Donnerstag, 6. Oktober 2016

"Angela Merkel deutet die TTIP-Ablehnung als Antiamerikanismus."

...berichtet die ZEIT am 6. Oktober 2016.
"Ich sage es mal ganz vorsichtig: Die Tatsache, dass ein Freihandelsabkommen, das wir mit Russland verhandeln würden, wahrscheinlich nur die Hälfte aller Diskussionen mit sich bringen würde, das muss uns doch zu denken geben", so Merkel auf dem Tag der deutschen Industrie in Berlin.
Was ist nun mit Merkels über den grünen Klee gelobten Fähigkeit und Bereitschaft zur differenzierten Beurteilung politischer und ökonomischer Sachverhalte?

Das Schwingen der Antiamerikanismus-Keule mag man nur vordergründig für clever halten. Ob damit das Ziel erreicht wird, ein paar der sachlich argumentierenden Kritiker von privaten Schiedsgerichten etc. zu diskreditieren und so in die Defensive zu treiben, darf indessen bezweifelt werden.
Zugleich ist es offenkundig an der Zeit, Frau Merkel in Erinnerung zu rufen, wem sie in erster Linie verantwortlich ist: nicht Wirtschaftslobbyisten, welche im Auftrag multinationaler Konzerne agieren, sondern den Bürgern ihres Landes.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus im 'postfaktischen Zeitalter'?

Sachlich-faire Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Doch sobald lautstark erhobene Kritik kaum mehr ist als das Transportieren hasserfüllter Botschaften, ist es mE notwendig, die eigene Position exakt zu zu bestimmen. Außer, man nimmt in Kauf oder hat sogar den Wunsch), unreflektierte, generalisierende sowie oftmals auf griffige 140 Zeichen zurecht gestauchten Schlagzeilen nachzuplappern.

Das nachfolgende Gespräch zwischen dem Islam- und Poltikwissenschaftler Thorsten G. Schneiders und dem Journalisten Thilo Jung ("Jung & Naiv") aus dem Jahr 2015 wirft etliche Fragen auf, welche in diesem Zusammenhang relevant sind, z.B.:
"Was ist Islamismus? Gibt es nur den einen Islamismus? Gibt es ein christliches Pendant zu islamistischen Gruppierungen? Was ist der Unterschied zwischen Islamismus und Dschihadismus? Hat der IS etwas mit dem Islam zu tun? Außerdem: Wie verhält sich Islamophobie zum Antisemitismus?"
Nicht alle dieser Aspekte werden in dem 45 -minütigen Interview befriedigend beantwortet - was auch kaum machbar wäre. Vielmehr stellt diese Jung-und-Naiv-Ausgabe einen idealen Ausgangspunkt dar, um auf eigene Faust weiter zu recherchieren:


  Insoweit tut es auch nicht Not, hier das Für und Wider einzelner Elemente aus dem o.a. Gespräch zu erörtern, obgleich ich stutzte, als ich als ich eine weitere Fragestellung las: "Was macht Islamisten und Christdemokraten vergleichbar?" 
Obwohl keiner politischen Partei verpflichtet, reagierte ich defensiv-emotional: 'Wie kann man nur so einen Vergleich herstellen...?'.
Und damit war ich mitten im Thema: Längst geht es vorwiegend um Emotionen, eine sachlich-konstruktive Debatte ist in den sozialen Medien weitgehend ins Abseits geraten. 
Diese Emotionalisierung ist nahezu unausweichlich, sobald man die täglichen Nachrichten verfolgt: Seit dem Erstarken des "IS" verging kaum eine Woche ohne neue Schreckensnachrichten über abscheuliche Taten dieser Terror-Sekte; im Wettlauf nach treffsicheren Sensationsüberschriften war eine Gruppe von Schlagzeilen besonders 'erfolgversprechend': "Der islamistische Terror ist in Europa / Mitteleuropa / Frankreich / Belgien / Deutschland / ... angekommen." sollte wohl heißen: Die Einschläge kommen näher.
Aufgegriffen wurde diese Stimmung bekanntlich von politischen Kreisen, welche jeden zweckdienlichen Impuls im Sinne ihrer pauschalen Ablehnung von Muslimen und Flüchtigen instrumentalisieren. Und diese Kreise leisteten ganze Arbeit: So ähnlich wie HRC im US-Wahlkampf sich auf das Niveau ihres Gegners D.Trump begeben musste, schwenkten hierzulande Angehörige der sog. 'etablierten' Parteien auf die phrasenhaften Diskussionsstil der Neuen Rechten ein.
Resultierend fiel es zunehmend schwer, sich der vergifteten Atmosphäre in der politischen Auseinandersetzung zu entziehen. Mir persönlich gelang diese notwendige Distanzwahrung jedenfalls nicht sehr gut.

Nur, wie kann man sich diesem zähen Klebstoff entziehen, ohne zugleich die gesamte Thematik des Zusammenlebens mit Muslimen in Deutschland auszublenden? Eine allgemeine Antwort hierauf habe ich nicht; was meine Person angeht, stemme ich mich noch stärker gegen Trend einer "postfaktischen" Diskussionskultur.

Die These von Nietzsche "Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen" mag in Fragen zu Theologie und Glaube ihre Berechtigung haben - wer sie auf politische Kontroversen  anwendet, liefert sich jedweder Lüge und Manipulation aus.
Es existieren Fakten, es stehen differenzierende Kategorien zur Verfügung - erst auf deren Grundlage bildet der "Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – quasi das Bindemittel des Faktischen, 'the matter of fact'", stellt Eduard Kaeser in der NZZ fest


Dabei geht es nicht darum, jeden Deutungsspielraum zu eliminieren, sondern die eigene Interpretation möglichst auf verlässliches Wissen und Urteilsvermögen zu gründen. Die Alternative bestünde darin, zunehmend auf Halbwahrheiten zu vertrauen - insbesondere solche, die stets das vertiefen, was ich ohnehin schon glaube. Damit würde ich mich in meiner komfortablen "Filterblase" (noch so ein Wort, das Twitterer sich gegenseitig um die Ohren hauen) einnisten und nur noch denen zuhören, die meine Ansichten (und mittelbar mein Ego) bestätigen.
"Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnis-theoretischen Grundlagen."

Quellenangaben:

Dienstag, 4. Oktober 2016

"Weil es ums Ganze geht" - Vortrag von Hans Peter Dürr (2011)

"Wir erleben mehr, als wir begreifen können."

Zumindest haben wir die Fähigkeit, gegenwärtig noch Unerklärtes wahrzunehmen und auf uns einwirken zu lassen. Wir wir damit umgehen -als Individuen sowie als Zivilgesellschaft - obliegt unserer eigenen Verantwortung. Klingt zunächst wie eine Binsenweisheit, geradezu banal - doch die resultierende Schlussfolgerung mahnt zur Bescheidenheit: Unser Bewusstsein ist derzeit noch nicht hinreichend ausgeprägt, um die naturwissenschaftlichen und 'metaphysischen' Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu begreifen und eine ihr angemessene Ethik zu entwickeln, geschweige denn anzuwenden.
Der Physiker Hans-Peter Dürr († 2014) macht anhand einer Vielzahl von Einzelbeispielen deutlich, wie sehr wir dazu neigen, die Natur zu analysieren (=in handliche, verstehbare Fragmente zu zerlegen) und uns mit einer Interpretation dieser Bildausschnitte zu begnügen. Zwar versucht die Naturwissenschaft, die gewonnenen Ausschnitte wieder zu einem vollständigen Bild zu integrieren, verkennt dabei aber etwas Wesentliches: Gerade die Beschäftigung mit Lebendigem lässt offensichtlich werden: ein lebendiger Organismus ist weit mehr als die Summe seiner Teile
Dürr setzt sich hingegen für eine ganzheitliche Betrachtungsweise ein: 
"...das Erstaunliche dabei ist, dass sich diese revolutionären Einsichten in den vergangenen bald hundert Jahren seit ihrer theoretischen Klärung kaum auf die anderen Wissenschaften ausgewirkt und nur ganz oberflächlich Eingang in das allgemeine Denken unserer Gesellschaft gefunden haben."
Welche 'revolutionären Einsichten' sind gemeint(1)?
  • Aus der Quantenphysik (Kopenhagener Deutung) wissen wir: Die in der Natur ablaufenden Vorgänge sind nicht nicht determiniert, d.h. nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagbar. 
  • Eine Zerlegung von Materie in immer kleinere Bestandteile muss scheitern, denn Materie sei ihrerseits nicht aus Materie aufgebaut: "Am Ende allen Zerteilens von Materie bleibt etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig."



Wer schon einen oder mehrere Vorträge von Dürr gehört hat, wird vielen seiner Kernaussagen nochmals begegnen. 

Quellenangaben: 

  1. "Der Teil und das Ganze" - Rezension zum Buch 'Das Lebende lebendiger werden lassen" von Hans-Peter Dürr