Freitag, 30. Januar 2015

"Wie im Mittelalter" - Todenhöfer über seine Gespräche mit der IS-Führung

Jürgen G. Todenhöfer (*1940) ist ein deutscher Autor, Publizist und PR-Berater. Der promovierte Jurist war bis 1990 CDU-Bundestagsabgeordneter und anschließend bis 2008 Vorstandsmitglied des Medienkonzerns Burda. Ab 2001 profilierte sich Todenhöfer als Kritiker der US-amerikanischen Interventionen in Afghanistan und dem Irak, über die er mehrere Bücher schrieb. Für seine Recherchen über den Islamischen Staat reiste J.Todenhöfer nach Syrien; in Gesprächen mit den fanatischen Islamisten wollte er ein umfassendes Bild gewinnen.



Während seines zehntägigen Aufenthaltes habe er auch 'Kämpfer' aus Deutschland getroffen:

"Sie sind der Meinung, in Deutschland ihren Glauben nicht frei leben zu können, und sind deshalb in den Kampf gezogen. [...]
Selbst die meisten Salafisten genügen ihren Ansprüchen nicht."

Todenhöfer sieht keine Chance, den IS militärisch einzudämmen: Um diese Organisation zu besiegen, müsse man ganze Städte dem Erdboden gleich machen. Der größte Wunsch des IS sei, dass der Westen Bodentruppen schickt.
"Mit ihrer unbeschreiblichen Brutalität und ihren Enthauptungsvideos wollen sie offenbar genau das provozieren."
Die Brutalität des IS sei als zivilisatorischer Rückschritt zu sehen - aus westlicher Sicht. Nach der IS-Ideologie aber seien grausame Bestrafungen ein notwendiger Schritt 'hin zum wahren Leben'. Dazu gehört der unbedingte Glaube, zu einer auserwählten Minderheit zu gehören, die Schritt für Schritt das gelobte Land erobert.


"Der IS ist stark und voller Siegesgewissheit."

Die IS-Führer versuchten in Diskussionen mit Todenhöfer sogar, Vergewaltigung als zulässige Strafe zu rechtfertigen - als Teil ihrer "Verpflichtung an, die Welt von den Ungläubigen zu reinigen". Für ihn sei das unsäglich; er habe den Koran mehrfach gelesen und finde darin keine Grundlagen für derart grausames Handeln - auch nicht gegenüber "Ungläubigen".

Da überrascht es, dass er eine Schutzverantwortung der Welt gegenüber den Menschen in der Region indirekt verneint und mit Kant argumentiert: "Eine Grundvoraussetzung des Friedens ist die Nichteinmischung von außen". Daran ändert für Todenhöfer auch nichts, dass seiner Einschätzung nach die Ideologen des IS die Weltherrschaft anstreben und als nächste Länder Saudi-Arabien oder Jordanien angreifen wollen.

"Demokraten gelten generell als Ungläubige, weil sie Gesetze über die Regeln Gottes stellen, und sind deshalb zu töten."
Auf Facebook veröffentlichte er ein verstörendes Interview mit dem deutschen Jihadisten Abu Qatadah ("Wer sich unserem Glauben nicht anschließt, der schließt sich nicht dem Islam an (...) und jeder jeder Abtrünnige wird getötet."). Dessen Ansichten für Todenhöfer nichts mit einem 'barmherzigen Islam' zu tun haben, der einem ideologischen Kidnapping von gewalttätigen Extremisten unterzogen werde. 

Nach seiner Rückkehr aus Syrien erntete der Autor nicht nur positives Feedback. In der WELT (→"Todenhöfers zweifelhafte Propaganda für den IS") warf Alfred Hackensberger ihm vor, der vermeintlicher Aufklärer sei den Terroristen des Islamischen Staates am Ende auf den Leim gegangen - und habe seine Chance verspielt.Warum? "Weil er nie wirklich kritisch nachfragt."


Das ist schon starker Tobak: Herr Hackensberger an seinem Schreibtisch im vergleichsweise behaglichen Redaktionsgebäude scheint sich der durchaus lebensbedrohlichen Umstände kaum bewusst zu sein, unter denen dieses Interview geführt wurde: Der IS-Führung war durchaus bekannt, dass Todenhöfer vor seiner Reise nach Syrien mehrfach Kritik am IS geübt hatte.


→Weiterlesen: Das vollständige Interview mit Jürgen Todenhöfer (ruhrnachrichten.de, 5.1.15)


Montag, 26. Januar 2015

Messianismus: Sehnsucht nach einem übernatürlichen Retter?

In allen drei monotheistischen Religionen nimmt er eine zentrale Rolle ein: der Messias oder Mahdi, als von Gott gesandter Erretter der Menschheit.

Für den schiitischer Islam beschreiben Baqir al Sadr und Murtada Mutahhari den Mahdi in ihrem Buch “Der ersehnte Retter”:
“Eine Gestalt, legendärer als die des Mahdi, des Ersehnten Messias, hat die Geschichte der Menschheit nicht gesehen. Die Fäden des Weltgeschehens haben im menschlichen Leben so manch feines Webmuster angenommen, aber das Muster des Mahdi steht hoch über allen anderen. Er ist [stets] die Vision der Visionäre in der Geschichte gewesen. Er ist [stets] der Traum aller Träumer dieser Welt gewesen. Für die endgültige Rettung der Menschheit ist er der Polarstern der Hoffnung, auf den der Blick gerichtet ist.
Auf der Suche nach der Wahrheit über den Mahdi ist gesellschaftliche Stellung, Glaube oder Nationalität belanglos. Die Wahrheitssuche ist universell, ebenso wie der Mahdi selbst universell ist. Prachtvoll steht er hoch über den engen Mauern, die die Menschheit trennt und aufteilt. Er gehört zu einem jeden.
(…) Wer ist der Mahdi? Sicherlich, das ist die große Frage, die denkende Menschen überall auf der ganzen Welt gern stellen würden
.”

Auch wenn die Ausprägung des Messias im Christentum eine andere ist als im Islam, beschreiben diese Worte die an diese Gestalt gerichteten Erwartungen und Sehnsüchte meiner Ansicht nach sehr treffend.
Im A.T. kündigen Israels Propheten die zukünftige ideale Erneuerung des Königtums an,  eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer werde eine radikale Wende zum Frieden für alle bringen. Und die ersten Christen rechneten mit der Wiederkehr (Parusie=Naherwartung) des Messias Jesus, dem Weltende und dem Weltgericht – noch zu ihren Lebzeiten.


Juden warten auf den Messias, Christen auf Jesus und die Muslime warten sowohl auf den Mahdi als auch Jesus. Alle Religionen beschreiben ihn als einen Mann, der kommt um die Welt zu retten.” Sheik Kabbani

Im islamischen Kontext dient der Begriff “Messianismus“ dazu, das wichtige Konzept einer eschatologischen Gestalt (d.h. den Mahdi) zu übersetzen. Er werde als vorherbestimmter Führer emporsteigen, eine großartige soziale Umgestaltung einleiten und alle Dinge unter göttlicher Führung wiederherstellen.


Der islamische Messias verkörpert (…) daher das Bestreben der Wiederherstellung der Reinheit des Glaubens, welcher die wahre und unkorrumpierte Führung für alle Menschen bringt und (…) eine Welt frei von Unterdrückung schafft…“ (Abdulaziz Abdulhussein, ‘Islamischer Messianismus’)

Kurz gesagt, die Rettergestalt des Mahdi/Messias soll eine “neue Weltordnung” implementieren (dass dieser Terminus von militanten Politikern vereinnahmt wurde, steht auf einem anderen Blatt). Nebenbei sei erwähnt, dass sowohl islamische als auch christliche Endzeittheologien nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass vor dem Weltenende die ‘wahre’ (also die eigene) Religion siegen werde. Als Mittel und Methoden des Erretters beziehen sie militärische Kampagnen oder ‘heilige Kriege’ ausdrücklich ein.

Gerade in der heutigen Zeit – mit all ihren Verwirrungen, ihrer Gewalt und vermeintlichen(?) Ausweglosigkeiten – ist es nur verständlich, wenn gläubige Menschen sich an eine solche Figur klammern, all ihre Hoffnungen auf die projizieren.


Dabei schwingt ein trauriges Eingeständnis mit, wenn auch unausgesprochen: Wir (die ‘normalen’ Menschen) haben es verk*ckt. Der Karren (die menschliche Zivilisation) hat sich in einer unheilvollen Sackgasse festgefahren – derweil weigern wir uns, diese Realität zu erkennen und flüchten in Haarspaltereien und Konflikte.
Persönlich glaube ich nicht, dass wir uns auf einen Erretter ‘von oben’ verlassen sollten. Ohne eschatologische Aussagen pauschal anzuzweifeln, sehe ich das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung) im Vordergrund.
Wir, die menschliche Spezies, werden durch die Folgen unserer Handlungen zunehmend gezwungen, endlich (überlebens-)notwendige Lehren aus unseren Fehlern zu ziehen. Tatsache ist aber auch, dass hierzu augenscheinlich ein gewaltiger Leidensdruck bestehen muss – und dass dieser Leidensdruck nur in den allerwenigsten Fällen die eigentlichen Protagonisten (Regierende, Wirtschaftslenker, geistige Führer …) trifft.


Diesen Umstand mag man für ungerecht erachten, was freilich nichts an den Fakten ändert.


Den unbeirrbaren Endzeit-Gläubigen möchte ich am liebsten erwidern:
Seit 2000 und mehr Jahren erwartet ihr stets das nahende Ende der Welt. Ihr erträumt euch, jener Mahdi/Messias möge “endlich” von Gott geschickt werden und die Fehlentwicklungen geradebügeln, welche von der Menschheit wieder und wieder verursacht werden.
Dabei wisst ihr (ebenso wenig wie ich), ob/wann diese Endzeit eintrifft. Was spricht dagegen, dass die Menschen ‘bis dahin’ ihre Lethargie bzw. Frömmigkeitsstarre überwinden und sich ihrer Verantwortung stellen für das Diesseits, für diesen Planeten Erde und alle Menschen, die auf ihr leben?