Mittwoch, 30. Oktober 2013

Now it's enough, Mr. Alexander

Die tagespolitischen Ereignisse versuche ich möglichst emotionsfrei wahrzunhemen - eingedenk der Tatsache, dass ich eh' keinen Einfluss auf sie habe.

Wenn nun aber NSA-Direktor Keith B. Alexander "in die Offensive geht" und den europäischen Staaten Heuchelei vorwirft, dann wird eines deutlich: das politische Amerika hat sich seit 9/11 sehr weit von Europa entfernt - und auch von seinen einstigen Idealen (wie sie in der amerikanischen Verfassung niedergelegt sind, aber in Teilen außer Kraft gesetzt wurden. Als Beispiel sei der National Defense Authorization Act NDAA, vom 1.1.2012 genannt, welcher die Befugnisse des Militärs ausweitet, amerikanische Bürger und Ausländer auf Verdacht ohne Gerichtsverfahren zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren.)


Der Direktor des US-Geheimdienstes NSA habe die umstrittenen Späh-Programme seiner Behörde erneut als wichtiges Mittel im Anti-Terror-Kampf verteidigt, berichtet FOCUS am 29.10.13
Es trifft zwar zu: seit dem 11. September 2001 habe es keinen Terrorangriff auf die USA mit einer größeren Zahl an Toten ereignet hat. Dies mag, das konzediere ich durchaus, zum Teil auch ein Verdienst der NSA sein.

Wenn nun aber so getan wird, als sei die Bespitzelung von Spitzenpolitikern befreundeter Nationen ein Akt wirksamer Terrorbekämpfung, dann ist dies eine ungeheuerliche Verdrehung von Fakten!

Vergangenes ist nicht mehr zu ändern, also: Blick nach vorn! Amerika hat nun eine politische Entscheidung von sehr großer Tragweite zu treffen: Entweder Präsident Obama hält am Prinzip der vertrauensvollen Zusammenarbeit unter Bündnispartnern fest - oder er unterstützt die NSA-Maxime, jede 'nützliche' Information zu sammeln und zu verwerten, auch wenn damit die einstigen(?) Freunde brüskiert werden. Dieses Entweder-Oder lässt sich dank des mutigen Engagement E.Snowdens nicht länger durch einen faulen Kompromiss oder neue Heimlichkeiten umgehen. Allerdings habe ich keinen Zweifel daran, dass eben dies versucht werden soll.

Gerade hier in Deutschland verweisen insbesondere ältere Menschen darauf, wieviel wir den Amerikanern zu verdanken haben. Das ist zutreffend und darf nichtt in Vergessenheit geraten. Doch auch hier gilt: Blick nach vorn. Wenn 'wir' von amerikanischer Seite lediglich noch als Mittel zum Zweck der Verwirklichung nationaler (geostrategischer, sicherheitstechnischer und wirtschaftlicher) Ziele betrachtet werden - dann wird eine vorbehaltsarme Kooperation zukünftig sehr erschwert werden.

Wie soll das funktionieren? Auf dem öffentlichen Parkett der Diplomatie, G20-Gipfel und bilateraler Begegnung, tun alle freundlich ... aber hintenrum bespitzeln sie sich gegenseitig und misstrauen einer dem anderen? Das ist kaum der Nährboden, um partnerschaftlich gegen wirkliche Bedrohungen (u.a. durch ökologische Miseren, wo hier und in den USA bislang nur von der Hand in den Mund gedacht wird) vorzugehen.
In Diskussionen begegne ich nicht selten dem Argument, man solle doch bitteschön nicht ständig auf den Amerikanern rumhacken, sondern den kritischen Blick nach China, Russland usw. wenden. Dies kann ich so nicht gelten lassen: zwar sind menschenrechtswidrige und fragwürdige Praktiken der Geheimdienste fraglos an vielen Orten der Welt anzutreffen...wer wollte dies schönreden? Doch mit diesen Ländern verbindet uns Deutsche keine fast 65-jährige Freundschaft. Persönlich denke ich, dass diese Verbundenheit etwas ist, das nicht leichtfertig geopfert werden sollte. 
Bleibt zu hoffen, dass Vernunft und Augenmaß wieder mehr Berücksichtigung finden - in den USA ebenso wie auch hierzulande.

Was es sonst noch zu sagen gäbe - nicht über das amerikanische Volk, sondern über das politische Amerika, seit Jahrzehnten dominiert durch einen unüberschaubaren militärisch-industriellen Komplex...:



We're all living in Amerika,
Amerika ist Wunderbar.
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.

Wenn getanzt würd, will ich führen,
auch wenn ihr euch alleine dreht,
lasst euch ein wenig kontrollieren,
Ich zeige euch wie's richtig geht.
Wir bilden einen Liebenreigen,
die Freiheit spielt auf allen Geigen,
Musik kommt aus dem weißen Haus,
Und vor Paris steht Mickey Maus

Chorus:
We're all living in Amerika,
Amerika ist Wunderbar.
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.

Ich kenne Schritte die sehr nützen,
und werde euch vor Fehltritt schützen,
und wer nich tanzen will am Schluss,
weiß noch nicht, dass er tanzen muss!
Wir bilden einen Liebenreigen,
ich werde euch die Richtung zeigen,
nach Afrika kommt Santa Claus,
und vor Paris steht Mickey Maus.

Chorus:
We're all living in Amerika,
Amerika ist Wunderbar.
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.
We're all living in Amerika,
Coca-Cola, Wonderbra,
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.

This is not a love song,
this is not a love song.
I don´t sing my mother tongue,
No, this is not a love song.

Chorus:
We're all living in Amerika,
Amerika ist Wunderbar.
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.
We're all living in Amerika,
Coca-Cola, sometimes WAR,
We're all living in Amerika,
Amerika, Amerika.

Montag, 28. Oktober 2013

SETI: Neuer Ansatz zur Suche nach außerirdischen Raumsonden?

Seti-Projekte stoßen bisher vielfach auf Ablehnung und Widerstand, auch vor dem Hintergrund des Fermi-Paradoxon. Dieses stellt die Frage (platt formuliert): 
Wenn es intelligente, technologisch fortschrittlichere Aliens da draußen gibt, warum sind sie dann noch nicht hier?
Dahinter steht die Annahme, dass wir Menschen die einzige technisch fortschrittliche Zivilisation im Universum seien - "eine riesige Platzverschwendung", wie wir seit 'Contact' wissen.
Eine mögliche Antwort: Vielleicht sind sie ja schon hier (gewesen), nur wir haben sie nicht entdeckt.
Die Überlegung, dass außerirdische Sonden unser Sonnensystem bereits erkundet haben und bis heute unentdeckt dies immer noch tun, hat der belgische Astrophysiker Michael Gillon aufgegriffen. Er schlägt vor, in solaren Brennsphären nach Funksignalen zu suchen, die von miteinander kommunizierenden außerirdischen Sonden stammen.

Es wäre seiner Ansicht nach nahe liegend, außerirdische Sonden sich in "exo-solaren Fokalpunkten benachbarter Sternsysteme eingenistet haben und unter Ausnutzung des Gravitationslinseneffekts Kontakt zu allen Schwestersonden oder ihrer Heimatwelt halten."


In diesem Fall könnte es möglich sein, diese Raumsonden oder deren Emissionen aufzuspüren. Aus dieser Überlegung entwickelt Gillon eine neue SETI-Strategie, "die dabei helfen könnte, die Existenz solcher Sonden nachzuweisen oder mit ihnen sogar direkt in Kontakt zu treten, sofern sie überhaupt existieren".


Näheres dazu auf Heise.de:

Siehe auch:
Die Idee als solche ist übrigens nicht neu. Sie wird unter anderem von Stephen Baxter in seiner ScFi-Trilogie 'Multiversum' aufgegriffen. Baxter erklärt den wissenschaftlichen Hintergrund so anschaulich, dass selbst ich die wesentlichen Grundgedanken verstehe.

Bereits 1953 entwickelte der österreichisch-ungarischen Mathematiker John von Neumann ein Modell unbemannter, sich automatisch reproduzierender Sonden. Solche"Von-Neumann-Sonden" sind bis heute ein Synonym für Raumschiffe/Maschinen geworden, die völlig autonom eine exakte Kopie ihrer selbst herstellen können - unter Nutzung der am Zielort vorgefunden Ressourcen. Diese Kopien würden ins nächsten System geschickt, wo sie sich die erneut vervielfachen und so weiter. 

Freitag, 25. Oktober 2013

Überwachungswahn: Umdenkprozesses in den USA?

Vor ein paar Monaten hat die Bundeskanzlerin schon einmal mit US-Präsident Obama telefoniert. Im Nachgang dazu wurde Obama mit den Worten zitiert (sinngemäß): "Wenn ich wissen willen, was Frau Merkel denkt, dann rufe ich sie an."
Ein solcher Anruf war offensichtlich für die USA nur eine von mehreren Optionen, um Interessantes über die Kanzlerin in Erfahrung zu bringen.

Jetzt auf einmal ist die Aufregung groß: USA (und wohl auch Großbritannien, was bisweilen übersehen wird) haben offenbar die Mobiltelefone von 35 befreundeten Staatsoberhäuptern belauscht, darunter auch das Handy von Mutti
Die Ironie dabei: ausgerechnet die deutsche Regierung, die den NSA-Skandal nur ja nicht aufbauschen wollte, wurde ausspioniert wie "wie Drogenbarone in Kolumbien". 
"Die Bundeskanzlerin und ihr Kabinett stehen sogar doppelt düpiert da: wie dumme Gutgläubige, die möglicherweise auch noch abgehört wurden, als sie einander versicherten, dass die Amerikaner das nie tun würden."
So kommentiert Berthold Kohler ("Freund und Feind") die jüngsten Geschehnisse für die FAZ - die Obama-Administration habe im Kampf gegen den transnationalen Terrorismus jedes Maß verloren und könne offensichtlich nicht mehr Freund von Feind unterscheiden.
Hm...wie groß ist der Realitätsverlust hierzulande eigentlich?!? 
Wenn Hansjörg Geiger, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundesnach-richtendienstes sich mit den Worten entrüstet "Unter Freunden spioniert man nicht", dann frage ich mich, ob lange der Mann entweder lange geschlafen hat oder nicht ehrlich ist.
Geheimdienste schöpfen ihre Möglichkeiten stets aus, deshalb sind die bisher bekannten 'Enthüllungen' über Spionageaktivitäten vermutlich nur die Spitze eines gewaltigen Eisberges. Mich würde nicht wundern, wenn im Laufe der kommenden Monate und Jahre noch viel weitreichendere Fakten bekannt werden. Aus taktischer Sicht dürften in naher Zukunft Dinge an die Öffentlichkeit lanciert werden, durch welche die Deutschen in die Defensive geraten. Schließlich haben auch 'wir' mehrere Auslandsgeheimdienste und Keith Alexander (s.u.) hat vermutlich Recht damit, dass diese auch ziemlich aktiv sind.
Und nun?
Die USA sind auch weiterhin kaum willens, sich vom 'Alten Europa' Vorschriften machen zu lassen - Offenheit in Bezug auf die gängige Überwachungspraxis erscheint als Wunschdenken: 
Die Fragen, die Berlin im Sommer an Washington richtete, wurden noch immer nicht zufriedenstellend beantwortet. In Europa geäußerte Sorgen berühren den NSA-Chef Keith Alexander kaum, allenfalls als ein störendes Ärgernis:
"Wir sagen ihnen nicht alles, was wir machen oder wie wir es machen - aber jetzt wissen sie es..."
Was soll der Mann auch sonst von sich geben außer Phrasen, für ihn haben die Sicherheitsinteressen im eigenen Lande absolute Priorität.
Als der US-Kongress die Vorgeschichte der Anschläge vom 11.September 2001 untersuchte, traten zahlreiche Fehler und Versäumnisse der Geheimdienste zutage: 
Die Geheimdienste und Polizeibehörden hatten lange vor den Anschlägen deutliche Hinweise geradezu vor ihren Augen, doch Bürokratie und Ignoranz verhinderten notwendige Erkenntnisse und Maßnahmen.
Dieses Versagen musste kompensiert werden - in einer gewaltigen Anstrengungen wurden die Intelligence-Ressourcen in den USA ausgebaut und resultierte in eine"Totalüberwachung" - im Ausland, aber auch zu lasten amerikanischer Bürger. Deren Grundrechte und Freiheiten mussten zugunsten eines 'Super-Grundrechts auf Sicherheit' zurückstehen.
Patriot Act:  Die Bezeichnung steht für „Uniting (and) Strengthening America (by) Providing Appropriate Tools Required (to) Intercept (and) Obstruct Terrorism Act of 2001” (in etwa: Gesetz zur Stärkung und Einigung Amerikas durch Bereitstellung geeigneter Instrumente, um Terrorismus aufzuhalten und zu blockieren).
Der Patriot Act räumt den Ermittlungsbehörden gegenüber US-Amerikanischen Unternehmen und ihren auch im Ausland befindlichen Tochterunternehmen weitreichende Befugnisse ein.
Zur Terrorabwehr und Spionagebekämpfung können diese Behörden Gerichtsbeschlüsse beantragen, um Internet-Provider und Cloud-Anbieter zur Herausgabe der bei ihnen gespeicherten Daten zu verpflichten.
Unter bestimmten Voraussetzungen kann auf den gerichtlichen Weg verzichtet werden: indem sie selbst sog. National Security Letter (NSL) erlassen und so die Datenherausgabe ertwingen, ohne dass Betroffene hierüber informiert werden dürfen.
Zuviel des 'Guten'? Ich habe mich seit Beginn des Spionageskandals oft gefragt, ob sich nicht in den USA eine hörbare Stimme für Mäßigung und Vernunft erhebt. Immerhin haben nun prominente Abgeordnete des US-Parlaments mehrere Gesetzesvorlagen erarbeitet, die den Überwachungsstaat wieder in die Schranken weisen sollen – vor allem soweit er die Überwachung aller US-Bürger betrifft. Einer der leitenden Autoren des umstrittenen Patriot Act, der republikanische Abgeordnete Jim Sensenbrenner, kritisierte eine Auslegung, die "nie vom Parlament verabschiedet worden wäre":
"Die Regierung glaubt, dass es keine Grenzen gibt. (…) Das Parlament darf nicht zögern, das zu beenden, und zwar flott."
Der Republikaner fordert "das Ende geheimer Gesetze". Vor allem aber sieht der Gesetzesentwurf vor, dass die Regierung nur noch gegen konkret Verdächtige ermitteln darf. Käme die Vorlage durch, würde sie auch das Ende der Vorratsdatenspeicherung in den USA nach sich ziehen. Ziel laut Sensenbrenner: 
"Das Vertrauen in die Geheimdienste wiederherzustellen, das diese ganz alleine verspielt haben."
Sogar die Bespitzelung von EU-Regierungsmitgliedern solle beendet werden – um den Austausch geheimdienstlicher Informationen nicht zu gefährden. Amerika sei der "Inbegriff von Demokratie", befand Sensenbrenner - diese Betrachtungsweise gehört aus meiner Sicht der Vergangenheit an, jedenfalls bis auf weiteres.
Trotzdem, die leisen Anzeichen eines innenpolitischen Umdenkprozesses in den USA sind ermutigend. Ob sie in konkrete Veränderungen münden, bleibt indessen abzuwarten.

Siehe auch:

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Rechtsstaatlichkeit - ein missverstandenes Prinzip?


"Ein Rechtsstaat ist ein Staat, dessen konstituierte Staatsgewalten rechtlich gebunden sind und der damit in seinem Handeln durch Recht begrenzt wird, um die Freiheit des Einzelnen zu sichern. Alles staatliche Handeln, das in die Rechte eines Einzelnen eingreift, unterliegt somit dem Rechtsschutz. Es kann also durch ein Gericht überprüft werden, ob die getroffene Entscheidung dem Recht entspricht."
"Rechtsstaatlichkeit bedeutet, dass die Ausübung staatlicher Macht nur auf der Grundlage der Verfassung und von formell und materiell verfassungsmäßig erlassenen Gesetzen mit dem Ziel der Gewährleistung von Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit zulässig ist."
Davon ausgehend könnte man angesichts des Paradigmenwechsels in den USA seit 9/11 zur Schlussfolgerung gelangen, Amerika hätte sich einstweilen von diesem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit verabschiedet. Freilich würde eine solche pauschal Aussage über jedes Ziel hinaus schießen.

Allerdings lassen verschiedene von den USA ausgelösten Ereignisse - vom völkerrechtlich nicht autorisierten Angriffskrieg über die Ermordung Unschuldiger durch ferngesteuerte Drohnen bis hin zur Ausspähung der eigenen Bürger wie auch ausländischer Personen und Institutionen - durchaus die Besorgnis zu, dass einzelne Regierungsorgane und -dienste 'ihren' Sicherheitsinteressen höherere Priorität einräumen als rechtsstaatlichen Prinzipien.

Juristisch ist dies verzwickt, denn das Handeln der staatlichen Organe ist auch innerhalb der USA durch eigens verabschiedete Gesetze gedeckt. 

Aber: Ein Rechtsstaat misst sich nach heutigem Verständnis eben nicht nur am Legalitätsprinzip - sondern an der Notwendigkeit, jedes staatliche Handeln durch Gesetze rechtfertigen zu müssen. In der Justiz soll damit staatliche Willkür verhindert werden. Andererseits sind verabschiedete Gesetze hinsichtlich übergeordneter Prinzipien eines Rechtsstaates zu bewerten. Mit anderen Worten: nicht jedes Gesetz (bzw. Verordnung eines Staatsoberhauptes) ist automatisch sakrosankt, nur weil es verfassungsmäßig korrekt zustande kommt.


Im Fall E. Snowden habe sich das problematische Verhältnis Amerikas zum Rechtsstaat offenbart, schreibt Pierre Ro ("Der Rechtsstaat - Ein Missverständnis") auf freitag.de:

Während viele Edward Snowdens Enthüllung als Errungenschaft für die amerikanische Demokratie sehen, wird er bei einer Auslieferung bestraft werden, theoretisch sogar mit dem Tod. Das Gesetz darf sich im Rechtsstaat eben nicht einem einzelnen Individuum beugen -  gegenüber Sicherheitsbehörden schon?
Die Anschläge des 11. Septembers habe eine Reihe von Gesetzen ermöglicht, die nach amerikanischem Recht nicht nur Abhörprogramme wie PRISM, sondern sogar Formen der Folter legitimierten. Hier werde das Legalitätsprinzip durchbrochen: 
"...zum einen kamen diese Gesetze meistens durch die Behörde selbst zustande, zum anderen verstoßen  diese Gesetze gegen verfassungs- und völkerrechtliche Bestimmungen."
Die Frage ob die NSA sich gesetzeskonform verhalten habe, bleibe demzufolge nicht nur im Bezug auf ausländische Gesetze eindeutig: diese hat sie millionenfach gebrochen. Platt ausgedrückt: zwischen 'Recht' und 'Gesetz' besteht unter Umständen ein erheblicher Unterschied.

Pierre Ro benennt die Versuche, das Handeln von NSA und US-Militär damit zu rechtfertigen, diese hätten sich sich strikt an die jeweiligen Gesetzestexte gehalten. (vgl. die FAZ vom 16.8.2013: "NSA hat tausendfach Gesetze gebrochen“)

Dem stellt er die Argumentation gegenüber, der sich die Amerikaner bedienten, um nach dem Zweiten Weltkrieg die Täter des Nazi-Regimes zu richten und somit eine Gerechtigkeit anerkannten, die über den den Gesetzestext erhaben ist: 
"Nur weil die Nazi-Schergen sich an die Gesetze der bestehenden Rechtsordnung hielten,  blieben sie nicht ohne Schuld. Die Nürnberger Prozesse sollten die universelle  Gültigkeit der Menschenrechte demonstrieren – zehnmal wurde die Todesstrafe verhängt."
In diesem Kontext erinnert Ro freilich auch dran, dass gerade die Deutschen es der der amerikanischen Intervention im 2. Weltkrieg zu verdanken haben, dass die Gewaltenteilung hierzulande ein wenig effektiver konzipiert sei. 
Damals sei die amerikanische Nation damals wirklich vom Idealismus getrieben gewesen und habe versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch seit 'damals' hat sich vieles verändert - aus heutiger Sicht wäre es gerecht, "wenn die  USA sich selbst dem gleichen Maß unterwerfen würde, mit dem ihre Außenpolitiker Mitstaaten wie China oder Russland bewerten."

Mir fällt bei alledem noch etwas anderes auf: über Recht und Gesetz wird gerne und viel geredet - doch wie verhält es sich mit Werten? Was wird aus der 'westlichen Wertegemeinschaft', wenn sie denn jemals mehr war als ein temporäres Zweckbündnis im Kalten Krieg?


Die europäische (nicht nur die deutsche) Öffentlichkeit sieht das Gebaren der USA mit wachsender Skepsis, die sachliche Gründe hat und nicht etwa einem reflexhaften Anti-Amerikanismus gleichkommt. Sie folgt m.E. aus einer Enttäuschung und inzwischen auch aus einem (leider gerechtfertigten) Misstrauen gegen eine Nation, die sich nach wie vor als einzigartig betrachtet. Gerade deshalb dürfen klare Maßstäbe im Verhältnis zu den USA angelegt werden.

Schließlich sind wir Verbündete dieser großen Nation - und ungeachtet gegenwärtiger Enttäuschung möchten wir weiter mit ihr verbündet bleiben.

In diesem Kontext werden die Deutschen bzw. Europäer ihre Erwartungen an das Zukünftige Verhältnis zu den USA (selbst)kritisch überdenken müssen: ganz so einfach, dass wir hiesige Rechtsnormen (Politiker bemühen oft und gerne ein "Grundrecht auf Privatsphäre") auf die USA projizieren, dürfen wir es uns nicht machen!

Gerade was die Abwägung von Sicherheit und Überwachung betrifft, ticken die Amerikaner anders als die meisten Europäer:
Man stelle sich die Reaktionen und Sicherheitsverschärfungen vor, wenn ein dem 11.September vergleichbarer Terrorakt sich in München, Köln oder Hamburg ereignen würde...das Ausmaß der Traumatisierung in den USA haben viele hierzulande nie richtig verstanden.


Vor diesem Hintergrund wird ein Neuanfang notwendig werden: Die situative Klüngelei der Geheimdienste von hüben und drüben muss aufhören. Statt dessen müssen exakte Vereinbarungen über die Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa in Sicherheitsfragen getroffen werden - einschließlich einer wechselseitige Begrenzung und Kontrolle(?) nachrichtendienstlicher Aktivitäten. 




Dienstag, 22. Oktober 2013

18. Bundestag: Selbstbedienung ist ein ungünstiges Startsignal

Union und SPD wollen je zwei Vizepräsidenten stellen - wegen "steigender Arbeitsbelastung“ 

Jeder Bundespolitiker, der etwas auf sich hält, beweint von Zeit zu Zeit die wachsende 'Politikverdrossenheit' in der deutschen Bevölkerung, welche sich u.a. in zurückgehender Wahlbeteiligung erweise. Darunter wird eine negative Einstellung der Bürger zu politischen Aktivitäten und Strukturen verstanden, die sich u.U. Umständen in Desinteresse an und Ablehnung von Politik, ihrer Institutionen und politischem Handeln äußere (vgl. Wikipedia, sie auch "Jauch-Runde zu Politikverdrossenheit kippt zu den Nichtwählern")

Darüber lässt sich stundenlang diskutieren, doch Maßnahmenvorschläge werden sicherheitshalber mit Prädikaten wie 'eigentlich' oder 'im Idealfall sollte...' versehen - in Wahrheit scheinen die machtbewussten Herren und Damen nicht unzufrieden mit dem Süppchen, das sie seit 2005 kochen und dem Volk zum Auslöffeln geben. 
Die unsägliche Agenda 2010 leitete in meinen Augen einen 'kulturellen Wandel' ein und betont in erschreckender Weise, dass finanzpolitischen Erwägungen nunmehr stets Vorrang vor einer Sozialpolitik erhalten, welche den ohne eigenes Verschulden Geschwächten ein menschenwürdiges Auskommen sichert. Da die Union und die SPD sich nahezu immer einig waren, wenn die ohnehin Schwachen noch etwas mehr zur Ader gelassen werden sollten, kam eine echte Opposition praktisch nicht mehr zustande.
Möglich wurden und sind 'Projekte' wie Hartz IV, Banken- und Eurorettung auf einer nach oben offenen Risiko-Skala oder Waffenlieferungen auch in Krisengebiete nur, wenn sich dafür eine breite Mehrheit findet, welche eine wirksame parlamentarische Kontrolle direkt oder auf Umwegen aushebelt. 

Dass dieser Eindruck bei einer großen Anzahl deutscher Wahlbürger vorherrscht, erweist sich nicht nur in der Wahlbeteiligung: Auch andere Formen politischer Willensäußerung - beispielsweise Demonstrationen - finden in weitaus geringerem Umfang statt als etwa in den 80er und 90er Jahren. Das hat wenig damit zu tun, dass die Zufriedenheit der Menschen mit dem politischen Handeln von Parlamentariern gestiegen sei - vielmehr glauben viele erkannt zu haben, dass sie den Entscheidungen (z.T. auch auf europäischer Ebene...da blickt eh' kaum noch wer durch, der nicht beruflich damit befasst ist) hilflos ausgeliefert sind.

Sicher, es existieren noch harte Kerne z.B. im Gewerkschaftsumfeld, die sich nicht beirren lassen. Zudem ist es inzwischen fast selbstverständlich, dass jedes richtungsweisendes Gesetzesvorhaben dem Bundesverfassungsgericht zur neuerlichen Prüfung vorgelegt wird - doch auch dieser Weg stellt nicht eine Willensäußerung von 'Normalbürgern' dar...die können sich einen derartigen Rechtsstreit kaum leisten und haben längst resigniert.

Mein Eindruck ist, dass die Mehrheit jener Normalbürger fast alles was von 'oben' kommt einerseits achselzuckend hinnimmt, sich andererseits aber nach Möglichkeit an seinen eigenen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten vorbeimogelt (soweit dies möglich ist). Das Finanzamt zu besch...ummeln ist ein weit verbreiteter Sport, bei dem der Ehrgeiz etwaige Fragen der Moral beiseite schiebt.

Dies habe ich nicht zu bewerten (ein jeder fasse sich an die eigene Nase), doch est ist nun mal so, dass eine wachsende Kluft zwischen Volk und 'den Politikern' entstanden ist, während das gegenseitige Verständnis abnimmt.

Durchaus mahnen integre Persönlichkeiten, etwa der alte und neue Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, vertrauensbildende Maßnahmen an, um dem gewaltigen Glaubwürdigkeitsverlust 'der Politik' entgegen zu wirken. Das sehen natüürlich alle anderen auch so, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Bietet sich aber eine Chance, die eigene Machtbasis beispielsweise durch Ämtervermehrung auszubauen, dann wird auf Glaubwürdigkeit gepfiffen. Wie sonst ist es zu verstehen, dass nun 6 Vizepräsidenten des Bundestages gewählt werden sollen, welche das Mehrheitsverhältnis der Fraktionen im Parlament repräsentieren solle:
"Union und SPD werden in dieser Legislaturperiode jeweils zwei stellvertretende Bundestagspräsidenten stellen. Darauf haben sich die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und SPD am Montag nach Angaben aus den Fraktionen geeinigt. „Auf diese an die letzte große Koalition von 2005 angelehnte Regelung haben sich heute CDU/CSU und SPD geeinigt“, hieß es in der Unions-Fraktionsspitze bestätigt." (Handelsblatt, 21.10.2013)
Haben wir denn schon eine große Koalition? Meines Wissens beginnen gerade mal die Koalitionsverhandlungen - damit ist diese Argumentation schwer nachvollziehbar. Steigende Arbeitsbelastung lasse ich eher gelten, doch darum geht es den Rednern von CDU/CSU und SPD im Bundestag kaum.
Weit mehr klingt an, die SPD wolle mit der Union 'auf Augenhöhe' sein - was so viel heißt wie 'dann wollen wir aber auch 2 Vertreter des Bundestagspräsidenten stellen'. Damit verschwimmen zwei Dinge für unwissende Beobachter wie mich, die doch getrennt behandelt werden sollten: der Koalitionspoker und die Besetzung des in seiner Amtsführung parteineutrale Bundetagspräsidium.

So kommentiert die WAZ heute: 
"Im Bundestag funktioniert die große Koalition bereits: Erst wollte die SPD nur einen Vizepräsidentenposten. Nun sollen es aber zwei sein. Offizielle Begründung ist die hohe Arbeitsbelastung durch mehr Sitzungen und Kompetenzen."
 Dass durch diese Aufstockung beträchtliche Mehrkosten (13-16 T€ im Monat plus Dienstlimousine, Büro, Mitarbeiter und Pensionsansprüche) entstehen, hat in der kurzen Aussprache überhaupt keine Relevanz.

Ich meine, diese Art Proporz ist ein völlig falsches Startsignal für eine neue Legislaturperiode, falls es in den kommenden vier Jahren wirklich darum gehen sollte, verlorenes Vertrauen in die (Bundes)politik zurück zu gewinnen.
Vielmehr deute sich an, dass die politisch Handelnden seit 2005 (damals wurde das Präsidium in sehr ähnlicher Weise besetzt) nichts dazu gelernt haben - oder ihnen ist letztlich gleichgültig, was ihre Glaubwürdigkeit angeht:
"Union und SPD geloben, in einer Großen Koalition die eigene Macht zu beschränken, um die Opposition zu stärken. Doch schon vor der ersten Parlamentssitzung gibt es Zweifel. Das Bundestagspräsidium soll aufgestockt werden, um mehr eigene Vertreter unterzubringen." (SPIEGEL forum)
Neige ich Überbewertung eines harmlosen Ereignisses jenseits der 'eigentlichen Realpolitik'? Möglich, doch für mein Empfinden geht hiervon eine beträchtliche Signalwirkung aus - und bestätigt eine Sichtweise, die bereits von Max ORell (1848 - 1903) zum Ausdruck gebracht wurde:
"Wer Chemiker werden will, muss  Chemie studieren, wer Jurist oder Arzt werden will, muss das Recht oder Medizin studieren. Aber um Politiker zu werden, ist lediglich das Studium der eigenen Interessen erforderlich."
Leserkommentare fassen diese Vorgehensweise nicht selten mit einem einzigen Wort zusammen: "Selbstbedienung".

(Mir geht es nicht darum, eine ''Alles Mist'-Einstellung zu unterstützen oder zu rechtfertigen, im Gegenteil. Eben weil ich ein breites Interesse und Engagement der Bürger in unserer Demokratie für eminent wichtig halte, achte ich auf die Signalwirkung, welche von den politisch Handelnden ausgeht. Deshalb ärgert mich so ein Gebaren, denn es ist zusätzlich Wasser auf die Mühlen der Nichtwähler - welche Gefahren eine solche Entwicklung implizieren kann, zeigt ein Blick auf unsere eigene Geschichte)

Montag, 21. Oktober 2013

Ein Limburger Bischof als neuer Sündenbock?

Dass öffentliche Treibjagden zum bevorzugten Sport der deutschen Medienlandschaft avanciert sind, ist nicht neu (lediglich Betitelungen wie 'Skandalbischof' sind noch etwas ungewohnt für mich). Vorverurteilung scheint auch 'okay' zu sein, wo es gerade so spannend ist - sonst würde man wohl den Bericht der eingesetzten Kommission abwarten, welche das Finanzgebaren des Kirchenfürsten durchleuchten soll.

Insgesamt entsteht bei mir  der Eindruck, jener Franz Tebartz-van Elst von solle zum Sündenbock gemacht werden - indem sie ihn vor den Augen breiter Öffentlichkeit aussondere, erhoffe sich die ansonsten überaus integre Herde, in einem besseren Licht dazustehen.
Derweil sieht sich die Presse offenbar veranlasst, immer wieder nachzulegen - Geschmacksgrenzen sind dabei überbewertet .. Schlagzeilen wie "Bruder des Bischofs dementiert: Tebartz-van Elst ist kein Autist" oder "...der irdische Kirchenmann mit dem außerirdischen Aussehen..." finde ich schlicht widerwärtig!
Was hat es mit sachlicher Kritik zu tun, wenn nun auch noch 'Gerüchte' über den Gesundheitszustand des Limburger Bischofs' einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 
Bevor manche Printmedien sich am Stil des Bischofs abarbeiten, sollten sie vielleicht zunächst über ihren eigenes journalistisches Ethos nachdenken...


Woher kommt sie eigentlich, die mediale Aufmerksamkeit für einen Kirchenführer, der (dem Vernehmen nach) ein unkorrektes Finanzgebaren an den Tag legte. Seit 10 Tagen füllt der Mann Schlagzeilen und Titelseiten - mangelt es gerade an anderen emotional verwertbaren Aufregern?
Tatsache ist: Die eingesetzte Prüfungskommission hat gerade mal ihre Arbeit aufgenommen. Und der so häufig erwähnte Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen den Bischof wegen Falschaussage bezieht sich auf eine Indienreise, hat also mit dessen Immobiliengeschäften (um die geht es doch, oder?) rein gar nichts zu tun.

Mir geht es nicht darum, Herrn Tebartz-van Elst in Schutz zu nehmen. Dazu fehlt mir jedes Hintergrundwissen, wie so manchen der multimedial agierenden Wortakrobaten, die unsere Medienlandschaft maßgeblich mitgestalten. Schließlich wird die üppige und stetig anwachsende Mittelverwendung für den neu erbauten Bischhofssitz sehr wohl Anlaß zur Kritik bieten - wo zeitgleich in vielen Kirchengemeinden ein harter Sparkurs angesetzt ist. Für die neuen Räumlichkeiten waren einst Kosten von zwei Millionen Euro veranschlagt worden, inzwischen ist von 31 Millionen 'plus X' die Rede. 

Was sind mögliche Gründe dafür, dass Bischof Tebartz-van Elst so großen Wert auf Repräsentanz und Außenwirkung legt? Auf der Suche nach einem möglichst sachlichen Überblick zu Investitionen und Stellungnahmen beider Seiten bin ich auf nachfolgende 45-minütige Reportage gestoßen, die mir brauchbar erscheint, auch wenn der Titel 'Ein Bischof und seine Lügen' anderes vermuten ließ:




Die Reportage macht deutlich: Der 1959 geborene Kirchenführer ist bestrebt, 'seine' Kirche zu einem weithin wirksamen Leuchtfeuer umzustrukturieren und verfolgt darin eine seelsorgerische Linie, welcher der im Februar zurückgetretenen Papst Benedikt XVI womöglich eher zugetan war als sein Nachfolger Franziskus. In jedem Falle habe der Bischof 'Maß und Ziel verloren' - und damit auch den Rückhalt und das Vertrauen seiner Gemeinde. Eine überdurchschnittliche Anzahl von Kirchenaustritten sei im Bistum Limburg zu verzeichnen - geeignete Reaktion auf mutmaßliche Verfehlungen eines einzelnen Klerikers? 

Was ist eigentlich mit den zuständigen Kontrollgremien - haben die geschlafen oder wurden sie bewusst im Unklaren gelassen? In diesem Punkt widersprechen sich die Aussagen erheblich; umso wichtiger ist es, den Bericht der nun eingesetzten Prüfungskommission abzuwarten. 
Der wird hoffentlich auch klären können, weshalb der für die Kontrolle der bischöflichen Finanzen in Limburg zuständige Vermögensverwaltungsrat "weder die Einnahmen, noch die Ausgaben von 2012 und auch keinen Haushaltsplan 2013 gesehen hat" (kath.net).--


Bei der fraglos notwendigen Berichterstattung fällt mir ansonsten ein Muster auf, das sich in den letzten Jahren mehrmals wiederholt hat: Noch bevor die Faktenlage analysiert wurde, beteiligt sich die 'seröse Presse' an Kampagnen ("eine Art moderner Hexenverbrennung") gegen Personen des öffentlichen Lebens, die an Schmutz und Hässlichkeit wenig zu wünschen lassen und, noch schlimmer, zu oft auf ungeprüften Behauptungen gründen. 
Während ganz Deutschland sich im Frühjahr 2011 über die Doktorarbeit des damaligen Verteidigungs-ministers von und zu Guttenberg echauffierte, erhöhte sich Deutschlands Anteil am internationalen Waffenhandel weit weniger beachtet auf muntere elf Prozent...ein Schelm, wer dahinter eine Ablenkungsmethode vermutet...

Traurig daran: zu wenige Leser nehmen daran Anstoß. Sind die Deutschen mehrheitlich ein Volk, das 'so etwas' wirklich braucht, um das eigene kleine Mütchen zu kühlen? Müssen Emotionen einer passiven Mehrheit auf diese Weise bedient werden?
Ein Blick auf die Ausnahmen hiervon ist wohltuend - i
n diesem Kontext erlaube ich mir, einen Leserkommentar in der SZ zu zitieren:
"Vielleicht geht Tebartz van Elst ja auch gleich ins Exil und lebt quasi als Asylant im Vatikan, damit er der Verfolgung entgeht. Er ist ja jetzt der neue Antichrist. Dabei ist noch nichts geklärt. Man muss ja auch die andere Seite hören. Der Architekt hat es gewusst, der Vermögensverwaltungsrat hätte es wissen müssen und die Firmen haben sich auch nicht beklagt. [...] Warten wir mal die Entscheidungen der Justiz und der Kirchenoberen ab. Meinung und Wahrheit sind selten identisch..."
Matthias Drobinski kommentiert den Sachverhalt in der SZ mit Blick auf eine Kirche, die die im Namen von Gerechtigkeit und Nächstenliebe auftrete:



"Man mag den Bischof von Limburg für einen Lügner und selbstbezogenen Verschwender halten und sein Rücktrittsangebot für notwendig. Solange er das aber nicht tut, und sei es nur aus purem Starrsinn, gilt: Franz-Peter Tebartz-van Elst hat ein faires Verfahren verdient. Der Papst sollte nicht in Sympathie oder Antipathie über ihn entscheiden. Sondern Fakten und Gründe wägen. Wenn die Entscheidung dann länger dauert, als es vielen Gläubigen und auch Journalisten lieb ist - dann ist das eben so."

Dank "Extra3" gibt es sogar einen lustig-sinnfreien Song über den Bischof... Oliver Welke und Ulrich von Heesen ("Heute-Show") delektieren sich über "den alten Geldverbrenner, dem erst die Gelder und dann die Gläubigen davonlaufen". Dass sich die Trittbrettfahrer der seichten Unterhaltung, unter anderen Stefan Raab, neuerdings auch zur sachlich nicht untermauerten Kirchen- bzw. Bischofskritik (Raab: "Schon der Name klingt unsympathisch") berufen fühlen, verwundert nicht. Diese Bande möchte etwas vom Quotenkuchen abhaben, wie immer. Die Buchstaben des Namens Tebartz-van Elst lasse sich leicht 'Satan lebt' bilden - die zu 98% aus der Kirche ausgetretene Raab-Gemeinde kichert wohlgefällig über solch einen Schwachsinn und übersieht gnädig, wie unangebracht und geschmacklos solche Bezugnahmen sind.
Klar, wer sich eine Badewanne für 15.000 €  anschafft, hängt zwangsläufig satanistischen Umtrieben an und "kauft sich ein paar Edelnutten"...mehr als Kopfschütteln geht da nicht mehr.

Katholische Spielart von "Glasnost"?

Mich erstaunt auch, wie das eigene Kirchenpersonal auf einmal in helle Aufregung verfällt - 'nur' weil jener Franz-Peter Tebartz-van Elst sich bei seiner 'Prunksucht' hat erwischen lassen, während sein Handeln und Auftreten ihn meiner Ansicht nach nur unwesentlich von anderen Kardinälen hierzulande unterscheidet, etwa im Raum Köln. Am Gebaren Kardinal Meisners scheint sich das Kirchenvolk kaum zu stören, z.B. wenn er sich 2010 aufwendig porträtieren lässt:



Wehgetan haben die Kosten für das Gemälde kaum - das erst kürzlich offengelegte Vermögen des Erzbischöflichen Stuhls beläuft sich bei 166 Millionen Euro [davon entfallen 15,4 Millionen Euro auf Beteiligungen in der Wohnungswirtschaft, der Rest sind Immobilien. Der jährliche Vermögensertrag liegt bei knapp 9,6 Millionen Euro (2012)]. Damit ist die Erzdiözese Köln eine der reichsten der Welt.
Auch darüber regen sich jetzt alte und neue Kirchenkritiker auf - dabei ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die beiden großen Kirchenorganisationen über ungeheure Mittel (das Vermögen der katholischen Kirche soll sich auf 200 bis 500 Milliarden Euro belaufen) verfügen und dass unternehmerisches Handeln für sie eine Selbstverständlichkeit ist.

Während dem Limburger Bischof lautstark 'Prunksucht' und Geltungsdrang vorgeworfen werden, frönen die meisten seiner Amtsbrüder (in Deutschland) einem Lebensstil, der ohne große Wohnungen und Luxus-Limousinen auch nicht auskommt:
Kardinal Meisner verdient monatlich rund 11.500 Euro, zwei Ordensschwestern führen ihm den Haushalt und er fährt einen 7er BMW bzw. lässt sich darin chauffieren. Wie dies als 'beinahe anspruchslos' beschrieben kann, entzieht sich meinem Verständnis...ich vermute mal, hier soll zwischen dienstlichen Erfordernissen und dem Privatleben des Kirchenfürsten unterschieden werden - doch 'ganz privat' lebt der 79-Jährige mietfrei in einer fast 250 Quadratmeter großen Wohnung im Erzbischöflichen Haus (in der Kardinal-Frings-Straße im Gereonsviertel, also mitten in Köln).


Immerhin - auch hinsichtlich des persönlichen Lebensstils von Bischöfen und Kardinälen gibt es deutliche Unterschiede:"Kardinal Meisner fährt BMW, Bischof Ipolt nimmt die Bahn".-

Es ist das Image ihrer Organisation, sich die Führungskader sorgen - seit dem internationalen Mißbrauchskandal beklagt nicht nur Meisner den großen Vertrauensverlust, "der über uns hereingebrochen ist" - ein Verlust, der "aus unserem eigenen Versagen als Kirche" komme.
Große Worte. Noch fehlen Taten, welche ein wirkliches Umdenken erkennen lassen und nicht nur ein Aussitzen, bis die umtriebigen Medien sich auf eine neue Opfergruppe stürzen? 

Sicherlich mag die Haltung von Papst Franziskus solch einen Umdenkprozess einleiten - ihm glaubt man, dass er entsetzt auf Baukosten in Limburg von bis zu 40 Millionen Euro reagierte. Doch es müsste einiges geschehen, um einen echten Imagewandel einzuleiten, welches im wesentlichen davon geprägt ist, dass die Kirchenoberen zu lange Wasser predigen, sich selbst aber den hervorragenden Wein schmecken lassen. 

Buchautor und Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch stellt fest: die Zeit sei jetzt reif für einen Papst, der "keine vier Köche beansprucht, keine Luxuslimousinen mag, der seine schlechtesten Priester seinerzeit zu den reichen Argentiniern entsandt und seine besten Männer in die Slums geschickt hat" (Focus). 
Sollte der Papst an seinen Vorhaben festhalten, seiner Kirche nun Transparenz, Demut und Bescheidenheit angedeihen zu lassen, ist Sorge um sein persönliches Wohlbefinden durchaus angebracht - in jedem Fall wird er auf erhebliche Widerstände stoßen...

Nachtrag (23.10.)
Wie es scheint, lässt Papst Franziskus sich - unbeeindruckt von der öffentlichen Meinung - Zeit mit einer abschließenden Entscheidung über das berufliche Schicksal des investitions. und reisefreudigen Bischofs:
"Papst Franziskus lässt den umstrittenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst vorerst im Amt. Allerdings stellt er ihm einen Generalvikar mit umfangreichen Vollmachten zur Seite. Das gab der Vatikan bekannt." (DW, 23.10.2013)
Tebartz-van Elst werde bis zur abschließenden Untersuchung der Vorwürfe durch die kürzlich eingesetzte Kommission der Deutschen Bischofskonferenz "eine Zeit außerhalb der Diözese" verbringen, teilte der Vatikan weiter mit. 
Während dieses 'Urlaubs' wird dem Kleriker einstweilen die Führung der Amtsgeschäfte entzogen. Die Leitung der Diözese soll für diese Zeit ein Vertrauter des Bischofs übernehmen.

Eine kluge Entscheidung - und m.E. zum jetzigen Zeitpunkt die einzig vertretbare. Eine Amtsenthebung wäre derzeit einer Vorverurteilung gleichgekommen, doch 'weitermachen wie bisher' hätte absehbar weitere Eskalationen im Bistum Limburg bedeutet.

Persönlich bin ich neugierig, ob sich die relevanten Vorwürfe bewahrheiten werden.



 

Sonntag, 20. Oktober 2013

Auf der Suche nach außerirdischem Leben

ARTE-Dokumentation u.a. über die Entdeckung neuer Monde (2013)

In der Weltraumforschung setzt sich eine neue Erkenntnis durch: In nicht allzu ferner Zukunft wird der Mensch die Frage beantworten können, ob Leben auch außerhalb der Erde existiert. Weit entfernten Regionen unseres  Sonnensystems sind längst nicht so lebensfeindlich, wie man noch vor wenigen Jahrzehnten annahm. Auch wissen wir inzwischen, dass Leben auch unter sehr extremen Bedingungen entstehen kann.

Ob solche Umweltbedingungen auch intelligentes Leben ermöglichen, ist noch unklar. Denn noch wissen wir nicht, ob das Evolution  in einer geeigneten Biosphäre zwangsläufig auch intelligente Lebensformen hervorbringt, sofern ihr genug Zeit bleibt.
Inzwischen wurden jedoch weit mehr als 500 Exoplaneten nachgewiesen, von denen ein Teil in einer habitablen Zone zu liegen scheint. Extrapoliert man diese Momentaufnahme auf die unendlichen Weiten des Weltalls, kommt man auf mindestens zehntausende potenziell lebensfreundliche Welten (vgl. Drake-Gleichung und Exobiologie – ein Kompositum von Unsicherheiten?).

Wenn aber die Rede davon ist, wir hätten bereits die Gewissheit bzw. Beweise für außerirdisches Leben, so folgt diese Behauptungen (noch) einem Wunschdenken. Das mag sich jedoch noch in meiner Lebensspanne ändern - diese Aussicht finde ich unglaublich spannend...
Freilich findet man Buch- und Blogautoren mit der festen Überzeugung, die Menschheit sei längst in Kontakt zu außerirdischen Zivilisationen getreten - doch aus Angst vor einer weltweiten Panik und wirtschaftlicher Destabilisierung werde diese Tatsache verheimlicht. Nun, auf der Suche nach Gewissheit führen solche Spekulationen kein Stück weiter, denn sie lassen sich zwar aufstellen, aber kaum je beweisen.
Anstatt mich darin zu verheddern, verfolge ich lieber die 'seriöse' Erforschung des Weltraums...denn deren Resultate werden sich meines Erachtens auf keinen Fall verheimlichen lassen.


Bewohner des Hundssterns (Sirius) nach
einer Erzählung von Münchhausen, 1793

Die Vorgehensweise ist klar: einerseits wird die Suche auf möglicherweise geeigneten Planeten nach chemischen Grundbausteinen des Lebens fortgesetzt. Parallel wird die Suche nach Leben 'hier' in unserem Sonnensystem intensiviert - sollten sich etwa unter den kilometerdicken Eisschichten des Mondes Europa Mikroben etc. verbergen, dann besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass 'der Rest' dieses gewaltigen Universums nicht völlig unbelebt ist.

So spannend diese Forschungsvorhaben sind - mir scheint, die Menschheit ist heute noch nicht ausreichend vorbereitet auf eine derart bahnbrechende Entdeckung, die tatsächlich auch erhebliche Gefahren und Risiken impliziert:

  • Einerseits könnten außerirdische Lebensformen gefährlich werden - nicht nur wenn diese der Menschheit überlegen sind, wie Stephen Hawking und Simon Conway Morris befürchten. Eine Epidemie durch eingeschleppte 'Weltraumbazillen', denen unser Immunsystem mangels Erfahrung absolut nichts entgegenzusetzen hätte, stelle ich mir naheliegender und schlimmer vor.
  • Anderseits könnte die Entdeckung von außerirdischem Leben je nach Lage der Umstände durchaus Panik und Destabilisierung auslösen, ebenso wie neue Interessenkonflikte und aus ihnen resultierende Kriege. Nicht ohne Grund bezeichnet der Global Risks Report 2013 des Weltwirtschaftsforums (WEF)  eine zukünftige Entdeckung außerirdischen Lebens als einen möglichen "X-Factor", der tiefgreifende Auswirkungen haben könnte.
Ob man eher die Chancen oder vornehmlich die Risiken eines zukünftigen Ereignisses sieht, ist nicht zuletzt eine Charakterfrage. Die dümmste Haltung ist sicher, den Kopf in den Sand zu stecken und abzuwarten...
Bis zu einer Begegnung mit intelligenten Lebewesen wird es noch lange dauern, sofern diese angesichts der schier unüberwindbaren Entfernungen jemals möglich werden sollte. Von weitaus größerer Relevanz ist in unserer Zeit die Chance, durch den Nachweis einfacher Lebensformen eine der ältesten Fragen überhaupt zu beantworten: Sind wir allein?
An dieser Antwort hängen weitere bedeutsame Fragestellungen: Welche Bedeutung hat der Mensch in diesem Universum - als einzigartiges Induviduum und als Spezies? Die Tragweite wird deutlich, wenn man bedenkt, dass wir uns vor ein paar hundert Jahren noch als unangefochtene Krone der Schöpfung betrachteten...)


Was E.T. angeht, nun ja...es ist keineswegs ausgemacht, dass ein bewohnbarer Planet auch wirklich bewohnt ist (und dass wir Erdlinge diese Bewohner jemals zu gesicht bekommen. So verweisen Vertreter der Rare-Earth-Hypothese (Seltene-Erde-Hypothese) darauf, dass es einer vergleichsweise unwahrscheinlichen Konstellation vor allem astrophysikalischer und geologischer Bedingungen bedurfte, damit komplexe vielzellige Lebewesen auf der Erde entstehen und sich zu unserer heutigen Lebewelt entwickeln konnten.
(Besonders das Vorhandensein des Erdmondes ist ungewöhnlich, da die anderen Gesteinsplaneten im Sonnensystem allenfalls viel kleinere Trabanten haben. Doch gerade der Mond hat wichtige Auswirkungen auf die Erde und damit auch auf das Leben. Er stabilisiert die Erdachse über einen langen Zeitraum, bewirkt die Gezeiten und bremst die Erdrotation. Es gibt Hinwiese, dass gerade der Mond eine stimulierende Wirkung auf die Evolution besitzt und der Erde damit u.U. ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal verleihen könnte.)
Die nachfolgende Dokumentation geht diesen Fragestellungen nach und fasst das Gegenwartswissen der Exobiologie zusammen