Donnerstag, 19. Dezember 2013

NSA, Datenschutz und die EU-Diplomatie

Wie der Spiegel berichtet, will die EU die Amerikaner nicht mit harten Forderungen nerven...

Die moralische Entrüstung europäischer Politiker ist uns noch lebhaft in Erinnerung, nicht nur hierzulande (nachdem nicht nur Millionen Bürger, sondern vor allem die Kanzlerin ausgespäht worden war). Obwohl seitdem immer neuer Spionage-Enthüllungen bekannt wurden, achten die Europäer nun besonders auf eines - Obama-Regierung nur ja nicht mit 'überzogenen' Forderungen sauer zu fahren.


Der Brief, vor gut einer Woche von der litauischen Ratspräsidentschaft aufgesetzt (Titel "Beitrag der EU und ihrer Mitgliedstaaten im Kontext der von den USA vorgenommenen Überprüfung der Überwachungsprogramme") wurde von den Innen- und Justizministern abgesegnet und in die USA geschickt.

Das Schreiben lobt den in den USA eingeleiteten Überprüfungsprozess und äußert höflich-bittend drei Minimalforderungen:
  • die Privatsphäre von 'in der EU ansässige Personen' soll in den USA vergleichbar zu der von US-Bürgern geschützt werden, 
  • EU-Bürger sollen  wirksame Rechtsmittel gegen Spähmaßnahmen und Datensammlungen einlegen können,
  • Die USA sollen Eingriffe in Grundrechte von EU-Bürgern künftig auf Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit prüfen: Sie "werden ersucht, in Betracht zu ziehen, ob vergleichbare Grundsätze bei der Überprüfung von Nutzen sein könnten."
Und das war es auch schon. Keine Aufforderung, z.B. die nationalen Gesetze der Mitgliedstaaten einzuhalten - was von Merkel (zumindest für Deutschland) immer gefordert worden war. Im SPIEGEL heißt es:
"Europas Regierungen verlangen weder Aufklärung über bereits bekannt gewordenen Spähattacken noch das Ende der Abhörprogramme.
Das mag ja von einem gewissen Realismus zeugen: wozu die Amis verärgern und etwas fordern, das ohnehin niemals eintreten wird...
Doch was wird nun aus dem angedachten transatlantischen Datenabkommen? Dafür ist wohl die Europäische Kommission zuständig - aber die Impulse zu einem solchen Abkommen werden doch - wenn überhaupt - durch die Mitgliedstaaten gegeben. Anscheinend ist das Interesse von Europas Regierungschefs an dem Thema nicht sehr ausgeprägt. 

Womöglich fürchte man sich vor einem "europäischen Snowden", der in naher Zukunft die Spionageaktivitäten von EU-Mitgliedern enthüllen könnte - daher wolle man die Amerikaner wohl nicht zu hart angehen, kolportiert der SPIEGEL.

Es ist denkbar, dass auch Europas Nachrichtendienste einiges zu verbergen haben. Doch wie sollen die berechtigten Interessen der EU-Bürger geschützt werden -  die sich weiterhin fragen, was zielloses Datensammeln noch mit der stets vorgeschobenen Terrorbekämpfung zu tun hat...?
"Ob höfliche Schreiben dafür das richtige Mittel sind?"

Dienstag, 17. Dezember 2013

Boden-Ressourcen werden knapp: Droht ein Rückfall in vorindustrielle Zeiten?

Bericht an den Club of Rome: Die allmähliche Erschöpfung kostengünstiger mineralischer Bodenressourcen bedroht "die Zukunft des Wohlstands und des Wirtschaftssystems"...

Der Club of Rome ist eine "nichtkommerzielle Organisation, die einen globalen Gedankenaustausch zu verschiedenen internationalen politischen Fragen betreibt". Mit dem 1972 veröffentlichten Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' erlangte er große weltweite Beachtung. Seine Mitglieder sind ausgesuchte Ökonomen, Industrielle, Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens - wobei der Club multinational und multikulturell sein und alle Kulturen, Ideologien, Berufe und Wissenschaftszweige vertreten sein sollen.

Auch modernste Technologien können keine neuen Lagerstätten schaffen

In dem Bericht “Der geplünderte Planet – Die Zukunft des Menschen im Zeitalter
schwindender Ressourcen” thematisiert der Autor Ugo Bardi den Raubbau der Bodenschätze. Ungeachtet der großen Bedeutung von mineralischen Rohstoffe für "unseren Wohlstand" stoße deren Gewinnung an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit.
Bardi wurde im Juni 2013 in der ZEIT interviewt, sein Fazit: 
"Alle sollten wissen, dass Energie schon bald viel teurer wird."
Ein Blick auf meine Gas- und Strom-Rechnung der vergangenen drei Jahre scheint dies in vollem Umfang zu bestätigen (wenngleich die Ursachen dafür differenziert zu betrachten sind). Global betrachtet gehen die Bodenschätze zur Neige, die Bevölkerung wächst unkontrolliert und für die zunehmend kostenintensive Ausbeutung von Rohstoffen verschmutzen wir immer stärker die Umwelt. 
Bardi mahnt nicht von ungefähr einen tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft an, um eine 'düstere Zukunft' zu vermeiden - und meldet sogleich eigene Zweifel an, ob und wie solch ein Wandel zu schaffen sei. Der vorgelegte Bericht enthalte die Analyse eines internationalen Expertenteams zur Rohstoffsituation der Erde und zeige auf, wie sich die Art zu wirtschaften ändern muss, wenn wir den Lebensstandard halten wollen.

Derzeit bewege die Menschheit sich in einem Teufelskreis: Weltweit benötigte Bodenr
essourcen werden nicht von jetzt auf gleich aufgebraucht sein, aber sie werden immer knapper - und teurer. Insgesamt steht immer weniger Energie zur Verfügung - zugleich benötigen wir immer mehr davon, um die mineralischen Bodenschätze abzubauen."
Eines leuchtet ein: wenn der Energiebedarf zudehends steigt, ist es nicht gut von schwindenden Rohstoff abhängig zu sein. Die Verlagerung auf riskante Fördertechniken (z.B. Fracking) kann diese Problematik nur kurzfristig entschärfen, aber nicht lösen. 
Bardi: "Eine Wirtschaft darauf aufzubauen, ist auf Dauer kein tragfähiges Modell."
Denn neue Technologien sind stets aufwendig, deshalb können sie einen weltweit knappen Rohstoff kaum billiger machen.


Zu begrüßen sei eher die Energiewende in Deutschland, zumal die Rohstoffe für Windräder oder Solarzellen sind noch reichlich vorhanden - und damit nicht teuer - sind. 

Unser Energiesystem ist für fossile Energiequellen gemacht. Es lässt sich nur schwer an die Bedürfnisse der Erneuerbaren anzupassen. Derzeit ist Energie zu einem relativ günstigen Preis verfügbar, rund um die Uhr. Das wird nicht so bleiben.
Die Konsequenz: Die Menschheit werde akzeptieren müssen, dass Energie zu manchen Zeiten viel kostet und ihren Verbrauch daran anpassen.
"Es kann nicht alles zu jeder Zeit verfügbar sein."
Eben daran hat sich der mitteleuropäische Durchschnittskonsument aber gewöhnt, was durch die globalisierten Wirtschaftsstrukturen noch begünstigt wurde.  
Augenscheinlich wehrt sich unsere Gesellschaft gegen unangenehm spürbare Veränderungen; statt dessen akzeptiert sie die bislang noch als erträglich empfundene Kostensteigerungen, wenn auch murrend.
Bardi äußert die Befürchtung, das Ressourcenproblem könne weitaus schneller akut werden als erwartet - "vielleicht so schnell, dass der Wandel zum Schock wird":

"Dann bleibt den Leuten nichts anderes mehr übrig, als aufs Fahrrad umzusteigen oder zu Fuß zu gehen. Mit unserer Studie versuchen wir, die Leute jetzt schon zu warnen."
Das wäre vergleichsweise harmlos. Wenn ich in Betracht ziehe, wie viele unterschiedliche essenzielle Ressourcen in absehbarer Zeit zuende gehen (beispielsweise auch der landwirtschaftlich zwingend benötigte Phosphor), dann scheint selbst ein 'Durchblicker' wie Bardi davor zurück zu schrecken, den Menschen eine realistische Zukunkftsperspektive vor Augen zu führen. Noch beruhigt man sich damit, dass 'in den nächsten Jahren' die Ressourcenprobleme lösbar blieben. Aber was dann? 
Zuerst werden die hochwertigen Erzvorkommen zur Neige gehen, die den Bergbau erschwinglich und tragbar gemacht haben. Einige mineralische Rohstoffe sind aufgrund ihrer industriellen Verwendung besonders kritisch: "Es gibt keinen Ersatz für Platinmetalle in Fahrzeugkatalysatoren, Seltene Erden werden für Magnete benötigt und Gallium, Germanium und Indium sind unerlässlich für die Elektroindustrie." Die Vorräte dieser Rohstoffe könnten in naher Zukunft knapp werden. 
Ähnlich dürfte die Entwicklung beim Erdöl aussehen: Binnen 15 Jahren (oder früher, wie manche 'Experten' zu wissen glauben) wird das Maximum der konventionellen Ölförderung überschritten sein und das der anderen Öl- und Gaskategorien wird kurz darauf folgen.
Somit kann ich mir im Alter von knapp 50 Jahren ausrechnen, dass es noch zu meinen Lebzeiten hässlich wird. Doch steht zu erwarten (oder wenigstens zu hoffen), dass auch in 50 oder 100 Jahren noch mehrere Milliarden Menschen auf der Erde leben. Bis dahin wird nahezu alles knapp, sogar selbstverständliches wie Trinkwasser oder der Sand (Sand wird von der Allerwelts-Ware zum gesuchten Rohstoff...die Vorräte sollen aus heutiger Sicht noch 100 Jahre reichen, aber die Gewinnung wird schon jetzt immer aufwendiger!)
Nach einen Zusammenhang zwischen z.B. der Euro-Krise und der Ressourcenknappheit gefragt, bestätigt U. Bardi eine gegenwärtige Rohstoffkrise, die vom Finanzsystem noch verstärkt werde: Probleme haben Industrienationen, die auf Rohstoffimporte angewiesen sind. 


Sparsamkeit statt Wegwerfgesellschaft


Auch von Rohstoff-Recycling und -substitution verspricht sich Bardi nicht allzu viel: Es ist unausweichlich, dass die Menschheit an ökonomischen Fördergrenzen mancher nicht-erneuerbarer Ressourcen gelangt  und die Möglichkeiten von Recycling und Substitution sind begrenzt. 
"Wir haben keine Wahl, als uns auf die Knappheit der Ressourcen einzulassen. Entscheidend wird sein, wie schnell uns das gelingt."
Also ist der Fortbestand der Zivilisation gefährdet? Natürlich. Aber das ist nun keine neue Erkenntnis - sondern eine, die wir seit vielen Jahren verdrängen. 
"Durch den sparsamen Umgang mit dem, was übrig geblieben ist und mithilfe erneuerbarer Energien, kann die Zivilisation fortbestehen, sofern wir alle bereit sind, unsere verschwenderischen Gewohnheiten aufzugeben.“
Einzige denkbare Alternative wäre die beschleunigte Erschließung mineralischer Ressourcen außerhalb der Erde, etwa durch die Ausbeutung eines geeigneten Asteroiden. Doch lassen die technologischen Möglichkeiten wie auch breite Investitionen in die Erforschung des Weltraums noch auf sich warten...und billig werden solche Projekte sicher auch nicht sein.
Vor allem aber sieht es nicht so aus, als würden die Führer der 'großen Nationen' von ihrem militärischen (z.T. auch religiösen) Penisvergleich absehen, um endliche Ressourcen statt dessen darauf zu wenden, der Menschheit eine bessere Zukunftsperspektive zu eröffnen.-

Der SciFi-Film Interstellar (2014, Regie Christopher Nolan) liefert ein überraschend realistisches Bild der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts:
Die irdische Biosphäre ist dermaßen ausgedünnt und kaputt, ein Überleben der gesamten Menschheit über mehr als 1-2 Generationen fraglich. Die industrielle Zivilisation befindet sich im Niedergang; die stark dezimierte Menschheit konzentriert sich auf die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel. Deren Anbau wird durch Pflanzenkrankheiten, erosionsbedingte Staubstürme und generell sich verschlechternde Umweltbedingungen zusehends erschwert, bis schließlich nur noch eine einzige Getreidesorte (Mais) angebaut werden kann.

Gesamteindruck: Keine bildgewaltige Katastrophe, sondern Ödnis, Trägheit und langsames Dahinsterben. Damit endet der Film natürlich nicht, doch ich frage mich: sieht so die Realität für unsere Nachkommen aus?

Siehe auch:

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Richard Dawkins - Die Schöpfungslüge und Der Gotteswahn

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit einem knapp 60-minütigen Interview, welches sich um die Argumentation von Richard Dawkins zugunsten eines gott-losen Universums und der Evolutionslehre dreht?
Meines Erachtens ist es durchaus lehrreich zu beobachten, wie die Gegner zweier fundamentalistischer Lager aufeinander prallen. Beide Seiten erwecken den Eindruck, als werde die Frage nach Gott nahezu ausschließlich dadurch beantwortet, ob die seit Darwin beschriebene Evolution der Arten durch zufallsbedingte Mutation und anschließende Selektion durch bestehende Umweltbedingungen als Mechanismus zutrifft oder nicht. 

Diese Sichtweise 'Entweder-Gott-oder-Evolution' ist nicht sehr einleuchtend, denn eine solche Ausschließlichkeit ist nicht sachlich zu begründen - außer, man klammert sich an eine buchstabengenaue Interpretation der Bibel. Dann freilich landet man u.U. bei dem Junge-Erde-Kreationismus oder bei der Aussage, die Bibel sei von vorne bis hinten erfunden bzw. falsch überliefert.


Dawkin wendet sich primär gegen eine evangelikale, "extremistische" Minderheit. Ihm ist sicherlich insoweit beizupflichten, als es nicht Aufgabe der Theologie sein sollte, sich hinter jeder Vernunft widersprechenden, 'unantastbaren' Glaubensaussagen und  Dogmen zu verstecken. Doch wenn er religiösen Fanatismus als wesentliche Motivation für Terrorismus darstellt, liegt er meiner Ansicht nach falsch: Es ist ziemlich offensichtlich, dass Religion von mehreren Seiten zur Rechtfertigung politischer, patriotischer und sonstiger Ideologien missbraucht wird...


Die Naturwissenschaft tritt keineswegs die ersatzweise Nachfolge der Religion an; vielmehr ist es wesentlich, sowohl religöse als auch wissenschaftliche Dogmen zu hinterfragen - etwa die Vorstellung, dass die Wissenschaft schon die grundlegende Natur der Realität kenne und nur noch Details ergänzen bzw. präzisieren brauche. Dies ist ein Irrglaube, denn gerade die Kernfragen unserer Existenz (Entstehung von Leben und Materie) sind bis heute unbeantwortet.

Man macht es sich vor diesem Hintergrund zu einfach und verdrängt einen Teil der Wirklichkeit, wenn man den Glauben an eine höhere Wesenheit als eine kollektive "Zwangsneurose" abtut. Gleiches gilt natürlich für die unbewiesene und unbeweisbare Behauptung, das Schöpfungsgeschehen habe sich exakt so zugetragen wie in der Bibel oder im Koran geschildert.
"Durch die Konzentration auf das Materielle, was heute so viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt, verschließt sich uns immer mehr die geistige Dimension, die allein uns Orientierung geben kann." Prof. Hans-Peter Dürr
Für mich persönlich ist die Motivation 'missionarisch' auftretender Atheisten nicht leicht nachzuvollziehen. Sinngemäß besteht das Ziel der Loslösung von jeglicher Gottesvorstellung, Vertrauen zum eigenen Leben zu finden - sich damit dem Diesseits zu öffnen. Doch wie soll mehr Vertrauen entwickelt werden, indem man das Woher und das Wohin des eigenen Selbst für irrelevant erklärt - gefangen zwischen zufälliger Selbstorganisation und dem Tod als endgültigem Schlusspunkt?


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Sonntag, 1. Dezember 2013

Der restriktive Umgang der Euro-Politiker mit der Wahrheit



Der Fantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner vor anderen.
Friedrich Nietzsche


Wenn ein hochkarätiger Unternehmer wie Hans-Olaf Henkel sein Vorwort unter die Überschrift "Von Lügnern und Fantasten" stellt, verspricht sein Buch "Die Euro-Lügner" mindestens interessant zu werden.



Hans-Olaf Henkel (* 14.3.1940) ist ein deutscher Manager, Verbandsfunktionär und politischer Publizist. Er war Manager bei IBM, Präsident des BDI und Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.Henkel ist Mitglied der Aufsichtsräte von Bayer AG (Leverkusen), Continental AG (Hannover), Daimler Luft- und Raumfahrt AG (München), SMS GmbH (Düsseldorf), Ringier AG (Zofingen/Schweiz) und Heliad Equity Partners (Frankfurt/Zürich).

Seit November 2000 lehrt er als Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim und hält dort die Vorlesung „Management in einer globalisierten Welt". Henkel galt als
 überzeugter Anhänger des Euro und setzte mich als BDI-Präsident vehement für seine Einführung ein, da er die Vorteile für den Industriestandort Deutschland im Vordergrund sah.




Einmal Euro, immer Euro
Erst seit relativ kurzer Zeit werden in den Mainstream-Medien offen die Euro- Rettungsmaßnahmen kritisiert, welche ganze Nationen in Geiselhaft nehmen. Sogar an einer Kanzlerin wird Kritik geübt, die ihre fatalen Entscheidungen als alternativlos verkaufe. Doch beziehe sich solche Kritik allein auf die Rettungspakete, die ärgerliche Verschuldungsspirale sowie Angst vor zukünftiger Inflation- seltsamerweise jedoch nie auf den Euro selbst. Die Einheitswährung werde weiterhin mit geradezu sakrosankter Bedeutung befrachtet. Fast schon komisch: "Der Euro soll also bleiben. Doch die Maßnahmen, die sein Überleben garantieren sollen, nicht."

Eine widersprüchliche Haltung, denn ohne die Billionen-Bürgschaften gäbe es bald auch keinen Euro mehr. Henkel bezeichnet es als Euro-Schizophrenie, wenn man sich in Deutschland trotz aller Ängste mehrheitlich dem Euro-Dogma unterwerfe. 

'Fiat iustitia, et pereat mundus' bedeutet in diesem Kontext sinngemäß: Der Euro muss durchgesetzt werden, auch wenn Europa darüber zugrunde geht.
"Die Wahrheit ist, dass Europa nicht durch die Krise des Euro, sondern durch den Euro selbst bedroht ist."
Etwas weitschweifig, aber in der Sache treffend greift Henkel die mangelhafte Haushaltsdisziplin der Krisenländer innerhalb der Eurozone an. Und die Kanzlerin steckt Häme ein für ihre Aufspaltung von Politik in eine open agenda (= was man sagt, das man tun will) und eine hidden agenda (= was man anschließend tatsächlich tut - oder eben nicht tut, je nachdem).

Gelogen haben sie alle...
...beginnend damit, dass sie sich selbst etwas vormachten: wenn Politiker realisieren müssen, wie sehr ihre Wunschvorstellungen mit der Wirklichkeit kollidieren, ändern sie nicht etwa ihren Kurs (was unangenehme Konsequenzen hätte). Nein, sie versuchen mit allen Mitteln, "den Abgrund, der sich zwischen ihrer leidenschaftlichen Überzeugung und den deprimierenden Fakten aufgetan hat, mit Worten zu füllen".
Somit, so Henkel weiter, lügen sie in Bezug auf den Euro zwar für einen mutmaßlich guten Zweck - was aber am Tatbestand der Lüge nicht das geringste ändert. 

Doch was sagt die Tatsache von so vielen Unwahrheiten und Fantastereien in Bezug auf deren Gegenstand aus - also die Kunstwährung der Eurozone?

Kann ein politisches Ziel nur durch gezielte Unwahrheiten erreicht werden, so muss es um dieses Ziel schlecht bestellt sein. Dass in der Euro(pa)-Politik inzwischen der Zweck beinahe jedes Mittel heilige, komme einer machiavellistischen Rezeptur gleich - welche erst durch die Entlarvung der Griechen offenkundig geworden sei. Schon die Beitrittskriterien in die Euro-Zone seien bei mehreren Kandidaten zu lax gehandhabt worden - ganz zu schweigen von der Tatsache gefälschter Wirtschafts- und Finanzdaten.


Jean-Claude Juncker (2012)
Beginnend mit dem früheren Chef der Euro-Gruppe,Jean- Claude Juncker, schildert Henkel den Typus des Poli-tikers, dem zur Rettung des Euro jedes Mittel recht sei: etwa vollendete Tatsachen zu schaffen, sodass den Bürgern nichts übrig bleibt, als diese abzunicken. Wenn man ihnen denn überhaupt die Gelegenheit zum Abnicken gibt, was hierzulande bei dem ganzen ESM-Chaos wohlweislich vermieden wurde - obwohl es um nicht weniger als die Aufgabe der parlamentarischen Haushaltshoheit ging.



Für Juncker habe die Aufgabe eines Europapolitikers darin bestanden, gerade nicht zu tun, was sein Volk von ihm erwartete, sondern dieses Volk zu dem zu zwingen,
was er von ihm erwartet: die Aufgabe seiner Souveränität!

Besonders kritisch sieht Henkel, dass Juncker im Jahr 2010 als Patentlösung für die Eurokrise gemeinschaftliche Anleihen vorschlug, die sogenannten Euro-Bonds: 

Solche EU-Anleihen sind eine bislang nicht realisierte Form von Staatsanleihen in der der Eurozone: EU-Staaten würden gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen, die aufgenommenen Mittel unter sich aufteilen und gesamtschuldnerisch für die Rückzahlung und Zinsen dieser Schulden haften.
Mit anderen Worten: Die Nordstaaten der Euro-Zone, allen voran Deutschland, sollten für die Schulden der Südländer bürgen. Dadurch würden sich die Kapitalzinsen für die kreditwürdigen Staaten massiv erhöhen; während die 'bedürftigen' Länder von dem vergleichsweise geringeren Gemeinschaftszinssatz profitieren würden.
"...Konstruktionsfehler: Muss der Leistungsträger für die Schulden jener bürgen, die weniger Leistung bringen, fehlt für Letztere der Reiz, überhaupt noch Anstrengungen zu unternehmen."
Für die Empfänger von Leistungen wächst zugleich die Versuchung, weitere Schulden zu machen - die im ungünstigsten Falle ebenfalls von der Währungsgemeinschaft zu tragen sind. Zudem fühlt sich für vergemeinschaftete ('sozialisierte') Schulden am Ende niemand mehr verantwortlich. Doch die Gemeinschaftsschulden müssen letztlich bedient werden - und zwar durch jene Staaten, die am Ende eines so abenteuerlichen und unverantwortlichen Experimentes noch liquide sind. 
EU-Anleihen wurden bis heute nicht eingeführt, auch dank des heldenhaften und standhaften Vetos unserer Kanzlerin. Statt dessen wurde mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eine andere, etwas indirektere Form der gemeinschaftlichen Schuldenhaftung eingeführt. Nichts anderes ist es, wenn die gemeinschaftlich verantwortete EZB Unmengen potenziell wertloser Staatsanleihen der Staaten aufkauft, die nur auf diesem Wege vor der Pleite bewahrt werden können!

Von Juncker stamme auch die ungeheuerliche Anspielung Anfang 2013, dass 1913 das letzte echte Friedensjahr vor den beiden Weltkriegen war. Was wohl so viel heißen soll wie "Jahr 2013 könnte wiederum ein Vorkriegsjahr werden - und klar an die Adresse der europamüden Deutschen, gerichtet war, die sich zweimal gegen Europa gestellt und dafür totale Zerstörung und Inflation ernteten. Diese vergleichende Drohkulisse hinkte nun wirklich, doch er verfehlte seine einschüchternde Wirkung nicht. 

"Wenn ihr nicht spurt, gibt es wieder aufs Haupt!"
Sicher, dass es seit vielen Jahrzehnten keinen Krieg zwischen Europäern gab, ist weder Garantie noch Automatismus für die Zukunft, doch eine Zuspitzung währungspolitischer Dissenzen zu einem Krieg innerhalb Europas steht derzeit nicht zu erwarten.

In Bezug  auf Wolfgang Schäuble fürchtet Henkel, dass dessen unbeirrbares Sendungsbewusstsein und eurozentrische Weltsicht ihn für Deutschland regelrecht zur Gefahr werden lässt - der deutsche Finanzminister sich zu sehr um die Finanzen der

anderen Länder. Unvergessen sind Schäubles Worte 2011 der New York
Times
"Wir können eine politische Union nur erreichen, wenn wir eine Krise haben."
Rückblickend ließe sich manches in diese Aussage hinein interpretieren, doch die explizite Bedeutung lässt auch tief blicken: So eine Krise ist (für einen Politiker wie Schäuble) eigentlich eine gute Sache, zwingt sie doch die Menschen zur Annahme von
Beschlüssen wie zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas, die sie ohne Krise wohl zurückgewiesen hätten.

Hans-Olaf Henkel kommt unter der Überschrift 'Alles Lügner' nun an einen Punkt, den er sich m.E. besser geschenkt hätte: in einer umfänglichen Liste von Straftaten und persönlichen Bereicherungen charakterisiert er die Unredlichkeit führende Vertreter der Nehmerländer, "denen wir unsere Milliardenbürgschaften anvertrauen". Nun, hier handelt es sich nach wie vor um Einzelfälle, wenn auch nicht wenige. Es liegt kaum im Interesse der Deutschen, wenn sich Südeuropäer pauschal als korrupt und wenig integer beleidigt fühlen. Zwar halte ich Henkel zugute, dass er eine solche Generalisierung auch nicht beabsichtigt, doch Polemik steht ihm nicht weit weniger gut zu Gesicht als eine sachliche Analyse. Doch ich gebe zu, mit Polemik erreicht man mitunter mehr...

Die Kreditwürdigkeit der Empfängerländer hat ohnehin keine Relevanz, solange dieder hiesigen Politiker diese Form der Alimentierung von Fässern ohne Boden als alternativlos erachten. Dies ist allerdings der einzige Punkt in Henkels Buch, der mir so gar nicht gefallen will. Traurigerweise nehmen die faktischen Belege kein Ende, dass für die Politik in Sachen Euro "die Wahrheit ein viel zu fragiles Gut ist, um sie der breiten Masse anzuvertrauen." 
Ergänzend ist hier noch anzumerken, dass es nicht allein um Ersparnisse und Wirtschaftsleistung der Deutschen geht, sondern um das Wohlergehen aller europäischen Bürger! Dies wird durch Win-Win-Situationen weitaus besser realisiert als durch eine hintenrum erzwungene Transferunion!

Den Beweis dafür, dass der Souverän dieses Landes (ich meine das Volk, nicht die Banken und Kapitaleigner) systematisch belogen wird, bleibt Henkel nicht schuldig - im Gegenteil: nach ca. zweihundert Seiten war ich versucht, das Buch aus der Hand zu legen, denn mir reichte es buchstäblich. 
  • Als 2010 das erste Rettungspaket für Griechenland beschlossen wurde – lumpige 110 Milliarden Euro –, ließ man die Bürger in dem Glauben, es sei auch das letzte...von wegen. Wieder und wieder diesen Anschein zu erwecken, entpuppte sich als Salamitaktik, bei der die Wahrheit nur scheibchenweise ans Licht kommt: Das zweite Griechenland-Paket belief sich auf die 164 Milliarden €, gefolgt von Kredithilfen an Irland mit 85 Milliarden €, an Portugal mit 78 Milliarden €und rund 40 Milliarden Euro für Spanien. Das Tragische: selbst nach diesen horrenden Summen ist ein Ende nicht abzusehen....
  • Die geplante EU-Bankenaufsicht sieht Henkel als Bankenunion 1) durch die Hintertür, die deutsche Spareinlagen (insbesondere bei Sparkassen und Genossenschafts-banken, die sich wenig an der ausufernden Zockerei beteiligt und so hohe Einlagen erwirtschaftet hätten, vgl. Euro-Retter schielen auf den Schatz der Sparkassen) der europäischen Idee opfern ohne die Betroffenen darüber ausreichend zu informieren, geschweige denn ihnen die Möglichkeit zu geben, dagegen zu votieren...
    Bereits 
     im Mai 2013 hatte Junckers Nachfolger Jeroen Dijsselbloem eine "einheitliche europäische Einlagensicherung" gefordert, denn eine Bankenunion sei langfristig ohne gemeinsamen Einlagensicherungsfonds nicht vollständig. Auch Henkel räumt ein, dass die fortgesetzte Rettung  südeuropäischer Banken (und damit des Euro) nur mit einer gemeinschaftlichen Einlagensicherung denkbar sei.
  • Die Bereitschaft von EZB-Präsident Mario Draghi, zur Not unbegrenzt Staatsanleihen aus Schuldnerstaaten aufzukaufen, erweist sich als riskante Zeitverschiebung des Schuldenproblems. Sobald diese Staatsanleihen, die ins Eigentum der EZB übergehen sind, sich endgültig  als wertlos erweisen, "gibt es keine Rettung mehr."
Henkel nennt dieses Gebaren eine "Verteilungsaktion deutscher Ersparnisse", die im rechtsfreien Raum stattfinde und bei der die Empfänger werden zu wenig oder zu nichts verpflichtet würde. Ist dies so? Schließlich ist da doch die sogenannte Troika aus EU, EZB und IWF - ein "reisendes Schnellgericht", das keinerlei demokratische Legitimation besitzt, aber den Nehmerländern drakonische (und verpuffende) Sparziele diktiert.


Ein Ausweg aus dem 'Schneeballsystem' Euro

Das systematische Verschweigen der Wahrheit über Euro und Rettungsschirme lege 
Verdacht nahe, es handle sich um eine Verschwörung - in dem Sinne, dass Doch wenn
eine Gruppe von Menschen sich heimlich verabredete, etwas Unrechtes zu planen und
durchzuführen. Der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl ging bereits 2010 davon aus, dass Krisenszenarien von den Politikern bewusst aufgebaut würden, um ihre fragwürdigen Entscheidungen konsensfähig zu machen. Zumindest auf Juncker, Schäuble und Merkel trifft diese Annahme offensichtlich zu. 
Man kann Henkel nur zustimmen: Es zeugt von Zynismus, die Bürger mit bewusst ausgelösten Szenarien zu ängstigen und ihre Verlust- und Zukunftsängste zu instrumentalisieren.

Den Ausgangspunkt der 'Euro-Verschwörung' habe eine Lüge gebildet, die eine spezielle Eigendynamik entfaltete und so weitere Umgehungen der Wahrheit nach sich zog. Das Resultat: ein fragiles Ideenkonstrukt wurde für eine wachsende Zahl von Mitläufern zum unbezweifelbaren Dogma.

"Eine Lüge ist wie ein Schneeball - je länger man ihn wälzt, umso größer wird er.Martin Luther
Dieses Zitat drängt mich förmlich auf die Idee, den Euro mit einem dieser Schneeballsysteme zu vergleichen, die schon viele Leute um ihre gesamten Ersparnisse brachten. Tatsächlich habe sich der 'Euro-Schneeball' verselbstständigt und nun "walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt". Parallel hat der Euro sehr der Euro auch in anderen Nicht-Euroländern seine einstige Attraktivität eingebüßt - zumindest auf absehbare Zeit.
"Heute entschuldige ich mich bei den Deutschen dafür, damals für eine Währung geworben zu haben, von der ich heute weiß, dass sie nicht nur unserem Land, sondern ganz Europa sehr viel mehr schadet als nützt."
Henkels Lösungsansatz: er schlägt vor, dass sich die wirtschaftsstarken nördlichen Euroländer, vom Einheits-Euro ab- und dem neu zu schaffenden Nord-Euro zuwenden. Diese Neustrukturierung hätte zwar den Nachteil, dass diese Staaten einen Großteil der gewährten Garantien und
Kredite ausbuchen müssten; deren Höhe beziffert er mit etwa 300 Milliarden €, Tendenz steigend.
Doch auf diesem Wege würde ein, wenn auch schmerzhafter Reset ermöglicht, der sowohl dem Norden als auch dem Süden Europas zu einer positiveren Zukunftsaussicht verhelfen könnte als der derzeitige 'Euro-Morast'...


Anmerkungen

  1. Als Europäische Bankenunion bezeichnet man die im Zuge der Eurokrise gemachten Vorschläge für eine zentrale und gemeinsame Verantwortung für die Finanzmarktaufsicht, die Einlagensicherung und die Sanierung oder Abwicklung von Kreditinstituten innerhalb der Europäischen Union. Konkret werden damit unterschiedliche Maßnahmen gemeint: 
  • eine Finanzaufsichtsbehörde mit Entscheidungsmacht für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, 
  • ein Zusammenschluss aller nationalstaatlichen Systeme der Einlagensicherung der Banken, 
  • die Möglichkeit, Finanzhilfen aus dem Rettungsfonds Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) direkt an angeschlagene Kreditinstitute zu vergeben, anstatt diese an Staaten zu leisten.

Mittwoch, 27. November 2013

Höhenflug des DAX: "50.000 Punkte sind gewiss"

Ein “Allzeit-Hoch” des Deutschen Aktienindex DAX jagt das nächste – dabei ist es offensichtlich, dass die Börsenindizes vor allem dadurch künstlich in die Höhe getrieben werden, dass die Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld fluten. In den USA soll damit die Wirtschaft angekurbelt werden; und in Europa soll m.E. eine impotente Einheitswährung künstlich am Leben erhalten werden.
“Anleger setzen vor allem auf die laxe Geldpolitik der Notenbanken. Bleibt das Geld billig, kann es auch weiter an die Börse fließen.“ Stefan Wolf, Das Börsenblog
Die Vorgehensweise der Notenbanken impliziert spätestens mittelfristig große Unsicherheiten, welche auch die Anleger erfassen: Sogar begeisterte Börsianer fragen sich, wann der Absturz an den Börsen beginnt – spätestens dann, wenn die Notenbanken den Geldhahn zudrehen. Selbst wenn dies wie angekündigt ‘behutsam’ geschieht, dürfte eine negative Trendwende forciert werden.
Schon der gestärkte US-Arbeitsmarkt schien die deutschen Aktien zum Ende der 2. Novemberwoche in ihrem Höhenflug zu stoppen: die positiven Nachrichten erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass US-Geldpolitik alsbald gestrafft werde.
Klar ist: um so tiefer der Sturz von  DAX und Co. (in absehbarer Zeit) ausfällt, um so dramatischer ist die Menge des Geldes, dass dadurch verbrannt wird. Ein solcher Absturz ist noch nicht so lange her: Vor sechs Jahren hatte der DAX die 8.000-Punkte-Marke überwunden, die Wirtschaft schien in einer robusten Aufschwungphase und die geplatzte Internetblase war längst vergessen. Mit an Größenwahnsinn grenzendem Optimismus gaben mehrere Bankhäuser damals das kurzfristige Kursziel “10.000 plus x” für den DAX aus. Dann wurden (nicht allein) die Börsenplayer von der Immobilienkrise in den USA überrascht, deren Folgen bis heute noch nicht ausgestanden sind. . Die Nachbeben erschüttern die Finanzwelt bis heute, wenn auch mit nachlassender Vehemenz.

Apropos Größenwahn:

Nachdem der DAX  nunmehr die 9.000-Punkte-Hürde locker überwunden hat, gab der Analyst Joachim Goldberg ein Ziel von 50.000 Punkten (!) aus – allerdings ohne einen zeitlichen Horizont zu nennen. Auf sehr langfristige Sucht dürfte sich diese Vorhersage zwar bewahrheiten – auf die Gier der Menschen (zu lasten von Arbeitnehmern in vielen auf Profitmaximierung gepolten Aktiengesell-schaften) ist stets Verlass - doch was geschieht dazwischen? 

Dieter Neumann ("Trader, Broker, Börsen – Milliarden Gewinne") spricht von einem irregulären Kaufrausch ist sich dennoch sicher:

"Das große Heulen und Zähneklappern beginnt sobald die Kurse purzeln." 
Im Grunde könnte der DAX schon mal in ‘Ikarus’ umbenannt werden, dessen Flugerlebnis er früher oder später wiederholen wird…jedenfalls erfüllt der momentane 'Rekord-Höhenflug' an den Börsen (auch) mich mit großer Sorge.
Wenigstens die deutschen Automibilhersteller müssen sich kaum große Sorgen machen: kommt eine neue Krise, haben sie zwar wenig Rücklagen (denn sie zahlen ihren Kapitalgebern laufend hohe Zinsen und Renditen) - aber sie fordern dann erneute Abwrackprämien...

Samstag, 23. November 2013

Epigenetische Prägung - Vererbung ist mehr als die Summe der Gene

Prof. Dr. Johannes Huber im Gespräch


Die Epigenetik befasst sich mit Eigenschaften von Organismen und Zellen, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA eines Lebewesens festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.
Sondern Schaltermoleküle, Eiweiße und andere Signalstoffe der Zelle bestimmen, ob und wann Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Diese epigenetischen Veränderungen steuern die Krebsentstehung, verursachen Probleme in der Stammzelltherapie und beim Klonen und bestimmen, welche Eigenschaften vom Vater und welche von der Mutter vererbt werden.

Professor Huber geht vor allem auf epigenetische Mechanismen ein, die bereits während der Schwangerschaft zum Tragen kommen und bestimmte Eigenschaften des werdenden Kindes ein erheblichem Ausmaß beeinflussen. Vor diesem Hintergrund kommt nicht nur der körperlichen, sondern auch der seelischen Wohlergehen der Frau während der Schwangerschaft eine besondere Bedeutung zu.

Die schwangere Frau sei vor Stress, Mobbing und ähnlichen Belastung zu schützen, weil solche Stress-Situationen weitervererben sich und so auf die spätere seelische Gesundheit des Kindes auswirken.

Auch in der Krebsforschung spielt die Epigenetik eine wachsende Rolle: Im Laufe des Alterungsprozesses ermöglichen epigenetische Veränderungen den Zellen, auf Umweltveränderungen und Einflüsse zu reagieren, ohne dass die DNA selber geändert werden muss. Diese Anpassung kann notwendig sein, doch entstehen auch viele Krebsarten unter anderem dadurch, dass die Gene für wichtige Reparaturenzyme oder Schutzmechanismen epigenetisch ausgeschaltet werden.

Bei aller Einsicht in solche Prägungsvorgänge wird man m.E. achtgeben müssen, dass die Eigenverantwortung des Individuums keine übermäßige Bagatellisierung erfährt. Ich denke da an Justiz und Strafvollzug - schon heute nehme ich mit Unverständnis zur Kenntnis, dass Täter nach Begehung einer schweren Straftat mehr öffentliche Zuwendung und Unterstützung zu erhalten scheinen als deren Opfer. Mich würde nicht wundern, wenn in fünf oder zehn Jahren die ersten findigen Rechtsanwälte den Versuch unternähmen, unter Verweis auf die epigenetische Schädigung eines Mandanten ein milderes Urteil für diesen zu erwirken.




Freitag, 22. November 2013

Universum ohne Gott?

 Philosophisches Quartett vom 28.11.2010

UFOs und staatlicher Kontrollwahn - ein konstruierter Zusammenhang?

Seit dem ‘Bekanntwerden’ der für unsere Politelite scheinbar überraschenden Fakten über die Bespitzelung und Kontrolle durch ausländische Geheimdienste stelle ich mir des öfteren die Frage: Wozu der ganze Aufwand?
Die Zielgruppen der Ausspähung machen deutlich: um Terrorbekämpfung geht es dabei kaum, jedenfalls nicht in erster Linie. Oder geht Angie heimlich destruktiven Bastelfreuden nach? ...bestimmt nicht.

Was kann es sonst für einen Anlass geben, um mit beträchtlichem Aufwand und um den Preis weltweiten Sympathieverlustes alles und jeden zu kontrollieren – in einem Ausmaß, das wir Normalbürger niemals ganz erahnen?
Verschleierung, Geheimniskrämerei, Manipulation und Kontrolle wachsen auf einem Holz; und es muss wohl ein außerordentlich brisantes Thema sein, mit einer ungeheuren Sprengkraft für den Bestand der gegenwärtigen Macht- und Kapitalstrukturen, um den gewaltigen Einsatz von AI, Ressourcen und Humankapital aus der Sicht derer zu rechtfertigen, die dafür verantwortlich sind. Was könnte das sein? 

In jedem Fall wird es um ein auch zukünftig sehr bedeutsames Thema gehen müssen – das die Menschheit nichtsdestoweniger schon seit vielen Jahrzehnten umtreibt. Hier tehen zugegebenermaßen mehrere zur Auswahl: verborgene militärische Potenziale, politische und soziale Transformationen usw. Meines Erachtens geht es um die Gestaltung des Weltbildes, also des alles umfassenden Paradigmas mit Konsequenzen für alle genannten und weitere Bereiche.
Den Ausgangspunkt könnte eine gefundene Antwort auf die Frage bilden: Sind wir allein im Universum? Sollte diese Antwort jemals gefunden (und der unvorbereiteten Öffentlichkeit bekannt werden), hätte dies gravierendste Auswirkungen für die gesamte Menschheit.
Richard Dolan hielt am 2. Mai 2013 folgende Rede globalen UFO-Phänomen auf dem diesbezüglichen ‘Citizen Hearing’:



Einige Statements daraus möchte ich nachfolgend aufgreifen:
"In meinen Augen stellen die Enthüllungen zu den Themen UFOs und ETs ein Paradoxon dar. Sie sind unmöglich – und doch unvermeidlich. … Etwas wird den Präsidenten zum Handeln zwingen. Er oder sie wird schließlich die lang erwartete Pressekonferenz abhalten und die Bombe platzen lassen, indem er etwas sagt wie: 
“Ich wurde vom Nationalen Sicherheitsrat und der Führung unseres Geheimdiensts darüber unterrichtet, dass etwas Wahres an den UFO-Phänomenen ist – dass manche UFOs tatsächlich physische Flugzeuge sind, die von keiner auf Erden bekannten Zivilisation hergestellt wurden.“
Die wirkliche Frage lautet: Was kommt jetzt? Wer sind diese Wesen sind und was sind ihre Absichten in Bezug auf die Erde bzw. die Menschheit? Sehr sehr schwer zu beantwortende Fragen – und was geschieht, “wenn so eine Antwort Informationen enthält, die zutiefst erschütternd sind?” 
"Die Absichten nicht-menschlicher Besucher zu erraten könne zu dem Resultat führen, dass einige von ihnen sich nicht besonders für die Menschheit interessieren."
Dolan sieht Anzeichen dafür, dass schon ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Nachforschung dem Einfluss des Geheimdienstes unterliegt. Es klingt wie schlechte Science Fiction vom Bahnhofskiosk, aber mal ehrlich: ist es so undenkbar, dass die eingangs erwähnten Geheimdienste mit ‘ihnen’ kooperieren würden oder zur Kooperation gezwungen wären
Denkt man dieses Szenario auch nur für fünf Minuten weiter, ergeben sich erschreckende Implikationen in Bezug auf die Geschichte der letzten 50 oder 80 Jahre. 

Persönlich enthalte ich mich solchen Gedankenspielen, denn sie verursachen schlechte Stimmung und haben – bis heute – keine erkennbare Grundlage außer Spekulationen und verschwommene Fotos (jedenfalls habe ich noch kein UFO gesehen und bin auch nicht besonders scharf darauf).


Gerade im Internet lassen sich ausufernde Spekulationen nicht unter Kontrolle halten. Das ist aber auch nicht notwendig – solange aus ihnen keine Gewissheit wird, sondern ihnen stets ein dubioser Anschein anhaftet. Ist es so unvorstellbar, dass die hektische Ablenkungs- und Kontrollmaschinerie (unter anderem) genau dafür sorgen soll?

"…der Moment der Enthüllung wird der Öffentlichkeit vermutlich nicht die gewünschten Informationen über die Absichten der Aliens bescheren. Und das ist nur der Anfang der Probleme."
Gerade in diesem Punkt werden die Meinungen weit auseinander gehen – soweit, dass heftige Konflikte entstehen können. Gleichzeitig wird es Versuche geben, die Angst und das Misstrauen vor ‘Aliens’ zu instrumentalisieren: noch mehr Sicherheit und bessere Waffentechnologie müssen angeblich her - obwohl jede zur interstellaren Raumfahrt befähigte Zivilisation sich aller Wahrscheinlichkeit darüber scheckig lacht …oder eventuell provoziert fühlt.

Eine frühe und offensichtliche Frage mit weitreichenden politischen Auswirkungen wird lauten: „Wie haben Sie es geschafft, diese Informationen so lange Zeit geheim zu halten?“

Nun ja, Dolan beschreibt hinlänglich, wie alle gesellschaftlichen Bereiche gegen real existierende UFOs in Stelling gebracht wurden: der Gesellschaft wurde gesagt, es seien definitiv keine ETs oder Aliens hier.
"...eine Einstellung, die sich durch alle größeren Institutionen zieht. Durch unsere Bildungseinrichtungen von Grundschule über Universitäten bis hin zu postdoktoralen Ebenen. Durch unsere ganzen großen Nachrichtenagenturen, wo ein offen bekannter Glaube an UFOs eine Gefahr für die Karriere darstellt. Und natürlich durch unser wissenschaftliches Establishment und unsere politischen Strukturen."
Hier bahnt sich allerdings ein Wandel an, langsam lockert sich die verordnete Tabuisierung des UFO-Themas – notgedrungen, nachdem auch frühere Mitglieder von Regierungsorganisationen mehrerer Länder von persönlich erlebten Sichtungen berichtet haben. Auch setzt sich nach der Auffindung von 500 plus X Exoplaneten allmählich die Ansicht durch, dass es weitere potenziell bewohnbare Planeten in unserer relativen Nähe geben dürfte. Damit ist die Wahrscheinlichkeit bzw. deren Akzeptanz gewachsen, dass wir nicht allein sind.



HST-Aufnahme von Staubscheibe und Exoplanet 
(s. Einblendung rechts unten) um den Stern Fomalhaut

Dolan geht davon aus, dass die Menschen deutlich erkennen werden, wie "der nationale Sicherheitsapparat eine globale Kultur erschaffen hat, in der die Wahrheit unterdrückt wird". Als Folge davon werden Forscher untersuchen, wie die Glaubwürdigkeit all dieser Institutionen sowie unser Verständnis von Wahrheit untergraben worden sei - und für die "UFO-Vertuschung" verantwortlich sei.

Sicher, die Machtstrukturen werden kritisch hinterfragt werden, noch kritischer und drängender als bislang. Doch eine Enthüllung von solcher Tragweite hätte auch eine ungeheure Eigendynamik – sodass die unabänderliche Vergangenheit womöglich weniger im Fokus wäre.

Ob also so ein umfassender “kultureller und institutioneller Hausputz” stattfinden würde, bezweifle ich. Die Maschinerie der Heimlichkeiten und der Kontrolle besteht ja auf internationaler Ebene fort und deren Methoden werden nicht über Nacht ihre Wirksamkeit einbüßen.
"Es wird ein Moment sein, in dem die Welt sieht und erkennt, dass der Kaiser tatsächlich keine Kleider trägt. Die politischen Konsequenzen werden enorm sei…"
Das sehe ich anders. Die Kaiser haben ihre Kleider längst verkauft; wer dies jetzt nicht sehen will, wird es auch nicht wahrhaben wollen, sobald UFOs wie selbstverständlich am Himmel kreisen.
Das wirkliche Thema in der unmittelbaren Zeit nach den Enthüllungen wird sein: Wer kontrolliert den weiteren Verlauf dieser Story?

Es ist tatsächlich davon auszugehen, dass die Informationen von der anderen Seite so sparsam als möglich ausgegeben werden. Die PR-Leute der Regierungen werden die Situation unter 'nationalen Sicherheitsinteressen' weiterhin zu kontrollieren versuchen. Dennoch liegt Dolan mit der absehbaren Veränderung richtig:

"Doch dieses Mal könnten unabhängige UFO-Forscher ein öffentliches Gehör finden wie niemals zuvor. Wenn die offiziellen Sprecher irreführende oder falsche Statements abgeben, werden es unabhängige Forscher in der Zeit nach den Enthüllungen viel leichter haben, dies aufzuzeigen."
Allerdings wird die Welt vermutlich nicht nur zuhören. Sondern vielfältige Gestaltungsabsichten (z.B. der Raelisten und anderer sektenartiger Vereinigungen) erhalte rasenden Zulauf, während die bisherigen gesellschaftlichen Meinungspole sich radikalisieren werden.
"Wie sich alles entwickelt, wird die Zeit zeigen. Es gibt noch so viele andere Probleme ..."
Wohl wahr - Probleme haben wir mehr als genug: Raubbau an der Ökologie des Planeten, globale Finanzen, Energie und Krieg - aber auch kulturelle Auseinandersetzungen und ein wachsendes Gefälle zwischen reichen Minderheiten und verarmten Massen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir Menschen uns selbst zerstören, bevor etwaige Außerirdische uns kontaktieren oder ihre Anwesenheit bewiesen wird. 

Dolan äußert die Erwartung, dass im Zuge dieser UFO-Enthüllung durch die Regierungen endlich Fragen und Belange aller Menschen beantwortet werden anstatt nur jene einer kleinen Elite - durch Erhöhung des öffentlichen Drucks "von ganz unten ...  während wir in eine neue, bessere und reifere Phase unserer Existenz eintreten".


Dafür sehe ich keinerlei Anzeichen - hätte aber nichts dagegen, dass Optimisten wie Dolan Recht behalten...



***

Mittwoch, 20. November 2013

Wie entstand der Konflikt zwischen Israel/den Juden und den Arabern/dem Islam?

Bislang hatte ich angenommen, der Konflikt zwischen Juden und Muslimen sei seit Gründung des Staates Israel 1948 eskaliert - ein Irrtum.


Ausgangslage


In den großen christlichen Kirchen trat die Rolle und Botschaft Jesu als Messias in den Vordergrund, demgegenüber wurde das Alte Testament in seiner Bedeutung relativiert. Dies hatte zur Folge, dass die von den Propheten des A.T. ausgesprochene Verheissung bezüglich Israels in der Endzeit als weniger bedeutsam wahrgenommen wurde. Die christlichen Kirchen (evtl. mit Ausnahme der orthodoxen Kirche?) lehnen die heilsgeschichtliche Deutung des jüdischen Volkes und damit des Staates Israel ab.

Die evangelisch geprägten, angelsächsischen Länder hingegen erkennen Israels Erwählung durch Gott, wie sie das A.T. lehrt, an. Auch deshalb ist heute die USA der wichtigste Verbündete Israels. Die deutsche Politik setzt sich seit Bestehen der Bundesrepublik für das Existenzrecht Israels ein, allerdings eher aus Staatsräson eingedenk der Verbrechen des Nazi-Regimes. Die beiden großen Kirchen stehen dem Staat Israel weiterhin distanziert gegenüber; hier klingen hinter vorgehaltener Hand bis heute die alten, dummen Ressentiments an (von wegen, die Juden hätten schließlich Christus gekreuzigt - was schon historisch unzutreffend ist).



Verhältnis des Islam zu den übrigen Buchreligionen


Im Koran werden Juden und Christen zwar geduldet - aber zu Schutzbefohlenen (Dhimmi) degradiert, weil sie die letzte Offenbarung Gottes im Koran nicht anerkennen. Ihnen wird die sog. Dschizya (arabisch ‏جزية‎), eine Kopfsteuer auferlegt. Auch mussten sie eine Reihe von Verboten und Einschränkungen erdulden, waren aber keiner Gefahr an Eigentum und Leben ausgesetzt und sie durften sie ihren Glauben sowohl behalten als auch ausüben. 
Man kann durchaus von einer gewissen Nähe zwischen Judentum und Islam sprechen, da sich nicht sowohl ihre Glaubensvorstellungen als auch ihre Riten (Beschneidung, tägliche Gebete, Reinheitsregeln) ähneln. Zweifelsohne waren die christlichen Kirche für die Juden bis Ende des 19. Jahrhunderts eine weit größere Bedrohung als der Islam, denn sie erzwang z.T. mit Gewalt die Bekehrung der Juden zum christlichen Glauben drängte, wodurch tausende Juden als Märtyrer starben.

Freilich gingen die verschiedenen islamischen Richtungen unterschiedlich mit den Juden um: ab dem Ende des 11. Jahrhunderts eroberten Almoraviden, fundamentale muslimische Berber, Andalusien und später Nordafrika von ihren Glaubensgenossen. Dort ansässige Juden wurden vor die Alternative 'Konvertierung zum Islam oder Tod' gestellt; viele von ihnen migrierten ab dem 15. Jahrhundert in das neu gegründete Osmanische reich, das zwar auch muslimisch, aber wesentlich moderater war.-




Konfliktherd Palästina



In Palästina ließen mehrere Einwanderungswellen seit Ende des 19. Jahrhunderts den jüdischen Bevölkerungsanteil von fünf Prozent (1882) auf 11,1 Prozent (1922) bzw. 30,6 Prozent (1945) anwachsen.

Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die auf die Errichtung und den Erhalt eines jüdischen Nationalstaats in Palästina abzielt. Als "Vater des politischen Zionismus" gilt Theodor Herzl, der Initiator und erste Präsident der 1897 in Basel gegründeten Zionistischen Weltorganisation (ZWO). Das Baseler Programm - bis 1948 Leitlinie zionistischen Wirkens - verkündete als zentrales Ziel die "Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina".




Palästina (Cisjordanien und Transjordanien) um 1922


Diesbezüglich dominierte die Auffassung, das jüdische Volk müsse sich durch körperliche Arbeit und Urbarmachung des Bodens ein Recht auf Palästina erwerben. Folglich 
gründeten die Einwanderer landwirtschaftliche Kollektivsiedlungen (Kibbuzim), organisierten jüdische Arbeitskräfte in der Gewerkschaft Histadrut und riefen militärische Organisationen zum Schutz der neu angelegten Siedlungen ins Leben. Ende 1946 betrug der jüdische Landbesitz in Palästina 11 Prozent der kultivierbaren und 20 Prozent der kultivierten Fläche.

Bereits früh waren die zionistisch motivierten Einwanderer in Konflikt mit der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung geraten. Doch zum entschiedensten Gegner der Juden und vor später des Staates Israel wurden die Araber vor etwa 100 Jahren - mit der sog.  Balfour-Deklaration:

In dieser Deklaration vom 2.11.1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden mit den zionistischen Bestrebungen, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten. Dabei sollten die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben.1)  
Zum damaligen Zeitpunkt befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Beginnend mit der Eroberung von Beerscheba am 31.10.1917 unter dem britischen General Edmund Allenby wurde die Eroberung Palästinas durch britische Truppen wurde bis Dezember 1917 faktisch vollzogen. 
Die britische Balfour-Deklaration war an die Führer der zionistischen Weltorganisation gerichtet. Sie gilt als eine entscheidende Garantieerklärung an den Zionismus, in Palästina eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ errichten zu dürfen.


14. Mai 1948: David Ben Gurion proklamiert den 
Staat Israel unter einem Porträt Theodor Herzls.


Am 24. Juli 1922 wurde die Deklaration in das Völkerbundsmandat für Palästina aufgenommen (und so international anerkannt), das die Bedingungen für die einstweilige Übernahme der Verwaltung des Landes durch Großbritannien mit Rücksicht auf seine jüdische und arabische Bevölkerung festlegte. Die Errichtung des unabhängigen Staates Israel im Mai 1948 ist insoweit mittelbar eine Folge der Balfour-Deklaration.
Bald begann sich in arabisch-nationalistischen Kreisen Widerstand gegen die britische Politik und die Einwanderer zu organisieren. Im April 1920 kam es erstmals zu größeren Ausschreitungen. Ein arabischer Mob plünderte Geschäfte in Jerusalem und tötete und verletzte jüdische Anwohner. Die britischen Truppen unterbanden die Unruhen nicht. Trotz der vorangegangenen Verhandlungen mit arabischen Persönlichkeiten zeichnete sich nicht nur ein starker arabischer Widerstand gegen die Errichtung eines jüdischen Staates ab, sondern die völlige Ablehnung einer jüdischen Heimstätte (auf 'arabischem' Territorium). 
'Haus des Islams' und 'Haus des Krieges'
  • Der islamische Rechtsbegriff Dār al-Islām ('Haus des Islams‘) bezeichnet alle Gebiete unter muslimischer Herrschaft. Gegenbegriff ist Dār al-Ḥarb („Haus des Krieges“). Der Begriff geht auf keine Textstelle im Koran oder in der Sunna zurück - er ist vielmehr eine Auslegung von Rechtsgelehrten: Gebiete, die nicht von der Umma kontrolliert werden, gelten als Dār al-Ḥarb.
Aus politischen und ideologischen Gründen wird der Dār al-Islām auch als Dār as-Salām („Haus des Friedens“) bezeichnet. Die Bewohner des Dār al-Islām sind entweder Muslime oder aber so genannte Dhimmis (s.o.), also Schutzbefohlene minderen Rechts. Nicht-Muslime aus dem Dār al-Ḥarb müssen einen zeitweiligen Schutzvertrag (Aman) abschließen, wenn sie den Dār al-Islām betreten wollen, da sie als so genannte Ḥarbīs sonst keinerlei Rechte hätten, nicht einmal das Recht auf Leben. Nach klassischer Lehre dürfen Polytheisten im Dār al-Islām dazu gezwungen werden, den Islam anzunehmen. 
  • Dār al-Harb ‏(wörtlich übersetzt „Haus des Krieges" oder besser: „Gebiet des Krieges“) bezeichnet alle nicht unter islamischer Herrschaft stehenden Gebiete der Welt, die kein Dār-al-ahd (Gebiet des Vertrages) sind.
Kriegszüge gegen die Dār al-Harb werden aus traditioneller Sicht des Islam nicht als Kriege betrachtet und deshalb auch nicht als Kriege bezeichnet, sondern als „Öffnungen“ (‏für den Islam). Nach traditioneller islamischer Auffassung kann es keinen Salām („Frieden“) mit der Dār al-Harb geben, sondern nur eine zeitlich begrenzte Hudna („Waffenstillstand“). 
Der traditionelle Islam folgt also dem Grundsatz, dass ein für den Islam erobertes Territorium nicht mehr preisgegeben werden darf. Die zionistischen Bestrebungen schlossen "sogar" Jerusalem ein - für die Muslime nach Mekka und Medina der drittheiligste Ort, dessen muslimischer Charakter sie unbedingt gewahrt wissen wollen. In in den Augen vieler fundamental denkender Muslime hat der jüdische Staat keine Existenzberechtigung; nicht wenige fordern allen Ernstes seine Zerstörung. Denkbar sind für sie nur Juden als geduldete Minderheit in einem palästinensisch-islamischen Staat - also mit dem Status, den sie unter Türken und Arabern jahrhundertelang hatten. 
Der Fairness halber sollte in diesem Kontext nicht ungesagt bleiben, dass viele Muslime sich von dieser militanten Sichtweise distanzieren. Um aber die Beweggründe des jüdisch-islamischen Konfliktes zu verstehen, ist ein Blick auf die 'territoriale Integrität' der arabischen Region nach fundamentalem Islamverständnis unerlässlich.--
Um den Konflikt nicht weiter anzuheizen, beschränkten die Briten die weitere Einwanderung von Juden nach Palästina auf ein Minimum - auch im Wissen um die antisemitischen Verfolgungen in Deutschland. Es waren die weltpolitische Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere das Trauma der Schoah2), wodurch die Entwicklung Palästina maßgeblich bestimmt wurde: Angesichts der Ermordung eines Drittels der jüdischen Weltbevölkerung in Vernichtungslagern der Nazis traten sämtliche Bedenken gegen das zionistische Experiment in den Hintergrund. 

Sowohl die zionistische als auch die arabische Nationalbewegung forderten vehement die Beendigung der britischen Herrschaft, versuchten aber zugleich, ihre gegensätzlichen nationalen Ziele durchzusetzen. Angsichts militanter Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern sah sich die britische Regierung außerstande, ihr Mandat aufrechtzuerhalten und bat die Vereinten Nationen um Vermittlung. Vom 28. April bis 15. Mai 1947 befasste sich eine außerordentliche UN-Vollversammlung mit dem Palästinaproblem. 


Die resultierende UN-Resolution forderte, das Mandat Großbritanniens zum nächst-möglichen Zeitpunkt zu beenden, Palästina zu teilen und so den Weg für einen arabisch-palästinensischen und einen jüdischen Staat freizumachen. Jerusalem war wegen seiner zentralen Bedeutung für Juden, Christen und Muslime als neutrale Enklave gedacht.

Mit dieser politischen Lösung hätte eine Zeit des Friedens und der Stabilität im Nahen Osten anbrechen können.

Doch die 1945 gegründete Arabische Liga lehnten den Teilungsbeschluss vehement ab. Für den Fall seiner Verwirklichung kündigten sie an, militärische Maßnahmen zu ergreifen und eine "Arabische Befreiungsarmee" aufzustellen. Bereits unmittelbar nach dem UN-Beschluss kam es zu erbitterten Gefechten zwischen arabischen und jüdischen Militäreinheiten. 



Am 1. April 1948 begann eine militärische Offensive der Haganah2) mit dem  Ziel, nicht nur alle dem jüdischen Staat zugedachten Gebiete zu sicher, sondern auch jüdische Siedlungen jenseits der UN-Grenzziehungslinie sowie die Verbindungswege zwischen den jüdischen Siedlungsgebieten und den freien Zugang nach Jerusalem zu 'sichern'. Es kam zu heftigen Kämpfen, vereinzelt auch zu Massakern an der Zivilbevölkerung, die wiederum Vergeltungsaktionen palästinensischer Freischärler nach sich zogen.

Als das britische Mandat über Palästina am 14. Mai 1948 endete, proklamierte David Ben Gurion noch am selben Tage in Tel Aviv den Staat Israel. Dieser wurde nur wenige Stunden später von den USA und der Sowjetunion diplomatisch anerkannt. 

"Wie bereits den UN-Beschluss vom 29. November 1947 begrüßte die jüdische Bevölkerung Palästinas auch die Ausrufung des jüdischen Staates enthusiastisch, beinhalteten beide Geschehnisse doch die völkerrechtliche Absicherung eines lang erstrebten Ziels. In mehreren arabischen Hauptstädten dagegen fanden Protestdemonstrationen statt, bei denen Einrichtungen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion demoliert wurden.
Zwar hatte die zionistische Seite nunmehr irreversibel Fakten geschaffen - doch die Chancen auf eine friedliche Entwicklung in und um Palästina waren aussichtslos. Die arabischen Staaten betrachteten schon den Teilungsplan als Kriegsgrund. Die britische Regierung, ihres Mandates verlustig geworden, schloss einen Bündnisvertrag mit Transjordanien, durch den der geplanten arabischen Intervention in Palästina Rückendeckung gegeben wurde.

In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 - also unmittelbar nach der Ausrufung Israels - marschierten die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon in Palästina ein, um die Proklamation des jüdischen Staates rückgängig zu machen. Nicht zuletzt dank umfangreicher Waffenlieferungen aus dem Ostblock sowie finanzieller Unterstützung aus den USA endete der erste Nahostkrieg im Januar 1949 mit dem militärischen Sieg Israels. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen kamen Waffenstillstandsverträge zustande.


Die Chancen für die durch den UN-Beschluss eigentlich legitimierte Ausrufung eines arabisch-palästinensischen Staates waren für einen langen Zeitraum hinfällig geworden - aus mehreren Gründen:

  • durch die Besetzung von Teilen der dafür vorgesehenen Gebiete durch Israel, 
  • die Eingliederung des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems in das 1950 entstandene Königreich Jordanien,
  • und die Unterstellung des Gaza-Streifens unter ägyptische Verwaltung.
Mit der Gründung Israels wurden mindestens eine Million arabischer Palästinenser zu Flüchtlingen, deren Zukunft und staatliche Heimat z.T. bis heute nicht abschließend geklärt ist. Die weiter unten eingeblendete Dokumentation legt dar, dass Israel der Mehrzahl dieser Flüchtlinge nach dem Waffenstillstand eine Rückkehr in ihre Heimat verwehrte.-

In den Folgejahren wuchsen auf beiden Seiten religiös motivierte Ressentiments sowie  existenzielle Angst. Ein tieferer Konfliktgrund als die Verneinung des Existenzrechts einer Nation bzw. einer Religionsgemeinschaft ist kaum denkbar.


Wollte man diesen Konflikt von der historischen Entwicklung (die nun mal nicht erst im 20. Jahrhundert begann) beilegen, müsste man wohl sagen: "Die Juden waren zuerst da."
Mit einer derart starren, unversöhnlichen Haltung lassen sich jedoch keine Streitigkeiten dauerhaft lösen, weshalb eine Zweistaaten-Lösung und ein ungehinderter Zugang aller drei Religionen zu ihren Heiligtümern in Jerusalem als erstrebenswert erscheint. Eben dies war bereits 1947 Gegenstand des UN-Teilungsplan gewesen.


Es zeigt sich jedoch auch, wie sehr die religöse und die politische Dimension des bis heute bestehenden Konfliktes zwischen Juden und Muslimen ineinander verwoben sind, wodurch eine wirkliche Bereinigung nahezu unmöglich geworden sein dürfte. Dies gilt um so mehr, als alle Beteiligten sich größte Mühe geben, zur fortgesetzten Eskalation beizutragen. 




1948 - Wie Israel entstand  (Dokumentation)




Quelle(n)

Anmerkungen


Ich denke weder anti-islamisch noch als anti-israelisch (und schon gar anti-judaistisch), sondern interessiere mich für die Fakten. Doch es ist bei diesem heiklen Themenfeld gar nicht leicht, die Tatsachen aus ideologisch nicht vorgefärbten Berichten zusammen zu stellen. Sollte mir ein sachlicher Fehler unterlaufen sein, lasse ich mich selbstverständlich korrigieren.
  1. Verwirklicht werden sollte diese Heimstätte durch die "Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden". Doch der osmanische Sultan Abdul Hamid II. lehnte das zionistische Projekt ab; auch die europäischen Großmächte hielten sich zurück. Im Umfeld des Ersten Weltkriegs erhöhte sich der Stellenwert Palästinas. Großbritannien, dessen Truppen im Dezember 1917 Jerusalem besetzt hatten, stärkte seine dominierende Rolle im Nahen Osten. 
  2. Schoah: Verfolgung, Gettoisierung und Vernichtung europäischer Juden durch das nationalsozialistische Deutschland
  3. Die Hagana  war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats (1920–1948). Unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel wurde die Hagana in die israelischen Streitkräfte überführt.