Mittwoch, 27. November 2013

Höhenflug des DAX: "50.000 Punkte sind gewiss"

Ein “Allzeit-Hoch” des Deutschen Aktienindex DAX jagt das nächste – dabei ist es offensichtlich, dass die Börsenindizes vor allem dadurch künstlich in die Höhe getrieben werden, dass die Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld fluten. In den USA soll damit die Wirtschaft angekurbelt werden; und in Europa soll m.E. eine impotente Einheitswährung künstlich am Leben erhalten werden.
“Anleger setzen vor allem auf die laxe Geldpolitik der Notenbanken. Bleibt das Geld billig, kann es auch weiter an die Börse fließen.“ Stefan Wolf, Das Börsenblog
Die Vorgehensweise der Notenbanken impliziert spätestens mittelfristig große Unsicherheiten, welche auch die Anleger erfassen: Sogar begeisterte Börsianer fragen sich, wann der Absturz an den Börsen beginnt – spätestens dann, wenn die Notenbanken den Geldhahn zudrehen. Selbst wenn dies wie angekündigt ‘behutsam’ geschieht, dürfte eine negative Trendwende forciert werden.
Schon der gestärkte US-Arbeitsmarkt schien die deutschen Aktien zum Ende der 2. Novemberwoche in ihrem Höhenflug zu stoppen: die positiven Nachrichten erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass US-Geldpolitik alsbald gestrafft werde.
Klar ist: um so tiefer der Sturz von  DAX und Co. (in absehbarer Zeit) ausfällt, um so dramatischer ist die Menge des Geldes, dass dadurch verbrannt wird. Ein solcher Absturz ist noch nicht so lange her: Vor sechs Jahren hatte der DAX die 8.000-Punkte-Marke überwunden, die Wirtschaft schien in einer robusten Aufschwungphase und die geplatzte Internetblase war längst vergessen. Mit an Größenwahnsinn grenzendem Optimismus gaben mehrere Bankhäuser damals das kurzfristige Kursziel “10.000 plus x” für den DAX aus. Dann wurden (nicht allein) die Börsenplayer von der Immobilienkrise in den USA überrascht, deren Folgen bis heute noch nicht ausgestanden sind. . Die Nachbeben erschüttern die Finanzwelt bis heute, wenn auch mit nachlassender Vehemenz.

Apropos Größenwahn:

Nachdem der DAX  nunmehr die 9.000-Punkte-Hürde locker überwunden hat, gab der Analyst Joachim Goldberg ein Ziel von 50.000 Punkten (!) aus – allerdings ohne einen zeitlichen Horizont zu nennen. Auf sehr langfristige Sucht dürfte sich diese Vorhersage zwar bewahrheiten – auf die Gier der Menschen (zu lasten von Arbeitnehmern in vielen auf Profitmaximierung gepolten Aktiengesell-schaften) ist stets Verlass - doch was geschieht dazwischen? 

Dieter Neumann ("Trader, Broker, Börsen – Milliarden Gewinne") spricht von einem irregulären Kaufrausch ist sich dennoch sicher:

"Das große Heulen und Zähneklappern beginnt sobald die Kurse purzeln." 
Im Grunde könnte der DAX schon mal in ‘Ikarus’ umbenannt werden, dessen Flugerlebnis er früher oder später wiederholen wird…jedenfalls erfüllt der momentane 'Rekord-Höhenflug' an den Börsen (auch) mich mit großer Sorge.
Wenigstens die deutschen Automibilhersteller müssen sich kaum große Sorgen machen: kommt eine neue Krise, haben sie zwar wenig Rücklagen (denn sie zahlen ihren Kapitalgebern laufend hohe Zinsen und Renditen) - aber sie fordern dann erneute Abwrackprämien...

Samstag, 23. November 2013

Epigenetische Prägung - Vererbung ist mehr als die Summe der Gene

Prof. Dr. Johannes Huber im Gespräch


Die Epigenetik befasst sich mit Eigenschaften von Organismen und Zellen, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA eines Lebewesens festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.
Sondern Schaltermoleküle, Eiweiße und andere Signalstoffe der Zelle bestimmen, ob und wann Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Diese epigenetischen Veränderungen steuern die Krebsentstehung, verursachen Probleme in der Stammzelltherapie und beim Klonen und bestimmen, welche Eigenschaften vom Vater und welche von der Mutter vererbt werden.

Professor Huber geht vor allem auf epigenetische Mechanismen ein, die bereits während der Schwangerschaft zum Tragen kommen und bestimmte Eigenschaften des werdenden Kindes ein erheblichem Ausmaß beeinflussen. Vor diesem Hintergrund kommt nicht nur der körperlichen, sondern auch der seelischen Wohlergehen der Frau während der Schwangerschaft eine besondere Bedeutung zu.

Die schwangere Frau sei vor Stress, Mobbing und ähnlichen Belastung zu schützen, weil solche Stress-Situationen weitervererben sich und so auf die spätere seelische Gesundheit des Kindes auswirken.

Auch in der Krebsforschung spielt die Epigenetik eine wachsende Rolle: Im Laufe des Alterungsprozesses ermöglichen epigenetische Veränderungen den Zellen, auf Umweltveränderungen und Einflüsse zu reagieren, ohne dass die DNA selber geändert werden muss. Diese Anpassung kann notwendig sein, doch entstehen auch viele Krebsarten unter anderem dadurch, dass die Gene für wichtige Reparaturenzyme oder Schutzmechanismen epigenetisch ausgeschaltet werden.

Bei aller Einsicht in solche Prägungsvorgänge wird man m.E. achtgeben müssen, dass die Eigenverantwortung des Individuums keine übermäßige Bagatellisierung erfährt. Ich denke da an Justiz und Strafvollzug - schon heute nehme ich mit Unverständnis zur Kenntnis, dass Täter nach Begehung einer schweren Straftat mehr öffentliche Zuwendung und Unterstützung zu erhalten scheinen als deren Opfer. Mich würde nicht wundern, wenn in fünf oder zehn Jahren die ersten findigen Rechtsanwälte den Versuch unternähmen, unter Verweis auf die epigenetische Schädigung eines Mandanten ein milderes Urteil für diesen zu erwirken.




Freitag, 22. November 2013

Universum ohne Gott?

 Philosophisches Quartett vom 28.11.2010

UFOs und staatlicher Kontrollwahn - ein konstruierter Zusammenhang?

Seit dem ‘Bekanntwerden’ der für unsere Politelite scheinbar überraschenden Fakten über die Bespitzelung und Kontrolle durch ausländische Geheimdienste stelle ich mir des öfteren die Frage: Wozu der ganze Aufwand?
Die Zielgruppen der Ausspähung machen deutlich: um Terrorbekämpfung geht es dabei kaum, jedenfalls nicht in erster Linie. Oder geht Angie heimlich destruktiven Bastelfreuden nach? ...bestimmt nicht.

Was kann es sonst für einen Anlass geben, um mit beträchtlichem Aufwand und um den Preis weltweiten Sympathieverlustes alles und jeden zu kontrollieren – in einem Ausmaß, das wir Normalbürger niemals ganz erahnen?
Verschleierung, Geheimniskrämerei, Manipulation und Kontrolle wachsen auf einem Holz; und es muss wohl ein außerordentlich brisantes Thema sein, mit einer ungeheuren Sprengkraft für den Bestand der gegenwärtigen Macht- und Kapitalstrukturen, um den gewaltigen Einsatz von AI, Ressourcen und Humankapital aus der Sicht derer zu rechtfertigen, die dafür verantwortlich sind. Was könnte das sein? 

In jedem Fall wird es um ein auch zukünftig sehr bedeutsames Thema gehen müssen – das die Menschheit nichtsdestoweniger schon seit vielen Jahrzehnten umtreibt. Hier tehen zugegebenermaßen mehrere zur Auswahl: verborgene militärische Potenziale, politische und soziale Transformationen usw. Meines Erachtens geht es um die Gestaltung des Weltbildes, also des alles umfassenden Paradigmas mit Konsequenzen für alle genannten und weitere Bereiche.
Den Ausgangspunkt könnte eine gefundene Antwort auf die Frage bilden: Sind wir allein im Universum? Sollte diese Antwort jemals gefunden (und der unvorbereiteten Öffentlichkeit bekannt werden), hätte dies gravierendste Auswirkungen für die gesamte Menschheit.
Richard Dolan hielt am 2. Mai 2013 folgende Rede globalen UFO-Phänomen auf dem diesbezüglichen ‘Citizen Hearing’:



Einige Statements daraus möchte ich nachfolgend aufgreifen:
"In meinen Augen stellen die Enthüllungen zu den Themen UFOs und ETs ein Paradoxon dar. Sie sind unmöglich – und doch unvermeidlich. … Etwas wird den Präsidenten zum Handeln zwingen. Er oder sie wird schließlich die lang erwartete Pressekonferenz abhalten und die Bombe platzen lassen, indem er etwas sagt wie: 
“Ich wurde vom Nationalen Sicherheitsrat und der Führung unseres Geheimdiensts darüber unterrichtet, dass etwas Wahres an den UFO-Phänomenen ist – dass manche UFOs tatsächlich physische Flugzeuge sind, die von keiner auf Erden bekannten Zivilisation hergestellt wurden.“
Die wirkliche Frage lautet: Was kommt jetzt? Wer sind diese Wesen sind und was sind ihre Absichten in Bezug auf die Erde bzw. die Menschheit? Sehr sehr schwer zu beantwortende Fragen – und was geschieht, “wenn so eine Antwort Informationen enthält, die zutiefst erschütternd sind?” 
"Die Absichten nicht-menschlicher Besucher zu erraten könne zu dem Resultat führen, dass einige von ihnen sich nicht besonders für die Menschheit interessieren."
Dolan sieht Anzeichen dafür, dass schon ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Nachforschung dem Einfluss des Geheimdienstes unterliegt. Es klingt wie schlechte Science Fiction vom Bahnhofskiosk, aber mal ehrlich: ist es so undenkbar, dass die eingangs erwähnten Geheimdienste mit ‘ihnen’ kooperieren würden oder zur Kooperation gezwungen wären
Denkt man dieses Szenario auch nur für fünf Minuten weiter, ergeben sich erschreckende Implikationen in Bezug auf die Geschichte der letzten 50 oder 80 Jahre. 

Persönlich enthalte ich mich solchen Gedankenspielen, denn sie verursachen schlechte Stimmung und haben – bis heute – keine erkennbare Grundlage außer Spekulationen und verschwommene Fotos (jedenfalls habe ich noch kein UFO gesehen und bin auch nicht besonders scharf darauf).


Gerade im Internet lassen sich ausufernde Spekulationen nicht unter Kontrolle halten. Das ist aber auch nicht notwendig – solange aus ihnen keine Gewissheit wird, sondern ihnen stets ein dubioser Anschein anhaftet. Ist es so unvorstellbar, dass die hektische Ablenkungs- und Kontrollmaschinerie (unter anderem) genau dafür sorgen soll?

"…der Moment der Enthüllung wird der Öffentlichkeit vermutlich nicht die gewünschten Informationen über die Absichten der Aliens bescheren. Und das ist nur der Anfang der Probleme."
Gerade in diesem Punkt werden die Meinungen weit auseinander gehen – soweit, dass heftige Konflikte entstehen können. Gleichzeitig wird es Versuche geben, die Angst und das Misstrauen vor ‘Aliens’ zu instrumentalisieren: noch mehr Sicherheit und bessere Waffentechnologie müssen angeblich her - obwohl jede zur interstellaren Raumfahrt befähigte Zivilisation sich aller Wahrscheinlichkeit darüber scheckig lacht …oder eventuell provoziert fühlt.

Eine frühe und offensichtliche Frage mit weitreichenden politischen Auswirkungen wird lauten: „Wie haben Sie es geschafft, diese Informationen so lange Zeit geheim zu halten?“

Nun ja, Dolan beschreibt hinlänglich, wie alle gesellschaftlichen Bereiche gegen real existierende UFOs in Stelling gebracht wurden: der Gesellschaft wurde gesagt, es seien definitiv keine ETs oder Aliens hier.
"...eine Einstellung, die sich durch alle größeren Institutionen zieht. Durch unsere Bildungseinrichtungen von Grundschule über Universitäten bis hin zu postdoktoralen Ebenen. Durch unsere ganzen großen Nachrichtenagenturen, wo ein offen bekannter Glaube an UFOs eine Gefahr für die Karriere darstellt. Und natürlich durch unser wissenschaftliches Establishment und unsere politischen Strukturen."
Hier bahnt sich allerdings ein Wandel an, langsam lockert sich die verordnete Tabuisierung des UFO-Themas – notgedrungen, nachdem auch frühere Mitglieder von Regierungsorganisationen mehrerer Länder von persönlich erlebten Sichtungen berichtet haben. Auch setzt sich nach der Auffindung von 500 plus X Exoplaneten allmählich die Ansicht durch, dass es weitere potenziell bewohnbare Planeten in unserer relativen Nähe geben dürfte. Damit ist die Wahrscheinlichkeit bzw. deren Akzeptanz gewachsen, dass wir nicht allein sind.



HST-Aufnahme von Staubscheibe und Exoplanet 
(s. Einblendung rechts unten) um den Stern Fomalhaut

Dolan geht davon aus, dass die Menschen deutlich erkennen werden, wie "der nationale Sicherheitsapparat eine globale Kultur erschaffen hat, in der die Wahrheit unterdrückt wird". Als Folge davon werden Forscher untersuchen, wie die Glaubwürdigkeit all dieser Institutionen sowie unser Verständnis von Wahrheit untergraben worden sei - und für die "UFO-Vertuschung" verantwortlich sei.

Sicher, die Machtstrukturen werden kritisch hinterfragt werden, noch kritischer und drängender als bislang. Doch eine Enthüllung von solcher Tragweite hätte auch eine ungeheure Eigendynamik – sodass die unabänderliche Vergangenheit womöglich weniger im Fokus wäre.

Ob also so ein umfassender “kultureller und institutioneller Hausputz” stattfinden würde, bezweifle ich. Die Maschinerie der Heimlichkeiten und der Kontrolle besteht ja auf internationaler Ebene fort und deren Methoden werden nicht über Nacht ihre Wirksamkeit einbüßen.
"Es wird ein Moment sein, in dem die Welt sieht und erkennt, dass der Kaiser tatsächlich keine Kleider trägt. Die politischen Konsequenzen werden enorm sei…"
Das sehe ich anders. Die Kaiser haben ihre Kleider längst verkauft; wer dies jetzt nicht sehen will, wird es auch nicht wahrhaben wollen, sobald UFOs wie selbstverständlich am Himmel kreisen.
Das wirkliche Thema in der unmittelbaren Zeit nach den Enthüllungen wird sein: Wer kontrolliert den weiteren Verlauf dieser Story?

Es ist tatsächlich davon auszugehen, dass die Informationen von der anderen Seite so sparsam als möglich ausgegeben werden. Die PR-Leute der Regierungen werden die Situation unter 'nationalen Sicherheitsinteressen' weiterhin zu kontrollieren versuchen. Dennoch liegt Dolan mit der absehbaren Veränderung richtig:

"Doch dieses Mal könnten unabhängige UFO-Forscher ein öffentliches Gehör finden wie niemals zuvor. Wenn die offiziellen Sprecher irreführende oder falsche Statements abgeben, werden es unabhängige Forscher in der Zeit nach den Enthüllungen viel leichter haben, dies aufzuzeigen."
Allerdings wird die Welt vermutlich nicht nur zuhören. Sondern vielfältige Gestaltungsabsichten (z.B. der Raelisten und anderer sektenartiger Vereinigungen) erhalte rasenden Zulauf, während die bisherigen gesellschaftlichen Meinungspole sich radikalisieren werden.
"Wie sich alles entwickelt, wird die Zeit zeigen. Es gibt noch so viele andere Probleme ..."
Wohl wahr - Probleme haben wir mehr als genug: Raubbau an der Ökologie des Planeten, globale Finanzen, Energie und Krieg - aber auch kulturelle Auseinandersetzungen und ein wachsendes Gefälle zwischen reichen Minderheiten und verarmten Massen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir Menschen uns selbst zerstören, bevor etwaige Außerirdische uns kontaktieren oder ihre Anwesenheit bewiesen wird. 

Dolan äußert die Erwartung, dass im Zuge dieser UFO-Enthüllung durch die Regierungen endlich Fragen und Belange aller Menschen beantwortet werden anstatt nur jene einer kleinen Elite - durch Erhöhung des öffentlichen Drucks "von ganz unten ...  während wir in eine neue, bessere und reifere Phase unserer Existenz eintreten".


Dafür sehe ich keinerlei Anzeichen - hätte aber nichts dagegen, dass Optimisten wie Dolan Recht behalten...



***

Mittwoch, 20. November 2013

Wie entstand der Konflikt zwischen Israel/den Juden und den Arabern/dem Islam?

Bislang hatte ich angenommen, der Konflikt zwischen Juden und Muslimen sei seit Gründung des Staates Israel 1948 eskaliert - ein Irrtum.


Ausgangslage


In den großen christlichen Kirchen trat die Rolle und Botschaft Jesu als Messias in den Vordergrund, demgegenüber wurde das Alte Testament in seiner Bedeutung relativiert. Dies hatte zur Folge, dass die von den Propheten des A.T. ausgesprochene Verheissung bezüglich Israels in der Endzeit als weniger bedeutsam wahrgenommen wurde. Die christlichen Kirchen (evtl. mit Ausnahme der orthodoxen Kirche?) lehnen die heilsgeschichtliche Deutung des jüdischen Volkes und damit des Staates Israel ab.

Die evangelisch geprägten, angelsächsischen Länder hingegen erkennen Israels Erwählung durch Gott, wie sie das A.T. lehrt, an. Auch deshalb ist heute die USA der wichtigste Verbündete Israels. Die deutsche Politik setzt sich seit Bestehen der Bundesrepublik für das Existenzrecht Israels ein, allerdings eher aus Staatsräson eingedenk der Verbrechen des Nazi-Regimes. Die beiden großen Kirchen stehen dem Staat Israel weiterhin distanziert gegenüber; hier klingen hinter vorgehaltener Hand bis heute die alten, dummen Ressentiments an (von wegen, die Juden hätten schließlich Christus gekreuzigt - was schon historisch unzutreffend ist).



Verhältnis des Islam zu den übrigen Buchreligionen


Im Koran werden Juden und Christen zwar geduldet - aber zu Schutzbefohlenen (Dhimmi) degradiert, weil sie die letzte Offenbarung Gottes im Koran nicht anerkennen. Ihnen wird die sog. Dschizya (arabisch ‏جزية‎), eine Kopfsteuer auferlegt. Auch mussten sie eine Reihe von Verboten und Einschränkungen erdulden, waren aber keiner Gefahr an Eigentum und Leben ausgesetzt und sie durften sie ihren Glauben sowohl behalten als auch ausüben. 
Man kann durchaus von einer gewissen Nähe zwischen Judentum und Islam sprechen, da sich nicht sowohl ihre Glaubensvorstellungen als auch ihre Riten (Beschneidung, tägliche Gebete, Reinheitsregeln) ähneln. Zweifelsohne waren die christlichen Kirche für die Juden bis Ende des 19. Jahrhunderts eine weit größere Bedrohung als der Islam, denn sie erzwang z.T. mit Gewalt die Bekehrung der Juden zum christlichen Glauben drängte, wodurch tausende Juden als Märtyrer starben.

Freilich gingen die verschiedenen islamischen Richtungen unterschiedlich mit den Juden um: ab dem Ende des 11. Jahrhunderts eroberten Almoraviden, fundamentale muslimische Berber, Andalusien und später Nordafrika von ihren Glaubensgenossen. Dort ansässige Juden wurden vor die Alternative 'Konvertierung zum Islam oder Tod' gestellt; viele von ihnen migrierten ab dem 15. Jahrhundert in das neu gegründete Osmanische reich, das zwar auch muslimisch, aber wesentlich moderater war.-




Konfliktherd Palästina



In Palästina ließen mehrere Einwanderungswellen seit Ende des 19. Jahrhunderts den jüdischen Bevölkerungsanteil von fünf Prozent (1882) auf 11,1 Prozent (1922) bzw. 30,6 Prozent (1945) anwachsen.

Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die auf die Errichtung und den Erhalt eines jüdischen Nationalstaats in Palästina abzielt. Als "Vater des politischen Zionismus" gilt Theodor Herzl, der Initiator und erste Präsident der 1897 in Basel gegründeten Zionistischen Weltorganisation (ZWO). Das Baseler Programm - bis 1948 Leitlinie zionistischen Wirkens - verkündete als zentrales Ziel die "Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina".




Palästina (Cisjordanien und Transjordanien) um 1922


Diesbezüglich dominierte die Auffassung, das jüdische Volk müsse sich durch körperliche Arbeit und Urbarmachung des Bodens ein Recht auf Palästina erwerben. Folglich 
gründeten die Einwanderer landwirtschaftliche Kollektivsiedlungen (Kibbuzim), organisierten jüdische Arbeitskräfte in der Gewerkschaft Histadrut und riefen militärische Organisationen zum Schutz der neu angelegten Siedlungen ins Leben. Ende 1946 betrug der jüdische Landbesitz in Palästina 11 Prozent der kultivierbaren und 20 Prozent der kultivierten Fläche.

Bereits früh waren die zionistisch motivierten Einwanderer in Konflikt mit der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung geraten. Doch zum entschiedensten Gegner der Juden und vor später des Staates Israel wurden die Araber vor etwa 100 Jahren - mit der sog.  Balfour-Deklaration:

In dieser Deklaration vom 2.11.1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden mit den zionistischen Bestrebungen, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten. Dabei sollten die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben.1)  
Zum damaligen Zeitpunkt befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Beginnend mit der Eroberung von Beerscheba am 31.10.1917 unter dem britischen General Edmund Allenby wurde die Eroberung Palästinas durch britische Truppen wurde bis Dezember 1917 faktisch vollzogen. 
Die britische Balfour-Deklaration war an die Führer der zionistischen Weltorganisation gerichtet. Sie gilt als eine entscheidende Garantieerklärung an den Zionismus, in Palästina eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ errichten zu dürfen.


14. Mai 1948: David Ben Gurion proklamiert den 
Staat Israel unter einem Porträt Theodor Herzls.


Am 24. Juli 1922 wurde die Deklaration in das Völkerbundsmandat für Palästina aufgenommen (und so international anerkannt), das die Bedingungen für die einstweilige Übernahme der Verwaltung des Landes durch Großbritannien mit Rücksicht auf seine jüdische und arabische Bevölkerung festlegte. Die Errichtung des unabhängigen Staates Israel im Mai 1948 ist insoweit mittelbar eine Folge der Balfour-Deklaration.
Bald begann sich in arabisch-nationalistischen Kreisen Widerstand gegen die britische Politik und die Einwanderer zu organisieren. Im April 1920 kam es erstmals zu größeren Ausschreitungen. Ein arabischer Mob plünderte Geschäfte in Jerusalem und tötete und verletzte jüdische Anwohner. Die britischen Truppen unterbanden die Unruhen nicht. Trotz der vorangegangenen Verhandlungen mit arabischen Persönlichkeiten zeichnete sich nicht nur ein starker arabischer Widerstand gegen die Errichtung eines jüdischen Staates ab, sondern die völlige Ablehnung einer jüdischen Heimstätte (auf 'arabischem' Territorium). 
'Haus des Islams' und 'Haus des Krieges'
  • Der islamische Rechtsbegriff Dār al-Islām ('Haus des Islams‘) bezeichnet alle Gebiete unter muslimischer Herrschaft. Gegenbegriff ist Dār al-Ḥarb („Haus des Krieges“). Der Begriff geht auf keine Textstelle im Koran oder in der Sunna zurück - er ist vielmehr eine Auslegung von Rechtsgelehrten: Gebiete, die nicht von der Umma kontrolliert werden, gelten als Dār al-Ḥarb.
Aus politischen und ideologischen Gründen wird der Dār al-Islām auch als Dār as-Salām („Haus des Friedens“) bezeichnet. Die Bewohner des Dār al-Islām sind entweder Muslime oder aber so genannte Dhimmis (s.o.), also Schutzbefohlene minderen Rechts. Nicht-Muslime aus dem Dār al-Ḥarb müssen einen zeitweiligen Schutzvertrag (Aman) abschließen, wenn sie den Dār al-Islām betreten wollen, da sie als so genannte Ḥarbīs sonst keinerlei Rechte hätten, nicht einmal das Recht auf Leben. Nach klassischer Lehre dürfen Polytheisten im Dār al-Islām dazu gezwungen werden, den Islam anzunehmen. 
  • Dār al-Harb ‏(wörtlich übersetzt „Haus des Krieges" oder besser: „Gebiet des Krieges“) bezeichnet alle nicht unter islamischer Herrschaft stehenden Gebiete der Welt, die kein Dār-al-ahd (Gebiet des Vertrages) sind.
Kriegszüge gegen die Dār al-Harb werden aus traditioneller Sicht des Islam nicht als Kriege betrachtet und deshalb auch nicht als Kriege bezeichnet, sondern als „Öffnungen“ (‏für den Islam). Nach traditioneller islamischer Auffassung kann es keinen Salām („Frieden“) mit der Dār al-Harb geben, sondern nur eine zeitlich begrenzte Hudna („Waffenstillstand“). 
Der traditionelle Islam folgt also dem Grundsatz, dass ein für den Islam erobertes Territorium nicht mehr preisgegeben werden darf. Die zionistischen Bestrebungen schlossen "sogar" Jerusalem ein - für die Muslime nach Mekka und Medina der drittheiligste Ort, dessen muslimischer Charakter sie unbedingt gewahrt wissen wollen. In in den Augen vieler fundamental denkender Muslime hat der jüdische Staat keine Existenzberechtigung; nicht wenige fordern allen Ernstes seine Zerstörung. Denkbar sind für sie nur Juden als geduldete Minderheit in einem palästinensisch-islamischen Staat - also mit dem Status, den sie unter Türken und Arabern jahrhundertelang hatten. 
Der Fairness halber sollte in diesem Kontext nicht ungesagt bleiben, dass viele Muslime sich von dieser militanten Sichtweise distanzieren. Um aber die Beweggründe des jüdisch-islamischen Konfliktes zu verstehen, ist ein Blick auf die 'territoriale Integrität' der arabischen Region nach fundamentalem Islamverständnis unerlässlich.--
Um den Konflikt nicht weiter anzuheizen, beschränkten die Briten die weitere Einwanderung von Juden nach Palästina auf ein Minimum - auch im Wissen um die antisemitischen Verfolgungen in Deutschland. Es waren die weltpolitische Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere das Trauma der Schoah2), wodurch die Entwicklung Palästina maßgeblich bestimmt wurde: Angesichts der Ermordung eines Drittels der jüdischen Weltbevölkerung in Vernichtungslagern der Nazis traten sämtliche Bedenken gegen das zionistische Experiment in den Hintergrund. 

Sowohl die zionistische als auch die arabische Nationalbewegung forderten vehement die Beendigung der britischen Herrschaft, versuchten aber zugleich, ihre gegensätzlichen nationalen Ziele durchzusetzen. Angsichts militanter Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern sah sich die britische Regierung außerstande, ihr Mandat aufrechtzuerhalten und bat die Vereinten Nationen um Vermittlung. Vom 28. April bis 15. Mai 1947 befasste sich eine außerordentliche UN-Vollversammlung mit dem Palästinaproblem. 


Die resultierende UN-Resolution forderte, das Mandat Großbritanniens zum nächst-möglichen Zeitpunkt zu beenden, Palästina zu teilen und so den Weg für einen arabisch-palästinensischen und einen jüdischen Staat freizumachen. Jerusalem war wegen seiner zentralen Bedeutung für Juden, Christen und Muslime als neutrale Enklave gedacht.

Mit dieser politischen Lösung hätte eine Zeit des Friedens und der Stabilität im Nahen Osten anbrechen können.

Doch die 1945 gegründete Arabische Liga lehnten den Teilungsbeschluss vehement ab. Für den Fall seiner Verwirklichung kündigten sie an, militärische Maßnahmen zu ergreifen und eine "Arabische Befreiungsarmee" aufzustellen. Bereits unmittelbar nach dem UN-Beschluss kam es zu erbitterten Gefechten zwischen arabischen und jüdischen Militäreinheiten. 



Am 1. April 1948 begann eine militärische Offensive der Haganah2) mit dem  Ziel, nicht nur alle dem jüdischen Staat zugedachten Gebiete zu sicher, sondern auch jüdische Siedlungen jenseits der UN-Grenzziehungslinie sowie die Verbindungswege zwischen den jüdischen Siedlungsgebieten und den freien Zugang nach Jerusalem zu 'sichern'. Es kam zu heftigen Kämpfen, vereinzelt auch zu Massakern an der Zivilbevölkerung, die wiederum Vergeltungsaktionen palästinensischer Freischärler nach sich zogen.

Als das britische Mandat über Palästina am 14. Mai 1948 endete, proklamierte David Ben Gurion noch am selben Tage in Tel Aviv den Staat Israel. Dieser wurde nur wenige Stunden später von den USA und der Sowjetunion diplomatisch anerkannt. 

"Wie bereits den UN-Beschluss vom 29. November 1947 begrüßte die jüdische Bevölkerung Palästinas auch die Ausrufung des jüdischen Staates enthusiastisch, beinhalteten beide Geschehnisse doch die völkerrechtliche Absicherung eines lang erstrebten Ziels. In mehreren arabischen Hauptstädten dagegen fanden Protestdemonstrationen statt, bei denen Einrichtungen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion demoliert wurden.
Zwar hatte die zionistische Seite nunmehr irreversibel Fakten geschaffen - doch die Chancen auf eine friedliche Entwicklung in und um Palästina waren aussichtslos. Die arabischen Staaten betrachteten schon den Teilungsplan als Kriegsgrund. Die britische Regierung, ihres Mandates verlustig geworden, schloss einen Bündnisvertrag mit Transjordanien, durch den der geplanten arabischen Intervention in Palästina Rückendeckung gegeben wurde.

In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 - also unmittelbar nach der Ausrufung Israels - marschierten die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon in Palästina ein, um die Proklamation des jüdischen Staates rückgängig zu machen. Nicht zuletzt dank umfangreicher Waffenlieferungen aus dem Ostblock sowie finanzieller Unterstützung aus den USA endete der erste Nahostkrieg im Januar 1949 mit dem militärischen Sieg Israels. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen kamen Waffenstillstandsverträge zustande.


Die Chancen für die durch den UN-Beschluss eigentlich legitimierte Ausrufung eines arabisch-palästinensischen Staates waren für einen langen Zeitraum hinfällig geworden - aus mehreren Gründen:

  • durch die Besetzung von Teilen der dafür vorgesehenen Gebiete durch Israel, 
  • die Eingliederung des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems in das 1950 entstandene Königreich Jordanien,
  • und die Unterstellung des Gaza-Streifens unter ägyptische Verwaltung.
Mit der Gründung Israels wurden mindestens eine Million arabischer Palästinenser zu Flüchtlingen, deren Zukunft und staatliche Heimat z.T. bis heute nicht abschließend geklärt ist. Die weiter unten eingeblendete Dokumentation legt dar, dass Israel der Mehrzahl dieser Flüchtlinge nach dem Waffenstillstand eine Rückkehr in ihre Heimat verwehrte.-

In den Folgejahren wuchsen auf beiden Seiten religiös motivierte Ressentiments sowie  existenzielle Angst. Ein tieferer Konfliktgrund als die Verneinung des Existenzrechts einer Nation bzw. einer Religionsgemeinschaft ist kaum denkbar.


Wollte man diesen Konflikt von der historischen Entwicklung (die nun mal nicht erst im 20. Jahrhundert begann) beilegen, müsste man wohl sagen: "Die Juden waren zuerst da."
Mit einer derart starren, unversöhnlichen Haltung lassen sich jedoch keine Streitigkeiten dauerhaft lösen, weshalb eine Zweistaaten-Lösung und ein ungehinderter Zugang aller drei Religionen zu ihren Heiligtümern in Jerusalem als erstrebenswert erscheint. Eben dies war bereits 1947 Gegenstand des UN-Teilungsplan gewesen.


Es zeigt sich jedoch auch, wie sehr die religöse und die politische Dimension des bis heute bestehenden Konfliktes zwischen Juden und Muslimen ineinander verwoben sind, wodurch eine wirkliche Bereinigung nahezu unmöglich geworden sein dürfte. Dies gilt um so mehr, als alle Beteiligten sich größte Mühe geben, zur fortgesetzten Eskalation beizutragen. 




1948 - Wie Israel entstand  (Dokumentation)




Quelle(n)

Anmerkungen


Ich denke weder anti-islamisch noch als anti-israelisch (und schon gar anti-judaistisch), sondern interessiere mich für die Fakten. Doch es ist bei diesem heiklen Themenfeld gar nicht leicht, die Tatsachen aus ideologisch nicht vorgefärbten Berichten zusammen zu stellen. Sollte mir ein sachlicher Fehler unterlaufen sein, lasse ich mich selbstverständlich korrigieren.
  1. Verwirklicht werden sollte diese Heimstätte durch die "Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden". Doch der osmanische Sultan Abdul Hamid II. lehnte das zionistische Projekt ab; auch die europäischen Großmächte hielten sich zurück. Im Umfeld des Ersten Weltkriegs erhöhte sich der Stellenwert Palästinas. Großbritannien, dessen Truppen im Dezember 1917 Jerusalem besetzt hatten, stärkte seine dominierende Rolle im Nahen Osten. 
  2. Schoah: Verfolgung, Gettoisierung und Vernichtung europäischer Juden durch das nationalsozialistische Deutschland
  3. Die Hagana  war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats (1920–1948). Unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel wurde die Hagana in die israelischen Streitkräfte überführt.

Westliche Werte und Islam

Diskussionsrunde (3SAT, August 2012) mit Michael Schmidt-Salomon, Hamed Abdel-Samad, Gesine Schwan und Tarafa Baghajati

Die deutschsprachigen Medien haben eine 'Blitzlicht-Kultur' entwickelt, d.h. sie greifen ein Thema mit hoher Intensität auf, kochen es für wenige Tage hoch und lassen es dann oftmals wieder in der Versenkung verschwinden. Der Grund für diese Vorgehensweise mag in der vergleichsweise überschaubaren Aufmerksamkeitsspanne des Publikums liegen, das täglich 'etwas Neues' vorgesetzt bekommen möchte.
Erst wenn ein dramatischer Vorfall ereignet, ploppt das Thema - hier der Islam und seine vermeintliche Konfrontation mit westlichen Werten - wieder für eine Weile auf. Um so wichtiger sind Diskussionen, die sich mit Grundsätzlichem befassen.

Wenn, wie in der eingeblendeten Diskussionsrunde, von westlichen Werten die Rede ist, assoziert man zunächst Begriffe wie Humanismus, Aufklärung und die Selbstbestimmungsrechte des Individuums. Darin liegt m.E. eine gewisse Arroganz, denn diese und weitere Werte sind "keine exklusiveBesitztümer des Westens, vielmehr handelt es sich um ein Weltkulturerbe der Menschheit" (Schmidt-Salomon). 

Man könnte auch lange darüber streiten, ob es heute überhaupt noch so etwas wie 'westliche Werte' gibt. Abgesehen davon - muss der Islam denn zu dem passen, was wir Europäer mehr oder weniger diffus als unseren Verhaltensmaßstab begreifen? Was die Menschen in sog. Problemvierteln umtreibt, ist nicht die Religion und ihre konsequente Ausübung.
Vielmehr lässt sich eine (selbst-)verständliche Erwartung ausmachen: Gastfreundschaft setzt die Freundschaft des Gastes voraus. Dies gilt um so mehr, wenn der einstige Gast zum Nachbarn geworden ist oder werden möchte. Hier darf der Fokus nicht auf den Islam alleine verengt werden.

Damit eine Gesellschaft hinsichtlich eines Zusammenlebens in Frieden und Vielfalt Erfolg hat, muss sich weder der Islam den sog. Werten des Westens anpassen noch umgekehrt. Eine solche Erwartungshaltung an den Tag legen hieße, das Mitanander der 'im Westen' lebenden Menschen verkomplizieren. Die eingangs genannten Werte, insbesondere das Selbstbestimmungsrechte des Individuums, sind allerdings keine Domäne von Staatengemeinschaften, sondern eine weltweit gültige Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen miteinander auskommen und niemand unterdrückt oder ausgegrenzt wird.

Dazu gehören insbesondere Toleranz und das Prinzip der Freiwilligkeit auf allen Ebenen der Gesellschaft und damit auch in Bezug auf jede Religiosität:

  • freiwilliger Zugang zu einer Religion und ihren Institutionen,
  • freiwillige und autonome Gestaltung des eigenen Lebens innerhalb einer religlösen Gemeinschaft,
  • sanktionsfreier Austritt aus jeder Religionsgemeinschaft, d.h. ohne bedroht oder schikaniert zu werden,
  • Die Erziehung von Kindern sollte werte-orientiert, aber interreligiös gestaltet werden. (ein schöner Traum, ich weiß...aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass verfrühte Initiationsriten wie die Säuglingstaufe und die Beschneidung irgendwann er Vergangenheit angehören)
Es sollte auch individuell entscheidbar sein, ob man sich mit Missions-aufrufen, Bekehrungsversuchen und jeglicher Form von religiös-fanatischem Geschrei gängeln lassen möchte. Dazu sind geschlossene Räume wie Kirchen, Moscheen und Synagogen da, die jedermann auf Wunsch aufsuchen kann - aber nicht Marktplätze und Fußgängerzonen, die alle Menschen passieren 'müssen'.


Damit sollte man es aber auch gut sein lassen. Angehörige einer Religion müssen weder sich noch ihre Werte an ein Umfeld 'anpassen', solange sie keine Straftaten begehen oder zu solchen aufrufen.

So sehr mir das Sendeformat der '3SAT-Debatte' gefällt, ich würde mir eine gewisse Praxisorientierung bei der Themenwahl wünschen:
  • Beispielsweise halte ich dringend eine Debatte für geboten, ob Religionsgemeinschaften weiterhin gestattet werden kann, im öffentlichen Raum aktiv (durch physische Präsenz, d.h. mit Kundgebunden, Marktständen oder Klinkenputzerei usw.) zu werben. Werbung durch selektiv auswählbare Medien ist dagegen unbedenklich, denn sie lassen jedermann die Wahl, ober sich damit befassen möchte oder nicht.
  • Oder darüber, wie sich der häufige Gebrauch bestimmter Reizworte ("Hassprediger", "Salafismus") in den Medien auswirken...

Westliche Werte und Islam - die 3SAT-Debatte

Dienstag, 19. November 2013

Relativitätstheorie

Es ist in meinem Fall eher ein halbblindes Herantasten als ein wirkliches Verstehen, wenn ich die großen Themen und Fragen der theoretischen Physik oberflächlich streife.
Doch heute muss man 'relativistische Effekte' ja schon kapiert haben, um einen anspruchsvolleren ScienceFiction-Roman nicht im Blindflug zu lesen.


Die beiden nachfolgenden Dokumentationen eignen recht gut sich als Einstieg - sie erläutern, wie Albert Einstein die Theorie ausgearbeitet und begründet hat.

Allgemeine Relativitätstheorie



Spezielle Relativitätstheorie 




Ein Mythos taucht auf - Ägyptens versunkene Hafenstadt

ARTE-Dokumentation (2012)

Vor der Küste Ägyptens ruht auf dem Meeresgrund die antike Hafenstadt Herakleion - nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche, verschüttet unter Sand und Schlamm. 


Ausschnitt von Nordägypten mit den untergegangenen Städten Canopus, Herakleion und Menouthis.
Gelb =  ist versunkenes Land, die türkise Linie ist ein nicht mehr existierender Nilarm

Herakleion war Ägyptens wichtigster Seehafen nach Griechenland in den zwei Jahrhunderten zwischen 550 und 331 v. Chr. Nach mehreren Katastrophen ging die Stadt endgültig im 8. Jahrhundert n. Chr. unter.


"Über die Jahrhunderte verschob sich die Mündung des Nils, und an der Stelle, an der einst die Stadt gewesen sein musste, ist heute nur noch Wasser. Der französische Meeresarchäologe Franck Goddio wagt sich mit großer Beharrlichkeit an die Herkulesaufgabe, die versunkene Stadt wiederzufinden. Das Forschungsgebiet erstreckt sich über 150 Quadratmeter - halb so groß wie die Fläche der Stadt Leipzig. Die Sicht unter Wasser ist extrem schlecht, und die Reste der Stadt liegen versunken im Sediment. Nicht einmal ihr Name ist eindeutig. In den alten Texten ist mal von Herakleion, mal von Thonis die Rede."

Montag, 18. November 2013

Rhetorische Frage: Ist Deutschland noch souverän?

Das Prinzip der Volks-Souveränität bestimmt das Volk zum souveränen Träger der Staatsgewalt. Die Verfassung als politisch-rechtliche Grundlage eines Staates beruht danach allein auf der verfassungsgebenden Gewalt des Volkes.
Artikel 20 (2) des Grundgesetzes formuliert dies so:

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
Also stehe einzig das Volk in seiner Gesamtheit stehe einzig über der Verfassung - kein Monarch und auch kein ausländischer Geheimdienst. Außerdem klingt die Gewaltenteilung an. Soviel zur Theorie...


Teilautonomes Besatzungsgebiet?

Mit aufgeregter Rhetorik sprechen aufgeregte Pressekommentare von einem "geheimen Krieg der USA", welcher von deutschem Boden aus geführt werde - und sie erwecken den Eindruck, als seien die Erkenntnisse darüber völlig neu und unerwartet.
Aus den von hier aus betriebenen Tätigkeiten der US-Geheimdienste folgert Herbert Prantl ("Wie souverän ist Deutschland?" - Süddeutsche.de vom 18.11.2013), dass auf deutschem Boden offenkundig zwei Staatsgewalten existieren - die deutsche und die amerikanische. 

Das journalistische Engagement zeugt zugleich vom Ausmaß der bisherigen Verdrängung: Seit seiner Kapitulation 1945 ist Deutschland nicht einen Tag souverän gewesen... lediglich das Konstrukt hat sich 1991 im Zuge der Wiedervereinigung verändert. Wird dies laut und deutlich gesagt, dann kommen natürlich Fragen auf:
"Das wiedervereinigte Deutschland soll kein souveräner Staat sein - was ist es dann? Eine Besatzungszone? Und wenn ja, von wem besetzt?"
Werfen wir doch einen Blick auf die Landkarte, auf der die Standorte der US Army in Deutschland eingezeichnet sind (Stand 2008):



Und dann schauen wir uns die Personalstärken der 'Gaststreitkräfte' an (Stand 2009) und vergleichen diese mit der Truppenstärke der Bundeswehr, die im Jahr 2012 noch 200.000 Soldaten betrug.


Land Soldaten
USA 56.680 (bis 2017
'nur' noch ca. 40.000 gepl.)
Großbritannien 18.602
Frankreich 3.582
Niederlande 610
Belgien 221
Gesamt
79.695
Nach dem Ende des Kalten Krieges müssen wir nicht länger vor dem 'großen roten Hund' beschützt werden, der womöglich im Vorgarten Amerikas wildern könnte. Die amerikanischen und britischen Streitkräfte nehmen demzufolge 'andere' Aufgaben wahr:


Panoramablick über die Ramstein Air Base

Die hier abgebildete Airbase Ramstein spielt nach einem Angaben des ORF und der Süddeutschen eine essentielle Rolle bei der Steuerung von Drohnen in Afrika (etwa Somalia), Pakistan und Jemen. Satellitendaten der Drohnen werden hier empfangen und an die steuernden Piloten in den USA übertragen. Überdies wird in Ramstein wird zukünftig die Einsatzzentrale des geplanten Raketenabwehrsystems der NATO installiert werden.

Richtig ist:

"Wenn die Deutschen das Schalten und Walten der US-Geheimdienste tolerieren, akzeptieren, respektieren, wirft das die Frage nach ihrer Souveränität auf."
Also steht 'unsere' Souveränität nicht nur wegen der plötzlich entdeckten Geheimdienst-Aktivitäten in Frage, sondern auch mit Blick auf die angelsächsische Militärstreitkräfte auf deutschem Boden. Allein das US-Militär kostet den deutschen Steuerzahler nach Recherchen der Süddeutschen mehrere hundert Millionen Euro - auf Grundlage eines jahrzenhntealten Abkommens (vgl. "Deutschland zahlt Millionen für US-Militär", Süddeutsche v. 16.11.2013)
Muss man daraus nicht folgern, dass deutsche Steuerzahler die amerikanische Militärinfrastruktur sowie die Koordinierung von Drohnenangriffen mitfinanzieren?
In Deutschland stationierte US-Soldaten sollen an Drohnenangriffen gegen Terrorverdächtige in Afrika beteiligt gewesen sein. Der Generalbundesanwalt prüft einem Medienbericht zufolge, ob er ein Ermittlungsverfahren einleitet.


Die juristischen Grundlagen, u.a. auch das Nato-Truppenstatut, sind hochkomplex und die entsprechenden Haushaltstitel gut versteckt. Wenn man dann noch bedenkt, dass die für Atomwaffen zuständige US-Behörde plant, eine neue Generation von Nuklear-Waffen in Deutschland zu stationieren - dann ist der Terminus 'Besatzungszone' nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick scheint.-

Ohne solche und weitere Zugeständnisse (wie z.B. den € einzuführen) sowie die deutsche Teilnahme am Entstaatlichungsprozess durch die Europäische Union wären die Zwei-plus-Vier-Verträge vermutlich niemals zustande gekommen.

In diesem Kontext ist inzwischen die Rede von einer Postnationalisierung des Verfassungsrechts, einem europarechtlich überlagerten Grundgesetz und einer relativierten Staatlichkeit.
Der Nationalstaat sei  nicht tot, aber entzaubert - schreibt Prantl - aber das trifft doch nicht erst seit ein paar Tagen zu, seitdem sich alle Welt über Fakten aufregt, die lange zuvor offensichtlich oder zumindest absehbar waren.


Historischer Wandel in kaum bewusstem Ausmaß

Es wird höchste Zeit, lieb gewonnene Begriffe neu zu definieren: was bedeuten Souveränität und Autonomie heute, wo nicht nur die Deutschen einen beträchtlichen Teil ihrer Souveränitätsrechte an die EU abgeben? Damit nicht genug: offensichtlich bestehen vertrauliche "Sicherheitsvorbehaltsrechte", welche den westlichen Alliierten (insbesondere den USA und Großbritannien) nach wie vor erlauben, in einem geradezu rechtsfreien Raum innerhalb der Bundesrepublik aktiv zu werden.


Gleichberechtigte Partner? Wenn die Bundesregierung es hinnimmt, dass die USA von deutschem Boden (= "Hauptstationierungsland") aus "Krieg führen" (Prantl), dann tut sie dies, weil ihr schlichtweg nichts anderes übrig bleibt. Insoweit gilt wirklich das traurige Prinzip:

"Souverän ist, wer vergisst, was nur schwer zu ändern ist."
Wie Prantl und andere feststellen, wissen das deutsche Volk und die deutsche Volksvertretung fast nichts davon, "dass von Deutschland aus US-Drohnen gesteuert werden, dass hier eine US-Logistik zur Folterung und Exekution von Menschen sitzt". Dieses rigorose Schalten und Walten legitimiere sich allenfalls zum Teil durch Verträge, also durch das souveräne Verhandeln zweier Staaten. Daraus folgt:
"Es existieren offensichtlich zwei Staatsgewalten in Deutschland: erstens die deutsche, und zwar in der Gestalt, die ihr die EU- und andere Verträge gegeben haben; daneben zweitens die US-amerikanische, in nicht genau bekannter Form."
Doch es sind nicht nur staatliche Strukturen und Institutionen aktiv: Im Auftrage des amerikanischen Geheimdienstes sind hierzulande mehr als 200 Firmen "steuerfrei unterwegs, um zu spionieren", müssen wir uns von Gergor Gysi belehren lassen.
Die durch das Völkerrecht geschützte Souveränität wurde in Europa als Folge der beiden Weltkriege längst ad absurdum geführt, wie u.a. Finanzminister Schäuble bereits vor zwei Jahren feststellte. Dabei geht es um einen historischen Wandel, dessen Ausmaß vielen Bürgern kaum bewusst ist.


Ist Tapferkeit vor dem Freund angebracht?

Und nun? Bilden wir uns allen Ernstes ein, unsere Politiker könnten gegenüber den USA energischer auftreten? Dazu erklärte Peter Scholl-Latour bereits im Juli:

"Da werden vor allem auch wirtschaftliche Rücksichten genommen, man befürchtet amerikanische Sanktionen. Die USA sind eben ein ungeheuer wichtiger Wirtschaftspartner..."
Positiv ist, dass nun endlich eine Bestandsaufnahme geschieht: Mit intensiven Recherchen decken Journalisten (und nicht zuletzt mutige Menschen wie E. Snowden) auf, wie die USA u.a. Deutschland als Plattform für ihren Kampf gegen den Terror benutzen. 
Wir sollten nur nicht so naiv sein und erwarten, dass sich als Folge dieser 'Enthüllungen' etwas an diesen Gegebenheiten ändert.

Ein weiterer Aspekt: Spielt Deutschland nicht ein z.T. ähnliches Spiel mit südeuropäischen Staaten, denen es infolge einseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeiten weitreichende Vorschriften macht (z.B. wenn den Griechen eine Volksabstimmung untersagt wird)?

Und warum agieren 'wir' so (teils über die Institutionen des 'vereinigten' Europa)? Weil es unseren Interessen dient und weil wir es können. Gleiches dürfte auf die Briten und Amerikaner zutreffen.

Hat die fehlende Souveränität letztlich geschadet? 

Abschließend gehört es - auch im 68. Jahr nach Ende des 2. Weltkriegs - dazu, an die kausalen Zusammenhänge zu erinnern, welche zum Verlust der deutschen Souveränität führten:


"Den deutschen Drang nach mehr Anerkennung hat die Welt genau zweimal genossen: Als Kaiser Wilhelm II. sich von der Bismarckschen Bündnispolitik verabschiedete und sein Kaiserreich zum Hauptverursacher des Ersten Weltkrieges avancierte. Und später, als Hindenburgs Machtgeschenk an Hitler diesem und seinen Deutschen die Freiheit gab, die bislang furchtbarsten Verbrechen an der Menschheit zu begehen – als parallele Handlungsstränge zu seinen Angriffs- und Vernichtungskriegen sozusagen.
[...] Der Kalte Krieg hatte für das geteilte Deutschland den Vorteil, daß die im Kaiser- und im »Dritten« Reich zur Selbstvernichtung Deutschlands führende Souveränität durch einen Bündniszwang mit dem jeweiligen Alliierten ersetzt wurde – was zumindest in Westdeutschland zu einer längeren Periode der Demokratisierung führte – wenn auch von den Siegermächten bewirkt." Marc-Thomas Bock, "Souveränität, die es niemals gab"
Die politische Gegenwart Deutschlands kann und darf folglich nicht losgelöst von seiner Geschichte betrachtet werden, insbesondere von den Genoziden und Angriffskriegen des NS-Regimes.
Nun scheint es zwar, dass die Deutschen ihre Lektion aus der Geschichte wenigstens teilweise gelernt haben - und doch wir dürfen uns nicht wundern, dass ein gewisser Rest an erfahrungsbedingtem Misstrauen bis in unsere Zeit fortbesteht.
Nur würde ich mir wünschen, dass diese Dinge wieder beim Namen genannt und nicht hinter einem diffusen Szenario namens 'Anti-Terror-Kampf' verborgen werden. Als Marc Th. Bock die Frage "Hat diese fehlende Souveränität letztlich jemandem geschadet? implizit mit Nein beantwortete, ahnte er freilich noch nichts von den jüngsten Erkenntnissen, die auch eine geostrategische Instrumentalisierung Deutschlands durch 'andere' nahelegen.
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Nachtrag (Juni 2014)

Sonntag, 17. November 2013

The Work - das Ende aller Probleme?!

Vielen 'Ab heute mach' ich alles anders'-Methoden stehe ich zwar nicht ablehnend, aber doch skeptisch gegenüber – soweit es mich selbst betrifft und weil ich meinen inneren Schweinehund aus vielen praktischen Erfahrungen kenne (das ist keine Überzeugung, sondern eine Feststellung:)

Meist verläuft solch ein Aha-Erlebnis für mich in drei Schritten ab:
  1. Die Analyse (‘Selbsterkenntnis, Umwandlung der Opferrolle in ein Verständnis dessen, was ich selbst verursacht habe) klappt recht gut, vielleicht sogar zu gut (zu viel auf einmal erkannt)
  2. Die Ableitung von Vorsätzen findet zwar statt, aber schon etwas gebremst – denn mit fast 50 kenne ich mich samt meiner (Stärken und) Schwächen…und ich weiß sehr genau, dass jeder neu gefasste Vorsatz ein weiteres Messinstrument ist, dass ich ‘ab morgen an mich anlege.
  3. Die Realisierung lässt sich als exponentielle Reduzierung visualisieren: in dem Maße, wie mich der Alltag wieder packt, bleiben die an sich positviven Vorsätze auf der Strecke (ja ich weiß, dass ich selbst es zulasse, dass ‘er’ mich wieder im Griff hat – doch wenn sie ehrlich sind, können sich die wenigsten Menschen mal eben von ihren Alltags-Zwängen und –nöten befreien. So ein Rundumschlag wäre zwar toll, doch wen müsste ich nicht alles vor den Kopf stoßen, wollte ich überall dort ‘eine neue Wahl treffen’, wo dies wünschenswert erscheint…).
Lange Rede, kurzer Sinn: Mein gesamtes Leben als Folge eines Selfmanagement-Vortrages umkrempeln, kann 8ch nicht …und möchte ich vielleicht auch gar nicht, schließlich ist bei weitem nicht alles negativ besetzt, was ich bisher so getrieben habe.
Warum schaue/höre ich mir solche Vorträge dennoch ab und zu an? Nun, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es eine Strategie vieler kleiner Schritte geben könnte – die zu ihrer Wirksamkeit zwar auch eine Konsequenz im Denken und Handeln erfordert, dabei aber verdaut werden kann und deshalb nicht an den Klippen des Alltags zerschellt.
The Work von Byron Katie ist so ein gut verdauliches Handwerkszeug, das auch aber bei weitem nicht nur im psychotherapeuthischen Umfeld zur Anwendung kommt.

Ausgangspunkt: 
Das einzige Leiden ist ein verwirrter Geist”:
  • Menschen leiden, wenn sie stressbehaftete Überzeugungen haben.
  • Das Hinterfragen dieser Überzeugungen kann positive Veränderungen bewirken kann.
(Wie leicht konditionieren wie uns mit Aussagen wie ‘Ich habe damit ein Problem’, wodurch erst die subjektive Bewertung eines Sachverhaltes eine hartnäckige Überzeugung in uns entstehen lässt.)

Die Methode The Work soll anhand von vier Standardfragen den Wahrheitsgehalt einer  Überzeugung überprüfen, welche Leid verursacht. Mit diesen vier Fragen kann man hinterfragen,

  • inwieweit diese Überzeugung ungünstige Auswirkungen auf den persönlichen Zustand hat
  • und wie der persönliche Zustand ohne diese hinderliche Vorstellung wäre.
Das Ziel: feste Überzeugungen hinterfragen, belastende Gedanken erkennen, darüber neue Vorstellungen  entwickeln und Umstände oder Beziehungen in einem anderen Licht wahrnehmen.

Ausgangspunkt der Analyse mit The Work ist ein eigenes Urteil über sich selbst, über einen anderen Menschen oder über einen Lebensumstand. Die diesbezüglich durch die Fragen ausgelöste Innenschau kann als Hilfe zur Selbsthilfe betrachtet werden. Damit die sich selbst prüfende Person nicht aus der Frageroutine ausbricht, wird die Methode The Work schriftlich angewandt. Die vier Standardfragen lauten:
  1. Ist das wahr?
  2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
  3. Wie reagierst du (was passiert in dir), wenn du diesen Gedanken glaubst?
  4. Wer wärst du ohne den Gedanken?
Diplom-Psychologe und Buchautor Robert Betz ( zur Person) greift diese Methodik auf, erläutert sie und nennt Anwendungsbeispiele:




Das Angenehme daran: auch ‘Kopffüßler’ kommen dabei auf ihre Kosten, denn sie erhalten ein vortreffliches Werkzeug für ihren Verstand, der bislang zwar vielleicht gut funktionierte, aber ‘verschwenderisch’ für zu viele alte, negative Gedanken und deren fortwährende Bestätigung.

Tipps zur Anwendung...und was bitte sind 'Arschengel'?:
  • Gedanken schriftlich festhalten, sonst verpufft die Wirkung binnen weniger Minuten…wir tricksen uns zu leicht aus…
  • Beobachterhaltung: Routinetätigkeiten nutzen, um sich selbst zu beobachten und ‘Gedachtes’ notieren…Aha-Erlebnisse sind garantiert...
  • Beim vierten Schritt ist die eigene Vorstellungskraft gefragt; hierbei kann es helfen, sich drei konkrete Situationen auszudenken, in denen man ohne den betreffenden Gedanken 'auskommt'. Das Resultat kann, je nachdem, eine geradezu befreiende Wirkung haben - sobald man für sich realisiert, um wie vieles einfacher man es sich macht, wenn man auf eine unangebrachte Überzeugung verzichtet bzw. verzichten würde.
  • Nachfolgender, deutlich kürzerer Vortrag wendet The Work auf zwischenmenschliche Beziehungen an. R.Betz hat eine interessante Bezeichnung für jene Menschen in unserem Leben, über die wir uns wiederholt ärgern, aufregen und stressen: er nennt sie liebevoll "Arschengel", denn wir halten sie für das erstere, sie erweisen sich jedoch oft als Engel? Mein früherer Vorgesetzer soll ein Engel gewesen sein? In  gewisser Weise kann man das so sehen, denn sein cholerisches Verhalten hat mich durchaus auf bestimmte Eigenheiten meiner Person hingewiesen...

So einfach kann es doch nicht sein!?

Unser Verstand ist auf Komplexes, Schwieriges programmiert – und auf Gewohntes. Es erfordert keinen gewaltigen Paradigmenwechsel, sich auf die Anwendung von The Work einzulassen – in dem Maße und auf die Anwendungsfelder bezogen, wie man es selbst für zweckmäßig erachtet.
Dabei ist mir besonders wichtig, dass mir keine künstliche Überzeugung antrainiert wird: kein zwanghaft positives Denken, kein Aufsagen nicht wirklich für wahr erwarteter Mantren wie “Ich bin ein herrliches Wesen”, “Ich bin ein Gänseblümchen” oder "Alles wird gut! Und auch keine Übungen vorm Spiegel, bei denen zumindest ich mir bescheuert vorkomme (was ein interessantes Anwendungsbeispiel für The Work wäre…).
Es geht also nicht darum die Lebenssituation zu akzeptieren und nichts mehr zu verändern. Vielmehr sollen 
"...feindselige Haltungen gegen die gegenwärtigen Umstände nicht länger aufrechterhalten werden, welche in endlos belastende Grübeleien münden, die ihrerseits wiederum die Lebensqualität verschlechtern".

Abnicken und akzeptieren?

Tatsächlich kann The Work kann missverstanden und irrtümlich als “eine von Apathie gekennzeichnete Abnickhaltung” interpretiert werden. Eben darum geht es aber nicht bei dieser Methode – es kommt halt darauf an, wie und worauf sie angewendet wird. The Work eignet sich nicht dazu, objektive Mißstände (Erkrankungen, Schulden, usw.) zu beseitigen - ein somatisches Leiden lässt sich nicht weg-analysieren, sondern erfordert einen Arztbesuch.
Doch es hilft enorm, subjektive Überzeugungen zu entlarven, man habe ein Problem (welches aber allein in dieser Überzeugung besteht bzw. durch sie hervorgerufen wird.)

Robert Betz und auch Byron Katie gehen in ihren sonstigen Vortragsinhalten noch weiter und empfehlen, alle Lebensumstände "in Liebe anzunehmen"...sorry, aber dazu reicht es bei mir nicht. Schon das Beispiel im o.a. Video ("Wenn Sie nicht schlafen können, dann sollen Sie auch nicht schlafen, sondern wach sein") läuft schon nach wenigen Tagen frontal gegen eine Wand.

Die Eingangsfrage 'Das Ende aller Probleme?' ist auch mit The Work fairerweise zu verneinen. Buchtitel wie "Wer wäre ich ohne mein Drama? (B. Katie) suggerieren, wir seien lediglich ein Volk von Selbstdarstellern seien, deren 'Probleme' vorwiegend auf falschen Überzeugungen basieren. Da ist zwar auch viel Wahres dran, aber ganz soo einfach ist es dann doch nicht. Eben darum ist The Work hilfreich für mich - bei der klaren Unterscheidung von subjektiven (und evtl. falschen oder verzerrten Überzeugungen) und tatsächlichen Herausforderungen, die eine sachgerechte Reaktion erfordern.
 Dass 'sachgerecht' nicht z.B. heißt, bei andauernden Kopfschmerzen andauernd Tabletten einzunehmen, steht auf einem anderen Blatt. Bei einem PKW schalte ich ein Warnsignal auch nicht ab, sondern suche und behebe die Ursache...dann erlischt auch das Warnsignal...

The Work ist nicht mehr und nicht weniger als schonungslose Selbstreflexion - anstatt sich als Opfer anderer zu verstecken, wird man immer auf sich selbst zurückgeführt. Auf diesem Wege wird emotionaler Stress deutlich reduziert - in dem Maße, wie man sich selbst unangebrachten Überzeugungen unterworfen hat.
Bedenklich finde ich dagegen, wenn mit Schlagworten wie "Auflösung von Depressionen" für eine Selbsterkenntnismethode geworben wird. Es gibt nun mal seelische Erkrankungen, die eine therapeutische Behandlung erforderlich machen - innerhalb der auch eine Methode wie The Work als ein Baustein zur Anwendung kommt. 

Abschließend ein persönliches Beispiel:
Früher habe ich es gehasst, Präsentationen stehend vor einer Gruppe zu halten, denn im Laufe meines Vortrages 'wurde ich' von abschätzenden Blicken verunsichert. Dies hatte durchaus einen sachlichen Grund (ich bin ziemlich groß), mein Problem war aber die subjektive Überzeugung, dass sich mein Auditorium an meiner körperlichen Länge stören würde. 
Ein Coach machte mich während eines Seminars erstmals mit The Work bekannt; und mir wurde einiges klar:
Zwar bin ich 'etwas' größer als der Durchschnitt. Doch das stört niemanden ernstlich, außer vielleicht in den ersten Minuten des Kennenlernens - bei einer Präsentation kommt es auf Inhalt und Darstellungsweise an, aber nicht auf die körperlichen Vorzüge des Vortragenden.
Es besteht also keine Notwendigkeit, mir derartiges einzureden - denn ohne diese Gedanken vermag ich meine Präsentation deutlich unbefangener zu halten.
Seitdem bin ich zwar immer noch nervös vor einem solchen Vortrag, aber ich rede mir keine 'schiefen Blicke' mehr ein...