Freitag, 15. August 2014

Vortrag: Intelligent Design als alternatives Konzept zur Evolutionslehre?

Die Diskussionen, welche einen vermeintlich unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Evolutionstheorie und der Annahme eines (göttlichen) Designers thematisieren, werden zumeist mit unerträglicher Emotionalität geführt.
Da behaupten sog. Junge-Erde-Kreationisten, die Entstehung des Lebens und der Arten sei exakt so verlaufen, wie es auf 2 oder 3 Seiten im Buch Genesis des A.T. beschrieben ist. Kommen sie in Erklärungsnöte (z.B. angesichts eines Milliarden Lichtjahre großen und entsprechend alten Universums), ziehen sie sich auf apodiktische Aussagen (Bibel=Gottes Wort=unfehlbar) zurück.
Im Gegenzug sind (Neo-)Darwinisten sich nicht zu schade für die Aussage, wer nicht an die Evolution glaube, müsse entweder verblödet oder boshaft sein (vgl. Dawkins).

Einige Anmerkungen zu den Begrifflichkeiten:

Kreationismus impliziert die Deutung, dass die im Buch Genesis benannten 6 Schöpfungsphasen jeweils 24-Stunden-Tage dauerten; jede wissenschaftliche Forschung habe sich grundsätzlich diesem konservativ-biblischen Dogmatismus (d.h. der Autorität von "Gottes Wort") unterzuordnen. 
Religiöse Schöpfungslehren gehen von der Existenz eines Schöpfer(gotte)s aus, ohne sich auf Zeiten und Prinzipien der Schöpfung dogmatisch festzulegen. Anders als der Kreationismus sind hier Naturwissenschaften zur Erkenntnisgewinnung uneingeschränkt zulässig und werden als notwendig erachtet. In der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat sich die Katholische Kirche einer solchen Lehrmeinung schrittweise angenähert.
Intelligent Design (ID) gibt vor, auf religiöse Quellen gänzlich zu verzichten; seine Befürworter verstehen ID als naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz und versuchen, in der Natur mit wissenschaftlichen Methoden zwischen Zufall und Design zu unterscheiden. Formal lässt ID die Frage nach der Identität des Designers offen; insoweit ist ID auch ein nicht-religiöser Forschungsgegenstand denkbar (Z.B. geht auch die grenzwissenschaftliche Präastronautik von einem partiellen Design (zumindest beim Homo Sapiens) aus - wobei als Designer hier eher Außerirdische unterstellt werden und die Frage nach einem Ur-Schöpfer unbeantwortet bleibt. 
Beiden Seiten (tatsächlich handelt es sich eher um zwei Pole, denn die verschiedenen Positionen sind überaus facettenreich) ist eines gemeinsam: sie müssen sich bislang mit lückenhaftem Wissen (im Sinne empirisch überprüfbarer Fakten) zufrieden geben. Weder lässt sich die Existenz eines Schöpfers beweisen noch die zufallsbedingt Abiogenese, d.h. die Entstehung von Lebewesen aus unbelebter Materie.

Da von Jahr zu Jahr etliche Wissenslücken auf dem Gebiet der Naturwissenschaften geschlossen werden, tue ich mich schwer damit, einen anzunehmenden Schöpfer auf das jeweils noch Unerklärbare zu reduzieren - ein solcher Gott wäre ein Interimmanager (z.B. von Übergängen zwischen Arten) oder schlichtweg ein Lückenbüßer.


Dieser Vortrag auf YT von Prof. Wolf-Ekkehard Lönnig (vormals Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, MPIZ) führt in die Thematik ein.


Es lässt sich mindestens darüber streiten, ob ID aus wissenschaftstheoretischen Erwägungen überhaupt ein Gegenstand der Naturwissenschaften sein kann. Es gibt m.E. gute Gründe, dies strikt zu verneinen. Dieser insbesondere vor US-amerikanischen Gerichten verbissen geführte Streit (u.a. ob ID im Biologieunterricht öffentlicher Schulen gelehrt werden darf) ist für mich persönlich aber zweitrangig.


Wesentlicher sind nach meinem Empfinden zwei Fragestellungen:

Was dran ist an der Argumentationslinie der ID-Befürworter?
  • Existieren Belege für die behauptete "nicht reduzierbare Komplexität"? Oder handelt es sich bei den genannten Beispielen lediglich um Fälle, für die Evolutionskritiker sich subjektiv nicht vorstellen können, wie eine schrittweise Entwicklung durch die Prinzipien von Mutation und natürlicher Selektion/Rekombination erfolgt sein könnte?
  • Angenommen, die Evolutionsbiologen beschreiben die Prinzipien der Entstehung von Arten in zutreffender Weise - lässt sich daraus zwingend auf die Nichtexistenz bzw. Nicht-Interaktion einer schöpferischen Intelligenz schließen? 
  • Ist die Entstehung komplexer Information (wie sie das menschliche Genom repräsentiert) allein durch natürliche Auslese und Beibehaltung zufällig erworbener Vorteile erklärbar?
  • Wie gestaltete sich der Übergang von Lebensformen aus der präkambrischen Zeit (Zeitraum von der Entstehung der Erde vor ca. 4,6 Milliarden Jahren bis zur Entwicklung der Tierwelt zu Beginn des Kambriums vor etwa 540 Millionen Jahren)? Im frühen Präkambrium herrschten ganz andere chemische und klimatische Voraussetzungen als später. In dieser Anfangsphase entstanden erste Lebewesen wie z.B. Cyanobakterien (vgl. Stromatolithen), von denen aber nur wenige Fossilien erhalten sind. Über die kausalen Zusammenhänge der "kambrische Explosion" des Lebens kann bislang nur gemutmaßt werden.

Rezente Stromatolithenkolonie
  • Ebenso klafft im Fossilbericht zwischen Wirbellosen und Wirbeltieren eine bislang nicht überbrückbare Lücke - die Entwicklung eines Endoskeletts ist ein vom Exoskelett der Wirbellosen grundsätzlich verschiedenes Konzept.
  • Inwieweit kann die Panspermie-Hypothese zumindest beantworten, welchen Anfang das Lebens auf der Erde nahm - wengleich sie nicht die Frage nach der Entstehung des Lebens an sich klärt?
  • Somit lautet die Kernfrage: Ist die Formel "Naturgesetze mal Zufall mal sehr viel Zeit = komplexe Lebensformen" eher plausibel als die Existenz eines 'Designers'?
Bestehen nach heutigem Kenntnisstand berechtigte Zweifel an Kernaussagen der Evolutionslehre?

Hier kommt es offenbar darauf an, welchen Naturwissenschaftlern man Glauben schenkt, denn die geäußerten Ansichten sind alles andere als homogen.

Der australische Molekularbiologe Michael Denton ("A Theory in Crisis") stellt allen Ernstes fest: 
„Es darf heute als gesichert gelten, dass die Vielfalt der Lebewesen auf der molekularen Ebene mit einem geordneten System übereinstimmt. Jede Klasse ist auf der molekularen Ebene [in Bezug auf die DNA] einzigartig, isoliert und mit anderen durch keine Zwischenformen verbunden. So zeigen die Moleküle ebenso wie die Fossilien keine Übergänge, die man auf Grund des Langzeitmodells so lange gesucht hat.
Auf der molekularen Ebene gibt es keine ‚Vorfahren’, ‚Primitive’ oder ‚Höherentwickelte’ (...) Die Natur scheint mit dem nichtevolutiven und allumfassenden System übereinzustimmen, das die großen Anatomen des neunzehnten Jahrhunderts aufgestellt hatten. (...) Es besteht kein Zweifel, dass wenn diese molekularen Tatsachen vor einem Jahrhundert bekannt gewesen wären, diese mit einem verheerenden Effekt von den Gegnern der Evolutionstheorie ins Feld geführt worden wären. Die Idee der organischen Evolution wäre dann kaum akzeptiert worden.
Nach der Evolutionslehre sollte sich ein weitgehend vollständiger Fossilbericht der Abstammungslinien von Lebewesen konstruieren lassen, an denen über lange Zeiträume zwar langsame, aber kontinuierliche Veränderungen (Fortschritte) nachvollziehbar wären. Nur wird "der Fossilbericht diesen Erwartungen nicht gerecht, da einzelne fossile Arten selten durch bekannte Übergangsformen miteinander verbunden sind. Bekannte fossile Arten scheinen sich sogar in Millionen von Jahren nicht weiterzuentwickeln.“ (New Scientist)
Zwischen Tieren und Pflanzen sind  keine fossilen Übergangsformen bekannt. Immerhin werden sog. Eipilze als rezente Übergangsformen zwischen Pflanzen und Pilzen interpretiert, da sie Merkmale beider Stämme aufweisen.
Dafür, dass von der Evolutionstheorie vorhergesagte Entdeckungen solcher Übergangsformen oder Missing Links selten zu finden sind, werden mehrere Erklärungen angegeben.

Abiogenese - der erste Schritt zur Entstehung einfacher Lebensformen
  • Der Wikipedia-Artikel über Selbstorganisation erklärt: "In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äußere steuernde Elemente vorliegen."
  • Dem hält J.W. Sullivan ("The Limitation of Science") entgegen: "Die Hypothese, dass Leben aus anorganischer Materie entstanden ist, ist gegenwärtig noch ein Glaubensartikel."
Hier sehe ich den eigentlichen Knackpunkt einer Auffassung, welche die Abiogenese zufallsbedingt aus unbelebter Materie postuliert: Ein solcher Vorgang wurde bislang nicht annähernd nachgewiesen. Zwar haben Versuche die spontane Entstehung von Aminosäuren (Miller-Urey-Experiment) in einer 'Uratmosphäre' belegt - doch die anschließenden Schritte zu höherer Komplexität von Proteinen und gar rekombinationsfähigen Nukleinsäuren (RNA/DNA) sind abgesehen von Mutmaßungen offen.

Es ist ein wenig wie mit der Henne und dem Ei: Proteine werden aufgrund der codierten Anweisungen der DNA synthetisiert, die DNA ihrerseits setzt das Vorhandensein von bereits vollständigem Proteinmaterial voraus. Hinzu kommt eine zur Funktionalität des Zellkerns unerlässliche Faltung oder Stauchung des molekularen Erbgutes durch eine weitere Reihe komplexer Proteine (sog. Histone) - eine zufällige Entwicklung dieser Proteinstrukturen in Verbindung mit der eigentlichen DNA wird von etlichen Biologen mindestens kritisch hinterfragt.


Vermutungen hierüber stellen die alles "Übernatürliche" ablehnenden Autoren des u.a. Videos zusammen:


Entstehung des Lebens (Abiogenese)


Zutreffend ist sicherlich die zu Beginn des Films erhobene Forderung, zwischen der Evolutionstheorie und einer Hypothese zur Abiogenese zu differenzieren: Abiogenese klärt die Entstehung des Lebens, während Evolution sich mit den Entwicklungsschritten bereits existierender Lebensformen ("Arten") befasst.
Auch wenn es nicht alle Fragen beantwortet, scheint der skizzierte Ablauf plausibel, wie im wasserreichen Milieu der jungen Ozeane Proteine und Vorläufer zellartiger Strukturen entstanden sein könnten. Doch es wird m.E. nicht beantwortet, wie die in späteren DNA-/ RNA-Molekülen hinterlegte Information entstanden sein soll. 
Als Nichtwissenschaftler gestatte ich mir die intuitive Annahme, dass die komplexe, allen Lebensbausteinen zugrunde liegende Information sich nicht 'von selbst', d.h. ohne ein schöpferisches Prinzip erzeugt haben kann.-


Kommen Hypothesen zur Entstehung des Lebens ohne ideologisches Fundament aus?


Abschließend möchte ich noch das Argument aufgreifen, laut dem erfundene Schöpfungslehren und Religionen ein vermeintlich nutzloses, sogar schädliches Überbleibsel der sozialen Evolution sein sollen. Funktioniert natürliche Auslese nicht genau anders herum, indem sie Vorteilhaftes beibehält und Nachteiliges eliminiert? Warum also schleppt der Homo Sapiens eine derart nutzlose Errungenschaft zig Jahrtausende mit sich?
Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass ein ethisch-religiöses Konzept durchaus geeignet ist, die Lebenserwartung des Menschen signifikant zu vergrößern. Hier klingt auch die These Ludwig Feuerbachs an, laut der menschliche Wünsche, Sehnsüchte und alles Unerklärliche auf einen fiktiven Gott projiziert werden...was zweifellos zutrifft, aber was sagt dies über die tatsächliche Existenz eines Gottes/von Göttern aus? Unabhängig davon betrachte ich solche Aussagen als Scheinargument: es belegt allenfalls die Existenz und Nützlichkeit religöser Glaubensvorstellungen - liefert aber keine Anhaltspunkte für die in diesem Beitrag eigentlich thematisierte Frage, ob Leben nur durch Einflussnahme einer kreativen Intelligenz entstehen kann.

Eher mag die Astrophysik hilfreiche Indizien zu liefern, etwa anhand der unfassbar präzisen Feinabstimmung universaler Naturgesetze und -konstanten. Daraus lässt sich zwar keinesfalls eines der Gottesbilder bekannter Religionen herleiten, doch dies ist auch nicht meine Ausgangsfrage, ob ein ('ideologiebefreites') Intelligent Design eine zulässige Alternative zur Evolutionslehre darstellen kann. Fairerweise muss ich mich dann auch fragen, ob jemals eine Hypothese zur Entstehung von Allem/des Lebens ohne weltanschaulichen Unterbau auskommen wird.


Zwar stehen faktenbezogene Fragen für mich im Vordergrund, und nicht der ideologische Background eines Vortragenden. Diesen Hintergrund zu kennen (und bei der Beurteilung des jeweiligen Vortrages zu berücksichtigen) ist indessen auch von Bedeutung. Diese Kenntnis hilft auch dabei, nicht alle Evolutionskritiker in einen Topf zu schmeißen; es sollte m.E. durchaus zwischen dogmatischem Kreationismus und einer weitgehend naturwissenschaftlich begründeten Position zur ID-Hypothese differenziert werden.


Lönnig (s.o.), der als 'umstrittener Evolutionskritiker' bekannt wurde und den Zeugen Jehovas angehört, vertritt insoweit nachvollziehbar nicht nur die Intelligent Design-Hypothese, sondern zugleich eine eng an die Bibel angelehnte Schöpfungslehre. Er betont:

"Es geht in der vorliegenden Diskussion nicht um "Evolutionsbiologie vs. Kreationismus", sondern um Synthetische Evolutionstheorie vs. Intelligent Design."
Dagegen urteilte der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, es gebe "international akzeptierte Grundsätze der Naturwissenschaft Biologie", die jeden Deutungsversuch im Sinne der ID-Hypothese verbieten würden. Ist dies nicht kurzsichtig? Falls ID nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung sein kann, bedeutet dies keineswegs die Sinnhaftigkeit eines Denk- und Forschungsverbotes. 

Abgeschmackt sind dagegen sämtliche Versuche, die Evolutionslehre mit plaktiv-abstrusen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu widerlegen. Etwa in dem Sinne: "Dass ein Mensch 'von selbst' entsteht, ist genauso wahrscheinlich, wie der zufallsbedingte Zusammenbau eines Flugzeuges aus zig-tausend Einzelteilen." Solche Vergleiche sind schlicht unzutreffend, weil sie die makro-evolutionären Prozesse nicht mit einer korrekten Verkettung Wahrscheinlichkeiten abbilden...die Natur fängt schließlich nicht jeweils bei Null an und macht bekanntlich auch keine ("übernatürlichen/unnatürlichen") Sprünge...

So sehr mich als Laien die Frage nach dem Ursprung des Lebens fasziniert, es erweist sich als mühsam, solche Diskussionen zu verfolgen - eben weil 'Fakten' von nahezu allen Teilnehmern im Sinne ihrer persönlichen Weltanschauung verzerrt bzw. bewusst unvollständig präsentiert werden. Lönnig bildet da keine Ausnahme, wenn er gegen Ende seines Vortrages "transdisziplinär" feststellt, für ihn habe der biblische Gott JHWH Universum und Leben durch sein Wort geschaffen. 

Hierdurch entsteht dann doch der Eindruck, als werde ID pseudowissenschaftlich instrumentalisiert, um letztlich subjektiv-religiöse Aussagen zu begründen. Schade, dies kommt in meinen Augen einer Disqualifikation gleich, soweit es bei der ID-Hypothese um einen ergebnisoffenen Syntheseversuch biologischer und metaphysischer Fragestellungen gehen soll. 

Donnerstag, 14. August 2014

Die letzte Schlacht - Christliche Fundamentalisten in den USA (ARTE-Doku)

Während hier in Deutschland viele eine pauschal gegen jede Form von Islam gerichtete Furcht breit macht, geraten die schädlichen Aspekte jeder fundamentalistischen Religionspraxis mitunter etwas aus dem Blick. Insbesondere in den USA findet (nicht erst seit kurzem) eine Art Kulturkampf statt. Auch christliche Fundamentalisten scheuen sich keineswegs, ihren Glauben sehr konkret mit politischen Anliegen zu verbinden.

Wenn in Amerika 40% der volljährigen Einwohner einen auf 'naivem Schriftglauben' gegründeten Kreationismus befürworten, hat dies erhebliche Auswirkungen - sei es auf Präsidentschaftswahlen oder bildungspolitische Richtlinien. Mich hat auch überrascht, dass in den USA über 2 Millionen Kinder keine öffentliche Schule besuchen, sondern zuhause von ihren Eltern unterrichtet werden. Die meisten dieser Familien seien dem christlich-evangelikalen Umfeld zuzuordnen.