Anti-Amerikanismus?

"Amerika ist ein Land von Menschen, die so anteilnehmend sind, so anständig und so gütig, dass es die Bösen niemals verstehen werden."
George W. Bush

Bin ich einer von den 'Bösen', wenn ich mir Unverständnis und Ablehnung auf die Außenpolitik der USA reagiere? Die wiederholte Vorhaltung, eine antiamerikanische Haltung zu vertreten, hat mich anfangs ziemlich aufgebracht, dann nachdenklich werden lassen und schließlich zu einer Positionsbestimmung veranlasst:

Was ist Antiamerikanismus überhaupt?

"Wahrigs Deutsches Wörterbuch definiert Antiamerikanismus als eine „ablehnende Haltung gegenüber der Politik und Kultur der USA“. Das Oxford Dictionary definiert ihn als „Anfeindung der Interessen der Vereinigten Staaten“. Das Random House Unabridged Dictionary definiert antiamerikanisch als „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnt." (vgl. WPedia-Artikel "Antiamerikanismus")
Glaubt man der WELT, einem Flaggschiff der Springer-Presse, dann reicht es schon aus, die Außenpolitik der Vereinigten Staaten samt deren Doktrin militärischer und ökonomischer Dominanz (über 700 Militärbasen in mehr als 100 Ländern weltweit sprechen eine eindeutige Sprache ...und da können China und Russland gegenwärtig eben nicht mitreden) zu kritisieren, um in diese Kategorie zu fallen:
"In Deutschland werden Scheindebatten geführt, die kaum etwas mit der Faktenlage zu tun haben. Statt die USA als unverzichtbaren Verbündeten anzusehen, werden sie als Hauptbedrohung denunziert."
 Der britische Publizist Christopher Hitchens stellte eine „lockere Arbeitsdefinition“ auf, welche eindeutiger ausfällt:
Jemand ist anti-amerikanisch, wenn er oder sie andauernd Verachtung für die amerikanische Kultur zeigt und darüber hinaus jeden Gegner der US-Politik unterstützt, wer immer es auch sein mag."
Geht das überhaupt? So dümmlich diese Frage angesichts der offensichtlichen Antwort wirken mag - ich vermag es mir nicht vorzustellen: Wie kann man eine ganze Kultur und Lebensweise sowie die ihr angehörenden Menschen pauschal verachten ...zumal man diese Kultur meist nur von außen kennt? Eine solche Haltung ist mir absolut unverständlich - ob sie sich nun gegen Muslime, Israelis, Deutsche oder Amerikaner richtet.
Natürlich bestreite ich nicht, dass ein pauschal vertretener Antiamerikanismus in der von Hitchens beschriebenen Grundsätzlichkeit durchaus existiert, auch hier in Deutschland. Etwas Vergleichbares wird von Teilen der Medienlandschaft in Bezug auf Russland angestrebt - zumindest lassen eindeutige Stellungnahmen von Kommentatoren mit Russland-Phbie eine ausgewogene Berichterstattung erschreckend oft in den Hintergrund treten.

In politischen Kontroversen aber verkommt der Begriff Antiamerikanismus zu einer jener sprachlichen Keulen - welche als Instrument dienen, um Andersdenkende zu diskreditieren und mit jedem noch so unsachlichen Mittel in die Defensive zu drängen. Schon deshalb ziehe ich mir diesen Schuh nicht an.
Außerdem: Es gibt nur wenige historisch bzw. gegenwartspolitisch bedeutsame Einzelpersonen, die ich verachte. Den unerträglichen George W. Bush ("Gesunde Kinder brauchen keine Krankenversicherung", Quelle: RP) sowie den Kriegsgewinnler Cheney und Condoleezza Rice zähle ich ausdrücklich dazu - Barack Obama dagegen nicht. Ein ganzes Volk zu verachten - noch dazu für das, was allein dessen Establishment angerichtet hat - ist für mich nicht vorstellbar.

Der Kommunikationswissenschaftler Tobias Jaecker sieht im Antiamerikanismus ein „ideologisches Welterklärungsmuster“:
„Die narrative Form des antiamerikanischen Welterklärungsmusters wird durch vier grundlegende Strukturprinzipien bestimmt – Dualismus, Projektion, Selbstaufwertung und Verschwörungsdenken. Erst innerhalb dieser spezifischen Struktur erhalten die einzelnen Stereotype einen antiamerikanischen ›Sinn‹.


Dabei korrespondiert die projektive Zuschreibung negativer politischer, wirtschaftlicher und kultureller Vorgänge zu Amerika mit einer kollektiven moralischen Selbstaufwertung, so dass ein dualistisches Bild entsteht: 'Amerika' gegen 'uns'."

Im Extremfall könne sich dies zur Verschwörungstheorie ausweiten: "In einer derartigen wahnhaften Vorstellung regiert Amerika dann die ganze Welt."
Diese Beschreibung eines antiamerikanischen Musters zur subjektiven Welterklärung (die wohl ähnlich differenziert ausfallen dürfte wie das Pippi-Langstrumpf-Prinzip) ist die für mich interessanteste. Im Ergebnis gipfelt es in der Passe-Partout-Formel "Der Ami ist an allem schuld". 
Wer so denkt und redet, macht es sich zu einfach, klar. Nicht einmal die Aussage "Amerika regiert die ganze Welt" lässt sich anhand von Fakten belegen (in Bezug auf 'die Chinesen' oder 'den Russen' übrigens auch nicht).

Anderseits: Die nahezu weltumspannende militärische Präsenz der Vereinigten Staaten stellt de facto ihren Status als einzige verbliebene Supermacht sicher. Globale Dominanz bei regionaler Teil-Autonomie entspricht durchaus dem Wunschdenken neokonservativer Polit--Strategen in den USA (an anderer Stelle bin ich darauf etwas ausführlicher eingegangen, vgl. den Absatz  "Rebuilding Americas Defenses" dieses Beitrags):

Zbigniew Brzezinski formuliert in seinem Buch "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft" (The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 1997) die Zielsetzung
  •  "im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen". 
  • die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten als "erste, einzige wirkliche und letzte Weltmacht" nach dem Zerfall der Sowjetunion auf dem "großen Schachbrett" Eurasien sichern, um so eine neue Weltordnung zu ermöglichen. (Ist dies nicht exakt das, wogegen die als paranoid verschrienen "NWO-Infokrieg-Leute" sich unablässig zur Wehr setzen?
Zbigniew Brzeziński (auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2014)

Brzeziński ist kein radikaler Außenseiter, vielmehr zählt er als renommierter Politikwissenschaftler zu den "grauen Eminenzen unter den US-amerikanischen Globalstrategen".

In "Second Chance: Three Presidents and the Crisis of American Superpower" (erschienen am 5. Mai 2007) schreibt Brzeziński über die vorhergehenden 15 Jahre der US-amerikanischen Außenpolitik, in denen die USA, aus dem Kalten Krieg als Sieger hervorgegangen, die einzige Supermacht war. Er stellt dar, wie die letzten drei Präsidenten, George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush ihre Führungsrolle verwirklichten und ihre Macht als Führer einer unangreifbaren Weltmacht ausübten. 
Was Brzeziński nicht expressis verbis sagt: Der 'edle' Zweck heiligt jedes noch so perfide Mittel - das Legitimitätsprinzip muss hinter den nationalen Interessen der Supermacht zurückstehen ...was jedoch nicht ausschließt, den Anschein von Legitimität nach dem Maßstab der amerikanischen Verfassung sowie des internationalen Rechts nach Möglichkeit zu wahren. Klappt das nicht (wie 2003, als der UN-Sicherheitsrat seine Zustimmung zur "Entwaffnung des Irak" verweigerte), so werden die Propaganda-Maschinerie angeworfen und Fakten geschaffen:
Deutschland und Frankreich legten Anfang Februar 2003 einen Plan für mehr Waffeninspektoren und eventuell den Einsatz von Blauhelm-Soldaten vor; diesen Plan unterstützten unter anderen Russland und China. Weder die irakische Zustimmung zu neuen Inspektionen noch diese Vorschläge im UN-Sicherheitsrat verhinderten die Militärintervention der US-geführten Kriegskoalition, weil die US-Regierung sich intern etwa im April 2002 auf einen notfalls unilateral geführten Militäreinsatz zum Sturz Saddam Husseins festgelegt hatte.-
Edle Ziele für die Weltpolitik der Vereinigten Staaten sieht der Publizist Brzeziński durchaus als gegeben an - neben der Wahrung ihrer nationalen Sicherheit verfolge die USA drei große Missionen für die Weltpolitik:
  • Gestaltung der politischen Beziehungen, um ein kooperativeres Systems der Weltpolitik hervorzubringen,
  • Eindämmung von Konflikten, Verhinderung von Terrorismus und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, kollektive Friedensbemühungen in Bürgerkriegsregionen, um Gewalt in der Welt zu verringern,
  • die zunehmende Ungleichheit der Lebensverhältnisse in Übereinstimmung mit dem "Weltgewissen" zu bekämpfen und eine Antwort auf die ökologischen Herausforderungen zu geben.
Vor diesem noblen Hintergrund (der wirklich nobel zu nennen wäre, falls er denn wahrhaftig das Vorgehen der US-Administration bestimmen würde) findet er durchaus auch kritische Worte:
Die unschlüssige, bald übel genommene und selbstschädigende Nahostpolitik der USA habe in dieser Region den Eindruck genährt, die USA führten die imperialistische Kolonial-Politik der Briten fort und unterstütze scheinheilig Israels Siedlungspolitik. Die dauerhafte Anwesenheit von US-Truppen in Saudi-Arabien habe zudem den Hass extremer Sunniten auf Amerika befördert.
"Es fehlte die große Vision für die Zukunft der Welt, den Nahen Osten und die internationale Kooperation mit Russland, China und neu entstehenden Mächten". Der "vielversprechende Ruf nach der Neuen Weltordnung" sei in die Bestätigung der vertrauteren alten imperialen Ordnung verwandelt worden.
Diesen Ausführungen entnehme ich, worin nach den Vorstellungen (nicht nur) von Brzeziński hinsichtlich der weltpolitischen Rolle der USA besteht bzw. unbedingt bestehen sollte: Mit eiserner Hand und unangreifbarem Führungsanspruch die gesamte Welt zu zu gestalten - in einem zu schaffenden globalen Ordnungssystem.

Okay, das klingt vollendeter und irgendwie auch netter als "Washington will die Welt regieren"...



Die Welt zu einem besseren Ort machen?

In seinem Buch 'Amerikas Kreuzzüge' zitiert Claus Kleber die frühere US-Außenministerin (2005-2009), Condoleezza Rice mit den Worten:
"Wir wollen mit unserer Stärke diese Werte dorthin tragen, wo sie noch nicht verbreitet sind. Genau das versuchen wir jetzt im Nahen Osten(...). Am Ende wird die Verbreitung dieser Werte unsere eigene Sicherheit garantieren."
"Wenn ich nach einem historischen Vergleich suche, dann denke ich eher an das, was in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg passierte. Amerika war in zwei europäische Kriege hineingezogen worden und hat dann geholfen, Instrumente zu schaffen – die NATO, den Marshallplan – die Europa veränderten. 
Wir haben dazu beigetragen, dass Deutschland ein Anker des demokratischen Europa wurde. Niemand kann sich heute in Europa noch einen größeren Krieg vorstellen. Das liegt daran, dass Deutschland eine wohlhabende und funktionierende Demokratie wurde. Unsere Werte bringen uns also Sicherheit.«
Die formal bestehenden Werte habe ich nicht zu kritisieren, doch wäre allenfalls die Vergangenheitsform für diese Aussage zutreffender. Der Iraküberfall hat niemandem Sicherheit gebracht, am wenigsten den USA selbst.

'Was gut ist für Amerika, muss auch gut sein für die Welt? In den Vereinigten Staaten ist die Überzeugung weit verbreitet, als militärisch stärkste Nation weltweit könnten und dürften die USA die gesamte Welt nach ihrem Vorbild gestalten - weil sie tatsächlich daran glauben, dass die Welt damit besser wird. 'Gestalten' impliziert ausdrücklich auch den Anspruch, dass Amerikas Vorstellungen bei Bedarf mit militärischen Mitteln durchzusetzen.

Doch so funktioniert das offensichtlich nicht – jedenfalls nicht dort, wo die Freiwilligkeit derer, die bekehrt werden sollen, einem verbissenen Widerstand gewichen ist. Die starre Unbeirrbarkeit, mit der die USA an ihrer Linie festhielten, kostete sie Unmengen an Sympathie und Vertrauen - heute wird die Supermacht als 'bedrohlich und gleichzeitig selbst bedroht wahrgenommen'.
Stärke, Entschlossenheit und Zuversicht reichen nicht aus, um die Welt zu verbessern. Ungeachtet dessen bemüht sich Journalist und Buchautor Kleber um eine verständnisvolle Perspektive:
"Wir Europäer können kaum verstehen, wie tief und unbeirrbar die patriotischen Gefühle von Menschen sind, deren Angehörige an die Front müssen, und wie beherrschend der Wunsch, dass der Oberkommandierende doch alles richtig machen möge.(...)  
In Krisenzeiten schart sich die Nation um ihren Führer.
Na toll. Gerade in Deutschland erinnert man sich (hoffentlich) noch, wie gefährlich unbeirrbarer Patriotismus sein kann - und auch daran, dass ein Angriffskrieg kein geeignetes Mittel ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und: Vertrauen wird gelegentlich missbraucht.


"Fast alles hat mit Religion zu tun."

Dass die politische Willensbildung in den USA untrennbar verbunden ist mit der Religiosität der Amerikaner, kann kausale Zusammenhänge (z.B. die Wiederwahl des in Europa heftig kritisierten Kriegspräsidenten George W. Bush) verständlich machen.
"Amerikanische Wahlen ... werden sehr viel weniger von Sachfragen bestimmt, als wir uns das in Deutschland vorstellen."
Kleber arbeitet heraus, dass sich amerikanische Traditionalisten in politischen Frage wesentlich von religiösen Motiven leiten lassen. Viele, wenn nicht die meisten US-Bürger sähen sich so schwierigen Problemen gegenüber, dass sie sich an ihren Glauben und an Gebete klammern. 

Gefangenenlager Guantanamo
(2002)

Weil diese religiöse Dimension des Politischen uns Deutschen mehrheitlich abgeht, fehlt uns zugleich der Zugang zur Denkweise der Konservativen Amerikas. Während wir Europäer uns über die Bilder aus Guantanamo und Abu-Ghraib entsetzten, echauffierten sich Wertkonservative in den Staaten über Nipplegate. Die für wenige Sekunden entblößten Brust von Janet Jackson habe Millionen von Zuschauern " die rohe Vulgarität der amerikanischen Massenkultur« schlagartig klar werden lassen, befand der konservative NYT-Kolumnist William Safire.
Eine (versehentlich) im TV gezeigte Frauenbrust soll bedeutsamer und 'schlimmer' sein als Folter? Falls dies keine Einzelmeinung war, trennen uns nicht ein paar Meinungsunterschiede, sondern Welten. Auch Kleber nennt dies einen "weiteren Fall, bei dem sich Bewertungen so unversöhnlich gegenüberstehen, dass Diskussionen ergebnislos bleiben".

Doch an der Auseinandersetzung führt kaum ein Weg vorbei, solange die USA an ihrer Rolle festhalten, 'Führer der freien Welt' zu sein.

Eingangsstatement der Dokumentation 'Religionskriege - George W. Bush und die christliche Rechte' von Stephanie Slewka : "Wer seine Politik verstehen will, muss wissen woran dieser Präsident glaubt."
Nun, nach 2003 wollte ich Bush nicht mehr verstehen ...ich wollte nur noch, dass das Töten Unschuldiger und die Einschüchterung aller Menschen weltweit aufhörten. Mit dem Terminus " mitfühlender Konservatismus" verbinde ich anderes.




Trotzdem - wäre es nicht an der Zeit, meine unversöhnliche Haltung gegenüber dem US-Establishment aufzugeben. Ist Bush junior nicht ein Thema, welches längst der Vergangenheit angehört? Sollte man die 'alten Dinge' nicht allmählich ruhen lassen?
Es stimmt, Bush ist Geschichte ...er zeichnet jetzt mäßig gute Portraits und verfasst Bücher. Doch das, was er und seine Helfer angerichtet haben, dauert weiter an.

Auch die 'Bush-Logik' setzt sich in den Köpfen vieler Amerikaner fort:
"Es geht nicht um Afghanistan oder den Irak, es geht um einen unabsehbar langen Krieg gegen eine aggressive, finstere Macht. Dabei wird nicht immer alles gerade und nach Plan verlaufen. Fehler ...sind deshalb kaum der Rede wert." (Kleber)
Der Blick auf die gegenwärtigen Konfliktfelder zeigt, die Idee der notfalls auch gewaltsamen Verbreitung amerikanischer Werte gehört keinesfalls der Vergangenheit an. Unter Obama wurde keine grundlegende Kehrtwende vollzogen; vielmehr setzte eine methodische Verfeinerung in der Außenpolitik ein. Wohl deshalb sehen innenpolitische Kritiker ihr Land weiterhin auf einem fundamentalistischen Irrweg.

Religiöse Motivation oder nicht - der Grundsatz "You shall know them by their fruits" [An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, Mt 7,16] hat sich bewährt. Sterbende Kinder, drastisch steigende Krebsfälle bei Kindern als Folge der Verstrahlung durch Uranmunition und unzählige 'Kollateralschäden' bezeugen für mich diese 'Früchte' in einer sehr klaren Sprache. Diese Dauer- und Spätfolgen lassen sich nicht als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit abtun.
Die philosophische Erörterung der Gründe, aus denen die Vereinigten Staaten ihren Angriffskrieg gegen den Irak vom Zaum brauchen, erscheint mir angesichts solcher Resultate mehr als zweitrangig.


Butter bei die Fische: Anti oder nicht Anti?


Mit der Vorsilbe Anti- verbinde ich eine ideologisch und/oder emotional verzerrte Ablehnung 'aus Prinzip'; das ist etwas völlig anderes als faktenbasierte Kritik an der Politik und dem militärischen Vorgehen der Regierung einer bestimmten Nation. Anti- Anschauungen 
implizieren stets weiterreichende Ressentiments gegenüber einem ganzen Volk und/oder einer Religion - bis hin zum Rassismus.

So weisen auch Wissenschaftler auf die unscharfe Definition und mehrdeutige Verwendung des Begriffs 'Antiamerikanismus' hin, zumal sachliche-argumentativ begründete Kritik nicht eindeutig von systematischen Ressentiments gegenüber US-Amerikanern unterschieden werde. Die schwache Abgrenzung werde missbräuchlich als Instrument eingesetzt, um unliebsame Debatten zu ersticken. Dies meinte ich, als ich von einer verbalen 'Keule' sprach.


Es stimmt, an den von Präsident George W. Bush geführten Regierungen lasse ich kaum ein gutes Haar - obwohl ich mir kaum ausmalen mag, wie die die Reaktionen ausfielen, falls vergleichbar tragische Anschläge unser Land bis ins Mark träfen.
Hinsichtlich dessen Nachfolger Obama fällt meine Kritik differenzierter aus, da ich dessen innenpolitisches Wirken durchaus auch positiv sehe. Auch kann nicht übersehen werden, in welchem Ausmaß Präsident Obama die Suppe auslöffeln musste, welche Bush, Cheney und Helfershelfer angerührt hatten.


Was die amerikanische Kultur und Lebensweise angeht, nun, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Kann ich auch nicht, da ich gerade mal 6 Wochen in den Vereinigten Staaten verbracht habe. Damals habe ich sechs der 50 Bundesstaaten (plus D.C.) besucht, also allenfalls einen Bruchteil dieses großartigen und vielschichtigen Landes kennen gelernt. An meine Aufenthalte habe ich fast nur positive Erinnerungen - allerdings fanden diese in den 90ern statt, lange vor 9/11. 


C.Kleber betont: "Die Nation, die nach außen so kraftstrotzend und materialistisch wirkt, hat eine andere Seite. Wir nehmen sie so selten wahr, dass Gefühlsäußerungen auf uns kalkuliert, fast zynisch wirken, aber sie sind es oft nicht."
Um diese andere Seite wahrzunehmen, sie wirklich zu spüren, reicht ein wenige Wochen dauernder Aufenthalt in diesem Land nicht aus.
Kurz gesagt: Ich kenne Amerika und die Amerikaner nicht gut genug, um eine anti-amerikanische Haltung zu vertreten.

  • Was ich mitbekomme, sind die Auswirkungen der US-amerikanischen Geopolitik.  
  • Was ich ablehne, ist die Haltung von Personen/ Organisationen, Außenstehende aus egoistischem ("nationalen") Interesse zu bekämpfen, unter Druck zu setzen oder ihnen die eigene Weltanschauung ("Freiheit und Demokratie") gewaltsam aufzuzwingen. 
  • Was mich verunsichert: Inzwischen fürchte ich unbedachte Aktionen der USA (oder Russlands) ebenso sehr wie einen Terroranschlag hier in Deutschland.



Pax Romana und Pax Americana?

Die Römer haben zu ihrer Zeit auch 'viel Gutes bewirkt', doch in erster Linie zwangen sie dem gesamten Mittelmeerraum ihre Pax Romana auf, was unter anderem die vollständige Zerstörung Karthagos (vgl. Dritter Punischer Krieg) sowie die Versklavung seiner Einwohner durch Rom zur Folge hatte. 

"Der Vergleich Amerikas mit dem antiken Rom geht aber wirklich zu weit" ...sicher? 

Natürlich besteht das Risiko, sch bei einem so gewagten Vergleich zu vergaloppieren - das Ziehen von Parallelen stößt zwangsläufig an die Grenzen von Verstandeslogik und Komplexität. Die Kernfrage ist wohl: Handelt es sich bei den USA um ein Imperium? Nach welcher Definition - reichen militärische und währungspolitische Übermacht als Kriterien aus?

Von der militärischen Seite fällt der Vergleich USA-Römisches Reich wohl eindeutig aus: 
"Wie die Römer in ihren Provinzen Hunderte von Militärlagern zur Sicherung ihres Territoriums hatten, so gibt es weltweit ungefähr 725 amerikanische Militärbasen, mit denen die USA die Kontrolle über geostrategisch wichtige Weltregionen ausüben."

Ein weiteres Kriterium sei, so M.Lobe, die Schaffung globaler Strukturen: 

Rom wie die USA haben in ihren jeweiligen Einflussbereichen einheitliche Maßstäbe in verwaltungstechnischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht geschaffen. Dabei lasse sich die von den Römern geschaffene Infrastruktur wie das weit verzweigte Straßennetz und das Postsystem mit der weltumspannenden Computertechnik amerikanischer Provenienz in ihrer zeit- und raumverkürzenden Qualität vergleichen.

In der Moderne habe die US-Kultur die weltweite Deutungshoheit inne - an diesem Punkt stimme ich dem Autor nicht mehr zu. Die ganze Welt ist eben nicht 'von Coke und McDonalds unterwandert' Jene Deutungshoheit obliegt meiner Ansicht nach eher multinationalen Konzernen, die in erschreckendem Ausmaß die Politik von Staaten beeinflussen, auch innerhalb der USA und Europas.


Ein weiteres Vergleichsmerkmal nennt Lobe die "Propaganda der Unbezwingbarkeit", eingebettet in ein System von Brot und Spielen:

Dieses habe neben seiner systemaffirmierenden Funktion - Unterhaltung und Ablenkung breiter Massen - auch die Aufgabe, nach innen und außen die Kampfbereitschaft, Härte und Unbezwingbarkeit des Imperiums zu kommunizieren. 
"Eine vergleichbare Funktion scheinen die Fernsehreportagen über US-Militäroperationen und martialische Heldenfilme Hollywoods zu übernehmen, die nicht selten vom Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, unterstützt werden. Sie alle eint dieselbe Botschaft: This empire is too tough to beat."
Auch in diesem Punkt habe ich erhebliche Zweifel: Diese Form der selbst-aufwertenden Propaganda scheint mir ein Merkmal etlicher Nationen zu sein: Dieses Sichaufblasen beobachten wir unter anderem auch in Russland (wo Herr Putin sich seinem neo-zaristischem Kultstatus feiern lässt, patriotisches Zeugs brüllt und sich dabei gar ein Tränchen verdrückt), in China und Nordkorea.
Überlegenheit US-eigener TV-Sender und Filmproduktionen in Reichweite und Marktanteil sehe ich in deren Wettbewerbsvorteil begründet, dessen Ursachen einer komplexen Analyse bedürfen. Wie gesagt, 'Coke und Rambo' zu Sinnbildern eines "US-Imperialismus" zu stilisieren, erscheint mir allzu vordergründig und klischeehaft.

Interessanter ist da schon die Technik indirekter Herrschaft, ein wichtiges und nicht immer leicht zu durchschauendes Instrument:

"Sowohl Rom als auch die USA setzen auf lokale Eliten und Politiker, die ihre Interessen vor Ort befördern."
Als Beispiele für indirekte US-Herrschaft sei - nein, nicht an Angela Merkel - beispielsweise an den von den USA installierten Schah Reza Pahlewi im Iran zu denken, den der damalige US-Außenminister Henry Kissinger als „Säule der Stabilität in dieser unruhigen und wichtigen Region“ lobte. 
Wie dramatisch diese Politik indirekter Herrschaft auch fehlschlagen kann, zeigt sich am Fall der Taliban, die zu Zeiten der sowjetischen Besetzung Afghanistans von den USA mit militärischen Ressourcen unterstützt wurden.
Michael Lobe erläutet jeweils auch Beispiele aus der Geschichte Roms, die ich hier unerwähnt lasse; anstatt vorzugreifen, möchte ich ausdrücklich dazu ermuntern, seinen gesamten Beitrag auf pegasus-online zu lesen. Dort kommen auch weitere Aspekte im Vergleich ROM-USA zur Sprache.
Insoweit lasse ich auch die Frage offen, inwieweit die USA als Imperium (nach dem Vorbild' Roms) zu sehen sind. Dass dies nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich auch sogar auf den Seiten der WELT - die ebenfalls vom "US-Imperium" spricht:


In seinem Artikel "Das US-Imperium befindet sich in seiner Spätphase" (Die WELT, 7/2014) geht Iban Buruma sogar davon aus, selbiges Imperium befinde sich bereits auf dem Rückzug. Auch Großbritannien habe einst diesen Weg gehen müssen.

Ist dies denkbar? Oder sind die Neokonservativen nur für die Dauer von Obama's Regierungszeit in Deckung gegangen - um anschließend (womöglich mit Bush III.) wieder das Heft in die Hand zu nehmen?

Mit einer (für dieses Magazin) erstaunlichen Offenheit beschreibt Buruma das "Paradox des Imperialismus":

"...Imperien können Ordnung und Stabilität für eine lange Zeit gewährleisten, aber Imperialisten – wie viele Amerikaner heute – werden müde und ihre Untertanen rastlos.
Die imperiale Ordnung wird brüchig [...] wenn die alte Ordnung schließlich fällt, folgt oft Mord und Totschlag."
Immerhin habe Obama  die Grenzen der amerikanischen Fähigkeit erkannt, eine globale Ordnung mit Gewalt herbeizuführen. Und der Rest des amerikanischen Establishments? Es ist kaum zu übersehen, wie Obama von den konservativen Kräften in Kongress und Senat bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgebremst wird.


Zuerst an die eigene Nase fassen

Die Projektion von Unzufriedenheiten auf Sündenböcke ist (auch) Teil deutscher Geschichte - nicht zuletzt dieser Umstand sollte uns veranlassen, zuallererst auf uns selbst blicken. Statt dessen tendieren viele hierzulande dazu, berechtigte Kritik in pauschale Vorurteile gegenüber den USA (oder wahlweise Russland) münden zu lassen. 

Die Kiste deutscher Versäumnisse und Peinlichkeiten ist lang, hier nur einige Beispiele:



  • Im August 2015 widersprachen Mitarbeiter von US-Präsident Obama der Bundesregierung: Die monatelang heftig umstrittene Offenlegung der Selektoren-Liste vor dem NSA-Untersuchungsauschuss sei durch die USA niemals untersagt worden.(vgl. Die ZEIT:"Kanzleramt darf Selektorenliste ...freigeben). Was ist davon zu halten?
  • Hinsichtlich der Rolle von in Deutschland gelegener US-Stützpunkte im Drohnenkrieg gibt sich die Bundesregierung weiterhin ahnungslos und überstrapaziert damit ihre Glaubwürdigkeit: Dass Ramstein eine entscheidende Rolle im Drohnenkrieg im Jemen spiele, wurde von der Bundesregierung "mit Nichtwissen bestritten" (wörtlich). 
  • Lt. einem SZ Interview mit dem ehemaligen Drohnenpilot Brandon Bryant gibt der deutsche Bundesnachichtendienst (BND) Handynummern von 'Verdächtigen' an US-Geheimdienste weiter, wobei die Bundesregierung die Auffassung vertritt, dass damit keine gezielten Tötungen möglich sind. 
  • Wenn die Handynummer eines Verdächtigen bekannt ist nutzt das US-Militär das „Gilgamesh-System“. Es ist „eine Art fliegender IMSI-Catcher“, der an Drohnen montiert wird und alle Mobiltelefone in der Umgebung bis auf einen Meter genau orten kann. Das Gerät funktioniert dabei ähnlich einem mobilen Handymast.
  • Wie am 4.9.2015 auf  Telepolis/heise.de zu lesen war, sollen deutsche Offiziere direkt an US-Tötungsmissionen in Afghanistan beteiligt gewesen sein. Peinlich sei dies für die deutsche Regierung, „weil man bislang versucht hatte, eine direkte Beteiligung an dem Programm der gezielten Tötungen mittels des "Isaf-Targeting-Prozesses" abzustreiten, und nur eine Mitwirkung bei der Erstellung der Liste einräumen wollte.“
  • Und der Rechtsweg? Nee, unsere Gerichte mischen sich vorsichtshalber in die 'Kriegspolitik' nicht ein, Gewaltenteilung und so. (vgl. SZ: "Prozess in Köln - US-Drohnenkrieg darf über Ramstein laufen", 27.5.15)

Insgesamt ergibt sich ein trauriges und zugleich blamables Bild: Wiederholte Unwahrheiten und Erinnerungslücken sind eine Facette davon. Leere Worte (Merkel „Ausspähen unter Freunden geht gar nicht.“ oder Pofalla: "Die Spionage-Affäre ist beendet.“) bilden eine weitere. Eine devot-furchtsame Haltung gegenüber sämtlichen Institutionen, Handlungen und Wünschen der Vereinigten Staaten rundet dieses erbärmliche Bild ab: 
Deutsche Spitzenpolitiker scheuen die selbstbewusste Kommunikation mit US-Vertretern und üben sich statt dessen in vorauseilendem Gehorsam. 

Was ist der Hintergrund dieses ängstlichen Vermeidungs-Verhaltens? Ärger und Stress vermeiden? Die Interessen des deutschen Volkes zu wahren?

Beides lässt sich durch Verschweigen, Lavieren, und Tricksereien nicht erreichen - nicht "nachhaltig" jedenfalls. 

Ich glaube, mehrheitlich hat das Volk längst begriffen: Will man heimtückischen Mörder in organisierten Verbrecherbanden wie Al Qaida und IS entgegentreten, wird dies mit Samthandschuhen und zögerlichem Vorgehen kaum zum Erfolg führen.

Nur, fast ebenso viele Deutsche kapieren noch etwas: In dieser Auseinandersetzung dürfen rechtsstaatliche Prinzipien nicht preisgegeben werden, will ein Staat nicht auf dieselbe Stufe abrutschen wie diese mordenden Terroristen. Ich gebe zu, über die Wahl geeigneter Mittel und Methoden lässt sich endlos debattieren; als Laie läuft man stets Gefahr, die Komplexität der Zusammenhänge zu verkennen. 
Dennoch bleibt die Kernfrage bestehen - für Laien wie für 'Terrorismus-Experten': Wo ist die Grenze des ethisch und rechtlich Zulässigen? Präziser: Welcher rechtliche und moralische Maßstab wird angelegt ...es wird doch ein Maßstab angelegt, oder?

Nun, für mich ist diese Grenze oder Grauzone definitiv überschritten, wenn ein Rechtsstaat die Tötung ganzer Familien in Kauf nimmt, um den/die Schuldigen bzw. Verdächtigten zu vernichten. Auch Folter ist erstens illegitim und zweitens nutzlos. Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel - deshalb lässt sich in einem Rechtsstaat Terror nicht mit Terror bekämpfen ...auch nicht außerhalb der eigenen Landesgrenzen.

Andere Fragen der Abwägung von Rechtsgütern, z.B. ob es in jedem Falle eines Gerichtsverfahrens und -urteils bedarf, sind dagegen sehr viel schwieriger zu beantworten. Das Falscheste aber ist, notwendigen, längst überfälligen Debatten mittels einer Fülle von Nebelkerzen auszuweichen.

Liebe Regierende in Berlin, Misstrauen und unbestimmte Furcht entfalten weitaus schlimmere Wirkungen als unschöne, aber klar umrissene Fakten. Die anfänglich vage Ahnung, nicht nur von unserem wichtigsten Verbündeten, sondern von der eigenen Regierung ausmanövriert und hingehalten zu werden, verfestigt sich zusehends. 


Und das ist nicht leicht zu ertragen.


In der Frage schonungsloser Offenheit und Ehrlichkeit verweise ich auf das Vorbild des US-Senats in einem überaus wichtigen Fall: In ihrem Vorwort zu dem 2014 veröffentlichten Bericht über die Folterpraktiken der CIA (PDF-Quelle, 62 MB) stellte Dianne Feinstein, die Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des US-Senats fest:

Die Haftbedingungen und die Anwendung erlaubter und unerlaubter Verhör- und Konditionierungs-verfahren” waren „grausam, unmenschlich und entwürdigend”.
Der Bericht legt ebenfalls  ausführlich dar, wie die CIA unter Präsident George W. Bush ein weltweites System von Geheimgefängnissen aufbaute.
Natürlich kann man nun über die parteipolitischen Motive einer solchen Veröffentlichung sowie dieser Stellungnahme spekulieren. Dennoch, ein so unumwundenes Eingeständnis, welches Mrs Feinstein unzweifelhaft nicht nur Sympathien im eigenen Land einbrachte, verdient uneingeschränkten Respekt.




Dianne Feinstein, eine US-amerikanische Politikerin der Demokratischen Partei, vertritt die den Bundesstaat Kalifornien seit 1992 im US-Senat. 


Als Vorsitzende des Geheimdienstausschusses war sie zwischen 2009 und 2012 die treibende Kraft bei der Erstellung des vertraulichen Berichts über die von George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als „erweiterte Verhörtechniken“ genehmigten Foltermethoden der CIA und deren Überschreitungen, sowie einer auf 500 Seiten gekürzten, öffentlichen Version

Im Januar 2015 präsentierte die US-Senatorin einen Maßnahmenkatalog gegen CIA-Folter und erklärte, sie wolle "Folterschlupflöcher" im US-Recht schließen.

Fazit: Man sollte die Angehörigen keiner Nation pauschal einordnen, verunglimpfen oder gar verurteilen. Schon deshalb ist ein plump-reflexhafter Anti-Amerikanismus dumm und verfehlt.