Donnerstag, 19. Dezember 2013

NSA, Datenschutz und die EU-Diplomatie

Wie der Spiegel berichtet, will die EU die Amerikaner nicht mit harten Forderungen nerven...

Die moralische Entrüstung europäischer Politiker ist uns noch lebhaft in Erinnerung, nicht nur hierzulande (nachdem nicht nur Millionen Bürger, sondern vor allem die Kanzlerin ausgespäht worden war). Obwohl seitdem immer neuer Spionage-Enthüllungen bekannt wurden, achten die Europäer nun besonders auf eines - Obama-Regierung nur ja nicht mit 'überzogenen' Forderungen sauer zu fahren.


Der Brief, vor gut einer Woche von der litauischen Ratspräsidentschaft aufgesetzt (Titel "Beitrag der EU und ihrer Mitgliedstaaten im Kontext der von den USA vorgenommenen Überprüfung der Überwachungsprogramme") wurde von den Innen- und Justizministern abgesegnet und in die USA geschickt.

Das Schreiben lobt den in den USA eingeleiteten Überprüfungsprozess und äußert höflich-bittend drei Minimalforderungen:
  • die Privatsphäre von 'in der EU ansässige Personen' soll in den USA vergleichbar zu der von US-Bürgern geschützt werden, 
  • EU-Bürger sollen  wirksame Rechtsmittel gegen Spähmaßnahmen und Datensammlungen einlegen können,
  • Die USA sollen Eingriffe in Grundrechte von EU-Bürgern künftig auf Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit prüfen: Sie "werden ersucht, in Betracht zu ziehen, ob vergleichbare Grundsätze bei der Überprüfung von Nutzen sein könnten."
Und das war es auch schon. Keine Aufforderung, z.B. die nationalen Gesetze der Mitgliedstaaten einzuhalten - was von Merkel (zumindest für Deutschland) immer gefordert worden war. Im SPIEGEL heißt es:
"Europas Regierungen verlangen weder Aufklärung über bereits bekannt gewordenen Spähattacken noch das Ende der Abhörprogramme.
Das mag ja von einem gewissen Realismus zeugen: wozu die Amis verärgern und etwas fordern, das ohnehin niemals eintreten wird...
Doch was wird nun aus dem angedachten transatlantischen Datenabkommen? Dafür ist wohl die Europäische Kommission zuständig - aber die Impulse zu einem solchen Abkommen werden doch - wenn überhaupt - durch die Mitgliedstaaten gegeben. Anscheinend ist das Interesse von Europas Regierungschefs an dem Thema nicht sehr ausgeprägt. 

Womöglich fürchte man sich vor einem "europäischen Snowden", der in naher Zukunft die Spionageaktivitäten von EU-Mitgliedern enthüllen könnte - daher wolle man die Amerikaner wohl nicht zu hart angehen, kolportiert der SPIEGEL.

Es ist denkbar, dass auch Europas Nachrichtendienste einiges zu verbergen haben. Doch wie sollen die berechtigten Interessen der EU-Bürger geschützt werden -  die sich weiterhin fragen, was zielloses Datensammeln noch mit der stets vorgeschobenen Terrorbekämpfung zu tun hat...?
"Ob höfliche Schreiben dafür das richtige Mittel sind?"

Dienstag, 17. Dezember 2013

Boden-Ressourcen werden knapp: Droht ein Rückfall in vorindustrielle Zeiten?

Bericht an den Club of Rome: Die allmähliche Erschöpfung kostengünstiger mineralischer Bodenressourcen bedroht "die Zukunft des Wohlstands und des Wirtschaftssystems"...

Der Club of Rome ist eine "nichtkommerzielle Organisation, die einen globalen Gedankenaustausch zu verschiedenen internationalen politischen Fragen betreibt". Mit dem 1972 veröffentlichten Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' erlangte er große weltweite Beachtung. Seine Mitglieder sind ausgesuchte Ökonomen, Industrielle, Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens - wobei der Club multinational und multikulturell sein und alle Kulturen, Ideologien, Berufe und Wissenschaftszweige vertreten sein sollen.

Auch modernste Technologien können keine neuen Lagerstätten schaffen

In dem Bericht “Der geplünderte Planet – Die Zukunft des Menschen im Zeitalter
schwindender Ressourcen” thematisiert der Autor Ugo Bardi den Raubbau der Bodenschätze. Ungeachtet der großen Bedeutung von mineralischen Rohstoffe für "unseren Wohlstand" stoße deren Gewinnung an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit.
Bardi wurde im Juni 2013 in der ZEIT interviewt, sein Fazit: 
"Alle sollten wissen, dass Energie schon bald viel teurer wird."
Ein Blick auf meine Gas- und Strom-Rechnung der vergangenen drei Jahre scheint dies in vollem Umfang zu bestätigen (wenngleich die Ursachen dafür differenziert zu betrachten sind). Global betrachtet gehen die Bodenschätze zur Neige, die Bevölkerung wächst unkontrolliert und für die zunehmend kostenintensive Ausbeutung von Rohstoffen verschmutzen wir immer stärker die Umwelt. 
Bardi mahnt nicht von ungefähr einen tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft an, um eine 'düstere Zukunft' zu vermeiden - und meldet sogleich eigene Zweifel an, ob und wie solch ein Wandel zu schaffen sei. Der vorgelegte Bericht enthalte die Analyse eines internationalen Expertenteams zur Rohstoffsituation der Erde und zeige auf, wie sich die Art zu wirtschaften ändern muss, wenn wir den Lebensstandard halten wollen.

Derzeit bewege die Menschheit sich in einem Teufelskreis: Weltweit benötigte Bodenr
essourcen werden nicht von jetzt auf gleich aufgebraucht sein, aber sie werden immer knapper - und teurer. Insgesamt steht immer weniger Energie zur Verfügung - zugleich benötigen wir immer mehr davon, um die mineralischen Bodenschätze abzubauen."
Eines leuchtet ein: wenn der Energiebedarf zudehends steigt, ist es nicht gut von schwindenden Rohstoff abhängig zu sein. Die Verlagerung auf riskante Fördertechniken (z.B. Fracking) kann diese Problematik nur kurzfristig entschärfen, aber nicht lösen. 
Bardi: "Eine Wirtschaft darauf aufzubauen, ist auf Dauer kein tragfähiges Modell."
Denn neue Technologien sind stets aufwendig, deshalb können sie einen weltweit knappen Rohstoff kaum billiger machen.


Zu begrüßen sei eher die Energiewende in Deutschland, zumal die Rohstoffe für Windräder oder Solarzellen sind noch reichlich vorhanden - und damit nicht teuer - sind. 

Unser Energiesystem ist für fossile Energiequellen gemacht. Es lässt sich nur schwer an die Bedürfnisse der Erneuerbaren anzupassen. Derzeit ist Energie zu einem relativ günstigen Preis verfügbar, rund um die Uhr. Das wird nicht so bleiben.
Die Konsequenz: Die Menschheit werde akzeptieren müssen, dass Energie zu manchen Zeiten viel kostet und ihren Verbrauch daran anpassen.
"Es kann nicht alles zu jeder Zeit verfügbar sein."
Eben daran hat sich der mitteleuropäische Durchschnittskonsument aber gewöhnt, was durch die globalisierten Wirtschaftsstrukturen noch begünstigt wurde.  
Augenscheinlich wehrt sich unsere Gesellschaft gegen unangenehm spürbare Veränderungen; statt dessen akzeptiert sie die bislang noch als erträglich empfundene Kostensteigerungen, wenn auch murrend.
Bardi äußert die Befürchtung, das Ressourcenproblem könne weitaus schneller akut werden als erwartet - "vielleicht so schnell, dass der Wandel zum Schock wird":

"Dann bleibt den Leuten nichts anderes mehr übrig, als aufs Fahrrad umzusteigen oder zu Fuß zu gehen. Mit unserer Studie versuchen wir, die Leute jetzt schon zu warnen."
Das wäre vergleichsweise harmlos. Wenn ich in Betracht ziehe, wie viele unterschiedliche essenzielle Ressourcen in absehbarer Zeit zuende gehen (beispielsweise auch der landwirtschaftlich zwingend benötigte Phosphor), dann scheint selbst ein 'Durchblicker' wie Bardi davor zurück zu schrecken, den Menschen eine realistische Zukunkftsperspektive vor Augen zu führen. Noch beruhigt man sich damit, dass 'in den nächsten Jahren' die Ressourcenprobleme lösbar blieben. Aber was dann? 
Zuerst werden die hochwertigen Erzvorkommen zur Neige gehen, die den Bergbau erschwinglich und tragbar gemacht haben. Einige mineralische Rohstoffe sind aufgrund ihrer industriellen Verwendung besonders kritisch: "Es gibt keinen Ersatz für Platinmetalle in Fahrzeugkatalysatoren, Seltene Erden werden für Magnete benötigt und Gallium, Germanium und Indium sind unerlässlich für die Elektroindustrie." Die Vorräte dieser Rohstoffe könnten in naher Zukunft knapp werden. 
Ähnlich dürfte die Entwicklung beim Erdöl aussehen: Binnen 15 Jahren (oder früher, wie manche 'Experten' zu wissen glauben) wird das Maximum der konventionellen Ölförderung überschritten sein und das der anderen Öl- und Gaskategorien wird kurz darauf folgen.
Somit kann ich mir im Alter von knapp 50 Jahren ausrechnen, dass es noch zu meinen Lebzeiten hässlich wird. Doch steht zu erwarten (oder wenigstens zu hoffen), dass auch in 50 oder 100 Jahren noch mehrere Milliarden Menschen auf der Erde leben. Bis dahin wird nahezu alles knapp, sogar selbstverständliches wie Trinkwasser oder der Sand (Sand wird von der Allerwelts-Ware zum gesuchten Rohstoff...die Vorräte sollen aus heutiger Sicht noch 100 Jahre reichen, aber die Gewinnung wird schon jetzt immer aufwendiger!)
Nach einen Zusammenhang zwischen z.B. der Euro-Krise und der Ressourcenknappheit gefragt, bestätigt U. Bardi eine gegenwärtige Rohstoffkrise, die vom Finanzsystem noch verstärkt werde: Probleme haben Industrienationen, die auf Rohstoffimporte angewiesen sind. 


Sparsamkeit statt Wegwerfgesellschaft


Auch von Rohstoff-Recycling und -substitution verspricht sich Bardi nicht allzu viel: Es ist unausweichlich, dass die Menschheit an ökonomischen Fördergrenzen mancher nicht-erneuerbarer Ressourcen gelangt  und die Möglichkeiten von Recycling und Substitution sind begrenzt. 
"Wir haben keine Wahl, als uns auf die Knappheit der Ressourcen einzulassen. Entscheidend wird sein, wie schnell uns das gelingt."
Also ist der Fortbestand der Zivilisation gefährdet? Natürlich. Aber das ist nun keine neue Erkenntnis - sondern eine, die wir seit vielen Jahren verdrängen. 
"Durch den sparsamen Umgang mit dem, was übrig geblieben ist und mithilfe erneuerbarer Energien, kann die Zivilisation fortbestehen, sofern wir alle bereit sind, unsere verschwenderischen Gewohnheiten aufzugeben.“
Einzige denkbare Alternative wäre die beschleunigte Erschließung mineralischer Ressourcen außerhalb der Erde, etwa durch die Ausbeutung eines geeigneten Asteroiden. Doch lassen die technologischen Möglichkeiten wie auch breite Investitionen in die Erforschung des Weltraums noch auf sich warten...und billig werden solche Projekte sicher auch nicht sein.
Vor allem aber sieht es nicht so aus, als würden die Führer der 'großen Nationen' von ihrem militärischen (z.T. auch religiösen) Penisvergleich absehen, um endliche Ressourcen statt dessen darauf zu wenden, der Menschheit eine bessere Zukunftsperspektive zu eröffnen.-

Der SciFi-Film Interstellar (2014, Regie Christopher Nolan) liefert ein überraschend realistisches Bild der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts:
Die irdische Biosphäre ist dermaßen ausgedünnt und kaputt, ein Überleben der gesamten Menschheit über mehr als 1-2 Generationen fraglich. Die industrielle Zivilisation befindet sich im Niedergang; die stark dezimierte Menschheit konzentriert sich auf die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel. Deren Anbau wird durch Pflanzenkrankheiten, erosionsbedingte Staubstürme und generell sich verschlechternde Umweltbedingungen zusehends erschwert, bis schließlich nur noch eine einzige Getreidesorte (Mais) angebaut werden kann.

Gesamteindruck: Keine bildgewaltige Katastrophe, sondern Ödnis, Trägheit und langsames Dahinsterben. Damit endet der Film natürlich nicht, doch ich frage mich: sieht so die Realität für unsere Nachkommen aus?

Siehe auch:

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Richard Dawkins - Die Schöpfungslüge und Der Gotteswahn

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit einem knapp 60-minütigen Interview, welches sich um die Argumentation von Richard Dawkins zugunsten eines gott-losen Universums und der Evolutionslehre dreht?
Meines Erachtens ist es durchaus lehrreich zu beobachten, wie die Gegner zweier fundamentalistischer Lager aufeinander prallen. Beide Seiten erwecken den Eindruck, als werde die Frage nach Gott nahezu ausschließlich dadurch beantwortet, ob die seit Darwin beschriebene Evolution der Arten durch zufallsbedingte Mutation und anschließende Selektion durch bestehende Umweltbedingungen als Mechanismus zutrifft oder nicht. 

Diese Sichtweise 'Entweder-Gott-oder-Evolution' ist nicht sehr einleuchtend, denn eine solche Ausschließlichkeit ist nicht sachlich zu begründen - außer, man klammert sich an eine buchstabengenaue Interpretation der Bibel. Dann freilich landet man u.U. bei dem Junge-Erde-Kreationismus oder bei der Aussage, die Bibel sei von vorne bis hinten erfunden bzw. falsch überliefert.


Dawkin wendet sich primär gegen eine evangelikale, "extremistische" Minderheit. Ihm ist sicherlich insoweit beizupflichten, als es nicht Aufgabe der Theologie sein sollte, sich hinter jeder Vernunft widersprechenden, 'unantastbaren' Glaubensaussagen und  Dogmen zu verstecken. Doch wenn er religiösen Fanatismus als wesentliche Motivation für Terrorismus darstellt, liegt er meiner Ansicht nach falsch: Es ist ziemlich offensichtlich, dass Religion von mehreren Seiten zur Rechtfertigung politischer, patriotischer und sonstiger Ideologien missbraucht wird...


Die Naturwissenschaft tritt keineswegs die ersatzweise Nachfolge der Religion an; vielmehr ist es wesentlich, sowohl religöse als auch wissenschaftliche Dogmen zu hinterfragen - etwa die Vorstellung, dass die Wissenschaft schon die grundlegende Natur der Realität kenne und nur noch Details ergänzen bzw. präzisieren brauche. Dies ist ein Irrglaube, denn gerade die Kernfragen unserer Existenz (Entstehung von Leben und Materie) sind bis heute unbeantwortet.

Man macht es sich vor diesem Hintergrund zu einfach und verdrängt einen Teil der Wirklichkeit, wenn man den Glauben an eine höhere Wesenheit als eine kollektive "Zwangsneurose" abtut. Gleiches gilt natürlich für die unbewiesene und unbeweisbare Behauptung, das Schöpfungsgeschehen habe sich exakt so zugetragen wie in der Bibel oder im Koran geschildert.
"Durch die Konzentration auf das Materielle, was heute so viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt, verschließt sich uns immer mehr die geistige Dimension, die allein uns Orientierung geben kann." Prof. Hans-Peter Dürr
Für mich persönlich ist die Motivation 'missionarisch' auftretender Atheisten nicht leicht nachzuvollziehen. Sinngemäß besteht das Ziel der Loslösung von jeglicher Gottesvorstellung, Vertrauen zum eigenen Leben zu finden - sich damit dem Diesseits zu öffnen. Doch wie soll mehr Vertrauen entwickelt werden, indem man das Woher und das Wohin des eigenen Selbst für irrelevant erklärt - gefangen zwischen zufälliger Selbstorganisation und dem Tod als endgültigem Schlusspunkt?


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Sonntag, 1. Dezember 2013

Der restriktive Umgang der Euro-Politiker mit der Wahrheit



Der Fantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner vor anderen.
Friedrich Nietzsche


Wenn ein hochkarätiger Unternehmer wie Hans-Olaf Henkel sein Vorwort unter die Überschrift "Von Lügnern und Fantasten" stellt, verspricht sein Buch "Die Euro-Lügner" mindestens interessant zu werden.



Hans-Olaf Henkel (* 14.3.1940) ist ein deutscher Manager, Verbandsfunktionär und politischer Publizist. Er war Manager bei IBM, Präsident des BDI und Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.Henkel ist Mitglied der Aufsichtsräte von Bayer AG (Leverkusen), Continental AG (Hannover), Daimler Luft- und Raumfahrt AG (München), SMS GmbH (Düsseldorf), Ringier AG (Zofingen/Schweiz) und Heliad Equity Partners (Frankfurt/Zürich).

Seit November 2000 lehrt er als Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim und hält dort die Vorlesung „Management in einer globalisierten Welt". Henkel galt als
 überzeugter Anhänger des Euro und setzte mich als BDI-Präsident vehement für seine Einführung ein, da er die Vorteile für den Industriestandort Deutschland im Vordergrund sah.




Einmal Euro, immer Euro
Erst seit relativ kurzer Zeit werden in den Mainstream-Medien offen die Euro- Rettungsmaßnahmen kritisiert, welche ganze Nationen in Geiselhaft nehmen. Sogar an einer Kanzlerin wird Kritik geübt, die ihre fatalen Entscheidungen als alternativlos verkaufe. Doch beziehe sich solche Kritik allein auf die Rettungspakete, die ärgerliche Verschuldungsspirale sowie Angst vor zukünftiger Inflation- seltsamerweise jedoch nie auf den Euro selbst. Die Einheitswährung werde weiterhin mit geradezu sakrosankter Bedeutung befrachtet. Fast schon komisch: "Der Euro soll also bleiben. Doch die Maßnahmen, die sein Überleben garantieren sollen, nicht."

Eine widersprüchliche Haltung, denn ohne die Billionen-Bürgschaften gäbe es bald auch keinen Euro mehr. Henkel bezeichnet es als Euro-Schizophrenie, wenn man sich in Deutschland trotz aller Ängste mehrheitlich dem Euro-Dogma unterwerfe. 

'Fiat iustitia, et pereat mundus' bedeutet in diesem Kontext sinngemäß: Der Euro muss durchgesetzt werden, auch wenn Europa darüber zugrunde geht.
"Die Wahrheit ist, dass Europa nicht durch die Krise des Euro, sondern durch den Euro selbst bedroht ist."
Etwas weitschweifig, aber in der Sache treffend greift Henkel die mangelhafte Haushaltsdisziplin der Krisenländer innerhalb der Eurozone an. Und die Kanzlerin steckt Häme ein für ihre Aufspaltung von Politik in eine open agenda (= was man sagt, das man tun will) und eine hidden agenda (= was man anschließend tatsächlich tut - oder eben nicht tut, je nachdem).

Gelogen haben sie alle...
...beginnend damit, dass sie sich selbst etwas vormachten: wenn Politiker realisieren müssen, wie sehr ihre Wunschvorstellungen mit der Wirklichkeit kollidieren, ändern sie nicht etwa ihren Kurs (was unangenehme Konsequenzen hätte). Nein, sie versuchen mit allen Mitteln, "den Abgrund, der sich zwischen ihrer leidenschaftlichen Überzeugung und den deprimierenden Fakten aufgetan hat, mit Worten zu füllen".
Somit, so Henkel weiter, lügen sie in Bezug auf den Euro zwar für einen mutmaßlich guten Zweck - was aber am Tatbestand der Lüge nicht das geringste ändert. 

Doch was sagt die Tatsache von so vielen Unwahrheiten und Fantastereien in Bezug auf deren Gegenstand aus - also die Kunstwährung der Eurozone?

Kann ein politisches Ziel nur durch gezielte Unwahrheiten erreicht werden, so muss es um dieses Ziel schlecht bestellt sein. Dass in der Euro(pa)-Politik inzwischen der Zweck beinahe jedes Mittel heilige, komme einer machiavellistischen Rezeptur gleich - welche erst durch die Entlarvung der Griechen offenkundig geworden sei. Schon die Beitrittskriterien in die Euro-Zone seien bei mehreren Kandidaten zu lax gehandhabt worden - ganz zu schweigen von der Tatsache gefälschter Wirtschafts- und Finanzdaten.


Jean-Claude Juncker (2012)
Beginnend mit dem früheren Chef der Euro-Gruppe,Jean- Claude Juncker, schildert Henkel den Typus des Poli-tikers, dem zur Rettung des Euro jedes Mittel recht sei: etwa vollendete Tatsachen zu schaffen, sodass den Bürgern nichts übrig bleibt, als diese abzunicken. Wenn man ihnen denn überhaupt die Gelegenheit zum Abnicken gibt, was hierzulande bei dem ganzen ESM-Chaos wohlweislich vermieden wurde - obwohl es um nicht weniger als die Aufgabe der parlamentarischen Haushaltshoheit ging.



Für Juncker habe die Aufgabe eines Europapolitikers darin bestanden, gerade nicht zu tun, was sein Volk von ihm erwartete, sondern dieses Volk zu dem zu zwingen,
was er von ihm erwartet: die Aufgabe seiner Souveränität!

Besonders kritisch sieht Henkel, dass Juncker im Jahr 2010 als Patentlösung für die Eurokrise gemeinschaftliche Anleihen vorschlug, die sogenannten Euro-Bonds: 

Solche EU-Anleihen sind eine bislang nicht realisierte Form von Staatsanleihen in der der Eurozone: EU-Staaten würden gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen, die aufgenommenen Mittel unter sich aufteilen und gesamtschuldnerisch für die Rückzahlung und Zinsen dieser Schulden haften.
Mit anderen Worten: Die Nordstaaten der Euro-Zone, allen voran Deutschland, sollten für die Schulden der Südländer bürgen. Dadurch würden sich die Kapitalzinsen für die kreditwürdigen Staaten massiv erhöhen; während die 'bedürftigen' Länder von dem vergleichsweise geringeren Gemeinschaftszinssatz profitieren würden.
"...Konstruktionsfehler: Muss der Leistungsträger für die Schulden jener bürgen, die weniger Leistung bringen, fehlt für Letztere der Reiz, überhaupt noch Anstrengungen zu unternehmen."
Für die Empfänger von Leistungen wächst zugleich die Versuchung, weitere Schulden zu machen - die im ungünstigsten Falle ebenfalls von der Währungsgemeinschaft zu tragen sind. Zudem fühlt sich für vergemeinschaftete ('sozialisierte') Schulden am Ende niemand mehr verantwortlich. Doch die Gemeinschaftsschulden müssen letztlich bedient werden - und zwar durch jene Staaten, die am Ende eines so abenteuerlichen und unverantwortlichen Experimentes noch liquide sind. 
EU-Anleihen wurden bis heute nicht eingeführt, auch dank des heldenhaften und standhaften Vetos unserer Kanzlerin. Statt dessen wurde mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eine andere, etwas indirektere Form der gemeinschaftlichen Schuldenhaftung eingeführt. Nichts anderes ist es, wenn die gemeinschaftlich verantwortete EZB Unmengen potenziell wertloser Staatsanleihen der Staaten aufkauft, die nur auf diesem Wege vor der Pleite bewahrt werden können!

Von Juncker stamme auch die ungeheuerliche Anspielung Anfang 2013, dass 1913 das letzte echte Friedensjahr vor den beiden Weltkriegen war. Was wohl so viel heißen soll wie "Jahr 2013 könnte wiederum ein Vorkriegsjahr werden - und klar an die Adresse der europamüden Deutschen, gerichtet war, die sich zweimal gegen Europa gestellt und dafür totale Zerstörung und Inflation ernteten. Diese vergleichende Drohkulisse hinkte nun wirklich, doch er verfehlte seine einschüchternde Wirkung nicht. 

"Wenn ihr nicht spurt, gibt es wieder aufs Haupt!"
Sicher, dass es seit vielen Jahrzehnten keinen Krieg zwischen Europäern gab, ist weder Garantie noch Automatismus für die Zukunft, doch eine Zuspitzung währungspolitischer Dissenzen zu einem Krieg innerhalb Europas steht derzeit nicht zu erwarten.

In Bezug  auf Wolfgang Schäuble fürchtet Henkel, dass dessen unbeirrbares Sendungsbewusstsein und eurozentrische Weltsicht ihn für Deutschland regelrecht zur Gefahr werden lässt - der deutsche Finanzminister sich zu sehr um die Finanzen der

anderen Länder. Unvergessen sind Schäubles Worte 2011 der New York
Times
"Wir können eine politische Union nur erreichen, wenn wir eine Krise haben."
Rückblickend ließe sich manches in diese Aussage hinein interpretieren, doch die explizite Bedeutung lässt auch tief blicken: So eine Krise ist (für einen Politiker wie Schäuble) eigentlich eine gute Sache, zwingt sie doch die Menschen zur Annahme von
Beschlüssen wie zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas, die sie ohne Krise wohl zurückgewiesen hätten.

Hans-Olaf Henkel kommt unter der Überschrift 'Alles Lügner' nun an einen Punkt, den er sich m.E. besser geschenkt hätte: in einer umfänglichen Liste von Straftaten und persönlichen Bereicherungen charakterisiert er die Unredlichkeit führende Vertreter der Nehmerländer, "denen wir unsere Milliardenbürgschaften anvertrauen". Nun, hier handelt es sich nach wie vor um Einzelfälle, wenn auch nicht wenige. Es liegt kaum im Interesse der Deutschen, wenn sich Südeuropäer pauschal als korrupt und wenig integer beleidigt fühlen. Zwar halte ich Henkel zugute, dass er eine solche Generalisierung auch nicht beabsichtigt, doch Polemik steht ihm nicht weit weniger gut zu Gesicht als eine sachliche Analyse. Doch ich gebe zu, mit Polemik erreicht man mitunter mehr...

Die Kreditwürdigkeit der Empfängerländer hat ohnehin keine Relevanz, solange dieder hiesigen Politiker diese Form der Alimentierung von Fässern ohne Boden als alternativlos erachten. Dies ist allerdings der einzige Punkt in Henkels Buch, der mir so gar nicht gefallen will. Traurigerweise nehmen die faktischen Belege kein Ende, dass für die Politik in Sachen Euro "die Wahrheit ein viel zu fragiles Gut ist, um sie der breiten Masse anzuvertrauen." 
Ergänzend ist hier noch anzumerken, dass es nicht allein um Ersparnisse und Wirtschaftsleistung der Deutschen geht, sondern um das Wohlergehen aller europäischen Bürger! Dies wird durch Win-Win-Situationen weitaus besser realisiert als durch eine hintenrum erzwungene Transferunion!

Den Beweis dafür, dass der Souverän dieses Landes (ich meine das Volk, nicht die Banken und Kapitaleigner) systematisch belogen wird, bleibt Henkel nicht schuldig - im Gegenteil: nach ca. zweihundert Seiten war ich versucht, das Buch aus der Hand zu legen, denn mir reichte es buchstäblich. 
  • Als 2010 das erste Rettungspaket für Griechenland beschlossen wurde – lumpige 110 Milliarden Euro –, ließ man die Bürger in dem Glauben, es sei auch das letzte...von wegen. Wieder und wieder diesen Anschein zu erwecken, entpuppte sich als Salamitaktik, bei der die Wahrheit nur scheibchenweise ans Licht kommt: Das zweite Griechenland-Paket belief sich auf die 164 Milliarden €, gefolgt von Kredithilfen an Irland mit 85 Milliarden €, an Portugal mit 78 Milliarden €und rund 40 Milliarden Euro für Spanien. Das Tragische: selbst nach diesen horrenden Summen ist ein Ende nicht abzusehen....
  • Die geplante EU-Bankenaufsicht sieht Henkel als Bankenunion 1) durch die Hintertür, die deutsche Spareinlagen (insbesondere bei Sparkassen und Genossenschafts-banken, die sich wenig an der ausufernden Zockerei beteiligt und so hohe Einlagen erwirtschaftet hätten, vgl. Euro-Retter schielen auf den Schatz der Sparkassen) der europäischen Idee opfern ohne die Betroffenen darüber ausreichend zu informieren, geschweige denn ihnen die Möglichkeit zu geben, dagegen zu votieren...
    Bereits 
     im Mai 2013 hatte Junckers Nachfolger Jeroen Dijsselbloem eine "einheitliche europäische Einlagensicherung" gefordert, denn eine Bankenunion sei langfristig ohne gemeinsamen Einlagensicherungsfonds nicht vollständig. Auch Henkel räumt ein, dass die fortgesetzte Rettung  südeuropäischer Banken (und damit des Euro) nur mit einer gemeinschaftlichen Einlagensicherung denkbar sei.
  • Die Bereitschaft von EZB-Präsident Mario Draghi, zur Not unbegrenzt Staatsanleihen aus Schuldnerstaaten aufzukaufen, erweist sich als riskante Zeitverschiebung des Schuldenproblems. Sobald diese Staatsanleihen, die ins Eigentum der EZB übergehen sind, sich endgültig  als wertlos erweisen, "gibt es keine Rettung mehr."
Henkel nennt dieses Gebaren eine "Verteilungsaktion deutscher Ersparnisse", die im rechtsfreien Raum stattfinde und bei der die Empfänger werden zu wenig oder zu nichts verpflichtet würde. Ist dies so? Schließlich ist da doch die sogenannte Troika aus EU, EZB und IWF - ein "reisendes Schnellgericht", das keinerlei demokratische Legitimation besitzt, aber den Nehmerländern drakonische (und verpuffende) Sparziele diktiert.


Ein Ausweg aus dem 'Schneeballsystem' Euro

Das systematische Verschweigen der Wahrheit über Euro und Rettungsschirme lege 
Verdacht nahe, es handle sich um eine Verschwörung - in dem Sinne, dass Doch wenn
eine Gruppe von Menschen sich heimlich verabredete, etwas Unrechtes zu planen und
durchzuführen. Der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl ging bereits 2010 davon aus, dass Krisenszenarien von den Politikern bewusst aufgebaut würden, um ihre fragwürdigen Entscheidungen konsensfähig zu machen. Zumindest auf Juncker, Schäuble und Merkel trifft diese Annahme offensichtlich zu. 
Man kann Henkel nur zustimmen: Es zeugt von Zynismus, die Bürger mit bewusst ausgelösten Szenarien zu ängstigen und ihre Verlust- und Zukunftsängste zu instrumentalisieren.

Den Ausgangspunkt der 'Euro-Verschwörung' habe eine Lüge gebildet, die eine spezielle Eigendynamik entfaltete und so weitere Umgehungen der Wahrheit nach sich zog. Das Resultat: ein fragiles Ideenkonstrukt wurde für eine wachsende Zahl von Mitläufern zum unbezweifelbaren Dogma.

"Eine Lüge ist wie ein Schneeball - je länger man ihn wälzt, umso größer wird er.Martin Luther
Dieses Zitat drängt mich förmlich auf die Idee, den Euro mit einem dieser Schneeballsysteme zu vergleichen, die schon viele Leute um ihre gesamten Ersparnisse brachten. Tatsächlich habe sich der 'Euro-Schneeball' verselbstständigt und nun "walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt". Parallel hat der Euro sehr der Euro auch in anderen Nicht-Euroländern seine einstige Attraktivität eingebüßt - zumindest auf absehbare Zeit.
"Heute entschuldige ich mich bei den Deutschen dafür, damals für eine Währung geworben zu haben, von der ich heute weiß, dass sie nicht nur unserem Land, sondern ganz Europa sehr viel mehr schadet als nützt."
Henkels Lösungsansatz: er schlägt vor, dass sich die wirtschaftsstarken nördlichen Euroländer, vom Einheits-Euro ab- und dem neu zu schaffenden Nord-Euro zuwenden. Diese Neustrukturierung hätte zwar den Nachteil, dass diese Staaten einen Großteil der gewährten Garantien und
Kredite ausbuchen müssten; deren Höhe beziffert er mit etwa 300 Milliarden €, Tendenz steigend.
Doch auf diesem Wege würde ein, wenn auch schmerzhafter Reset ermöglicht, der sowohl dem Norden als auch dem Süden Europas zu einer positiveren Zukunftsaussicht verhelfen könnte als der derzeitige 'Euro-Morast'...


Anmerkungen

  1. Als Europäische Bankenunion bezeichnet man die im Zuge der Eurokrise gemachten Vorschläge für eine zentrale und gemeinsame Verantwortung für die Finanzmarktaufsicht, die Einlagensicherung und die Sanierung oder Abwicklung von Kreditinstituten innerhalb der Europäischen Union. Konkret werden damit unterschiedliche Maßnahmen gemeint: 
  • eine Finanzaufsichtsbehörde mit Entscheidungsmacht für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, 
  • ein Zusammenschluss aller nationalstaatlichen Systeme der Einlagensicherung der Banken, 
  • die Möglichkeit, Finanzhilfen aus dem Rettungsfonds Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) direkt an angeschlagene Kreditinstitute zu vergeben, anstatt diese an Staaten zu leisten.