Montag, 2. Mai 2016

Trumpismus - ein rüpelhafter US-Präsident als Therapeut für die ganze Nation?

Erinnern wir uns an Maximilian Robespierre - jenen französischen Revolutionär, der die Terrorherrschaft erfand, Er wurde im Rückblick als "der große Vereinfacher" bezeichnet, wegen der schrecklichen Einfalt seiner Ansichten, die er mit der Brechstange (spirch Guillotine) durchzusetzen versuchte. Der vergleichsweise neue Terminus "Trumpismus" ist noch etwas weiter gefasst: er steht, wie der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erklärte, auch für Rassismus, Geschmacklosigkeit und Engstirnigkeit. 

Unvergessen ist die unheilvolle Ära des George W. Bush junior, doch mit "The Donald" könnte die Welt in eine vergleichbar katastrophale Epoche eintreten: Der Protagonist des Irak-Krieges und der partiellen Außerkraftsetzung der US-Verfassung kann in vieler Hinsicht mit Trump verglichen werden kann: Beide halten z.B. 'enhanced interrogation techniquesfür notwendig und ausgesprochen nützlich ...ein mieser Euphemismus für Waterboarding, Hundeboxen für Menschen, tagelange Scheinbeerdigungen und weitere Foltermethoden. O-Ton Trump: "Folter funktioniert!" und "Die IS-Leute können Köpfe abschneiden, aber wir dürfen nicht waterboarden?" Moral ist für den Egozentriker Trump also nur eine peinliche Ausrede von Schwächlingen für ihre Scheu, das 'Richtige' zu tun? 
Viel mehr muss man gar nicht wissen, oder? Doch man sollte sich nicht täuschen, was die Erfolgschancen angeht: Bush jun. wurde schließlich wiedergewählt, nachdem er den Irakkrieg angezettelt hatte! In Europa dürften dieses Wahlergebnis nur die wenigsten verstanden haben, doch die Prioritäten der US-amerikanischen Wähler liegen halt anders.

Aus der Sicht von Politikwissenschaftlern mag ein Vergleich Trump - Bush abwegig sein, bedenkt man die Unterschiede im Lebensweg sowie den politischen und religiösen Hintergrund eines überzeugten Gotteskriegers im Kontrast zum Dealmaker und Narzissten Trump. Als Laie sehe die Parallele trotzdem - im Hinblick auf die möglichen Auswirkungen einer Präsidentschaft Trumps, die noch über das von Bush hinterlassene Desaster hinausgehen könnten. Auf diese Überlegung kam ich erstmals, als der konservativer Kandidat D. Trump den ebenfalls der GOP angehörenden George W. Bush für 9/11 verantwortlich machte: "Das World Trade Center stürzte ein, als dein Bruder im Amt war". Das ist, ungeachtet meiner leidenschaftlichen Verachtung für den Ex-Präsidenten, kompletter Unsinn: Bush wurde am 20. Januar 2001 vereidigt; somit war er am 11. September desselben Jahres keine 9 Monate im Amt.

Nach der Wiederwahl von Bush junior im Jahr 2004 begann ich mich zu fragen: Schaut die Mehrzahl der Wähler in den USA überhaupt kein TV? Ist es ihnen egal? ...Oder lief tatsächlich etwas schief mit der Stimmenauszählung? Ähnliche Fragen stellte sich wohl das britische Boulevardblatt "Daily Mirror" am 4.11.2004: "Wie können 59.054.087 Menschen nur so blöd sein?Erstmals waren in den USA wurden Stimmabgaben ermöglicht worden, deren Zählung überhaupt nicht mehr von Menschen kontrolliert werden kann: Etwa ein Viertel aller Wähler hat auf Wahlmaschinen gewählt, die die Wahl ausschließlich in Form von Daten in ihrem Speicher registrieren und deren Verhalten weder Wähler noch Wahlhelfer überwachen können. 

Diese Haltung, mit der auch ich mittelbar unterstellte, nahezu alle US-Amerikaner sähen in einer zweiten Amtszeit von Bush das geringere Übel als den zwar farblosen, aber immerhin integren John Kerry, mündete nicht selten in eine Fehleinschätzung:
Es waren keineswegs 'alle' US-Bürger einverstanden oder zumindest gleichgültig gegenüber dem, was Präsident Bush ihrem Land (und der gesamten Welt) antat. H
ierzulande war vereinzelt über Proteste berichtet worden, doch es blieb der Eindruck, die Prominenz versammele sich nahezu geschlossen hinter dem Führer ihrer Kriege führenden Nation - und zwar kritiklos.


Dass dieser Eindruck nicht zutraf, belegen Beispiele wie das von Stephen Colbert, der mit seiner Rede beim White House Correspondents Dinner (WHCD) beißende Kritik am amtierenden US-Präsidenten übte,
in dessen Anwesenheit (vgl. den vollständigen Text seiner Rede).



Stephen Colbert roasts Bush at 2006 White House Correspondents Dinner



Colbert hätte alleine mit den Aussprüchen seines amtierenden Präsidenten ein abendfüllendes Satire-Programm bestreiten können - ein winziger Auszug:
  • "Der Mars ist praktisch in derselben Umlaufbahn... Der Mars ist ungefähr gleich weit von der Sonne entfernt, was sehr wichtig ist. Wir haben Bilder von Kanälen und Wasser gesehen. Wenn es Wasser gibt, dann gibt es Sauerstoff. Wenn es Sauerstoff gibt, können wir atmen."
  • "Gott hat mir gesagt, ich solle AI Quaida angreifen, und ich griff sie an, dann unterwies er mich, Saddam anzugreifen, was ich tat. Jetzt bin ich dazu bestimmt, das Problem im Nahen Osten zu lösen."
Last but not least:
  • "Kein Präsident hat jemals soviel für die Menschenrechte getan wie ich!

Schlimmer geht's nimmer? Von wegen...

Nun, nachdem wir den wohltuenden Kontrast in der Gestalt von Barack Obama erleben durften, muss man sich angesichts des Vorwahlkampfes auf der republikanischen Seite fragen: Ist es bald wieder soweit? Wird sich im kommenden Jahr erneut eine Mehrheit der WählerInnen in den USA für einen gefährlichen, weil fanatischen (und zudem gänzlich unerfahrenen) Landeschef entscheiden, ettwa weil sie 'Krankenversicherung für alle' als Beschneidung ihrer persönliche Freiheit betrachten und seine Variante von "Lügenpresse"-Verschwörungstheorien glauben?

Was Trump von sich gibt, spricht wiederum für sich (ob der seine Reden alleine entwirft? Welcher PR-Profi würde sich für die Konzeption einer derartigen Flut von Unterstellungen und Beleidigungen hergeben? Seine Konkurrenten sowie Obama sind allesamt Schwächlinge, Leichtgewichte, "Stupids", würden keinen IQ-Test bestehen und immer wieder "Lügner". Den vorläufigen Höhepunkt bildete wohl sein hämischer Witz über einen behinderten Journalisten):





Bereits 2011 fasste Milliardär Trump das Vorhaben ins Auge, US-Präsident zu werden, was Snoop Dog  dies mit den Worten kommentierte: "Donald sagt, er will als Präsident kandidieren. Warum nicht? Wäre nicht das erste Mal, dass er eine schwarze Familie aus ihrem Haus verdrängt". 
Im August 2015 schrieb Markus Günther in der FAZ über das Geheimnis des Trumpismus:
"Donald Trump wird zwar niemals amerikanischer Präsident, aber er leistet
wertvolle therapeutische Dienste in einem zutiefst neurotischen Land."
Und: "Für Menschen mit Bestrafungsphantasien sind die Auftritte eines brutalen Egomanen der reine Lustgewinn."
Trump sei entzaubert, befanden viele Kommentatoren - ihm sei die Munition ausgegangen. Sie alle haben zu früh gebrüllt, abgesehen davon ist es daneben, ein ganzes Land pauschal in die Neurotiker-Ecke zu stellen. Dass dieser Egomane, dessen Reichtum ihm offenbar den Verzicht auf jeden Anstand gestattet, einigen Leuten als Trump als Prokjektionsfläche unterdrückter Phantasien dienen mag, könnte zwar zutreffen. Sogar in einer Stimmungslage, in der sich die Angst vor dem Terror mit der Furcht vor dem Fremden sowie vor dem fortgesetzten eigenen sozialen Abstieg mischt, würde kaum jemand die Domina aus dem bevorzugten Lack- und Lederstudio gleich an die Spitze eines Landes wählen.
Warum nicht? Weil den meisten Wählern durchaus bewusst ist, dass der Staatschef und oberste Kommandierende der Streitkräfte über andere Qualifikationen verfügen sollte als eine noch so erfolgreich auspeitschende Domina. 
Bezogen auf The Donald bedeutet dies: wer ihn wählt, würde sehenden Auges dessen öffentliche Selbstbefriedigung goutieren ...mit inhaltlich relevanter Politik hätte dies überhaupt nichts mehr zu tun. Wem also leistet einer wie Trump "therapeutische Dienste, indem er dem politischen Publikum hilft, Gefühle abzuspalten" und auf ihn zu projizieren? 


Mit Verschwörungstheorien Wahlen gewinnen?

Die tatsächlichen Ursachen für den aufkeimenden Trumpismus als Massenphänomen liegen woanders, sie besitzen vermutlich einen weitaus konkreteren Hintergrund: 
Die Lebenszufriedenheit des einzelnen hängt wesentlich vom Zustand der Gesellschaft insgesamt ab ...verkürzt gesagt: fallen die Einkommenszuwächse für alle sozialen Schichten mau aus, finden sich die meisten damit notgedrungen ab. Verfestigt sich aber der Eindruck, dass die ohnehin Reichen und Mächtigen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, während für den durchschnittlichen Steuerzahler kaum etwas übrig bleibt (d.h. wenn sein Einkommen über viele Jahre nicht oder kaum wächst), dann kann die 'normale' Unzufriedenheit in echte Wut sowie eine Verweigerungshaltung münden. 

Eben dieser Eindruck entstand in den USA im Laufe der bis heute nicht ausgestandenen Finanzkrise. Verkürzt dargestellt: Durch ein Bailout in Milliardenhöhe profitierten etliche der Verursacher in gewaltigem Ausmaß von der Überschuldung des Finanzsektors, die nach Lehman auch AIG und weitere Akteure des Investmentbankings in den Abrund zu reißen drohte. Der US-Regierung sei nichts anderes übrig geblieben, als rettend einzugreifen - sagen die Befürworter der Rettungspakete. Wie dem auch sei, für Arbeitnehmer der unteren Einkommensklassen stellte sich das Resultat dieser Verstaatlichung privatwirtschaftlicher Schulden und Verlustvorträge unter einem einzigen Aspekt dar: die enge Vernetzung von Politik und Finanzsektor machte zahlte sich aus - wieder und wieder, auf ihre Kosten (als Steuerzahler). In derselben Phase (von 2007 bis etwa 2010) verloren Millionen Amerikaner ihr Eigenheim sowie ihre berufliche Existenz - doch ihnen kam der Staat nur selten zu Hilfe, mit einer Ausnahme: 
Wem sogar das Geld fürs tägliche Essen fehlte, durfte Lebensmittelbeihilfe (SNAP - Supplemental Nutrition Assistance Programbeanspruchen. 2013 lebten 47 Millionen der ca. 315 Millionen US-Bürger von Essensmarken, das sind 70 Prozent mehr als im Jahr 2008. Das steigende Armutsniveau steht seit der Finanzkrise in krassem Gegensatz zum zeitgleichen Anstieg des Einkommens und Vermögens derer, die zu dem reichsten 1 Prozent der US-Bevölkerung zählen. Auch erholte sich der Arbeitsmarkt (im Oktober 2009 lag die Arbeitslosenrate bei 10 Prozent) nur langsam, ungeachtet der Niedrigzins-Politik der FED (wie auch der EZB) - eine Wirtschaft eines Landes floriert eben nicht alleine vom Export, solange die Binnennachfrage am Boden liegt.

Die Zementierung sozialen Ungleichgewichts bildet seit jeher einen fruchtbaren Nährboden für einfach gestrickte Erklärungsmuster von Populisten: In deren Rückblick erfolgte seit Ronald Reagan eine unablässige Kaskade von Vergünstigungen für Reiche und Superreiche: Steuerkürzungen, Deregulierungen des Finanzmarktes sowie Verlagerung von Arbeitsplätzen und ganzer Produktionszweige als Folge von Freihandelsabkommen wie z.B. NAFTA.

Dies ist selbstredend eine äußerst isoliert Betrachtung der wachsenden Armut in den USA; außerdem ist der Sachverhalt weitaus komplexer als hier von mir in drei Sätzen skizziert. Wer indessen ohne eigenes Verschulden zu den Verlierern der turbulenten Zeit von 2001 bis 2011 zählt, wird einem wütenden Schreihals durchaus Glauben schenken, der anscheinend eine schlüssige Erklärung für die Misere liefert: Schuld sei ausschließlich das "korrupte Establishment in Washington", das halt einen teuflischen Pakt auf Gegenseitigkeit mit der Finanzwelt geschlossen habe ...dieser werde von einer Legislaturperiode zur nächsten stillschweigend erneuert - egal ob gerade Demokraten oder Republikaner den Präsidenten stellen. (Verschwörungstheorie? Ja, sicher ...genauso wie die Behauptung Trumps, der globale Klimawandel sei lediglich erlogen. Im übrigen sieht sich der Milliardär selbst an der Spitze einer Nahrungskette, welche ausschließlich seinen Interessen dient. Oberster Diener des Volkes und so? Lächerlich. Trotzdem funktioniert das Aufstacheln eines seit langem schwelenden Volkszorns mittels einer Vielzahl verbaler Tabubrüche, welche das Establishment erst einmal verkraften muss:
  • Seit 9/11 und unter dem Eindruck wachsender Existenzangst scheinen viele US-Bürger jeglichen Versprechungen zugewandt, die eine Verbesserung ihrer eigenen Lebenssituation vorgaukeln. 
  • Präzise Schuldzuweisungen sind da auch gerne gehört: sobald die vermeintlich Schuldigen an der wirtschaftlichen Misere endlich von einem "Macher" wie Trump bestraft oder, besser noch, gleich entfernt werden, geht es für einen selbst doch bald wieder aufwärts, oder? 
  • Eine einzige Gruppe von Schuldigen reicht freilich nicht: die 'Gesamtheit der terrorwütigen Muslime' gehört ebenfalls angeprangert, nachdem die nichtsnutzige Polit-Elite ihr Fett weg hat. Als ideales Feindbild wird Merkel fokussiert - als weichherzige Schutzherrin all der zertretenswerten Kakerlaken, die in Schwärmen erst über Europa herfallen und dann über Trump sein Amerika.
  • Die nichtsnutzigen NATO-Partner in Europa sind ebenfalls schuldig: sie sollen gefälligst mehr für ihren Schutz durch die Führungsnation bezahlen oder sehen wo sie ohne Amerika bzw. Trump bleiben.
  • Putin sei dagegen gar nicht so schlimm, vermutet Der Donald. Diese Einschätzung überrascht kaum, aus der Ferne dürften sich die beiden Egomanen durchaus schätzen und ein paar "großartige Deals" aushandeln - vielleicht ein kleines Land gemeinsam überfallen und anschließend fair aufteilen? Hauptsache, der Bombenerfolg wird daheim in Washington und Moskau bejubelt und mit Sondersendungen auf allen Kanälen bejubelt ...was die Herrschaft über die Medien angeht, hat Vorbild Vlad seinem aufstrebenden Bewunderer Donald einiges voraus - noch.
  • Was fehlt noch zum Rundumschlag? Ach ja, China habe "die USA vergewaltigt", das darf natürlich so nicht weitergehen. Wer nun meint, die Ausgabe und der Aufkauf von Staatsanleihen bedürfe ebenso wie ein Handelsdefizit nicht nur einer Seite, hat halt keine Ahnung.
Hauptsache pauschal-radikal, direkt und 'handlungsorientiert' ...kommt uns das nicht bekannt vor (hier aus Deutschland, meine ich)? Diesen "konzeptionellen Ansatz" kommentiert Außenminister Steinmeier, nun ja, zurückhaltend: Er könne nur hoffen, "dass der Wahlkampf in den USA nicht an der Wahrnehmung der Realitäten vorbeigeht." Die außenpolitischen Pläne Trumps hält er für "nicht ganz ausbuchstabiert" und "nicht ganz frei von Widersprüchen". In der Sprache der Diplomaten bedeutet das wohl 'völlig unausgegorenes zusammenhangloses Gestammel einer Person, die am Ende ihrer Rede nicht mehr weiß, was sie am Anfang gesagt hat'.

Der scheidende Amtsinhaber Barack Obama reagiert auf Trumps Tiraden gelegentlich mit Humor - ansonsten weniger als Psychotherapeut, eher als Motivationstrainer: Er appelliert an die Vernunft und Menschlichkeit seiner Zuhörer und warnt explizit vor einem Kandidaten, der Muslimen pauschal die Einreise verbieten möchte:

"Wenn Politiker Muslime beleidigen, wenn eine Moschee verwüstet oder ein Kind schikaniert wird, dann macht uns das nicht sicherer. Es setzt uns in den Augen der Welt herab. Es macht es schwerer, unsere Ziele zu erreichen. Es begeht Verrat an dem, was uns ausmacht." 
Zugleich erinnert er daran, wie das Land auf den Sputnik-Schock der 50er Jahre reagierte – mit einer Wissenschaftsoffensive, einem Innovationsschub, bis schließlich nach 10 Jahren Mondlandung den Wettbewerb mit der UdSSR um die Eroberung des Weltraums entschied. Nicht das düsteres 'Grumpy Cat-Gehabe' der GOP ist angesagt, sondern Optimismus.
Grumpy Cat, das passende Aushängeschild
konservativer US-Republikaner/der AfD?

Kluge, besonnene Worte, wie ich sie mir in dieser Deutlichkeit auch von Bundeskanzlerin Merkel in Richtung der 'besorgten' Wutbürger in Deutschland wünschen würde.
Falls die US-Wahl ungeachtet aller verklungenen (und bis zum Wahltag wohl noch ausstehenden) Mahnungen so ausgehen sollte wie von manchen befürchtet, werden wir in Deutschland diesmal sehr kleine Brötchen backen müssen: Mit dem Finger auf die 'verirrten Amis' zeigen geht diesmal nicht! 

Nicht weil the Donald der Enkel eines deutschen Einwanderers namens Drump ist; vielmehr haben wir in der unaufhörlich nach rechts abgleitenden AfD unsere eigenen Wirrköpfe, die mit wüsten islam-feindlichen Thesen laufend an Zustimmung gewinnen. Es scheint, Sündenbock-Theorien haben wieder Hochkonjunktur, diesseits wie jenseits des Atlantiks:

Trump sagt in einem der im o.a. Video zusammen gefassten Ausschnitte, er wolle eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten (wegen der vielen illegalen Einwanderer, für Trump alle "Verbrecher und Vergewaltiger") ...wie sich die Bilder gleichen, hierzulande wollen Populisten ganz Deutschland zumauern (wegen der vielen Flüchtlinge). Und in beiden Fällen applaudieren viele, zu viele.

Falls The Donald tatsächlich die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnt, wird sich sein Ego ist zu enormen Proportionen aufblasen ...gemäß der uralten These "je kleiner der Geist, um so größer die Einbildung" - geschieht die Neubelebung des Wildwestmythos in Gestalt des zweiten Kriegs- und Folterpräsidenten im 21. Jahrhundert, der jegliche Friedensbemühung moderater Kräfte neutralisiert? Damit bin ich wieder beim eingangs erwähnten Robespierre angelangt ...betrachtet sich Donald Trump nicht gleichfalls als eine Art Revolutionär, der Amerika wieder zu wahrer Größe verhilft? Äußerungen von ihm lassen erahnen, mit welchen Instrumenten er die Gegner seiner "amerikanischen Werte" im In- und Ausland zu überzeugen gedenkt: Bomben, brutalste Sanktionen und bei Bedarf Folter. Etwaige Fehlschläge wird er wie bisher sehr persönlich nehmen, sie werden ihn ermutigen, noch verbissener und extremer zu agieren und seine bereits heute verzweifelten republikanischen Parteigenossen wie der Kapitän der Titanic einzuschwören, nur ja "auf Kurs zu bleiben".
(Sofern Sie zur Ansicht gelangen, diese Schreckensvision sei übertrieben, lesen Sie bitte seine Absichtserklärungen - z.B. sein Vorhaben, "syrische Flüchtlinge zu foltern, um herauszufinden, ob es sich um Anhänger des Islamischen Staats handelt".)
Als Psychotherapeut eignen sich Persönlichkeiten mit überdimensioniertem Ego grundsätzlich nicht; sie schüchtern ihre Klienten ein und die resultierende (positive oder negative) Identifikation überlagert jeden Heilungsprozess. Als Figur einer klassischen Tragödie (die Poetik Aristoteles' lässt grüßen) taugt ein Trump schon eher: Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder erfährt der Zuschauer als deren Wirkung eine Katharsis, d.h. eine Reinigung seiner Seele von diesen schädlichen Erregungszuständen. Um diesen reinigenden Prozess zu bewirken, empfiehlt sich ein Theater-Abonnement eher als eine Präsidentschaftswahl mit potenziell fatalen Folgen. 

Quellen: 

  1. "Das Geheimnis des Trumpismus", Markus Günther auf FAZ.net 
  2. "Donald Trump verteidigt Folter", ZEIT.de, 18.2.16
  3. "Barack Obama rechnet in seiner letzten Rede [an die Nation] mit Donald Trump ab", Augsburger Allgemeine, 13.1.16 
  4. "47 Millionen US-Bürger leben von Essensmarken", WSJ, 1.4.13
  5. "US-Außenpolitik: Steinmeier wirft Trump Planlosigkeit vor", SPON, 28.4.16
  6. "Die besten 50 George Bush-Zitate"