Mittwoch, 5. Oktober 2016

Kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus im 'postfaktischen Zeitalter'?

Sachlich-faire Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Doch sobald lautstark erhobene Kritik kaum mehr ist als das Transportieren hasserfüllter Botschaften, ist es mE notwendig, die eigene Position exakt zu zu bestimmen. Außer, man nimmt in Kauf oder hat sogar den Wunsch), unreflektierte, generalisierende sowie oftmals auf griffige 140 Zeichen zurecht gestauchten Schlagzeilen nachzuplappern.

Das nachfolgende Gespräch zwischen dem Islam- und Poltikwissenschaftler Thorsten G. Schneiders und dem Journalisten Thilo Jung ("Jung & Naiv") aus dem Jahr 2015 wirft etliche Fragen auf, welche in diesem Zusammenhang relevant sind, z.B.:
"Was ist Islamismus? Gibt es nur den einen Islamismus? Gibt es ein christliches Pendant zu islamistischen Gruppierungen? Was ist der Unterschied zwischen Islamismus und Dschihadismus? Hat der IS etwas mit dem Islam zu tun? Außerdem: Wie verhält sich Islamophobie zum Antisemitismus?"
Nicht alle dieser Aspekte werden in dem 45 -minütigen Interview befriedigend beantwortet - was auch kaum machbar wäre. Vielmehr stellt diese Jung-und-Naiv-Ausgabe einen idealen Ausgangspunkt dar, um auf eigene Faust weiter zu recherchieren:


  Insoweit tut es auch nicht Not, hier das Für und Wider einzelner Elemente aus dem o.a. Gespräch zu erörtern, obgleich ich stutzte, als ich als ich eine weitere Fragestellung las: "Was macht Islamisten und Christdemokraten vergleichbar?" 
Obwohl keiner politischen Partei verpflichtet, reagierte ich defensiv-emotional: 'Wie kann man nur so einen Vergleich herstellen...?'.
Und damit war ich mitten im Thema: Längst geht es vorwiegend um Emotionen, eine sachlich-konstruktive Debatte ist in den sozialen Medien weitgehend ins Abseits geraten. 
Diese Emotionalisierung ist nahezu unausweichlich, sobald man die täglichen Nachrichten verfolgt: Seit dem Erstarken des "IS" verging kaum eine Woche ohne neue Schreckensnachrichten über abscheuliche Taten dieser Terror-Sekte; im Wettlauf nach treffsicheren Sensationsüberschriften war eine Gruppe von Schlagzeilen besonders 'erfolgversprechend': "Der islamistische Terror ist in Europa / Mitteleuropa / Frankreich / Belgien / Deutschland / ... angekommen." sollte wohl heißen: Die Einschläge kommen näher.
Aufgegriffen wurde diese Stimmung bekanntlich von politischen Kreisen, welche jeden zweckdienlichen Impuls im Sinne ihrer pauschalen Ablehnung von Muslimen und Flüchtigen instrumentalisieren. Und diese Kreise leisteten ganze Arbeit: So ähnlich wie HRC im US-Wahlkampf sich auf das Niveau ihres Gegners D.Trump begeben musste, schwenkten hierzulande Angehörige der sog. 'etablierten' Parteien auf die phrasenhaften Diskussionsstil der Neuen Rechten ein.
Resultierend fiel es zunehmend schwer, sich der vergifteten Atmosphäre in der politischen Auseinandersetzung zu entziehen. Mir persönlich gelang diese notwendige Distanzwahrung jedenfalls nicht sehr gut.

Nur, wie kann man sich diesem zähen Klebstoff entziehen, ohne zugleich die gesamte Thematik des Zusammenlebens mit Muslimen in Deutschland auszublenden? Eine allgemeine Antwort hierauf habe ich nicht; was meine Person angeht, stemme ich mich noch stärker gegen Trend einer "postfaktischen" Diskussionskultur.

Die These von Nietzsche "Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen" mag in Fragen zu Theologie und Glaube ihre Berechtigung haben - wer sie auf politische Kontroversen  anwendet, liefert sich jedweder Lüge und Manipulation aus.
Es existieren Fakten, es stehen differenzierende Kategorien zur Verfügung - erst auf deren Grundlage bildet der "Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – quasi das Bindemittel des Faktischen, 'the matter of fact'", stellt Eduard Kaeser in der NZZ fest


Dabei geht es nicht darum, jeden Deutungsspielraum zu eliminieren, sondern die eigene Interpretation möglichst auf verlässliches Wissen und Urteilsvermögen zu gründen. Die Alternative bestünde darin, zunehmend auf Halbwahrheiten zu vertrauen - insbesondere solche, die stets das vertiefen, was ich ohnehin schon glaube. Damit würde ich mich in meiner komfortablen "Filterblase" (noch so ein Wort, das Twitterer sich gegenseitig um die Ohren hauen) einnisten und nur noch denen zuhören, die meine Ansichten (und mittelbar mein Ego) bestätigen.
"Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnis-theoretischen Grundlagen."

Quellenangaben:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen