Montag, 29. Dezember 2014

"Ein einziger charakterlicher Fehlschlag..."

Ich lese gerade ein Buch - Belletristik oder fast schon Trivialliteratur; das Thema 'Zeitreise' interessiert mich halt. Einer der Protagonisten ist in einem streng christlich-evangelikalen Elternhaus aufgewachsen - als er erwachsen wird, mehren sich seine Selbstzweifel.

Der junge Man bezeichnet sich selbst als "charakterlicher Fehlschlag". Nun, mir selbst sind Lebensumstände und -phasen, in denen man an sich kaum ein gutes Haar lässt, auch nicht gänzlich unbekannt. Es gibt mehrere Alternativen, um solche Augenblicke der Selbstverachtung zu überstehen und wieder zu einem realistischen Selbst-Bewusstsein zu gelangen. Andernfalls kann Selbstkasteiung kann zu einer üblen Gewohnheit werden - das ist potenziell gefährlich: sogar Suizid kann dadurch als eine Option erscheinen, zu der einem innerhalb des eigenen verzerrten Denkmodells kaum noch valide Gegenargumente einfallen.
'Realistisch' bedeutet in diesem Kontext: weder die eigenen Schwächen verdrängen noch eigene Stärken und angenehme Charaktereigenschaften. Dabei kann ein direktes Feedback von einem ehrlichen Freund hilfreich sein.


Was mich daran beschäftigt, sind Fragen, welche unbeantwortet bleiben, zumindest für mich. Fast immer erwachsen Selbstzweifel aus subjektiver Schuld, aus Situationen, in denen man nach eigener Einschätzung versagt hat. Hinzu kommt die Angst, zukünftig wieder zu versagen.

Der junge Mann aus meinem Buch entdeckt viele Versagensmomente an sich:
"...keinen Mumm in den Knochen, nicht mehr Willenskraft als eine Fahne im Wind,... ein Schwächling, ein Drückeberger, ein Waschlappen, ein erbärmlicher, widerlicher Feigling. Der Dreck unter seines Bruders Fingernägeln war mehr wert als er."
Nun frage ich mich, wie eine solche Entwicklung zustande kommt, an deren Ende eine derart vernichtende Selbstwahrnehmung und -verachtung stehen. Die Romanhandlung ist zwar fiktional, Vergleichbares soll jedoch auch real vorkommen.

Niemand möchte so unvollkommen sein, sondern das eigene Leben nach den persönlichen Wertvorstellungen aktiv gestalten. Falls wir Menschen tatsächlich einen "freien Willen" besitzen - wie ist es dann möglich, dass unsere Handlungen uns bisweilen an einen Punkt bringen, an dem wir absolut nicht mit uns selbst zufrieden sein können?

Mit den sachbezogenen Aspekten einer Antwort auf diese Frage bin ich grob vertraut - genetische Disposition, Biologie, Psyche und Erfahrungen des gesamten bisherigen Lebens, Hormonspiegel, Gesundheitszustand, Ernährung...all diese Faktoren wirken sich auf unser Entscheidungsverhalten aus. 
Einige dieser Faktoren lassen sich bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, anderen sind wir nahezu ausgeliefert.
Die Summe aus ihnen bewirkt einerseits, wie wir uns in einer bestimmten Situation entscheiden (bzw. ob wir überhaupt zu einer Entscheidung imstande sind). Diese Faktoren sind außerdem mitverantwortlich für die sog. Charakterstärke eines Menschen - beispielsweise, inwieweit es uns gelingt, an getroffenen Vorsätzen konsequent festzuhalten.

Ein persönliches Beispiel: Ich nehme mir fast wöchentlich vor, meinen Nikotinkonsum nicht nur einzuschränken, sondern ganz abzustellen. Im Laufe eines Tages fallen mir gute und wirklich plausible 'Gründe' ein, den Zeitpunkt des Aufhörens noch ein wenig zu verschieben...(es handelt sich natürlich um Ausflüchte, aber sie werden immerhin überzeugend vorgetragen ;)

Es geht mir nicht darum, die vielen Aspekte wie z.B. Suchtverhalten zu diskutieren - weshalb viele Menschen Dinge tun, deren Risiken und Schädlichkeit ihnen voll bewusst ist. 
Wenn es jenen 'freien Willen' gibt, sollte jeder Mensch ihn erkennbar ausüben können - und das nicht nur ab und zu, in besonders lichten oder dunklen Momenten, sondern durchgehend! 
Falls es aber so ist, dass unsere "Charakterstärke" weitreichend von unseren Genen und unseren z.T. unbewusst erinnerten Erfahrungen abhängt - handelt es sich bei unserer (eingebildeten?) Entscheidungsfreiheit nicht um ein wissenschaftliches bzw. religöses Dogma, welches alles andere als evident ist?

Auf die neurobiolgischen Erforschung des 'freien Willens' bin ich an anderer Stelle eingegangen. Seit dieser Zeit wächst meine persönliche Überzeugung, dass wir uns die meiste Zeit etwas vormachen, wenn wir an durchgehend selbstbestimmtes Handeln glauben:
Seinen Genen entkommt niemand - und die sind erst der Anfang.

Freitag, 19. Dezember 2014

"Ich habe nichts gegen Flüchtlingsheime, aber nicht in meinem Hinterhof”"

"Klar müssen wir Flüchtlingsheime bauen! Aber nicht hier. Hinter den Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte stecken nicht nur tumbe Neonazis. “Besorgte Anwohner” finden scheinbar rationale Argumente.

Was steckt dahinter?"
Manchmal geht das Leben komische Wege. Ein Tweet der freien Journalistin Hannah Beitzer gegen pauschalen Hass auf Medien und Journalisten berührte mich zunächst negativ: Selbstmitleidige Opferhaltung von Journalisten, die keine Kritik vertragen?

Meine als Frage formulierte Antwort - ob es sich wirklich um Hass handele oder um ein in seiner Entstehung nachvollziehbares, stellenweise angebrachtes Misstrauen - war überaus voreilig: Frau Beitzer bezog sich konkret auf eine an sie persönlich gerichtete Morddrohung mit antisemitischem Hintergrund. Aus meiner Sicht ein klarer Fall für die Staatsanwaltschaft.


Was schreibt Frau Beitzer, welche Positionen vertritt sie - und zieht derart widerwärtige Äußerungen auf sich?


In der Süddeutschen Zeitung setzt sich die Journalistin Beitzer mit scheinbar rationalen Argumenten und Protestaktionen “besorgter Anwohner” gegen Flüchtlings-unterkünfte auseinander:

→ "Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber..."

In den Berliner Bezirken Pankow ist neben Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick will die Stadt alsbald Containerunterkünfte für Flüchtlinge errichten. Vorsorglich betreibt die Stadt Berlin Aufklärungsarbeit und erklärt ihr Vorhaben (→ Vgl. dazu einen offenen Brief des Bezirksamtes Pankow: "Warum benötigen wir eine weitere Unterkunft für Flüchtlinge?")


Nun protestieren dort Anwohner im Verbund mit rechtsgerichteten Strömungen gegen diese Unterkünfte, teils mit den üblichen Parolen: Kriminell sind die Ausländer, Asylbetrüger. Aber eben nicht nur.

"...“besorgte Anwohner”. So lautet die (...) Bezeichnung für Gegner von Heimen in der Nachbarschaft, die ausdrücklich keine Rassisten sein wollen. Oft heißt es von politischer Seite, neben den offen rassistischen Parolen der Rechten gäbe es eben auch “berechtigte Bedenken”.
Der Extrakt solcher Proteste lässt sich mit wenigen Worten zusammenfassen:
"Wir haben nichts gegen Flüchtlinge. Aber halt nicht hier."
Betrachtet man die angeführten Gründe für diese Haltung, so entsteht (für mich) fast ausnahmslos der Eindruck, dass es sich dabei um Ausreden und Vorwände handelt, hinter denen sich sicherlich Angst und Sorge verbergen, vor allem aber eine Abneigung gegenüber jenen Flüchtlingen.

Beitzer analysiert ein Phänomen, das sie mit den Worten "Not In My Backyard – nicht in meinem Hinterhof” (NIMBY) umschreibt. Wie kommt es zustande?

Durch Flüchtlingsheime entstehen Konkurrenzsituationen

Die (von Rechten gerne instrumentalisierte) Angst vor “kriminellen Ausländerbanden” beruhe eindeutig auf Vorurteilen - schließlich es keinen statistisch signifikanter Anstieg der Kriminalität in Gegenden, wo ein Flüchtlingsheim gebaut wurde.

Dies mag teilweise zutreffen, doch es existieren auch Fälle, wo ein solcher Zusammenhang sich zumindest in der subjektiven Wahrnehmung von Opfern krimineller Handlungen herstellen lässt. Dennoch sind pauschale Aussagen eben doch Vorurteile - oder beruhen auf Gerüchten und Hörensagen.


Andere Bedenken erwachsen aus der Sorge, durch ein Flüchtlingsheim persönliche Nachteile zu erleiden. Die eigene Lebensqualität könnte sich verschlechtern. Ein Beispiel:

"So sind Kita-Plätze in der Nähe der eigenen Wohnung in vielen Städten tatsächlich rar, die Schulklassen voll. Deswegen ruft die Aussicht, dass die eigenen Kinder nun auch noch mit Flüchtlingskindern konkurrieren müssen, Widerstand hervor. Ganz egal, ob die Angst nun begründet ist oder nicht."

Menschen rationalisieren ihre Ängste

In der in der Debatte um Flüchtlingsheime lassen sich 'verteilungstechnische' Argumente kaum von Ressentiments trennen. Irrationale Ängste überwiegen vielfach, doch sie lassen sich schlechter argumentieren als vermeintlich sachliche Aspekte.
Menschen tendieren dazu, ihre Emotionen rational zu begründen.
Also werden scheinbar rationale Gründe vorgeschoben, "weil die politisch akzeptierter sind”. Wer die 'Sachebene' in den Vordergrund stellt, vermeidet damit, sich mit eigenen Ressentiments, der Angst vor dem Fremden oder Unsicherheiten gegenüber kulturellen Unterschieden auseinander zu setzen.

Beitzer greift in diesem Kontext die Positionierung der Alternative für Deutschland (AfD) auf, die gerne "rationalen Argumente" für die besorgte Bürgerschaft vorbringe. Die Forderung nach "klaren Regeln für Zuwanderung" suggeriere, dass durch solche Regeln das Problem, als das einige Flüchtlinge bzw. Einwanderer sehen, gelöst werden könne.


Die AfD teile Zuwanderer in drei Gruppen ein:

  • Die "guten" Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Syrien oder Irak, denen man natürlich helfen müsse.
  • Die ebenfalls "guten" Wirtschaftszuwanderer mit qualifiziertem Bildungsabschluss oder sonstigem Nutzen für die Volkswirtschaft.
  • "Und der nicht erwünschte Rest": Flüchtlinge, die aus rein wirtschaftlichen Erwägungen nach Deutschland kommen, aber nicht nützlich sind.
Zu dem 'unerwünschten Rest' zählen vorrangig auch Flüchtlinge, die sich "rechtsstaatlichen Verfahren entziehen", integrationsunwillige Muslime, kriminelle Ausländer.

Ist eine solche Einteilung von Menschen moralisch zulässig? Jedenfalls fällt die Zuordnung anhand 'klarer' Kriterien nicht leicht:

"Was ist denn z.B. ein ausreichender Grund für eine Flucht? Muss dafür im Heimatland Krieg herrschen? Oder reicht es, wenn der Flüchtling im Gefängnis gesessen hat? (...) Was ist mit Menschen, die aus wirtschaftlichen undpolitischen Motiven fliehen?"
Ich kann für mich nur sagen: der berechtigte, nachvollziehbare Wunsch von Einwanderern nach gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen wird so lange fortbestehen, wie sich deren Situation in ihrem Heimatland nicht verbessert. Also besteht vorrangiger Handlungsbedarf eben darin, auf eine solche Verbesserung hinzuwirken.

Doch der Widerstand gegen Flüchtlingsheime im Ort hat mit der o.a. Einteilung nur am Rande zu tun: Die Mehrzahl der "besorgten Anwohner" will auch kein Flüchtlingsheim voller "guter" Kriegsflüchtlinge in ihrer Nähe haben. Sondern schlicht gar keins.


Insoweit erweise sich, so Beitzer, der Versuch einer derartigen Einteilung als Scheindebatte, denn sie bringe die Gesellschaft in den eigentlich drängenden moralischen Fragen nicht weiter:

"Wie gehen wir Europäer damit um, dass vor unseren Küsten Menschen im Mittelmeer ertrinken?"

Schiffstragödien: Wird das Mittelmeer zum "Friedhof" für Flüchtlinge?



Angesichts solcher Szenen wird mir klar: Es ist entscheidend, spontane Impulse des Mitfühlens nicht stehen zu lassen, man muss sie zuende denken! Kaum jemand, glaube ich, steht Menschen wie in diesem Filmbeitrag gleichgültig oder ablehnend gegenüber - niemand wünscht ihren Tod.
Doch ihre Rettung aus dem Meer ist nur ein erster Schritt. 

Ist es moralisch vertretbar, sie anschließend in ihr Herkunftsland abzuschieben, sofern Asylvoraussetzungen etc. nicht gegeben sind - selbst für den Fall, dass sie dort wahrscheinlich sterben werden?


In hitzigen Diskussionen wird an dieser Stelle oft etwas wie "Aber wir (d.h. Deutschland) können sie doch nicht alle aufnehmen!" Was fraglos zutrifft - ich habe Verständnis für diese Sichtweise und die dahinter liegende Sorge, man selbst (oder die eigene Familie, Freunde usw.) werde womöglich zu kurz kommen. 

Hier tut sich ein Zwiespalt auf, der alles andere als leicht zu lösen ist.

Ich mache mir dann eines bewusst: Wir dürfen Schicksale nicht abstrahieren. Es geht in dem o.a. Beitrag nicht um "sie alle" - sondern ganz konkret um Kinder uns Erwachsene in einer lebensbedrohlichen Lage!


 "Links reden, rechts leben"


Hannah Beitzer führt aus, dass gerade die Unzufriedenheit mit Defiziten der eigenen Lebenssituation dazu verleite, Einwanderer als zusätzliche Konkurrenz (z.B. um die ohnehin knappen Zuwendungen des Staates) zu sehen - und somit als Gefahr.


Dem lasse sich durch Aufklärung und Information zwar entgegenwirken. Andererseits lösen sich Vorurteile nicht dadurch auf, dass die Menschen gebildeter sind oder in besseren Verhältnissen leben. Auch Menschen mit Uni-Abschluss, die liberale politische Ansichten vertreten, können ein Problem mit einem Flüchtlingsheim vor ihrer Haustür haben.


Handlungen in der Praxis und theoretische Ideale widersprechen sich bisweilen:

"Es ist eben leichter, sich prinzipiell für die Errichtung von Flüchtlingsheimen auszusprechen, als dafür tatsächlich in Kauf zu nehmen, dass das eigene Grundstück an Wert verlieren könnte."
Wer sich nun moralisch entrüstet, könnte leicht in die Falle der Selbstgerechtigkeit tappen: Die meisten Menschen nehmen erst einmal das engere, persönliche Umfeld wahr, und dann, vielleicht, den großen gesellschaftlichen Kontext.
Folglich werden im Alltag viele gesamtgesellschaftliche Probleme ausgeblendet.

Wird diese Distanz zwischen großer Politik und dem eigenen Leben durchbrochen - z.B. wenn die Unterbringung von "guten" Kriegsflüchtlingen es erfordert, dass man als Bewohner dafür Opfer bringt - dann wird es schwierig. ("Opfer" ist natürlich ein subjektiver Eindruck, soweit Vorbehalte und Ängste berührt werden.)

Die Akzeptanz von Umverteilung ist nicht immer gleich

Die Bereitschaft "besorgter Anwohner", zugunsten eines politischen Ziels persönlich zurückzustecken, hält sich oft in Grenzen - selbst wenn sie sich wortstark zu Solidarität und Sozialstaatlichkeit bekennen. Doch was bedeuten diese 'Phrasen', würde man sie mit Substanz erfüllen?
  • Der persönlichen Nutzen des Einzelnen kann und darf nicht ungehemmt maximiert werden kann.
  • Es gibt gesellschaftliche Werte, für die es sich zurückzustecken oder gar zu bezahlen
Dies sind die Grundgedanken des Sozialstaats. Konkret bezogen auf die Flüchtlingsfrage haben wir uns also die Frage zu stellen
"Sind wir bereit, ein Stück der eigenen Behaglichkeit - und zwar sowohl materiell als auch geistig - aufzugeben, um Menschen in Not zu helfen? Und wem genau wollen wir überhaupt helfen?"
Diese Frage bejahe ich für mich - gefühlsmäßig und rational. Allerdings mit einer, nein, mit zwei Einschränkungen bzw. Bedingungen:

Von Einwanderern darf und muss erwartet werden, dass sie den sozialen und kulturellen Frieden nicht stören - z.B. indem sie lautstark (oder gar gewaltsam) für die Einführung einer völlig anderen Gesellschaftsordnung (gemeint ist die Scharia) betreiben. Ebenso sehe ich die Voraussetzung, dass Einwanderer - ebenso wie für begrenzte Zeit aufgenommene Flüchtlinge - sich an die Gesetze des Landes halten, welches sie aufnimmt.


Verstößt ein Einwanderer bzw. Flüchtling gegen diese Voraussetzungen, entfällt die Grundlage seiner Aufnahme. In diesem Punkt sehe ich wenig Veranlassung zu Kompromissen oder Nachgiebigkeit.


Aber: Diesbezüglich stets der Einzelfall zu betrachten. Wer Flüchtlingen schon wg. der pauschalen Antizipation krimineller Handlungen die Einreise verwehren will und ihnen damit jede Chance zur Integration nimmt, macht es sich viel zu einfach. Andererseits:

"Die Bedenken der "besorgten Anwohner" aus der Außenperspektive einfach als rückständigen Rassismus abzutun, ist deswegen tatsächlich zu bequem. Denn die dahinterstehenden moralischen Fragen gehen alle an."


Donnerstag, 18. Dezember 2014

Weihnachten, eine abendländische (Konsum-)Tradition

"Überhaupt verschwindet alles Schöne."

Nee, das sehe ich nicht so. Früher war nicht alles schöner ...und schon gar nicht besser. Bekanntermaßen stellt die Erinnerung mit zunehmendem Alter fiese Fallen. Dennoch, im Laufe der Jahre ist das weihnachtliche Getue verkommen zu einer dreitägigen Alibi-Veranstaltung:

Fressen-Saufen-Auspacken. Und Umtauschen.

Einzelhandel und Internetversandhäuser stellen sich auf massenhafte Retouren innerhalb der Rückgabefrist ein. Weitere 40 Prozent des verschenkten Geraffels werden alle Jahre wieder in heimischen Schuh- oder sonstigen Schränken verrotten, sofern sie nicht "fast neu" auf Ebay vertickt werden.
Umweltbilanz? Drauf geschissen, es ist schließlich nur einmal im Jahr Weihnachten.

Sich dem gänzlich zu entziehen, ist alles andere als leicht - sofern man nicht in einer abgelegenen Almhütte überwintert.

Denn: Es weihnachtet, wohin man auch blickt. Durch hell beleuchtete Einkaufsgalerien schlurfen Weihnachtsmänner (jene Werbefiguren weihnachtlichen Schenkens, 1931 von CocaCola aufgegriffen und weltweit vermarktet) vorbei an Schaufenstern voller Rolf-das-rotnasige-Rentier-Socken, den nicht enden wollenden Klang von Zuckowski's „Weihnachtsbäckerei“ in den dröhnenden Ohren. Für die 'kaum' wahrnehmbare Glühweinfahne gewerblich tätiger Nikoläuse habe ich vollstes Verständnis, auch um 13.10h.


Jahresendgeschäft für die Süßwarenhersteller: Die Deutschen können dieses Jahr 146 Millionen Nikoläuse (fr)essen - während sie sich via TV vom Überlebenskampf der Bürgerkriegsflüchtlinge unterhalten lassen.


Brave Kinder schreiben in der Adventszeit Briefe mit Wünschen an's Christkind - Orientierungshilfe für Eltern im vorweihnachtlichen Einkaufs-, Nordmann-Tannen- und Back-Stress. Das Fest der Liebe, der Kalorien und der Rührseligkeit naht unaufhaltsam.


Distanzierte Beobachter - jene Zaungäste, die an allem etwas auszusetzen haben, weil ihnen das Gespür fehlt für die verbindende Kraft abendländischer (Konsum-)Tradition - stellen derweil Indizien unter dem Sammelbegriff "Geschmacklose Weihnachten" zusammen.


Sogar 'Die ZEIT' stellte vor einem Jahr fest: fest „Schenken bringt nichts“, denn Weihnachtsgeschenke seinen in der klassischen Ökonomie purer Quatsch - und führten allein zu Wohlfahrtsverlusten:
"An Weihnachten nimmt die Irrationalität der Menschen ungewöhnliche Ausmaße an. Sie kaufen und kaufen und kaufen: Dinge, die niemand haben will und niemand braucht. Dinge, die einmal teuer produziert wurden und nach Heiligabend im Regal verstauben. Krawatten, Pullover, Sandwichtoaster. 
Sie nennen das Schenken. Für die klassische Ökonomie ist das großer Quatsch. Dem Homo Oeconomicus graut vor Weihnachten. Er denkt: Die Welt wäre eine bessere ohne Weihnachtsgeschenke.
Als Beschreibung der Gegenwartssituation lasse ich diese Beschreibung gelten - obgleich der 'Nutzen' bzw. das Ziel des Schenkens einstmals darin bestanden haben soll, geschätzten Menschen eine Freude zu machen.
Unökonomisch vielleicht. Aber nicht lieblos.

Mit der "Red Bull Weihnachts-
Werbung" aus dem Jahr 2007 schien das denkbar größte Maß an respektloser Geschmacksferne erreicht zu sein:





Dagegen ist das diesjährige CocaCola -Motto zu Weihnachten bemerkenswert ehrlich:
"Make someone happy" - Mache anderen eine Freude ...vor allem der Konsumingüterdustrie, indem du möglichst viel Geld für nutzlosen Tand ausgibst.
Kein Wohlwollen hilft, falls ich es denn aufbrächte: Was ich sehe, sind Anzeichen sinnentleerten, unreflektierten Konsumterrors mit Terminvorgabe. Und doch:

Dieses Fest soll anders werden- dank Jesus:


Mit einer Jesusfigur aus Schokolade fülle der Duisburger F. Oynhausen eine "kulinarisch-religiöse" Marktlücke, stellt Martina Herzog (→ "Jesus ist soo lecker") fest.


Tja, in einer Zeit wie dieser ist Jesus patentiert und aus Schokolade.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Höhlenforschung: Tore zur Unterwelt (aktualisiert)

Dokumentationsreihe über die Entdeckung eines Systems "uralter, unterirdischer Gänge" im Raum Vorau (Steiermark, Österreich)


Bei Umbauarbeiten wird im Dachstuhl eines Bauernhofs eine Jahrhunderte alte Kanonenkugel gefunden. Darin entdeckt man einen Plan, der auf ein Labyrinth von unterirdischen Gängen verweist - Ausgangspunkt zu einer Reihe erstaunlicher Forschungsergebnisse und Entdeckungen aus vorchristlicher Zeit. Die Höhlenforscher Ingrid und Heinrich Kusch begannen mit der Erforschung des viele Kilometer langen und offenbar in größere Tiefe führenden Gangsystems und "stießen dabei immer wieder auf Einzelheiten, für die es keine Erklärung gibt".

Unklar ist bislang, weshalb viele Zugänge 
zu unterirdischen Gangsysteme vermutlich im Mittelalter absichtlich und mit gewaltigem Arbeitsaufwand verschlossen wurden. Dabei wurden man die Einstiege mitunter geflutet und so mit vielen Tonnen Schwemmsand verfüllt. 

"Wollte man das Wissen um eine unbekannte vorchristliche Kultur ein für allemal aus dem Bewusstsein der Menschen löschen? Oder fürchtete man sich gar vor etwas aus den Tiefen der Erde?"
Unter dem alten Kloster Vorau fanden die beiden Archäo-Speläeologen mit einem Bodenradar ein unterirdisches, über mehrere Etagen verlaufendes Netz von Gängen aus ältester (prähistorischer?) Zeit. Hier wird eine Art "Zentrale" vermutet, deren Erforschungen sich aufgrund der Tiefe, Weitläufigkeit und hoher Kosten noch länger hinziehen wird. 

Diese knapp zweistündige Filmdokumentation ist sehr ausführlich und versorgt den Zuschauer nebenher mit mit Wissenswertem über steinzeitliche Bauten (z.B.) Menhire sowie deren Bedeutung für ihre Erbauer. 

Deutlich wird auch, wie zerstörerisch der Katholizismus in früheren Jahrhunderten mit 'heidnischen' Bauten und Relikten verfahren ist.
Interessant ist auch die Bezugnahme auf lokale Sagen und Legenden, in denen die erforschten Höhlensysteme eine Rolle spielen. Ein Beispiel:





Donnerstag, 11. Dezember 2014

Democracy - Leonard Cohen


"Democracy" entstand 1992, nach der Öffnung der Berliner Mauer und dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Leonard Cohen beeindruckte - allerdings nicht etwa positiv: Cohen betrachtete den damals aufkeimenden Optimismus im wiedervereinigten Deutschland und in ganz Europa von Anfang an mit Skepsis - insbesondere die Erwartungen an eine Demokratisierung des Ostens und als einhergehend erhoffte weltweite politische Veränderungen.


Unter dem Eindruck des wiederbelebten Ost-West-Konfliktes samt einseitiger Berichterstattung, der wenig demokratischen Regierungsform und -weise in Russland und nicht zuletzt des jüngst veröffentlichten US-Senatsberichts über die Folterverhöre der CIA komme ich nicht umhin, der von Cohen ausgedrückten Sichtweise beizupflichten: Bis zur Verwirklichung einer wahrhaftigen Demokratie haben die Völker der Welt noch einen ein sehr weiten Weg vor sich. 


Soweit ich Cohen richtig verstehe, wünschte und glaubte er, eine solche Entwicklung werde am ehesten in den USA eintreffen. Nun, darin allerdings hat er sich geirrt, soweit dies bis heute absehbar ist, leider.

So fallen die Interpretationen von „Democracy is Coming to the USA“ kontrovers aus: nicht wenige meinen, Leonard Cohen habe bereits 1992 die seit 2001 stattfindende Entliberalisierung der Vereinigten Staaten in geradezu prophetischer Weise angekündigt. (Vielleicht mangelt es mir an englischem Textverständnis, sodass ich ironische Elemente nicht als solche erfasse. Deshalb gehe ich erst gar nicht auf Leonard Cohens "biblisch-astrologische Weltsicht" ein, die u.a. durch die esoterische Lehre der Kabbala inspiriert sein soll.)



Demokratie

Sie kommt wie durch einen Windkanal

Aus jenen Nächten auf dem Tiananmen Platz
Sie kommt aus dem Gefühl
Das hier sei noch nicht die Wirklichkeit
Falls doch, dann stimmt der Ort noch nicht ganz
Aus den Kämpfen gegen Unruhen
Aus den Sirenen, Tag und Nacht
Aus den Feuerstellen der Obdachlosen
Aus der Asche der Schwulen
Kommt die Demokratie in die USA

Sie kommt durch einen Riss in der Mauer

Auf einem imaginären Schwall von Alkohol 
Aus der umwerfenden Botschaft
Der Bergpredigt
Die zu verstehen ich gar nicht erst vorgebe
Sie kommt aus der Stille
Am Landedock in der Bucht 
Aus dem tapferen, mutigen, ramponierten
Herz von Chevrolet:
Die Demokratie kommt in die USA

Sie kommt vom Leid der Straße

Von heiligen Plätzen, Treffpunkten der Rassen
Von der mordlustigen Schlampe
Die in jede Küche reinplatzt
Um klar zu stellen, wer auftischt und wer isst
Von der bohrenden Enttäuschung
In der die Frauen auf ihren Knien
Um Gottes Gnade beten in der hiesigen Ödnis
Und der Ödnis anderswo
Die Demokratie kommt in die USA

Segle weiter, segle weiter

Mächtiges Staatsschiff! 
Zu den Küsten der Not
Vorbei an den Riffen der Gier
Durch die Böen des Hasses
Segle weiter

Sie kommt zuerst nach Amerika

Zur Wiege der Besten und der Miesesten
Die hier ihre Grenzen erfahren
Und wie Veränderungen funktionieren
Und hier erlangen sie spirituelle Sehnsucht.
Hier ist die Familie zerbrochen
Und hier sagen die Einsamen
Dass die Herzen sich ganz grundsätzlich öffnen müssen
Die Demokratie kommt in die USA

Sie kommt von den Frauen und Männern

Oh Liebste, lass uns wieder lieben!
Wir werden so tief darin versinken
Dass dem Fluss die Tränen kommen
Und der Berg ein "Amen!" ruft
Sie kommt wie der Gezeitenstrom
Unter der Macht des Mondes
Hochherrschaftlich, mysteriös
In sinnlichem Gewand
Die Demokratie kommt in die USA

Segle weiter ...


Ich bin sentimental, versteht es recht

Ich liebe das Land, doch ich ertrage nicht, wie es hier läuft
Ich bin kein Linker und kein Rechter
Ich bleibe einfach heut Nacht zu Hause
Und verliere mich in diesem traurigen, kleinen Bildschirm.
Doch ich bin hartnäckig wie eine Müllbeutel aus Plastik
Den die Zeit nicht kleinkriegt
Ich bin zwar Müll, doch noch halte ich
Diesen kleinen Wildblumenstrauß empor:
Die Demokratie kommt in die USA

Quellenangabe





Sonntag, 7. Dezember 2014

Ukraine-Konflikt: Es begann auch 1999 und 2003 mit der Unwahrheit

Das Misstrauen sowohl gegenüber der Politik als auch einen Fakten-Meinungs-Mix verbreitenden Medien ist im Zuge der Ukraine-Krise erheblich gewachsen. Boshafte, hasserfüllte Statements und sogar haarsträubende Hitler-Vergleiche haben Hochkonjunktur' - derweil sind eine politische Analyse und ein möglichst objektives Erkennen der Vorgänge in der Ukraine zunehmend erschwert.

Warum? Weil sich auch westliche Medien zugunsten einseitiger Ideologisierung von einem neutralen Erkenntnisgewinn fast verabschiedet haben. So wird die Einmischung des Westens in die Angelegenheiten der Ukraine (schon während der 'orangenen Revolution') verharmlost, während Putin zum neuem Quasi-Hitler ("Putler") aufgeblasen wird. Immerhin, ein großer Teil der Bevölkerung durchschaut diese Inszenierung sowie die monatelang vorgegebene Freund-Feind-Unterscheidung.

"Selten klafften veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung weiter auseinander. Mehr als die Hälfte aller Deutschen äußerte in Umfragen im April 2014 Verständnis für die Haltung Russlands und sah im Anschluss der Halbinsel Krim kein Überschreiten einer »roten Linie«, dem militärisch entgegengetreten werden sollte; mehr als drei Viertel der Bevölkerung wollen keinen neuen Kalten Krieg." (1)
Sobald die öffentliche Meinung von den publizierten Ansichten in Leitartikeln und Kommentaren abwich, war der vor allem im Internet geäußerte Unmut natürlich "von Moskau organisiert und gesteuert". Indessen wiesen repräsentative Umfragen die weite Verbreitung des Unglaubens tatsächlich nach - was die Medienmacher zu psychoanalytischen Diagnosen verleitete: Mal lag es an der Verdrängung ("Ignoranz und Feigheit saturierter Wohlstandsbürger", die einfach nur ihre Ruhe haben wollen) - mal an der "intellektuellen Beschränktheit der Putin-Sympathisanten", deren Verständnis sich auf Unwissen und Halbwahrheiten gründe.

Dem lauter werdenden Vorwurf einseitiger Berichterstattung setzten sie fortgesetzte Schwarzweißmalerei und das Narrativ der "strategisch-freiheitlichen Partnerschaft des Westens" entgegen - der ausschließlich und unablässig das Gute anstrebe, jedoch hilflos dem böswilligen Tyrannen im Osten ausgeliefert sei.

Mit Verschärfung der Ukraine-Krise und im Zuge medialer Zuspitzung kreierten Meinungsmacher dann abwertend konnotierte Begriffe wie "Russlandversteher bzw. "Putinversteher" - mit dem durchschaubaren Ziel, alle Menschen zu diskreditieren, welche die vorgegebene Schwarzweißmalerei hinterfragen.

  • Ist das Bemühen um ein Verstehen der Position Russlands tatsächlich gleichzusetzen mit unreflektierter Zustimmung zum Handeln Putins? 
Sicher nicht! Bedauerlich ist die Notwendigkeit einer semantischen Klarstellung, um bewusst erzeugten Missverständnissen zu entgehen: 'Verstehen' ist eben nicht gleichbedeutend mit wohlwollender Hinnahme bzw. Zustimmung!

Kritik an der Amtsführung des russischen Präsidenten Putin und am Dominanzgebaren Russlands in Teilen der einstigen sowjetischen Einflusssphäre sind nicht nur zulässig, sondern ebenso angezeigt wie ein unverstellter Blick auf das hegemoniale Gebaren der USA.


Nestbeschmutzung oder begründetes Misstrauen auch gegenüber der NATO?

In Diskussionen wird oft die Frage aufgeworfen, wie ich dem westlichen Militärbündnis allen Ernstes so schlimme Dinge Kriegspropaganda, Manipulation und Verfälschung von Fakten zutrauen könne - ganz zu schweigen von der Unterstellung, die Unterstützung der Öffentlichkeit für Konfrontationskurs und womöglich Kriegsvorbereitungen zu gewinnen? Warum ich unserem Bündnispartner USA nicht einfach dankbar sei für dessen Schutz (plus ein klein wenig Kontrolle) sowie seine Bereitschaft, 'für uns die Kastanien aus dem Feuer zu holen'?

Meine Antwort: Weil wir in der jüngeren Vergangenheit schon mehrmals getäuscht wurden - nicht nur in Bezug auf den Angriffskrieg gegen den Irak (2003), als die USA infolge der 9/11-Tragödie schwer traumatisiert war.
Unerfreuliche Erfahrungen mit verfälscht begründeten Kriegsanlässen wie in Jugoslawien und Irak ("Massenvernichtungswaffen") belegen: Nicht nur das russische Volk, sondern auch 'wir im Westen' sind mit Desinformation und Halbwahrheiten konfrontiert (wenn auch nicht in demselben Ausmaß).

Als die sog. zwischenstaatliche Phase des Kosovokrieges am 24. März 1999 begann, war ich noch voll auf transatlantischer Linie und hegte kaum Zweifel an der Notwendigkeit des militärischen Eingreifens durch die NATO.
Die Frage, warum man 'humanitäre Kriegseinsätze' als Reaktion der Nato auf Menschenrechtsverletzungen überhaupt kontrovers diskutierte, begann ich mir erst ab 2003 zu stellen, als der US-amerikanische Angriff auf den Irak es mir unmöglich machte, die geopolitische Rolle der USA weiterhin positiv zu sehen.


Der 'Hufeisenplan'


Der sogenannte Hufeisenplan ("Operationsplan Hufeisen"/"Potkova-Plan") war ein angeblicher militärischer Plan der serbisch-jugoslawischen Regierung zur systematischen Vertreibung der Kosovo-Albaner aus dem Kosovo. Obwohl seine tatsächliche Existenz nie bewiesen wurde, nutzten u.a. die damaligen Bundesminister Fischer und Scharping diesen 'Plan' dazu, die NATO-Militärintervention 1999 gegen das damalige Restjugoslawien zu rechtfertigen. Militäreinsätze seien der einzig gangbare Weg, um die vorgebliche Vertreibungspolitik des jugoslawischen Präsidenten Milošević zu beenden.

"Da der Krieg ohne UN-Mandat geführt wurde, wurde der Hufeisenplan von vielen Kriegsbefürwortern als Beleg für bereits vor dem NATO-Angriff bestehende Pläne der jugoslawischen Führung zur Vertreibung der Kosovo-Albaner aus dem Kosovo herangezogen, und diente damit der nachträglichen Legitimation des Angriffs auf Jugoslawien." (2)
Die Kommunikationsstrategie der Nato-Staaten wird in nachfolgender Dokumentation eingehend beleuchtet:

Dokumentation: "Es begann mit einer Lüge" - Der NATO-Einsatz in Jugoslawien, ARD 2001‬‏




Das 'traditionelle' westliche Vorgehen zur Legitimation kriegerischer Handlungen ohne UN-Mandat lässt deutlich werden: Wir, d.h. der Westen, sind weder per se 'die Guten' noch kommt uns ein genereller Anspruch auf moralische Überlegenheit zu. Mit Bezug auf den Kosovo-Konflikt vertritt nicht nur Gregor Gysi  die Auffassung, von der Nato sei ein Präzedenzfall für die Akzeptanz separatistischer Volksbegehren geschaffen worden, als sie im Kosovo ein solches mit Gewalt durchsetzte (4).
Mit anderen Worten: Russland hat im geopolitischen Gerangel um die Krim zu einer Variante gegriffen, die der Gegner zuvor selbst schon angewendet hatte.
(Unverständlich bleibt in dieser komplexen Fragestellung allerdings, gemäß welcher Logik Russland die internationale Anerkennung ihrer Unabhängigkeit der Krim fordert, selbige für den Kosovo aber bis heute verweigert.)

Vielmehr wird das Handeln westlicher Staaten ebenso von Interessen geleitet und bistimmt wie das Verhalten der Russischen Föderation und ihres Präsidenten. Die 'Polarisierung' innerhalb der Ukraine ist ein Spiegelbild zweier geostrategischer Pole - des transatlantischen und des 'eurasischen' Blocks:
Der russische Soziologe Alexander G. Dugin entwarf die 
"eurasische" Strategie : Dugin propagiert das geopolitische Konzept eines „Neo-Eurasismus“ auf der Basis eines in Opposition zum Universalismus des westlichen Systems stehenden großrussischen Reiches - und wendet sich gegen eine globale US-amerikanische Bevormundung. In beiden Konzepten spielt die Ukraine eine zentrale Rolle - das Land droht zwischen dem transatlantischen und dem eurasischen Block in einem blutigen Bürgerkrieg zerrissen zu werden.
"In diesem Krieg geht es nicht um Freiheit oder Menschenrechte, sondern um Macht und Stellungskriege auf dem geopolitischen Schachbrett." (1)
Die ohnehin gespaltene und zerstrittene Bevölkerung der Ukraine wird somit in einem weiteren Stellvertreterkrieg von zwei Seiten instrumentalisiert - und beide Seiten reden sich und ihrer Bevölkerung ein: "Wir sind die Guten!"

Es geht um geopolitische Interessen und nichts anderes


Die militärische Besetzung der Krim durch russisches Militär (getarnt als KGM, also kleine grüne Männchen mit Strumpfmaske und schwerer Bewaffnung) nebst anschließender Schein-Legitimierung durch ein "Referendum" stellt einen völkerrechtswidrigen Akt dar, den ich ohne Wenn und Aber verurteile.
Die Autoren des Buches 'Wir sind die Guten' sehen dies offenkundig anders:

"...verglichen mit der Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak oder dem 'humanitären Einsatz' in Libyen ist das Mehrheitsvotum der Krimbewohner geradezu unverfälscht und glaubwürdig."(1)
Putin dürfte sich vorab darüber im Klaren gewesen sein, dass er danach nicht einfach zur Tagesordnung würde übergehen können - Grund genug, seine Motive für die Krim-Besetzung zu hinterfragen: Die Halbinsel Krim hat vor allem strategische Bedeutung für Russland - als einziger eisfreier Hafen der russischen Flotte bildet Sewastopol den Zugang zum Mittelmeer.

Nach 1991 schloss Russland mit der Ukraine einen langfristigen Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol ab, einschließlich der Erlaubnis zur Stationierung von bis zu 25.000 russischen Soldaten auf der Krim. Erst 2012 war dieser Vertrag unter Janukowitsch um weitere 30 Jahre verlängert worden – unter Protesten jener Oppositionellen, die sich im Februar 2014 gewaltsam in Kiew an die Macht putschten.

"Dass Russland daraufhin Bedenken über die Einhaltung dieses Vertrags kommen konnten, – zumal als von den radikalen Milizen des Rechten Sektors zum Marsch auf die Krim aufgerufen wurde – scheint da zumindest nachvollziehbar." (1)
Der Statioierungsvertrag bis nach 2040 war längst ratifiziert, d.h. nach internationalem Recht bindend - abgesehen davon begründen Einkreisungs-Ängste von Ex-KGB-Mitarbeitern keinerlei Rechtfertigung, mit militärischen Mitteln im Handstreich Fakten zu schaffen.

Auch dass die die Steinkohle- und Industrieregion Donezbecken in der Ostukraine - bereits in beiden Weltkriegen hart umkämpft - gegenwärtig erneut Gegenstand eines Bürgerkrieges ist, wird nicht allein durch seine geografische Nähe zu Russland und seine Mehrheit russischstämmiger Einwohner bestimmt, welche das vom Westen unterstützte Regime in Kiew ablehnt. Vielmehr sind hier ein Großteil der Rohstoffe und Industrie beheimatet.
"...darum – um Kontrolle der Rohstoffe und Märkte – geht es im »Great Game« der Außen- und Geopolitik der Nationen seit mehr als zweihundert Jahren."(1)
Was Halford Mackinder als Pionier der geopolitischen Strategie vor über 100 Jahren über den "Achsenpunkt der Geschichte" in Osteuropa formulierte, könne nach wie vor als Blaupause des nunmehr anglo-amerikanischen Empires gelten, stellen Bröckers und Schreyer fest. Brzezinski habe 1997 lediglich die Terminologie angepasst, das Konzept aber im wesentlichen beibehalten: Dem "eurasischen Schachbrett" komme eine entscheidende Rolle für die Erlangung globaler Hegemonie zu. Und dabei sieht er die Ukraine als Dreh- und Angelpunkt:
Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt aber davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird — und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann. (3)
US-Amerikanische Politik solle letzten Endes von der Vision einer besseren Welt getragen sein: der Vision, im Einklang mit langfristigen Trends sowie den fundamentalen Interessen der Menschheit eine auf wirksame Zusammenarbeit beruhende Weltgemeinschaft zu gestalten. Doch bis es soweit sei,
"...lautet das Gebot, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte. Ziel dieses Buches ist es deshalb, im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen." (3)
Eine langfristige amerikanische Geostrategie für Europa werde die Fragen der europäischen Einheit und echter Partnerschaft mit Europa mit aller Bestimmtheit angehen müssen. 

Doppelte Standards - eine Normalität der Postmoderne?

Nun könnte man einwenden, ein 'Theoretiker' wie Brzezinski - immerhin geopolitischer Chefberater fünf amerikanischer Präsidenten einschließlich Obama - lege nicht die konkreten Eckdaten der US-amerikanischen Außenpolitik fest. Doch mit ihren geostrategischen Handlungen der USA zeigen, wie sie eben dieser Leitlinie folgen - bis heute. Was in diesem Kontext die Worte "mit aller Bestimmtheit" konkret bedeuten können, zeigen die Kriege der USA seit dem Zerfall der Sowjetunion. (Wer meint, ich hinge anti-amerikanischen Verschwörungsthesen an, möge bitte das Stichwort "Full Spectrum Dominance" - ein Kernelement der US-Militär-Doktrin - recherchieren, beispielsweise hier. Ergänzend ist auch R.Cooper (The New Liberal Imperialism) von Interesse: "Die Herausforderung für die postmoderne Welt besteht darin, sich an doppelte Standards zu gewöhnen." Der Diplomat Robert Cooper zählte übrigens zu den Beratern vom  Bush-Pudel Tony Blair.)

Als Fazit bleibt mir nur ein traurig-resigniertes Kopfschütteln angesichts der Versuche beider Konfliktparteien, ihre geopolitische Interessenwahrung hinter "sakraler Bedeutung" oder "Demokratieförderung" zu verbergen. Moderat eingestellte Mitteleuropäer werden sich auf einen Wandel der politischen Kultur einrichten müssen, in welcher das Gezerre um Ressourcen und Absatzmärkte zunehmend mit doppelten Standards geführt und propagandistisch begleitet wird.

Wo Menschenrechtscharta und internationale Vereinbarungen ignoriert werden, wo Ost und West sich ihre jeweils selbstentworfene Deutungshoheit über die Handhabung des Völkerrechts anmaßen - und wo politisches Handeln nur noch mit zweierlei Maß gerechtfertigt werden kann - da verkommen Begriffe wie "Wertegemeinschaft" oder eben "Orte großer zivilisatorischer und sakraler Bedeutung" zu Ausdrucksformen sarkastischer, ja zynischer Realsatire.




Quellenangaben

(1) "Wir sind die Guten - Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren" - M. Bröckers und P. Schreyer
(2) Wikipedia - "Hufeisenplan"
(3) Wikipedia - Zbigniew Brzeziński / Amerikas Strategie der Vorherrschaft
(4) Vgl. auch: Welches Völkerrecht darf's denn heute sein? - Süddeutsche.de, 21.3.201

Montag, 17. November 2014

Erzfeind Putin?

Steter Tropfen höhlt den Stein - insoweit ist die redaktionelle Strategie bedeutender Nachrichtenmedien unschwer zu durchschauen: Die einseitige Auswahl von Ereignissen rund um den neuen Ost-West-Konflikt suggeriert, ausschließlich das Putin-geführte Russland bedrohe die ansonsten so friedliebende Weltgemeinschaft:
"Russische Bomber sollen bis an US-Grenze fliegen"Moskau kündigt an, Patrouillenflüge im internationalem Luftraum auszuweiten. Der Grund dafür wird in der Ukraine-Krise gesehen.
"Nato schlägt Alarm: Putins Langstreckenbomber über Europa" Die russische Luftwaffe hält die Nato auf Trab. Einflüge über der Nord- und Ostsee, aber auch über dem Schwarzen Meer erinnern ein wenig an die Zeiten des Kalten Kriegs. Nato sieht Risiken für die Zivilluftfahrt.
So geht das schon seit Monaten. Die "WELT" setzt sich nicht selten mit kruden Thesen und Anti-Putin-Statements an die Spitze dieser 'Bewegung'. Inzwischen ergeht sich deren Mitarbeiter Martin van Creveld unverblümt in Kriegsszenarien - wohlgemerkt, nicht bezüglich einer lokal/regional begrenzten militärischen Auseinandersetzung Russland - Ukraine, sondern ganz konkret über einen möglichen Krieg zwischen der Nato und Russland:
"Sollte es also zum Äußersten kommen, gibt es für die Nato und die EU nur eine Möglichkeit, eine Sezession der "Volksrepublik Donezk" und ihren Anschluss an Russland zu verhindern: direktes militärisches Eingreifen."
Quelle:"Bei einem Ukraine-Krieg droht Auflösung Russlands", (WELT online)
Aber, wohl zum Bedauern Crevelds, "haben Nato und die EU schlicht und einfach nicht den Willen, für irgendetwas oder irgendjemanden zu kämpfen". Immerhin: "Als Militäraktionen kommen allenfalls Luftschläge in Betracht."
Aber Luftschläge? Das ist doch nichts Richtiges für harte Kämpfer, nein, da muss bzw. müsste ordentlich zugelangt werden - im Twitterjargon klingt das etwa so: 'Der russische Bär muss eins auf seine gierigen Tatzen kriegen'.
"Alle bisherige Erfahrung zeigt überdies, dass Luftschläge allein nicht ausreichen, um einen solchen Konflikt zu entscheiden." 
Vermutlich stimmt das sogar. Allerdings mit der Konsequenz, dass sich jeder Krieg zwischen Nato und Russland unkalkulierbar zu einem globalen Desaster ausweiten könnte (und würde). Auf diese Überlegung ist der Historiker und Militärexperten van Crefeld auch schon gekommen: "Putins Luftwaffe kann nicht nur am Kriegsschauplatz selbst zurückschlagen."

Sollten sich Kräfte der Nato in den Konflikt direkt einmischen, hätte dies lt. Creveld freilich 'nur' gelegentliche Einfälle russischer Flugzeuge in den Luftraum der Nato/EU zur Folge. 

"Gerade weil sie nur durch Atomwaffen gestoppt werden könnte, bleibt jedoch eine groß angelegte russische Invasion an der Nato-Ostflanke höchst unwahrscheinlich."
Eben wegen der realen Möglichkeit einer solchen Eskalation muss ein Krieg vermieden werden.
Dies erreicht man aber nicht mit plumpem Sanktionismus und stetiger Verhärtung der Fronten - sondern nur, wenn endlich damit begonnen wird, auch russische Sicherheitsinteressen ernst zu nehmen. Mit Einknicken oder 'Appeasement' hat dies nichts zu tun, die Krim gehört weiterhin zur Ukraine, ganz gleich wie oft Putin sich noch mit Glanz und Gloria für seinen hochriskanten Handstreich feiern lässt.

Für mich es erschreckend, wie die Leser solcher Artikel in kleinen Schritten an den Gedanken eines 'beschaulichen, eigentlich gar nicht nicht so schlimmen' Krieges auf europäischem Boden gewöhnt werden sollen. Jetzt, da die Generation der Kriegsopfer und -teilnehmer ausstirbt, scheint ein derartiges Umdenken erstmals möglich. Wer deutlich jünger als 50 ist, hat vermutlich keine Großeltern oder andere lebende Verwandte, die aus eigenem Leben vom Krieg berichten könnten. Die endlose Wiederholung weichgespülter Dokumentationen über die Zeit von 1914 bis 1945 vermag die persönlich geschilderten Eindrücke und Erinnerungen nicht zu ersetzen.  

Derweil fragen sich zu wenige Menschen, wer letztlich davon profitiert, falls wieder Krieg herrschen sollte in Europa...

Ein dummes Volk regiert sich gut


„Ach, was war es doch vordem ohne viel Regeln wunderschön. 
Fröhlich und ungezwungen wurde dabei noch ein Lied gesungen.
Heute kommen alle verbissen daher, denn Verbote gibt es immer mehr.
Lassen wir uns das alles gefallen, sind wir die Dümmsten von allen.
Vater Staat macht das immer mehr Mut, denn ein dummes Volk regiert sich gut.
Selbstbestimmung ist hier gefragt, behalten wir sie. Damit ist alles gesagt.
Denn nur so geht es froh und heiter auf der Lebensleiter weiter.“

Von Christa Raffel (hier gefunden)

Montag, 3. November 2014

Gaucks Aussagen über eine mögliche Regierungsfähigkeit der Partei 'Die Linke'

Der Wortlaut des am 2.11.2014 mit Herr Gauck geführten Interviews findet sich u.a. hier auf tagesschau.de.

Das Aufgabenprofil eines Bundespräsidenten ist eigentlich klar definiert: im Grundgesetz steht nichts definitiv davon, dass das deutsche Staatsoberhaupt die Rolle eines informellen Schiedsrichters bei der Aufstellung von Regierungskoalitionen ausübt.

Dies hält den gegenwärtigen Amtsinhaber freilich nicht davon ab, skeptische bis abwertende Aussagen über eine mögliche thüringische Landesregierung unter Führung der Linkspartei abzusondern. Öffentlich, nicht etwa im kleinen Kreis.

Es ist ein merkwürdiger Spagat, den Gauck mit seiner 'Ja, aber'-Haltung vollzieht:

Einerseits:
"...wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen"
Doch anderseits stellt er Suggestivfragen:
[und wir] "fragen uns gleichzeitig: Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?"
Die so angestoßene Debatte mag - gerade aus der Sicht früherer DDR-Einwohner, die den SED- und Stasi-Unrechtsstaat noch miterlebt haben - ihre Berechtigung haben. Sie könnte hinterfragen, inwieweit die personelle Erneuerung der einstigen SED-Nachfolge-organisation ausreicht, um deren verfassungskonforme und demokratische Ausrichtung zu ermöglichen.

An dieser Debatte könnte sich eine Privatperson Joachim Gauck angesichts eigener Erfahrungen in und mit der DDR fraglos beteiligen. Als Bundespräsident jedoch steht es ihm nicht zu, die getroffene Wahlentscheidung der Menschen in Thüringen in dieser Weise wertend zu hinterfragen:

"...es gibt Teile in dieser Partei, wo ich - wie viele andere auch - Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln."
Diplomatische Verklausulierungen ändern wenig an deren Inhalt. Im Grunde hat es nicht zu interessieren, ob ein Bundespräsident - der seinen Wohnsitz zur Zeit sicherlich in Berlin und nicht in Thüringen hat - dieses Vertrauen entwickelt zu einer Partei oder nicht.

Entscheidend ist vielmehr, dass das Wahlergebnis im Bundesland Thüringen auf demokratischem Weg erzielt wurde. An dieser Wahl waren auch Menschen beteiligt, die die DDR mit ihren "Wahlen" und Einheitslisten erlebt haben. Deren Wahlentscheidung ist uneingeschränkt zu respektieren.


Sollten sich in der kommenden Legislaturperiode in Thüringen berechtigte Zweifel an der Verfassungstreue einer Regierung unter Führung der Linken ergeben (was ich persönlich für ausgeschlossen halte), obliegt eine diesbezügliche Kontrolle bzw. Prüfung dem thüringischen Landesverfassungsgericht.-
"Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren."
Auch in Bezug auf die Person und den Werdegang Gaucks ist eine derartig negative Äußerung unverständlich: Weniger moralisierende Worte, dafür eine deutlichere Betonung des Versöhnungsgedankens stünden ihm gut zu Gesicht.




Freitag, 15. August 2014

Vortrag: Intelligent Design als alternatives Konzept zur Evolutionslehre?

Die Diskussionen, welche einen vermeintlich unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Evolutionstheorie und der Annahme eines (göttlichen) Designers thematisieren, werden zumeist mit unerträglicher Emotionalität geführt.
Da behaupten sog. Junge-Erde-Kreationisten, die Entstehung des Lebens und der Arten sei exakt so verlaufen, wie es auf 2 oder 3 Seiten im Buch Genesis des A.T. beschrieben ist. Kommen sie in Erklärungsnöte (z.B. angesichts eines Milliarden Lichtjahre großen und entsprechend alten Universums), ziehen sie sich auf apodiktische Aussagen (Bibel=Gottes Wort=unfehlbar) zurück.
Im Gegenzug sind (Neo-)Darwinisten sich nicht zu schade für die Aussage, wer nicht an die Evolution glaube, müsse entweder verblödet oder boshaft sein (vgl. Dawkins).

Einige Anmerkungen zu den Begrifflichkeiten:

Kreationismus impliziert die Deutung, dass die im Buch Genesis benannten 6 Schöpfungsphasen jeweils 24-Stunden-Tage dauerten; jede wissenschaftliche Forschung habe sich grundsätzlich diesem konservativ-biblischen Dogmatismus (d.h. der Autorität von "Gottes Wort") unterzuordnen. 
Religiöse Schöpfungslehren gehen von der Existenz eines Schöpfer(gotte)s aus, ohne sich auf Zeiten und Prinzipien der Schöpfung dogmatisch festzulegen. Anders als der Kreationismus sind hier Naturwissenschaften zur Erkenntnisgewinnung uneingeschränkt zulässig und werden als notwendig erachtet. In der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat sich die Katholische Kirche einer solchen Lehrmeinung schrittweise angenähert.
Intelligent Design (ID) gibt vor, auf religiöse Quellen gänzlich zu verzichten; seine Befürworter verstehen ID als naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz und versuchen, in der Natur mit wissenschaftlichen Methoden zwischen Zufall und Design zu unterscheiden. Formal lässt ID die Frage nach der Identität des Designers offen; insoweit ist ID auch ein nicht-religiöser Forschungsgegenstand denkbar (Z.B. geht auch die grenzwissenschaftliche Präastronautik von einem partiellen Design (zumindest beim Homo Sapiens) aus - wobei als Designer hier eher Außerirdische unterstellt werden und die Frage nach einem Ur-Schöpfer unbeantwortet bleibt. 
Beiden Seiten (tatsächlich handelt es sich eher um zwei Pole, denn die verschiedenen Positionen sind überaus facettenreich) ist eines gemeinsam: sie müssen sich bislang mit lückenhaftem Wissen (im Sinne empirisch überprüfbarer Fakten) zufrieden geben. Weder lässt sich die Existenz eines Schöpfers beweisen noch die zufallsbedingt Abiogenese, d.h. die Entstehung von Lebewesen aus unbelebter Materie.

Da von Jahr zu Jahr etliche Wissenslücken auf dem Gebiet der Naturwissenschaften geschlossen werden, tue ich mich schwer damit, einen anzunehmenden Schöpfer auf das jeweils noch Unerklärbare zu reduzieren - ein solcher Gott wäre ein Interimmanager (z.B. von Übergängen zwischen Arten) oder schlichtweg ein Lückenbüßer.


Dieser Vortrag auf YT von Prof. Wolf-Ekkehard Lönnig (vormals Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, MPIZ) führt in die Thematik ein.


Es lässt sich mindestens darüber streiten, ob ID aus wissenschaftstheoretischen Erwägungen überhaupt ein Gegenstand der Naturwissenschaften sein kann. Es gibt m.E. gute Gründe, dies strikt zu verneinen. Dieser insbesondere vor US-amerikanischen Gerichten verbissen geführte Streit (u.a. ob ID im Biologieunterricht öffentlicher Schulen gelehrt werden darf) ist für mich persönlich aber zweitrangig.


Wesentlicher sind nach meinem Empfinden zwei Fragestellungen:

Was dran ist an der Argumentationslinie der ID-Befürworter?
  • Existieren Belege für die behauptete "nicht reduzierbare Komplexität"? Oder handelt es sich bei den genannten Beispielen lediglich um Fälle, für die Evolutionskritiker sich subjektiv nicht vorstellen können, wie eine schrittweise Entwicklung durch die Prinzipien von Mutation und natürlicher Selektion/Rekombination erfolgt sein könnte?
  • Angenommen, die Evolutionsbiologen beschreiben die Prinzipien der Entstehung von Arten in zutreffender Weise - lässt sich daraus zwingend auf die Nichtexistenz bzw. Nicht-Interaktion einer schöpferischen Intelligenz schließen? 
  • Ist die Entstehung komplexer Information (wie sie das menschliche Genom repräsentiert) allein durch natürliche Auslese und Beibehaltung zufällig erworbener Vorteile erklärbar?
  • Wie gestaltete sich der Übergang von Lebensformen aus der präkambrischen Zeit (Zeitraum von der Entstehung der Erde vor ca. 4,6 Milliarden Jahren bis zur Entwicklung der Tierwelt zu Beginn des Kambriums vor etwa 540 Millionen Jahren)? Im frühen Präkambrium herrschten ganz andere chemische und klimatische Voraussetzungen als später. In dieser Anfangsphase entstanden erste Lebewesen wie z.B. Cyanobakterien (vgl. Stromatolithen), von denen aber nur wenige Fossilien erhalten sind. Über die kausalen Zusammenhänge der "kambrische Explosion" des Lebens kann bislang nur gemutmaßt werden.

Rezente Stromatolithenkolonie
  • Ebenso klafft im Fossilbericht zwischen Wirbellosen und Wirbeltieren eine bislang nicht überbrückbare Lücke - die Entwicklung eines Endoskeletts ist ein vom Exoskelett der Wirbellosen grundsätzlich verschiedenes Konzept.
  • Inwieweit kann die Panspermie-Hypothese zumindest beantworten, welchen Anfang das Lebens auf der Erde nahm - wengleich sie nicht die Frage nach der Entstehung des Lebens an sich klärt?
  • Somit lautet die Kernfrage: Ist die Formel "Naturgesetze mal Zufall mal sehr viel Zeit = komplexe Lebensformen" eher plausibel als die Existenz eines 'Designers'?
Bestehen nach heutigem Kenntnisstand berechtigte Zweifel an Kernaussagen der Evolutionslehre?

Hier kommt es offenbar darauf an, welchen Naturwissenschaftlern man Glauben schenkt, denn die geäußerten Ansichten sind alles andere als homogen.

Der australische Molekularbiologe Michael Denton ("A Theory in Crisis") stellt allen Ernstes fest: 
„Es darf heute als gesichert gelten, dass die Vielfalt der Lebewesen auf der molekularen Ebene mit einem geordneten System übereinstimmt. Jede Klasse ist auf der molekularen Ebene [in Bezug auf die DNA] einzigartig, isoliert und mit anderen durch keine Zwischenformen verbunden. So zeigen die Moleküle ebenso wie die Fossilien keine Übergänge, die man auf Grund des Langzeitmodells so lange gesucht hat.
Auf der molekularen Ebene gibt es keine ‚Vorfahren’, ‚Primitive’ oder ‚Höherentwickelte’ (...) Die Natur scheint mit dem nichtevolutiven und allumfassenden System übereinzustimmen, das die großen Anatomen des neunzehnten Jahrhunderts aufgestellt hatten. (...) Es besteht kein Zweifel, dass wenn diese molekularen Tatsachen vor einem Jahrhundert bekannt gewesen wären, diese mit einem verheerenden Effekt von den Gegnern der Evolutionstheorie ins Feld geführt worden wären. Die Idee der organischen Evolution wäre dann kaum akzeptiert worden.
Nach der Evolutionslehre sollte sich ein weitgehend vollständiger Fossilbericht der Abstammungslinien von Lebewesen konstruieren lassen, an denen über lange Zeiträume zwar langsame, aber kontinuierliche Veränderungen (Fortschritte) nachvollziehbar wären. Nur wird "der Fossilbericht diesen Erwartungen nicht gerecht, da einzelne fossile Arten selten durch bekannte Übergangsformen miteinander verbunden sind. Bekannte fossile Arten scheinen sich sogar in Millionen von Jahren nicht weiterzuentwickeln.“ (New Scientist)
Zwischen Tieren und Pflanzen sind  keine fossilen Übergangsformen bekannt. Immerhin werden sog. Eipilze als rezente Übergangsformen zwischen Pflanzen und Pilzen interpretiert, da sie Merkmale beider Stämme aufweisen.
Dafür, dass von der Evolutionstheorie vorhergesagte Entdeckungen solcher Übergangsformen oder Missing Links selten zu finden sind, werden mehrere Erklärungen angegeben.

Abiogenese - der erste Schritt zur Entstehung einfacher Lebensformen
  • Der Wikipedia-Artikel über Selbstorganisation erklärt: "In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äußere steuernde Elemente vorliegen."
  • Dem hält J.W. Sullivan ("The Limitation of Science") entgegen: "Die Hypothese, dass Leben aus anorganischer Materie entstanden ist, ist gegenwärtig noch ein Glaubensartikel."
Hier sehe ich den eigentlichen Knackpunkt einer Auffassung, welche die Abiogenese zufallsbedingt aus unbelebter Materie postuliert: Ein solcher Vorgang wurde bislang nicht annähernd nachgewiesen. Zwar haben Versuche die spontane Entstehung von Aminosäuren (Miller-Urey-Experiment) in einer 'Uratmosphäre' belegt - doch die anschließenden Schritte zu höherer Komplexität von Proteinen und gar rekombinationsfähigen Nukleinsäuren (RNA/DNA) sind abgesehen von Mutmaßungen offen.

Es ist ein wenig wie mit der Henne und dem Ei: Proteine werden aufgrund der codierten Anweisungen der DNA synthetisiert, die DNA ihrerseits setzt das Vorhandensein von bereits vollständigem Proteinmaterial voraus. Hinzu kommt eine zur Funktionalität des Zellkerns unerlässliche Faltung oder Stauchung des molekularen Erbgutes durch eine weitere Reihe komplexer Proteine (sog. Histone) - eine zufällige Entwicklung dieser Proteinstrukturen in Verbindung mit der eigentlichen DNA wird von etlichen Biologen mindestens kritisch hinterfragt.


Vermutungen hierüber stellen die alles "Übernatürliche" ablehnenden Autoren des u.a. Videos zusammen:


Entstehung des Lebens (Abiogenese)


Zutreffend ist sicherlich die zu Beginn des Films erhobene Forderung, zwischen der Evolutionstheorie und einer Hypothese zur Abiogenese zu differenzieren: Abiogenese klärt die Entstehung des Lebens, während Evolution sich mit den Entwicklungsschritten bereits existierender Lebensformen ("Arten") befasst.
Auch wenn es nicht alle Fragen beantwortet, scheint der skizzierte Ablauf plausibel, wie im wasserreichen Milieu der jungen Ozeane Proteine und Vorläufer zellartiger Strukturen entstanden sein könnten. Doch es wird m.E. nicht beantwortet, wie die in späteren DNA-/ RNA-Molekülen hinterlegte Information entstanden sein soll. 
Als Nichtwissenschaftler gestatte ich mir die intuitive Annahme, dass die komplexe, allen Lebensbausteinen zugrunde liegende Information sich nicht 'von selbst', d.h. ohne ein schöpferisches Prinzip erzeugt haben kann.-


Kommen Hypothesen zur Entstehung des Lebens ohne ideologisches Fundament aus?


Abschließend möchte ich noch das Argument aufgreifen, laut dem erfundene Schöpfungslehren und Religionen ein vermeintlich nutzloses, sogar schädliches Überbleibsel der sozialen Evolution sein sollen. Funktioniert natürliche Auslese nicht genau anders herum, indem sie Vorteilhaftes beibehält und Nachteiliges eliminiert? Warum also schleppt der Homo Sapiens eine derart nutzlose Errungenschaft zig Jahrtausende mit sich?
Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass ein ethisch-religiöses Konzept durchaus geeignet ist, die Lebenserwartung des Menschen signifikant zu vergrößern. Hier klingt auch die These Ludwig Feuerbachs an, laut der menschliche Wünsche, Sehnsüchte und alles Unerklärliche auf einen fiktiven Gott projiziert werden...was zweifellos zutrifft, aber was sagt dies über die tatsächliche Existenz eines Gottes/von Göttern aus? Unabhängig davon betrachte ich solche Aussagen als Scheinargument: es belegt allenfalls die Existenz und Nützlichkeit religöser Glaubensvorstellungen - liefert aber keine Anhaltspunkte für die in diesem Beitrag eigentlich thematisierte Frage, ob Leben nur durch Einflussnahme einer kreativen Intelligenz entstehen kann.

Eher mag die Astrophysik hilfreiche Indizien zu liefern, etwa anhand der unfassbar präzisen Feinabstimmung universaler Naturgesetze und -konstanten. Daraus lässt sich zwar keinesfalls eines der Gottesbilder bekannter Religionen herleiten, doch dies ist auch nicht meine Ausgangsfrage, ob ein ('ideologiebefreites') Intelligent Design eine zulässige Alternative zur Evolutionslehre darstellen kann. Fairerweise muss ich mich dann auch fragen, ob jemals eine Hypothese zur Entstehung von Allem/des Lebens ohne weltanschaulichen Unterbau auskommen wird.


Zwar stehen faktenbezogene Fragen für mich im Vordergrund, und nicht der ideologische Background eines Vortragenden. Diesen Hintergrund zu kennen (und bei der Beurteilung des jeweiligen Vortrages zu berücksichtigen) ist indessen auch von Bedeutung. Diese Kenntnis hilft auch dabei, nicht alle Evolutionskritiker in einen Topf zu schmeißen; es sollte m.E. durchaus zwischen dogmatischem Kreationismus und einer weitgehend naturwissenschaftlich begründeten Position zur ID-Hypothese differenziert werden.


Lönnig (s.o.), der als 'umstrittener Evolutionskritiker' bekannt wurde und den Zeugen Jehovas angehört, vertritt insoweit nachvollziehbar nicht nur die Intelligent Design-Hypothese, sondern zugleich eine eng an die Bibel angelehnte Schöpfungslehre. Er betont:

"Es geht in der vorliegenden Diskussion nicht um "Evolutionsbiologie vs. Kreationismus", sondern um Synthetische Evolutionstheorie vs. Intelligent Design."
Dagegen urteilte der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, es gebe "international akzeptierte Grundsätze der Naturwissenschaft Biologie", die jeden Deutungsversuch im Sinne der ID-Hypothese verbieten würden. Ist dies nicht kurzsichtig? Falls ID nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung sein kann, bedeutet dies keineswegs die Sinnhaftigkeit eines Denk- und Forschungsverbotes. 

Abgeschmackt sind dagegen sämtliche Versuche, die Evolutionslehre mit plaktiv-abstrusen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu widerlegen. Etwa in dem Sinne: "Dass ein Mensch 'von selbst' entsteht, ist genauso wahrscheinlich, wie der zufallsbedingte Zusammenbau eines Flugzeuges aus zig-tausend Einzelteilen." Solche Vergleiche sind schlicht unzutreffend, weil sie die makro-evolutionären Prozesse nicht mit einer korrekten Verkettung Wahrscheinlichkeiten abbilden...die Natur fängt schließlich nicht jeweils bei Null an und macht bekanntlich auch keine ("übernatürlichen/unnatürlichen") Sprünge...

So sehr mich als Laien die Frage nach dem Ursprung des Lebens fasziniert, es erweist sich als mühsam, solche Diskussionen zu verfolgen - eben weil 'Fakten' von nahezu allen Teilnehmern im Sinne ihrer persönlichen Weltanschauung verzerrt bzw. bewusst unvollständig präsentiert werden. Lönnig bildet da keine Ausnahme, wenn er gegen Ende seines Vortrages "transdisziplinär" feststellt, für ihn habe der biblische Gott JHWH Universum und Leben durch sein Wort geschaffen. 

Hierdurch entsteht dann doch der Eindruck, als werde ID pseudowissenschaftlich instrumentalisiert, um letztlich subjektiv-religiöse Aussagen zu begründen. Schade, dies kommt in meinen Augen einer Disqualifikation gleich, soweit es bei der ID-Hypothese um einen ergebnisoffenen Syntheseversuch biologischer und metaphysischer Fragestellungen gehen soll.