenz des und die Kommunikation mit dem Geist Gottes begünstigen.
Da sich für Spiritualisten auch unangenehme, ‘böse’ Geister dieser Odkraft bedienen, werde so großer Wert auf Reinheit der für die Opferrituale zuständigen Priester usw. gelegt.

Nun besitzen weder J.Greber noch der von ihm beschriebene Spiritualismus eine sonderlich hohe Akzeptanz in unserer Zeit. Für Tieropfer sollte es daher eine im jüdisch-christlichen Kontext allgemein gültige Begründung geben.

Erst nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. legten die jüdischen Rabbiner fest, welche Handlungen nun die Tieropfer ersetzen sollten. Diese waren zunächst das Gebet (Amida), die Erfüllung der Mitzwot sowie dasdas Studium der Tora – bis sich das Gebet als liturgische Opfer-Ersatzhandlung durchsetzte.

Auch bei den Christen wurden keine Tiere mehr geopfert; vielmehr stellt das Christentum das bisherige religiöse Opfer generell in Frage.

Damit zeigt sich zwar eine wichtige religionsgeschichtliche Wende, doch bleibt der Grund für die Notwendigkeit weiter im Unklaren, warum überhaupt Opfer notwendig sind in der Beziehung zwischen den Menschen und ihrem Gott bzw. ihren Gottheiten.

Zwar braucht heute kaum mehr ein Regen- oder Sonnengott besänftigt zu werden, doch haben bis heute moderate Formen des Opferns auch im Christentum Bestand:

  • Tätige Nächstenliebe 
    Die zeitliche wie auch die materielle Aufwendung sowie Sachspenden zugunsten anderer Menschen und Institutionen (z.B. der eigenen Kirche) gelten als Gott wohlgefälliges Opfer.
  • Beiträge zur Schaffung von Kirchenbauten sowie deren Erhaltung und Ausstattung,
  • sog. Votivgaben und –kerzen
  • Martyrium
    ”Wer im Falle religiöser Verfolgung lieber den Tod erduldet, als vom Glauben abzufallen, ihn zu widerrufen und/oder das verlangte Böse zu tun, erleidet das Martyrium. Das Martyrium gilt als besonders verdienstvoll und als besonderer Ausdruck der Liebe zu Gott und zum Nächsten … Die Kirche sieht auch im keuschen Leben des Zölibatären, in der Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ein unblutiges Martyrium.”

Ist es vermessen, in einem tödlichen Martyrium eine Parallele zu den früheren Menschenopfern anderer Religionen zu sehen? Ein solcher Vergleich hinkt zwar gewaltig-nicht zuletzt wegen der freiwilligen Motivation der Märtyrer – doch scheint immer noch der Grundgedanke zu bestehen, Gott nähme ein solches Opfer mit Wohlgefallen an?
Und was wurde bzw. würde nach offizieller Kirchenlehre aus den Gläubigen, der seinen Glauben aus Angst vor Tod oder Repression widerruft?

 

Das Kreuzesopfer als Erlösung?

Im Neuen Testament hat Gott das größtmögliche aller Opfer erbracht: Durch seine Menschwerdung bis zur letzten Konsequenz des Kreuzestodes habe Gott ein letztes und endgültiges Opfer dargebracht!
Damit hebt sich das Christentum von anderen Religionen ab: Es ist nicht mehr der Mensch, der opfert - sondern aus Liebe habe Gott sich den Menschen unumkehrbar hingegeben. Verbal zeigt sich dies deutlich in den Worten des letzten Abendmahls.

Die katholische Messfeier (auch ‘Messopfer’) soll dieses letzte Opfer auf unblutige Weise vergegenwärtigen.

Im Zusammenhang mit der Kreuzigung Jesu lässt sich die christliche Sicht der Notwendigkeit von Opfern näher beleuchten:

Nachdem die ersten Menschen gesündigt hatten (Erbsünde), sei die einstmals intakte Ordnung der gesamte materielle Schöpfung Gleichgewicht geraten. Aus dieser Verstrickung in Schuld konnten sich die Menschen alleine nicht mehr befreien. Unweigerlich wurden die göttlichen Geboten von allen folgenden Generationen wieder und wieder übertreten. Gott habe selbst eingreifen müssen, um diesen unseligen Zustand zu beenden:

Deshalb habe er seinen Sohn – der als einziger frei von Sünde  und Gott in allem gehorsam war -Mensch werden lassen und bis in den Tod am Kreuz getrieben. Dieser Gehorsam sei der einzige gewesen, um die Welt zu heilen.

Eine etwas andere, für mich fragwürdige Auffassung legt nahe, Gott sei durch den andauernden Ungehorsam der Menschen so sehr beleidigt worden, dass das größte denkbare Opfer ihn selbst habe besänftigen können: Gott musste sich am Kreuz für die Schuld der Menschen opfern (um sich selbst zu besänftigen…).

Beide Erklärungen treten miteinander verbunden und in unterschiedlichen Abstufungen auf – so beantworten die meisten christlichen Theologen  allen Ernstes die Frage, warum Gott seinen eigenen Sohn auf brutalste Weise foltern, beinahe verdursten und schließlich am Kreuz sterben ließ. Siegers Kommentar hierzu:

“Was wäre das denn für ein Gott, der das Blutopfer seines Sohnes braucht, um nicht mehr beleidigt zu sein? Was wäre das für ein Gott, den wir Menschen wirklich beleidigen könnten und der wie eine Krämerseele daranginge, die einzelnen Sünden der Menschen genau aufzurechnen, um das entsprechende Bußopfer dafür zu verlangen?”

(Der gesamte Fragenkomplex kann nur innerhalb der christlichen Glaubenslehre gestellt und beantwortet werden. Sobald die Kreuzigung Jesu in Verbindung mit seiner Gottessohnschaft in Frage gestellt wird, erübrigt sich auch der Rest.)

Erkennbar wird mit dem Dogma der Erbsünde, warum Opferrituale überhaupt eine hohe Bedeutung für Juden und Christen haben. Es geht dabei, soweit mein Verständnis überhaupt reicht, um zwei Unterstellungen:

  • Die tiefe Überzeugung, alle Menschen seien in unheilbarer Weise mit Schuld behaftet – unbhängig von ihrem Alter und ihren eigenen Handlungen,
  • der aus beiden Teilen der biblischen Überlieferung abgeleitete Glaube, Gott sei nicht willens oder nicht imstande, uns allen zu vergeben (sobald die individuellen Voraussetzungen wie Einsicht und Umkehr gegeben seien) – wenn nicht jenes denkbar größte Opfer erbracht werde.

Damit nicht genug: Um nicht doch noch in einer ewigen Hölle zu landen, muss jeder von uns nach dieser Doktrin weitere Voraussetzungen erfüllen: Dazu reicht es keineswegs, ein integres, spirituelles Leben zu führen. Vielmehr muss dieser christlichen Lehre einschließlich der Gottessohnschaft Jesu geglaubt werden – unabhängig davon, ob sich die Existenz von Gott und Jesus dem einzelnen während seines Lebens offenbart hat.

 

Auch hier bietet der bereits erwähnte Pfarrer Greber einen anderen Ausweg an: Eine ewige Hölle sei die Erfindung eines machtgierigen Klerus; in Wahrheit werde jeder Mensch früher oder später erlöst. Erlösung bedeutet für ihn die endgültige Befreiung aus dem nahezu endlosen Kreislauf der oft leidvollen Reinkarnation. Wann dieser Zeitpunkt eintritt, bestimmt jeder Mensch durch die Summe seiner eigenen Handlungen und Entscheidungen (Karmaprinzip).

Doch auch für Greber - der sich trotz Ablehnung der ewigen Hölle und Befürwortung der Reinkarnationslehre als einen guten Christen betrachtete, waren Tod uns Auferstehung Jesu von eminenter Bedeutung:

Vor der Menschwerdung Jesu habe die Menschheit unter des Herrschaft des Bösen gestanden, eine Folge des (für Greber selbstverschuldeten) Abfalls von Gott. Erst das selbstlose Opfer Jesu habe die Voraussetzung geschaffen, dass der Mensch diese ‘Sphäre des Bösen’ (die zugleich die Sphäre der verdichteten Materie ist) verlassen könne – dann, und nur dann, wenn er die notwendige seelische Reife und Einsicht erlangt habe.

Auch die hier sehr verkürzt skizzierte Version Grebers, die er selbst in seinem Buch auf ca. 300 Seiten darlegt, hält noch Fragen und mögliche Widersprüche für mich bereit. Doch sie ist in sich eher plausibel als die Lehre von einem Gott, der seinen Sohn quält um uns zu erlösen – und dann doch mit der Hölle droht, wenn wir nicht schnell genug an ihn glauben…

Donnerstag, 22. März 2012

Handbuch (nicht nur) für Außerirdische

"Allmählich regte beim Schöpfer sich eine gewisse Selbstgefälligkeit. Und warum auch nicht? Schließlich gab es nun einen blauen Himmel und klare, grüne Ozeane. Schneebedeckte, purpurfarbene Berge und atemberaubende Sonnenuntergänge.

Üppige Dschungellandschaften und Täler, träge Wüsten und Waldbäche... Phantasmagorische Ansammlungen von Mineralien, Tieren und Pflanzen. Wer so etwas geschaffen hatte, konnte sich schon voller Stolz selbst auf die Schulter klopfen.
Aber es begab sich, dass der Schöpfer der Erde den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht erkannte. Denn gerade als die Zukunft besonders rosig zu werden versprach...fiel ihm dann noch der Mensch ein
."
(Handbuch für Außerirdische, Gay Serena)

Diese einleitenden Worte, die Gay Serena auf einen imaginären Schöpfer bzw. dessen Denkweise projiziert, verlagern die primäre Verantwortung für das Unschöne dieser Wellt nur unwesentlich:
Der Schöpfer habe einen fatalen Fehler begangen - als er die in ihrer ökologischen Harmonie durch das Sonnensystem dümpelnde Erde mit einem Wesen 'beglückte', dessen Fähigkeiten einzigartig sind.

Schlimmer noch: Er richtete es so ein, dass alles Lebendige auf der Erde diesem sich unaufhaltsam vermehrenden Wesen – das sich selbst in unverständlicher Überheblichkeit mit dem Attribut 'besonders weise' (sapiens sapiens) versah - in jeder erdenklichen Weise unterworfen sein sollte.

Würde man die ach so weisen Menschen als 'Außenstehender' beobachten, käme leicht der Eindruck zustande, diese Spezies stamme von einem anderen Planeten. Denn bevor der Mensch sich breit machte, herrschten auf diesem Planeten eine gewisse Symmetrie und ein gewisses Gleichgewicht.

Sogar als er schon da war, schien noch eine Weile alles in Ordnung zu sein: Adam, Lilith (Adams erste Frau), Eva & Co. brauchten etliche Generationen, um die Feinheiten der Ernährung, der Körperpflege, der Fortpflanzung und des Selbstschutzes zu erlernen:

"Iß nichts, was sich wehren kann; scheiß nicht in dein Trinkwasser und fletsch' die Zähne, wenn dir ein Säbelzahntiger über den Weg läuft...oder klettere auf einen Baum."

Alsdann ließ es sich ganz gut leben -  sogar nachdem sie den Schöpfer das erste Mal richtig sauer gefahren hatten und aus dem Schlaraffenland vertrieben wurden.

Doch das änderte sich jetzt schlagartig...vielleicht, als jene ‘Herren der Schöpfung’ in einem Anflug von Größenwahn versuchten, selbst etwas erschaffen, was so komfortabel war wie das verlorene Schlaraffenland oder diesem Zustand wenigstens so nahe wie möglich kam.

Erst mal ging es aber, zugegeben, ums Überleben. Zusehen, dass mehr neue Menschen geboren worden und das fortpflanzungsfähige Alter erreichten, bevor die Alten (alle über 25) gefressen wurden oder einer Krankheit erlagen.
Doch der Mensch - sich schon damals als überlegenes, weil eigenständig denkendes Wesen betrachtend – hatte das Überleben schon sehr bald im den Griff:
Er hakte die grundlegenden Fragen – Unterkunft, Wärme, Landwirtschaft – zügig ab, während alle anderen Geschöpfe an Baumrinden herumnagten oder sich beizeiten mal nach einem guten Versteck vor diesen aggressiven Zweibeinern umsahen.

Wer so ein Versteck fand – “Tiefseegarnelen zum Beispiel oder auch die Yetis” -, verbesserte seine Überlebenschancen drastisch. Denn die Krone der Schöpfung hatte nach dem gelösten Problem des Überlebens ein neues Daseinsmotto: Machtanspruch.

Macht erwies sich als Vorstufe zu ungezügelter Gier und brachte ein Instrumentarium der Gewalt, Skrupellosigkeit, Heuchelei und Selbstbetrug mit sich.

Soweit die Geschichte vom 'Fortschritt' der Menschheit - sozusagen die Summenformel, bei der positive Elemente des Fortschritts durch das aufgehoben ist, was überwog: Schrecken. Bald zeichnete sich Beherrschung des ganzen Globus durch diese eine Spezies – die sich zudem als ausgesprochen widerstandsfähig erwies und der Sintflut trotzte.

Vorbei waren das relativ friedliche Nebeneinander (“etwas anderes nur dann zu fressen, wenn man wirklich Bärenhunger hatte - aber nicht just for Fun oder um Mutti mit einem neuen Pelz zu beglücken”). Auch eine natürliche Auslese fand eher selten statt…(Natürliche Auslese als Evolutionsprinzip ist das genaue Gegenteil einer Zuchtselektion, die nackte Hunde, geklonte Schafe und Mäuse mit Menschenohren hervorbringt).

Das ökologische Gleichgewicht hatte den unüberlegt und gewaltsam durchgesetzten Luxusinteressen dieser Spezies augenscheinlich wenig entgegen zu setzen. Inzwischen scheint das Schicksal der Erde nur noch davon abzuhängen, was der Mensch gerade will (solange wie er es will) und wie schnell er diesen Willen durchsetzt.

Dabei sind die wenigsten Exemplare dieser selbstverliebten Säugetierart untereinander einig - und doch haben 15-20 Prozent von ihnen etwas 'einzigartiges' zustande gebracht:

Eine komplexen, heterogene und verwirrende soziale Struktur, die sie als "Leben im 21. Jahrhundert" bezeichnen. Diese Struktur bringt es mit sich, dass mindestens weitere 15 Prozent in den nächsten fünfzig Jahren entweder draufgehen - oder als 'Klimaflüchtlinge' unverschuldet umher irren werden.”

Zu verantworten hat dieses "Leben im 21. Jahrhundert" allein der Mensch. Kommt er denn damit klar? Ganz bestimmt, denn ihm wurde eine Fähigkeit verliehen, die es ihm ermöglicht, unliebsame Fakten sowie Emotionen beiseite zu schieben - über diese 'Kunst der Verdrängung' wurde weit mehr als ein Buch geschrieben…

Der restliche Planet wäre sicherlich dankbar und zufrieden, den Zustand des Jahres 750.000 v.Chr. beibehalten zu dürfen.

Die gegenwärtige menschliche Existenz ist so schwer zu verstehen, dass es kaum überraschen würde, wenn Außerirdische mit dem erforderlichen Knowhow gegenwärtig von einem Besuch absähen.
Vielleicht warten sie noch ein paar Jahrzehnte ab, bis sich diese egozentrische Spezies Mensch auf die ein oder andere Weise selbst ausradiert hat...danach könnte E.T. still-vergnügt zusehen, wie die Erde sich allmählich von ihrer 'Krankheit' erholt.

Auf jeden Fallen kennen E.T. und seine Alienkumpel die Erde: Der Planet ist im ganzen Kosmos als Wiege der Bürokratie bekannt. Außerdem ist dort seit kurzem der Fernseher Mittelpunkt jeglichen Geschehens.

Denkbar ist jedoch auch, dass ein solcher Werdegang das logische Schicksal jeder intelligenten Zivilisation ist - und E.T. deswegen auch längst nicht mehr existiert? Falls soch, würde E.T. heute eine Welt von verseuchten Ozeanen mit einer gelb-bräunlich verdreckten Atmosphäre vorfinden, deren dominierende Bewohner munter untereinander Krieg führen und einem selbst erschaffenen Phantom namens Al Quaida hinterherjagen.

Eine Nation - von der E.T. weiß, dass sie zwei Weltkriege zu verantworten hat – betreibt lustige Wortspiele und spricht statt Krieg nun lieber von einem "bewaffneten Engagement, bei dem Kollateralschäden (tote Kinder, tote Frauen und tote sonstige Wehrlose) nicht immer zu vermeiden sind"…

Welcher Aspekt würde E.T. vielleicht besonders interessieren?

  • Vielleicht die Frage, wie weit diese Menschen mit ihrer Technik sind. Denn allein davon hängt ab, wie bald Militarisierungsbestrebungen der Erdlinge im Weltraum erkennbar werden. Nur eine Frage der Zeit.
  • Oder die Frage nach dem Verschwinden von Kabeljau, Tigern, Dinosauriern...
    “Vielleicht sahen diese ja das weitere Agieren der Menschheit vorher', mag der Kleine mit dem Leuchtfinger denken - 'und machten sich mehr oder weniger rechtzeitig aus dem Staub”.
  • Von Interesse wäre vielleicht auch die ambivalente Sentimentalität der Menschen gegenüber alten Monumenten und Ruinen: Immerhin wollten sie dieses Weltkulturerbe schützen – und erfanden eine Bombe, die Leben zerstört, aber Bauwerke nicht beschädigt.

Eines würde E.T. vermutlich nicht machen: Er/Sie/Es würde nicht danach fragen, ob und wie viele menschliche Individuen nicht einverstanden sind mit dem, was auf der Erde seit Jahrtausenden angerichtet wird.
Denn diesen 'Andersdenkenden' fehlt seit jeher offensichtlich der Wille oder die Kraft zu einem radikalen Kurswechsel - der nicht in eine andere ideologische Sackgasse führt.

Und doch gibt es sie - Menschen, die nicht länger an seelenlosem Funktionieren und der Hinwendung zu sinnfreien Zielen interessiert sind.
...wann immer ich einen von ihnen treffe, bemühe ich mich, von ihm zu lernen. 

Dienstag, 20. März 2012

2012 - Alles wird gut … ?

Dokumentation über die Ängste vieler Menschen vor einem Weltuntergang

Ziemlich am Anfang dieser Dokumentation sprechen mir gleich mehrere Personen aus der Seele: Es sei ein Risiko, sagt einer, sich andauernd und zu intensiv in Szenarien hineinzudenken, wie diese Welt möglicherweise einst untergehen werde. Stimmt, denn wenn man sich andauernd mit pessimistischen Schreckensbildern konfrontiert, bleibt dies kaum ohne Wirkung.
Der Film setzt sich kritisch, aber fair mit nachvollziehbaren wie auch gänzlich unbegründeten Zukunftsängsten auseinander.

Zugegeben, als mir die ersten Nibiru-Videos vor 3 oder 4 Jahren unter die Finger kamen, war ich für kurze Zeit selbst verunsichert. Manches schien zusammen zu passen in den Thesen derer, die sich selbst spontan zu Endzeit-Experten erhoben hatten. Doch wir verfügen alle über das notwendige Instrumentarium, nicht in jede manipulative Marketingfalle zu tappen – einen kritischen Verstand. Wer sich selbst informiert und dabei bewusst über den medialen Tellerrand der verkäuflichen Panikmache hinausblickt, hat gute Chancen, der Verdummung zu entgehen.

Zweifelsohne sind wenigen globalen Ereignisse vorstellbar, die tatsächlich innerhalb der nächsten Jahre eine massive Veränderung unserer Zivilisation bewirken könnten – wenn auch nicht unbedingt 2012.

Wie geht man damit um? Einige Menschen verlieren aus Angst die Orientierung: planlos, hektisch wandern sie aus, kaufen sich Waffen und ‘drehen am Rad’. Andere hoffen auf Veränderung und entwickeln ein neues Lebenskonzept, um sich bestmöglich vorzubereiten.
Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass lebensverändernde Weichenstellungen gründlich durchdacht sind und aus den richtigen Gründen erfolgen – Angst ist sicher kein guter Ratgeber.

Bezüglich einer pragmatischen Vorsorge wird im Film die Webseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft genannt, die konkrete Ratschläge zur Krisenvorsorge bereithalte. Man muss schon gezielt suchen (z.B. nach Stichworten wie ‘Notfallvorsorge’), bis man auf ernaehrungsvorsorge.de geleitet wird. Dort wird nicht um den Brei geredet:

“Volle Regale … und ein vielfältiges Angebot an Nahrungsmitteln sind für uns … heute eine Selbstverständlichkeit. Über mögliche Versorgungsengpässe macht sich kaum noch jemand Gedanken. Auf eine private Vorratshaltung wird vor allem in den städtischen Haushalten in der Regel verzichtet.

Dabei gibt es … zahlreiche friedenszeitliche Krisensituationen, die zu einer Verknappung von Lebensmitteln und damit zu Versorgungsengpässen führen können. Hierzu zählen z.B. Naturkatastrophen (z.B. Hochwasser), Tierseuchen (z.B. MKS) oder schwere Unglücksfälle in großtechnischen Anlagen

Es ist wohl so, dass die meisten Deutschen sich darauf verlassen, dass ‘schon nichts passiert’ oder, falls doch, dass man von staatlichen Maßnahmen zur Überbrückung von Versorgungsengpässen profitiert. Schließlich zahlen wir doch Steuern…

Dagegen zu argumentieren scheint überflüssig. Warum sollte ein vernünftiges Maß an persönlicher Vorsorge (z.B. Trinkwasser, ein Notvorrat haltbarer Nahrungsmittel, Leuchtmittel usw.) unangebracht sein? Vorbereitet sein kann nicht nur nicht schaden – es beruhigt auch. Daran vermag ich nichts Schlechtes zu entdecken, ganz im Gegenteil…

Unterhaltsamer als die behördlichen Tipps sind die (kostenlos abrufbaren) Romane von Eva Marbach; sie vermitteln sicherlich wertvolle Anregungen (von denen manche allerdings nicht mal eben an einem Nachmittag realisiert werden können). Die Story z.B. von PeakOil) ist fiktional, aber nicht unbedingt an den Haaren herbeigezogen…

 

Alles wird gut

 

Woher kommt die Angst?

Weshalb auch und gerade Leute, die sich als ‘Eingeweihte’ betrachten und für ‘wissend’ halten, sich der ‘Lust am Schrecken’ hingeben und dabei hemmungslos alles verbiegen, was ihnen unter die Finger kommt, wird ein Rätsel für mich bleiben.
„2012“ war und ist seit Jahren für viele ein Synonym für den sicheren Weltuntergang.  Speziell der 21.Dezember dieses Jahres inspiriert , Verschwörungs- und Untergangstheoretiker jedweder Couleur zur Vorhersage unterschiedlicher, stets globaler Katastrophen – vom Magnetfeldkollaps über Sonnenstürme und Polsprünge bis hin zur Alien-Invasion (EvD hat den Koran für sich entdeckt). Daneben finden sich auch Esoteriker und spirituell Interessierte, für die eine Endzeit aus religiösen Gründen unmittelbar bevorsteht.

Die Kernaussage – der angebliche Weltuntergang in naher Zukunft, angereichert mit den verschiedensten Thesen und Spekulationen – wurde im Internet und einigen Buchverlag gezielt verbreitet. Ein Heer von Trittbrettfahren erkannte seine Chance und schnappte mit immer abenteuerlicheren Spekulationen ein Stück vom Kuchen. Dass nahezu alle 2012-Endzeitszenarien widerlegbar sind, stellt dabei augenscheinlich kein Hindernis dar.

Kampf der Titelzeilen um ein altes Artefakt

Inzwischen springt sogar die 'etablierte Presse' bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf das Thema auf. So teilte WELT online, die ich ‘eigentlich’ für relativ seriös halte, der Welt vor einigen Monaten mit (25.11.2011):

“Zweite Maya-Tafel prophezeit Apokalypse für 2012”
Die Maya-Steintafel aus Tortuguero soll angeblich das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorhersagen. Anscheinend gibt es eine zweite Inschrift ähnlichen Inhalts, deren Existenz das archäologische Institut Mexikos bestätigt habe.

Auf haarsträubende Weise griffen weitere Nachrichtenblätter diese Meldung auf (ein Beispiel von vielen: Geht 2012 die Welt unter? (HNA.de v. 29.11.2011).

Nur wenige dieser Texte bieten verwertbare Informationen bzw. Prognosen über real bevorstehende Ereignisse.

In Bezug auf das o.a. Artefakt, die Steintafel aus Tortuguero  erfährt man nebenbei, dass die o.a. Inschrift bereits vor Jahren entdeckt und längst eingehend untersucht wurde.
Die zugehörige
Medienkritik liefert der Astronom und Blogger Florian Freistetter in gewohnt treffender Weise:

"Es fällt vielen Medien anscheinend verdammt schwer, solch absurden Überschriften zu widerstehen, wenn es um den Weltuntergang geht. Dass sie mit der eigentlichen Meldung nichts zu tun haben, interessiert da anscheinend keinen. Hauptsache schön spektakulär, mit einer ordentlichen Portion Angst und Panik."

Der Wettlauf um Einschaltquoten und Marktanteile rechtfertigt es offensichtlich, Ängste und Unruhe zu jedem Thema zu schüren, das gerade im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung liegt. Doomsday sells.

 

Eine alte Inschrift - [k]ein Grund zur Aufregung?

Die allgemeine Unruhe wegen historischen Inschriften verstehe ich nicht:
Angenommen, irgendwo auf einer Reihe alter Tafeln und Monumente stünde explizit geschrieben, dass an einem bestimmten Tag in naher Zukunft die Welt untergehe…
NA UND?
Seit wann ist der Mayakalender das Maß aller Dinge für sichere Zukunftsprognosen?

Wenn ein 400m dicker Asteroid relativ nah (näher als der Mond) an der Erde vorbeirauscht und dies von NASA & Co. vorhergesagt wurde, dann kann ich eine gewisse Nervosität gut nachvollziehen - auch in der etablierten Medienlandschaft. Doch worin besteht die Qualifikation des Maya-Volkes oder meinetwegen Nostradamus, Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit zu treffen?

Experten wie beispielsweise der Altamerikanist David Stuartie klären auf, weshalb die 'zweite Inschrift' im Hinblick auf ein Ende der Welt wenig zu bieten hat:

  • Es gebe keinen Grund, weshalb sich das genannte Datum nicht auch auf ein historisches Datum beziehen könnte, jedenfalls fehle der Verweis auf die Zukunft.
  • Die Maya selbst haben wohl nie von einem bevorstehenden Ende der Welt gesprochen, dies hätte kaum zu ihrem zyklischen Zeitverständnis gepasst: Für sie endet am 21. Dezember 2012 ein bedeutender Kalenderzyklus - und ein weiterer Zyklus beginnt (→ "Die Maya wussten nichts von einem Ende der Welt", 3sat.de)

    Urheber der heute so populären Endzeitvisionen waren also nicht die Maya, wie Freistetter schon 2009 dargelegt hat (→ "Was sagen eigentlich die Maya zum Weltuntergang 2012?).
    Wie viele Fachleute stellt er klar fest: "Die Maya haben für das Jahr 2012 keinen Weltuntergang vorhergesehen!"
Eine 'Glaubensfrage'

Dr. C.J. Calleman stellt die Bedeutung der 'ersten' Inschrift hat in seiner Abhandlung “Das Tortuguero-Monument” sinngemäß wie folgt dar:

1996 begannen Forscher damit, das Denkmal 6 in Tortuguero (bei Palenque) zu entschlüsseln. Zum ersten Mal wurde eine Inschrift gefunden, die sich darauf zu beziehen schien, was am 'Enddatum' geschehen würde, jedenfalls aus der Sicht eines Mayakönigs um das Jahr 670.
Der Text dieser Inschrift, i
ns Deutsche übersetzt: „Der Dreizehnte Baktun wird (am) Vier Ajaw enden, der Dritte von Uniiw (K`ank` in). ? wird erscheinen. (Es wird sein) der Abstieg(??) von den Neun Unterstützenden? Göttern für die ?.“  

Wie viele altertümliche Inschriften ist auch diese schwer zu lesen: etliche Zeichen sind ausgelöscht und die Bedeutung der verbliebenen Elemente ist nicht eindeutig.
Exakte historisch-wissenschaftliche Arbeit lässt keinen Raum für spekulative Theorien – und Faktenwissen über einen Weltuntergang liefert diese oft angeführte Inschrift auf keinen Fall. Calleman bezeichnet die Interpretation als
eine 'Glaubensfrage'.

Als Beweis für den Weltuntergang in wenigen Monaten eignet sich dergleichen jedenfalls nicht.

Wenn sich Fachleute ähnlich ernsthaft mit der Deutung solcher Inschriften befassen wie christliche Theologen mit dem Alten und Neuen Testament, dann geschehe dies in beiden Fällen aus einer Form von Glaubensüberzeugung heraus.
Auch die jüdisch-christlichen Schriften enthalten eschatologische und apokalyptische Zukunftsaussagen, die viele Menschen bis heute für glaubhaft erachten.

 

Wie kommt so eine Endzeit-These zustande?

Vor diesem Hintergrund vermitteln die Überlegungen Callemans einen exemplarischen Einblick, wie sich aus einem solchen Text in Verbindung mit profunden Kenntnissen des Mayakalenders ein Endzeitglauben konstruiert wird:

Kosmologie und Metaphysik der Maya sind im Wesentlichen holistisch angelegt - alles in der Schöpfung ist danach als miteinander verbunden. Maya-Gottheiten wurden insoweit nicht personalisiert und als Individuen wahrgenommen, sondern sie symbolisierten stattdessen eine kosmische Kraft, die mit einem Zeitraum verbunden war.

In seinem Aufsatz zeigt Calleman nun auf, weshalb für ihn die Beziehungen zwischen den Göttern der Maya ein Evolutionsmodell aufzeigen. Dadurch wird für ihn ein direkter Bezug zu unserer Realität hergestellt.

Sein Gedankengang ist recht komplex und lässt sich kaum in wenigen Worten skizzieren. So wie ich ihn verstehe, kann die betreffende Gottheit Bolon Yookte als Metapher für Kriege, Naturkatastrophen und sonstige negative Ereignisse aufgefasst werden. Die Vorhersage, wann diese Gottheit 'herabsteigt', weise dies - nach Calleman's These - auf den Zeitpunkt dieser Ereignisse hin.
Eine Theorie über die Bedeutung des Mayakalenders müsse auch langzeitige evolutionäre Prozesse erfassen können - über einen Zeitraum von bis zu 16,4 Milliarden erfassen können. Aus Angaben der Maya Zeitpunkte lasse sich nicht auf mögliche Ereignisse an einem einzigen Tag schließen, vielmehr seien diese auf umfassende Prozesse in einem weitaus größeren Kontext zu beziehen.

Das zumindest leuchtet mir ein: Kosmische bzw. Naturkatastrophen sind durchaus real, in der Erdgeschichte sind sie viele Male eingetreten. Unglaubhaft und schädlich werden Vorhersagen erst, wenn man vorgibt, ihren genauen Zeitpunkt zu kennen.

Statt dessen schlagt Calleman vor, ein evolutionäres Modell des Mayakalenders in Erwägung zu ziehen und die völlige Unvernünftigkeit derartiger Vorstellungen (alles passiert an einem Tag) aufzugeben. Die unbegründeten „Nur-ein-Tag“ -Vorstellungen verwirft er als pseudowissenschaftlich:

“…sie verwischen die Tatsache, dass es beim Endszenario des Mayakalenders tatsächlich um sozialwirtschaftliche Transformation geht, die aus dem Verlauf des Einflusses des menschlichen Bewusstseins resultiert."

Demzufolge gehe es um Mitgestaltung durch die Menschen - und nicht um das Bestaunen geologischer oder astronomischer Ereignisse, deren Beobachter wir lediglich sind.

Callemanns Ausführungen eignen sich jedenfalls dafür, den Befürworten eines Weltuntergangs mit Tagesangabe zu verdeutlichen, dass der Mayakalender und die vielzitierten Inschriften auch eine ganz andere Interpretation zulassen.-

Siehe auch:

Vergleichsweise sachlich-kritisch geht der SPIEGEL mit Schreckensprognosen um:

Sonntag, 18. März 2012

Die Entdeckung des Himmels v. Harry Mulisch

"Müsste, um die Welt zusammenzuhalten,
nicht eigentlich immer jemand ununterbrochen
auf sie schauen?"


Buchverfilmungen bergen mitunter das Risiko, enttäuscht zu werden - sofern man das Buch schon vorher gelesen hat, bevor man sich den Film anschaut. Glücklicherweise bin ich erst über die Verfilmung ‘Die Entdeckung des Himmels’ erst auf den Geschmack gekommen, den gleichnamigen Roman von Harry Mulisch zu lesen. 
Zwei Engel steuern und kommentieren zugleich das Leben der beiden niederländischen Freunde Max Delius und Onno Quist. Das Handeln der Engel und die Leben der Protagonisten dienen einem höheren Ziel: 
Gott hat (mal wieder) die Nase voll von der destruktiven Menschheit, weil sich kaum noch wer an die Zehn Gebote hält. Er beabsichtigt die Auflösung des Bundes zwischen ihm und den Menschen, der durch die Übergabe zweier Tafeln mit den Zehn Geboten an Mose auf dem Berg Sinai geschlossen wurde. 




    Ägypten - Sehnsucht nach Unsterblichkeit

    Dokumentation über Kultur und Religion der 'alten Ägypter'


    Ägyptens Kultur - zwischen Religion, Tempelwirtschaft, Pyramidenbau und Totenkult wird - betrachtet am Beispiel zweier bedeutender Pharaonen: Echnaton und Ramses II.


    Samstag, 10. März 2012

    Epigenetik: “Der Geist ist stärker als die Gene” (Bruce Lipton)

    Bedeutung der Epigenetik

    Die Epigenetik, ein Spezialgebiet der Biologie, befasst sich mit Zelleigenschaften, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA-Sequenz (= dem Genotyp, d.h. der individuelle genetische Bauplan eines Lebewesens) festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.





    Funktion epigenetischer Veränderungen (Quelle: Wikipedia)"
    Erläuterung: Bei der Vererbung durch sexuelle Vermehrung von jedem Chromosom beider Eltern jeweils das halbe Genom weitergegeben. Die Hälften fügen sich bei der Befruchtung zu einem ganzen Genom zusammen. Bei der Zellteilung wird das Genom erst verdoppelt und dann jeweils ein ganzes Genom auf die Tochterzellen übertragen. Epigenetische Fixierung bewirkt, dass Entwicklung funktioneller Zellen nur in Richtung der reifen Zelle hin funktioniert, der Reifungsprozess ist normalerweise nicht umkehrbar.
     

    Zum Vortrag von Lipton

    Der Mensch als Gefangener seines genetischen Erbguts? Der Zellbiologe Bruce Lipton will diese Lehrmeinung widerlegt haben. Mit anschaulichen Modell-Bildern vermittelt er die neue, seines Erachtens unwiderlegbaren Erkenntnisse auf diesem Fachgebiet: Danach wirkt unser Denken und Fühlen in jede Zelle hinein und bestimmt so wesentliche Aspekte unseres Lebens.
    Die Wahrnehmung der uns umgebenden Umwelt ist es, die unsere Gene kontrolliert.
    Darin könnte man einen weiteren Beleg dafür sehen, dass Geist und Materie korrespondieren und einander verändern. Ein gewaltiges spirituelles Potenzial eröffne sich aufgrund dieser Entdeckung - die Fähigkeit, uns selbst an Körper und Seele zu heilen sowie der Schlüssel für jeden Menschen, “ein Leben voller Gesundheit, Glück und Liebe zu erschaffen!"
    Nach einer kurzen Einführung in den genetischen Determinismus (die aus der DNS gebildeten Gene bestimmen unsere Physiologie und sind auch für viele Krankheiten verantwortlich) erfahren wir, dass iatrogene (durch die Behandlung von Ärzten verursachte) Erkrankungen in den USA die häufigste Todesursache sind.

    Lipton erläutert den Begriff des 'Feldes' in der Physik - als einzige bestimmende Kraft der Materie (und damit auch den Körper des Menschen). 

    "Wir sind nichts andere als interagierende Wellen - und Wellen werden durch das Feld geformt". 
    Jede Zelle hat einen inneren (positiven) und einen äußeren (negativen) Spannungszustand, die Spannung in jeder Zelle beträgt 1,4 Volt. Aus der Summe von 50 Billionen Zellen errechnet Lipton eine Spannung von über 700 Billionen Volt. 'Jede Zelle ist eine Batterie' (Matrix lässt grüßen) Diese Energie namens Chi könne fokussiert und zur Heilung verwendet werden!

    Der Nucleus (Zellkern) steuert eine Zelle nicht, er ist allein für die Reproduktion der Zelle zuständig. Zudem enthalte der menschliche Körper 150.000 Proteine - somit könne die Annahme, ein Protein werde (allein) durch ein Gen produziert, nicht zutreffen - denn wir haben nur 23.000 Gene. Wie die Stammzellenforschung zeigt, ist nicht das Genom, sondern das jeweilige Umfeld für die Differenzierung der Zelle verantwortlich sind - was einleuchtend ist, denn jede Zelle hat dieselben Gene.

    Bring eine Körperzelle in ein gesundes Umfeld und sie wird gesund werden. Bring eine Körperzelle in eine krankes Umfeld und sie wird krank werden.”
    Epigenetik ist also ein Bereich der Biologie, welcher aufzeigt, wie die Natur das Verhalten von Zellen ändert - ohne deren genetischen Code zu ändern.


    150.000 Proteine

    … bestimmen die Funktionsweise der Zelle und damit die Funktion des Organismus. Sie bestehen aus unterschiedlichen Anordnungen der 20 Aminosäuren, die sich zu sog. Peptidverbindungen zusammenfügen. Diese Peptide können durch unterschiedliche Anordnungen die Proteine bilden. => Jedes Protein besteht aus einer einzigartigen Anordnung von Aminosäuren. Bewegungen bzw. Prozesse dieser Proteine bilden die Lebensfunktionen des Organismus, Lipton spricht von Pfaden: Die DNS bestimmt nicht aus sich selbst heraus, was sie tut, sondern wird von Regulatorproteinen gesteuert, welche sich wiederum nach Signalen aus der Umwelt richten. Die Steuerung, Aktivierung und Deaktivierung von Proteinen erfolgt durch Umwelteinflüsse, d.h. Signale: chemische Substanzen, Hormone ,Drogen, Strahlen, aber auch Schwingungen.
    Diese Signale verursachen Verhalten von Proteinmolekülen, und damit das Leben. In der Medizin kann ein solches Signal nur aus Materie bestehen, also aus chemischen Botenstoffen etc. Die Quantenmechanik weist aber nach, dass auch Energie (z.B. Licht) die Bewegung und Faltung von Proteinen auslösen (konstruktive Interferenz) und stoppen (destruktive Interferenz) kann.
    Die Energie, welche das Verhalten von Proteinen steuert,ist eine Lebenskraft.
    Es gibt folglich 2 Ursachen von Krankheiten: Geburtsfehler (defekte Proteine) und die Energie, welche die Proteine steuert - Traumata, Toxine und ein 'schlechter' Geist.
    "Wenn Ihr Euren Geist verändern könnt, dann könnt Ihr die Biologie verändern. Der Geist ist die Hauptursache für Erkrankungen heute."
    Die Gene sind statische Baupläne für Proteine - sie können daher nicht ein- oder ausgeschaltet werden. Die Frage ist, ob dieser Bauplan gelesen wird oder nicht. Je nachdem, wie wir unsere Umwelt interpretieren und wahrnehmen, werden unsere Gene anders abgelesen. Somit kontrollieren nicht die Gene unsere Biologie, sondern unsere Wahrnehmung. Die Wahrnehmung erfolgt auf zwei unterschiedlichen Wegen:

    • 'Alle Rezeptoren befinden sich in unserer Haut', welche die Umweltsignale wahrnimmt. Die Haut fungiert in diesem Sinne als Steuerungszentrale; sie bestimmt ob ein Signal die Proteine erreicht und somit beeinflussen kann.
    • Eine andere Form der Wahrnehmung ist unser Bewusstsein: Wie wir die Welt sehen, das steuert unsere Biologie - die Wahrnehmung steuert das Verhalten der Proteine.
     

    Epigenetische Kontrolle

    …besagt also, dass wir kontrollieren mit unserem Geist – teils bewusst, teils unbewusst – steuern, wie unsere Körperzellen funktionieren und wie unsere Gene abgelesen werden. Selbst Gendefekte infolge von Mutationen könne die epigenetische Kontrolle kompensieren.
    Überzeugung basiert auf subjektiver Wahrnehmung – sie kann je nach Bewertungssystem richtig oder falsch sein.
    • Der bekannte, positive Placebo-Effekt ist eine Erscheinungsform der epigenetischen Kontrolle. Positives Denken kann Heilung bedeuten - in diesem Sinne greift aber auch der gegenteilige Nocebo-Effekt: negativer Glaube kann zum Tode führen. "Wenn Ihr nach der Krankheit sucht, dann könnt Ihr diese Krankheit durch epigenetische Kontrolle erschaffen."

    • Stress ist einer der wichtigsten Gründe für Erkrankungen:
      Sobald der Geist in seiner Umwelt etwas Bedrohliches wahrnimmt, versetzt der unsere Zellen durch Botenstoffe in einen Schutzmodus, der weiteres Zellwachstum unterbindet bzw. verringert. Resultierend entstehen weniger neue Zellen als Zellen absterben, solange dieser Zustand aufrechterhalten wird.
      Zudem schalten Stresshormone das Immunsystem ab. Dennoch reicht allein die Abwesenheit von Stress noch nicht aus, um Wohlergehen und körperliche wie seelische Gesundheit zu bewirken - vielmehr sei Liebe das größte Wachstumssignal überhaupt.

    • In der Schwangerschaft bestimmt die Umwelt(wahrnehmung) der Mutter auch die Umgebung des Fötus, denn Stresshormone wie auch Glücksempfindungen gehen über die Plazenta auf den Fötus über. Dieser Einfluss wirke sogar über 2 Generationen. Das Baby kann in diesem Sinne schon vor der Geburt lernen, es übernimmt Überzeugungen und Reaktionsmechanismen der Mutter – genau diesem Mechanismus erkennt Bruce Lipton als Hauptursache der rasant zunehmenden Zivilisationserkrankungen.
    • Spiritualität: Das Unterbewusstsein kann 40 Millionen Bits pro Sekunde verarbeiten, ist aber stark gewohnheitsorientiert. Das Bewusstsein dagegen kann kreativ wirken. Wer das Bewusstsein nicht beachtet, lässt zu, dass sein Leben vom programmatischen Unterbewusstsein gesteuert wird. Zellen haben eine Identität, welche durch sog. Identitätsrezeptoren an der äußeren Zellmembran bestimmt wird, die man sich im Sinne einer Sonnenbrille (= selektive Wahrnehmung) vorstellen kann. Diese Identität kommt also von Außen, besteht also nach dem Tod der Zelle fort; das was uns ausmacht (nicht unsere Biomasse, sondern unsere Identität) ist unsterblich.
    Möglichkeiten zur positiven Beeinflussung unserer epi-energetischen Kontrolle bzw. Wahrnehmung: Positives Denken kann einen gewissen Einfluss auf das Unterbewusstsein ausüben, aber die Dominanz des Unterbewusstseins ist geradezu übermächtig. Dagegen ist der Einfluss positiver Empfindungen größer, weil sie dem Bewusstsein einen größeren Einfluss verleihen.
    Unsere Gedanken und Empfindungen in Bezug auf andere Personen sind nicht nur in uns, sie wirken sich zudem auf die Person aus, die in unserem Denken und Fühlen fokussiert ist. Sind dies positive Empfindungen, wird diese Person unsere Nähe suchen - negative Empfindungen und Gedanken bewirken das Gegenteil.
    Lipton will also aufzeigen, dass der Mensch mit seinen Gedanken auf Materie wirkt und dass menschliche Emotionen Resultate erzielen können, die die konventionellen Gesetze der Physik aufheben.

    Klingt beinahe einfach, doch scheint mir diese epigenetische Kreislauf der Beeinflussung ähnlich schwer zu durchbrechen wie das Karmaprinzip der Reinkarnationslehren. Immerhin können wir uns den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Gedanken und seelischem wie körperlichem Wohlbefinden bewusst vor Augen führen – Selbsterkenntnis als erster Schritt zur Veräderung:
    "Wenn wir unsere Überzeugungen verändern, verändern wir unsere Realität."
    ---
    Vortrag von Bruce Lipton zur Epigenetik (ca. 150 min): 

    'Der Geist ist stärker als die Gene'


    Donnerstag, 8. März 2012

    Jesus im Himalaya?

    Rosenkränze als Indiz für die vorübergehende Anwesenheit Jesu im heutigen Indien und Tibet? Ich weiß nicht recht…
    Sicher, Jesus von Nazareth ist auch Menschen im Himalaja und den Angehörigen verschiedener Religionen in Indien bestens bekannt. Doch weicht sein sein Image im Osten deutlich ab von dem Bild des Gekreuzigten gemäß offizieller Kirchenlehre.
    Dass Jesus in der Zeit, die in der Bibel keine Erwähnung findet, Reisen unternahm, scheint sicher – ob er aber wirklich bis nach Indien, Ladakh und Tibet gelangte, scheint zumindest ungewiss.

    Zur Sprache kommt auch das 1894 von Nikolai Notowitsch verfasste Buch „Die Lücke im Leben Jesu“ . Der russische Journalist behauptete, man habe ihm im Kloster Hemis in Ladakh alte Schriften gezeigt, die Jesu Aufenthalt in Tibet zwischen seinem 12. und 30. Lebensjahr erwähnt sei. 

    Diese Variante wurde durch den Indologen Max Müller und den englischen Historiker John Archibald Douglas eindeutig widerlegt: Offenbar konnte bewiesen werden, dass Notowitsch das Kloster von Hermis nie besucht habe und dass die Buddhisten dort erst durch die Begegnung mit europäischen Missionaren von Jesus gehört hatten.

    Und was würde sich dadurch in theologischer Hinsicht beweisen lassen? Inhaltliche Parallelen von buddhistischer und (ur-)christlicher Lehre lassen sich sicher aufzeigen; sie begründen m.E. aber keine zwingende Notwendigkeit, dass Jesus persönlich eine so weite Reise unternahm.

    Mir erschließt sich auch nicht, weshalb die christlichen Kirchen derart weite Reisen Jesu 'verschweigen' sollten - sofern ihnen ernstzunehmende Hinweise darauf vorlägen. Bis auf - nun ja, dass Jesus in Asien den Tod gefunden habe...das verträgt sich nun wirklich nicht mit Kreuzigung und Auferstehung.



    Siehe auch

    • "Jesus in Indien - Nikolaus Alexandrovitch Notovitchs „Unbekanntes Leben Jesu“,sein Leben und seine Indienreise" von Norbert Klatt

    Mittwoch, 7. März 2012

    Seth - ein multidimensionales Bewusstseins- und Selbstbild

    Meine Suche nach einem plausiblen, positiv ausgerichteten und nicht einseitig von einer Religion geprägten Modell unseres Daseins führte auch zu ‘Seth’, dem geistigen Lehrer und Mentor der Autorin Jane Roberts.
    • Jane Roberts (1929 - 1984) war eine US-amerikanische Autorin und Dichterin.

    Portrait v. Jane Roberts, 2010 (Hannes Scheucher)

    Bekannt wurde sie vor allem als spirituelles Medium für ein "Wesen" namens Seth, dessen Texte sie eigenen Angaben nach veröffentlicht hat. Neben Werken auf dem Gebiet der Außersinnlichen Wahrnehmung schrieb sie Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen, Kindergeschichten und eigene Texte über Metaphysik, die keinen direkten Bezug zu Seth haben.
     

    Die ‘Seth’-Persönlichkeit

    Im Januar 1970 begann Roberts zuvor verfasste Texte einer „Seth-Persönlichkeit“ zuzuordnen und widmete dieser Wesenheit auch mehrere Bücher an. „Seth“ bezeichnet sich demnach selbst als "multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern", der die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und nun aus einer geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spricht. Im Grunde wäre Seth also genau da, wo viele spirituell geprägte Menschen erst noch hin wollen..
    Um in diesen Zustand zu gelangen, habe er zuvor viele Tode sterben und viele andere physische und nicht-physische Existenzformen durchlaufen müssen, erwähnt Seth am Anfang ‘seines’ Buchs.


    Jane Roberts selbst hat stets die Möglichkeit eingeräumt, bei Seth handele es eventuell sich um die Personifizierung eines überbewussten Teils ihres normalen Selbst, er entstamme also ihrem eigenen Unbewussten. Sie schildert ihre anfänglichen Schwierigkeiten, denn weder sie selbst noch ihr Umfeld habe an paranormale Wahrnehmungen und Phänomene geglaubt. So lag es zunächst nahe, Seth als Äußerung ihres eigenen Unterbewusstseins aufzufassen - oder sogar als krankhafte Persönlichkeits-Spaltung.

    Die in den Seth-Büchern vertretenen Thesen beziehen sich einerseits auf metaphysischen Theorien und Spekulationen, enthalten jedoch auch physikalische Welterklärungen. Wie dem auch sei, der Inhalt der Seth-Texte enthält für mich entscheidende Denkanstöße für meine Suche nach dem erwähnten Seinsmodell und formuliert mehrere mögliche Bausteine desselben.

    Das Buch ‘Gespräche mit Seth’ empfehle ich gerne als Impulsgeber wertvoller Anregungen.

     

    Ein multidimensionales Selbst – geht’s noch?

    Bei Autoren im Umfeld einer christlich geprägten Spiritualität scheinen die Aspekte Schuld, Strafe und Sühne häufig über-dimensioniert  - zugleich nehme ich in ihren die individuelle Eigenverantwortung des Menschen häufig als unterbewertet war.
    Wann immer ich 'Seth' begegne (nicht persönlich ...keine Sorge, sondern in den Büchern von Jane Roberts), lerne ich vom erlernten Weltbild abweichende Akzente kennen. Damit die Idee einer fragmentierten, in mehreren Dimensionen zugleich verhafteten Persönlichkeit verständlich wird, lohnt es sich zuvor einen Blick auf das zu werfen, was wir als unsere Realität erfassen:

    Wie entsteht (unsere) Realität?

    “Ihr schafft die euch bekannte Welt.Euch ist vielleicht die furchtbarste Gabe von allen verliehen worden: die Fähigkeit, eure Gedanken in physischer Form nach außen zu projizieren. Die Gabe bringt Verantwortung mit sich, und viele von euch sind in Versuchung, euch zu den Erfolgen in eurem Leben zu gratulieren und Gott, dem Schicksal und der Gesellschaft die Schuld an den Fehlschlägen zuzuschieben.
    Ihr glaubt, dass die Gegenstände unabhängig von euch existieren, und merkt gar nicht, dass sie vielmehr die Manifestationen eures eigenen psychologischen ...Selbst sind.”
    Ziemlich viel auf einmal: Geistige und materielle Welt sollen einander bedingen, denn Gedanken erschaffen Realität ...und dann noch der Vorwurf, Gott zu instrumentalisieren, indem eigenes Verschulden und Irrtümer auf das Gott-Vater-Bild (oder den Teufel/Satan/Luzifer als Personifikation des Bösen) projiziert werde.
    Es kommt noch heftiger: Seth zufolge existiert überhaupt keine objektive Realität außer der durch das Bewusstsein geschaffenen...


    Nicht nur er, Seth, sei  als weit entwickelte Persönlichkeit imstande, verschiedene Gestalten gleichzeitig anzunehmen – sondern auch wir. Ein Beispiel: Unser Körper kann schlafend und unbeweglich auf dem Bett liegen, während unser Bewusstsein im Traumzustand ferne Länder abgelegene Gegenden bereist. Gleichzeitig können wir eine Traumgestalt von uns selbst erzeugen, die in jeder Hinsicht mit uns identisch ist – dieses ‘zweite Ich’ kann in jenen fernen Ländern Freunden (oder unbekannten Fremden) begegnen. “Dem Bewusstsein sind also hinsichtlich seiner Fähigkeit, Formen hervorzubringen, keine Schranken gesetzt.”
    wir sollten die Tatsache zu akzeptieren, dass jeder von uns seine eigene Umwelt erschafft - was zugleich auch bedeutet, dass die Verantwortung für unser Leben und unsere Umwelt allein von uns selbst zu tragen ist:

    • "Solange ihr glaubt, dass eurer Umwelt eine objektive und von euch unabhängige Existenz zukommt, fühlt ihr euch weitgehend unfähig, sie zu verändern…
    • Bevor ihr nicht erkennt, dass ihr die Schöpfer von alledem seid, werdet ihr euch weigern, die Verantwortung dafür zu übernehmen.”
    Immerhin habe der Mensch gelernt zu differenzieren und fange endlich an zu erkennen, dass der Teufel eine Projektion der eigenen Psyche ist. Das erfordert einige Kreativität, doch fehle uns gegenwärtig immer noch die Weisheit, diese Kreativität in konstruktive Bahnen zu lenken.
    Die physischen Sinnesorgane vermitteln die Wahrnehmung allein der dreidimensionalen Welt – doch wie ein Filter verhindern sie die Wahrnehmung anderer, ebenso gültiger Dimensionen. Was wir aber nicht wahrnehmen, können wir nur schwer erfassen und in unser Bewusstsein aufnehmen.

    Das multi-dimensionale Selbst

    Der Körper als Teil unserer materiellen Realität wird “auf einer Ebene des tief Unbewussten von uns selbst geformt mit großem Differenzierungsvermögen, wundervoller Klarheit und intimster Kenntnis jeder einzelnen Körperzelle”.
    Da wir uns dieser Tätigkeit nicht bewusst sind, identifizieren wir uns auch nicht mit diesem inneren Teil des eigenen Selbst – sondern mit dem Ich, das fernsieht, kocht oder arbeitet - dem Teil, der scheinbar weiß, was er tut. Der übrige, offenbar unbewusste Teil unseres Selbst hat ein viel umfassenderes Wissen; von seinem reibungslosen Funktionieren hängt unsere ganze physische Existenz ab.
    Seth bezeichnet dieses scheinbar Unbewusste als das ‘innere Ich’, weil es die
    inneren Vorgänge lenkt. Dieses innere Ich kombiniere Informationen, die uns nicht durch die körperlichen Sinne, sondern über andere, innere Kanäle erreichen - ein innerer Beobachter der Realität, der jenseits der Dreidimensionalität existiert.

    Ferner existiert ein weiterer Teil unseres Selbst:
    “…jene tiefere Identität, die sowohl euer inneres als auch euer äußeres Ich formt und deren Beschluss ihr verdankt, dass ihr als ein körperliches Wesen an diesem Ort und zu dieser Zeit in Erscheinung getreten seid. - Dies ist der Kern eurer Identität – die multidimensionale Persönlichkeit, von der ihr ein Teil seid.“ 
    Selbsterkenntnis bedeutet folglich auch, einen Weg zu finden zu allen Dimensionen der eigenen psychologischen Struktur und ‘neue’ Bereiche des eigenen Bewusstseins zu erschließen, die wir bisher bestenfalls erahnt haben. Bisher kennen wir also nur Fragmente unserer Gesamtidentität.
    Nun, dies klingt erst einmal abgehoben und unwirklich. Doch haben wir uns nicht schon oft gefragt, wo spontane Gedanken, Ideen und ‘Eingebungen’ herkommen – von außen oder von einem Teil unserer selbst, den wir im Grunde gar nicht kennen?
    Wenn es wirklich zutrifft, dass wir so ziemlich alle Aspekte unserer Realität selbst erschaffen – welche Rolle hat Gott in dieser ungewohnten Systematik? Sollte er lediglich ein Konstrukt unseres Intellekts zur Realitätsbewältigung sein – oder eine schöpferische Kraft, der wir die Existenz unseres Gesamtselbst verdanken – der wir aber erst auf auf einer wesentlich komplexeren Ebene begegnen?
    Eines möchte ich hier vorwegnehmen: das übergeordnete Selbst (=der Kern) wird bei Seth bzw. Roberts nicht mit Gott identifiziert – doch es trägt eine weit größere Verantwortung, als wir uns vorstellen können.
    Bei ‘Seth’ begegnet man dieser "multidimensionalen Persönlichkeit" immer wieder: Das dreidimensionale Selbst ist danach nur ein Teil unserer gesamten Persönlichkeit – und zwar der Teil, den wir sinnlich wahrnehmen. Jeder von uns existiert zugleich (im Sinne von 'gleichzeitig') auch in anderen Realitäten und anderen Dimensionen!
    Somit ist das 'Ich' oder Ego lediglich ein Ausschnitt einer weitaus umfassenderen Wesenheit. Wir nehmen mit unseren physischen Sinnen folglich nur die Aspekte unserer Persönlichkeit wahr, die sich innerhalb der dreidimensionalen Existenz ausdrücken.

    Bleibt denn dieses wahrnehmbare "Ich-Selbst" über den Tod hinaus bestehen? Diese naheliegende Frage beantwortet Seth damit, dass unsere Individualität nie verloren gehe, sondern in unserer aus Fragmenten zusammen gesetzten Gesamtpersönlichkeit erhalten bleiet. (Vgl. “Seth – Der Tod ist erst der Anfang”)
    Alle scheinbar voneinander isolierten Fragmente des Selbst dienen ebenso der eigenen 'schöpferischen' Entwicklung, wie sie auch anderen multidimensionalen Persönlichkeiten wertvolle, notwendige Wachstumsimpulse vermitteln.
    Jedes dieser Fragmente, d.h. jedes dreidimensionale Selbst agiert und entscheidet vollkommen unabhängig, bleibt aber stets in Verbindung mit dem übergeordneten Selbst.

    Weitere Bewusstseins-Dimensionen seien im Ansatz auch jetzt von uns wahrnehmbar - allerdings nur mit unseren 'inneren Sinnen. Dazu schlägt Seth folgende Übung vor:

    "Nun stellt euch vor, ihr seid auf einer erleuchteten Bühne, und die Bühne ist der Raum, in dem ihr jetzt sitzt. Schließt die Augen und stellt euch vor, dass die Lichter erloschen, die Kulissen verschwunden sind und ihr allein seid.
    Alles ist dunkel. Ihr seid ruhig. Nun stellt euch eure inneren Sinne so lebhaft wie möglich vor. Tut für den Augenblick so, als würden sie euren physischen Sinnen entsprechen. Schiebt alle Gedanken und Sorgen von euch.
    (...) Stellt euch vor, dass ihr euer ganzes Leben für diese Welt blind gewesen seid und euch jetzt langsam in ihr zu orientieren beginnt.
    Beurteilt nicht die ganze innere Welt nach den zusammenhanglosen Bildern, die ihr vielleicht zuerst wahrnehmt, oder nach den Lauten, die ihr zuerst hört, denn ihr werdet von euren inneren Sinnen noch einen höchst unvollkommenen Gebrauch machen. Führt diese einfache Übung ein paar Minuten lang vor dem Einschlafen oder im Ruhezustand durch.[...]"


    Raum und Zeit sind Hilfskonstrukte

    Von unserer Gesamt-Persönlichkeit werden Raum und Zeit gewissermaßen als Laborumgebung für unsere dreidimensionale Simulation konstruiert.
    Unser 'Gesamtselbst' existiert Seth zufolge außerhalb und unabhängig von Raum und Zeit - es ist nicht in dem gefangen, was wir unter Materie verstehen. Mit dieser Simulation aber formen wir unsere physische Realität - deren Zweck besteht darin, dass unsere Fragmente spezifische Erfahrungen sammeln, die nur so möglich sind. Von den Erfahrungen der Fragmente profitiert auch das Gesamtselbst – welches als Drehbuchautor und Regisseur fungiert.
    Obwohl es eigentlich es keine Grenzen zwischen den einzelnen Dimensionen gibt, fokussiert sich unser Ego aus Angst und Unwissenheit derart auf diese Simulation (Seth gebraucht die Metapher 'Theaterstück'), dass es nichts außerhalb dessen als Realität akzeptiert.
    Zudem ist die 'exklusive' Konzentration auf die physische Welt heutzutage dermaßen ausgeprägt, dass sie die durchaus vorhandenen Verbindungen zu anderen Realitäten fast immer überlagert.

    Dies erinnert ein wenig nach ‘Matrix’ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese bei Seth nicht durch äußere, feindliche Entitäten erschaffen wird, sondern von uns selbst.
    Durch unsere Träume haben wir eine Verbindung zu unserem Gesamtselbst - würden wir mehr auf sie achten, könnten wir die vermuteten Grenzen unseres bewussten Ich aufweichen.
    Doch unsere Persönlichkeit ist ja noch im Werden begriffen, meint Seth...es gibt so viele Weisheiten, die wir noch erkennen und nach und nach verinnerlichen dürfen – aufregend und vielversprechend, oder?

    • Dauer und Beständigkeit haben grundsätzlich nichts mit Form zu tun, sondern mit der Integrierung von Freude, Entschluss, Leistung und Identität.
    ---
    Anmerkung: Es ist nicht so, dass ich die besondere Wesensart von ‘Seth’ übersehe, wenn ich ‘ihn’ beispielsweise direkt zitiere. Es bleibt dabei, dass ‘er’ sehr wohl eine Konstruktion aus Jane Roberts’ Unterbewusstsein gewesen sein könnte – wie zu Beginn erläutert. Darauf nun aber in jedem Absatz nochmals hinzuweisen, wäre ermüdend.

    Dienstag, 6. März 2012

    Edgar Cayce (2) - Reinkarnation, unser Weg zurück

    Sollte es einen Weg für uns Menschen in einen ewigen, rundum glücklichen Zustand geben, dann hängt dieser Weg weder von der Mitgliedschaft im richtigen Verein ab noch von einem aus unserer Subjektivität erwachsenden Glaubenssystem...

    Die Beiträge zu Reinkarnation und Auferstehung sind ab Januar 2013 hier zu finden:

    Edgar Cayce im Oktober 1910

      Edgar Cayce über Reinkarnation, Karma und Erbsünde

      Sollte es einen Weg für uns Menschen in einen ewigen, rundum glücklichen Zustand geben, dann hängt dieser Weg weder von der Mitgliedschaft im richtigen Verein ab noch von einem aus unserer Subjektivität erwachsenden Glaubenssystem...

      Die Beiträge zu Reinkarnation und Auferstehung sind ab Januar 2013 hier zu finden:

      Edgar Cayce im Oktober 1910

        Klaus Kinski - Jesus Christus Erlöser (1971)

        "Gesucht wird Jesus Christus", sagt er und lässt einen Steckbrief folgen: "Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörungen gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen ..."
        Am 20. November 1971 möchte Klaus Kinski die „erregendste Geschichte der Menschheit“ erzählen - das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu… die Premiere wird durch Zwischenrufe unterbrochen - von einem Publikum, das keine Predigt hören will, sondern diskutieren und einbezogen werden möchte...

        Weiterlesen...

        Sonntag, 4. März 2012

        Eine Frage der Perspektive

        Klassentreffen, nach 25 Jahren trifft man die alten Schulkollegen – eine gute Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen und über Veränderungen nachzudenken.
        Bei manchen meiner Schulfreunde war ich sehr überrascht, als sie von ihrem Lebensweg erzählten und was aus ihnen geworden ist. Bei den übrigen, und das war die Mehrzahl, war ich nicht übermäßig erstaunt.
        Denn schon damals, als wir alle 17 oder 18 Jahre alt waren, hatte sich deren Lebensperspektive und auch wesentliche Meilensteine auf ihrem Weg als wahrscheinlich abgezeichnet:

        • Vroni, eine damals wie heute sehr attraktive Frau, entstammte aus einer ‘guten, christlich-konservativen Familie’ und wuchs recht behütet auf. Ausbrechen oder gar Aussteigen war nie ihr Thema.
          Sie war eine mittelmäßige Schülerin und hatte schon in den 80ern erklärt, im Leben komme es auf etwas anderes an …damit meinte sie durchaus auch eine tiefe Spiritualität.
          Leider hatten wir nur Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch, das aber ausreichte, um zu erkennen: Veronika wurde als Christin erzogen und ist ihrem Glauben treu geblieben, vermittelt den Eindruck einer authentischen, verantwortungsbewussten Lebensführung.
        • Roland, in meiner Erinnerung ein Hardcore-Streber und Aspirant auf einen Abi-Schnitt von 0,9 (damals gab es das in NRW) war ebenfalls in einem konservativen Elternhaus verwurzelt, das aber andere Akzente setzte als die Eltern der schönen Vroni – Musikunterricht, Nachhilfelehrer (bei einem Einser –Zeugnis!!) und auch nach dem 18. Lebensjahr eng am väterlichen Zügel.
          Heute sitzt Roland im Vorstand einer großen, deutschen Bank und umgibt sich mit Macht – und Statussymbolen. Mit Glaubensfragen oder einer Suche nach Erkenntnis hat er nichts am Hut. Ob er glücklich mit seinem Leben ist? Keine Ahnung.
        • Stefano, mit seiner Familie aus Venezuela kommend, war schon damals durchdrungen von einer marxistischen und atheistischen Weltanschauung. Seine persönlichen Erlebnisse wie auch die Erfahrungen seiner Eltern hatten ihm früh gezeigt, was krasse soziale Gegensätze sind.
          Sein hohes politisch-soziales Engagement nötigte mir schon in der Schulzeit großen Respekt ab, obwohl wir in kaum einer der diskutierten Fragen einer Meinung waren.
          Auch Stefano ist ‘in seinem Gleis’ geblieben…
        Natürlich lässt sich daraus keine feste Regel formulieren, etwa dergestalt, dass alle Menschen ihr Leben so leben, wie es ihnen in die Wiege gelegt oder in ihrer Kindheit beigebracht wurde.
        Es gibt genug andere Beispiele von Persönlichkeiten, die eine entscheidende Wendung (oder mehrere) vollziehen und in eine völlig andere Richtung gehen, als man angesichts der sie zuvor umgebenden Einflüsse vermutet hätte.
        Dennoch werden wir während unserer Jugendzeit wir durch Begegnungen, Erlebtes und Erlerntes stark geprägt werden - wodurch wir zunächst einen bestimmten Fokus und später eine 'eigene' Perspektive entwickeln. Das bedeutet:
        Ob wir besonders spirituelle oder religiöse Menschen werden oder ob uns nüchtern-analytische Wissenschaft fasziniert, oder ob wir ausdrücklichen Wert auf materielle Sicherheit bis hin zu großem Reichtum legen – all dies hängt wesentlich davon ab, was wir erleben oder eben nicht erleben.

        In hohem Maße wird unser Lebenslauf davon bestimmt, inwieweit wir als Kinder ein Urvertrauen entwickeln. Wer, wie Veronika ein sicheres Fundament kennenlernt und die Erfahrung macht, das dieses Fundament auch hält was es verspricht, hat meist wenig Anlass, nicht darauf zu bauen.


        Wer wie Stefano so früh mit Zerrissenheit und Gegensätzlichkeit, aber auch mit Leid konfrontiert wird, gewinnt eine andere Lebensperspektive und folgt dem Grundsatz, notwendige Veränderungen aktiv zu fördern und das eigene Glück wie das der gesamten Gesellschaft zu schmieden.
        Ob er diese aktive Haltung mit oder ohne einen Gott einnimmt, hängt wiederum von seinen Erfahrungen ab. Übertragen auf den globalen Kontext erscheint es (selbst-)verständlich, dass Menschen aus verschiedenen Regionen völlig unterschiedliche Konzepte von Lebensführung und Spiritualität entwickeln.

        Wer wollte die verschiedenen Perspektiven bewerten oder gar gegeneinander abwägen?

        Auch wenn solches als Resultat nicht auszuschließen ist, verlangt eine Religion sehr viel mit ihrer ultimativen Forderung, die eigene Perspektive abzulegen und an Dogmen und Wesenheiten zu glauben, welche der persönlichen Erfahrungswelt widerspricht. In diesem Sinne fasse ich beispielsweise die Missionsversuche evangelikaler und muslimischer Glaubensgemeinschaften in Deutschland auf, die beide nur einen, nämlich ihren Weg für richtig und heilsbringend halten. Alle anderen Ansätze seien nicht nur untauglich, sie führten zudem in einen ‘unendlichen Zustand voller Leid und Finsternis’, den niemand wünschen könne. Ja ja...

        Es mag etwas hart klingen, aber ich empfinde solche Missionierungsreden beinahe als Vergewaltigungsversuch. Was für eine Erwartungshaltung steht dahinter? Dass ein Mensch, der mit seinem Leben mäßig zufrieden ist, die Summe seiner Erfahrungen und verinnerlichten Überzeugungen über Bord wirft und freudig-spontan erklärt, nun etwas anderes glauben zu wollen?

        Sofern ein Richtungswechsel aus eigenem Antrieb, zum Beispiel infolge eines tief empfundenen Defizits der bislang gekannten Lebensmaxime stattfindet, sieht die Sache natürlich anders aus. Es ist die eigene Motivation, die hier zählt – und Motivation ist eng mit der individuellen Perspektive verbunden (die mitunter sehr wohl einer Korrektur bedarf – doch erst dann, wenn die betreffende Person dies selbst erkennt, wenn sie ‘soweit ist’).
        Der häufige Vorwurf fundamentaler Christen und Muslime an den Mainstream und Vorhaben nach dem Motto 'individuelle Horizont-Erweiterung' klingt meist etwa so:
        "Ihr glaubt, an einem bunten Buffet zu stehen und Ihr stellt euch doch nur ein selbstgefälliges Menu zusammen, so wie es gerade am besten schmeckt. Offen für alles, glaubt Ihr, jeder Glaubens- und Weltanschauung etwas Interessantes und Nützliches abzugewinnen."
        Es schließt sich dann eine interessante Frage an, die keineswegs einfach zu beantworten ist:

        Ist wirklich alles gleich(ermaßen) gültig?

        Zutreffend ist sicher: Ein Glaube bzw. ein agnostisches Überzeugungsmodell soll eine tragfähige Grundlage für das Leben eröffnen. Außerdem erhoffen sich viele eine Perspektive für die Zukunft, die oft über das Sichtbare und das gegenwärtige Leben hinaus gehen soll.
        Es ist zwangsläufig ein Muss, die Frage zu stellen, worauf sich dieser Glaube bzw. dieses Überzeugungsmodell stützt und zu welchem Ziel er führt.
        Daraus folgt m.E. zwangsläufig zweierlei:
        • Es ist nicht alles gleichermaßen gültig. Durchaus bestehen Glaubensannahmen und Anschauungen, die keine sichere Grundlage bieten – weder für das Jetzt noch für das Später. Dazu lassen sich Kriterien formulieren, von denen Plausibilität (oder Kohärenz) für mich eine wesentliche ist.
        • Aber: Aufgrund unserer unterschiedlichen Perspektiven und Wahrnehmungen können wir meiner Auffassung nach niemals alle zu dem selben Ergebnis gelangen.
        Die Kriterien für ein tragfähiges Glaubenssystem im einzelnen zu erörtern, würde hier zu weit führen und wäre im Hinblick auf das zuvor Gesagte auch nicht konsequent. Immerhin lässt sich vielleicht ein Rahmen abstecken:
        Als soziale Wesen brauchen wir eine Leitlinie für den moralischen Umgang miteinander und für ethisches Handeln insgesamt, d.h. ein Ethos. Noch bedeutsamer ist vielleicht die Suche nach einer Sinngebung.

        Braucht ein philosophisches oder Glaubensmodell für seine Konsistenz darüber hinaus starre Lehrsätze oder gar eine schwer verständliche Theologie - die den Laien überfordert und ihm deshalb von 'Eingeweihten' erklärt werden muss?
        Anwendbare Kriterien ergeben sich eher aus dem Prinzip von Ursache und Wirkung: Was wir für wahr und erstrebenswert halten, wirkt sich immer auf die eigene Persönlichkeit und das Verhalten aus. Im Idealfall wäre das Verhaltensbild einer Person ein Spiegelbild dessen, was sie glaubt. Doch wir kennen alle den Unterschied zwischen Theorie und täglicher Lebenspraxis.


        Und doch meine ich, dass ein Glaube und eine Lebensphilosophie zumindest Wirkung implizieren sollte, durch die Menschen sich bemühen, liebevoll, ehrlich, tolerant, verantwortungsvoll, mitfühlend (...) zu werden.

        Aus meiner subjektiven Sichtweise muss es in einem solchen Glauben einen Schöpfergeist, eine lenkende Instanz geben - die ‘etwas mit uns vor hat’, d.h. mit unserem Dasein und der gesamten Schöpfung einen Zweck und ein Ziel verbindet.
        Falls es keinen Gott (in welcher Identität und Form wir uns Gott auch vorstellen mögen) gibt und auch keine Form von bewusst erlebter Ewigkeit, dann sind wir tatsächlich nur Sternenstaub. Wir haben dann keinerlei Fixpunkt und unser kurzes Dasein verläuft letztlich ohne Sinn und übergeordnetes Ziel.
         

        Die Schlussfolgerung daraus wäre traurig und wohl auch fatal – denn jeder könnte so leben und handeln wie er wollte, ohne Verantwortung und Rücksicht für sich und andere; unsere Entscheidungen und unser Tun bliebe ohne jede Konsequenz (wenn wir uns nicht erwischen lassen und uns nicht gerade zu Tode saufen).
        Doch sollte es tatsächlich der Wahrheit entsprechen, dass die Einhaltung moralischer Grundsätze für einen Teil der heute lebenden Menschen nur dann maßgeblich ist, wenn sie sich ständig von einem strafenden, eifersüchtigen Überwesen beobachtet und kontrolliert fühlen? 
        Ich kann und will nicht darüber hinwegsehen, dass im A.T. der Bibel ein Gottesbild zu einer Zeit gezeichnet wurde, die inzwischen zweieinhalb tausend Jahre zurückliegt (oder noch länger, je nach Textstelle).
        "Ein Auge ist, das alles sieht, selbst was in finstrer Nacht geschieht!"
        Dieses Bild hat Generationen und Jahrhunderte unserer Religion geprägt, wie Jörg Sieger schreibt (vgl. "Das Gottesbild der Bibel"). Ich schließe nicht aus, dass damals ein Bild von einem Gott als notwendig erachtet wurde, "der alles sieht, der irgendwelche Gebote aufgestellt hat und nun peinlichst darüber wacht, dass diese Gebote auch eingehalten werden. Gehorsam belohnt er und Ungehorsam straft er unbarmherzig... beobachtet den letzten Winkel, blickt ins Verborgene und prüft den Menschen "auf Herz und Nieren"...ein furcht-einflößendes Bild..."
        Meine Kriterien für ein tragfähiges Glaubenssystem, in das ich Vertrauen setzen möchte anstatt mich vor ihm zu fürchten, sehen anders aus.
        Andere Menschen werden zu anderen Überlegungen gelangen, doch werden vermutliche nur wenige jede Form von schöpferischer Intelligenz kategorisch ausblenden.
        Den übrigen schadet es vermutlich nicht, sich auf einer Suche an jenen noch Unbekannten [Geist, Gott, Lenker, Schöpfer…] zu wenden und um Hilfe zu bitten, den individuell richtigen und geeigneten Weg zu finden. 
        Ob man dies tun möchte oder nicht, ist selbstverständlich jedem Menschen selbst zu überlassen.

        Eine solche Suche kann lange dauern . insbesondere dann, wenn man vom eigenen Naturell her dazu neigt, Dinge so lange zu hinterfragen, bis man sie wirklich meint verstanden zu haben. Für einige von uns endet diese Suche vielleicht nie in diesem Leben... ist der Weg ist das Ziel?



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        Noch eine kurze Fabel zum Begriff ‘Perspektive’:
        Der alte Fabeldichter Aesop saß eines Tages am Rand der Straße nach Athen, als ihn ein Reisender fragte: "Welche Art von Leuten leben denn in Athen?"
        Aesop entgegnete ihm: "Sagt mir erst, woher ihr kommt und was dort für Leute leben."
        Stirnrunzelnd sagte der Mann: "Ich komme von Argos. Die Menschen dort taugen nichts, sie sind Lügner, Diebe, ungerecht und streitsüchtig. Ich war froh, von dort wegzukommen."
        "Wie schade für Euch", antwortete Aesop, "dass Ihr die Leute in Athen nicht anders finden werdet."



        Gleich darauf kam ein anderer Reisender vorüber und stellte dieselbe Frage, und als Aesop sich auch bei ihm nach seiner Herkunft und den Bewohnern der Stadt erkundigte, meinte dieser: "Ich komme von Argos, wo alle Menschen sehr nett, freundlich, ehrbar und wahrhaftig sind. Ich habe sie wirklich ungern verlassen."
        Da lächelte Aesop und sagte: "Ihr werdet die Menschen in Athen ganz genauso finden."